Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 25 (22.6.1934)
- Date
- 1934-06-22
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Auflage 4250 Stück tednöeUatt DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU I 4t|D7|.fL AMTLICHES NACHRICHTENBLATT LI«ir^lV7 DER GEMEINDEVERWALTUNG« Schrlftleltungi Oemeinderabbiner OusUv Cohn Leipzig NUlllltlBI' 25 ■ JOllfOSIIQ 10 Anzeigenannahme: E. Goldfreund, Watter Blümel-Str. 10. — Nachdruck nur mit Quellen- ____ * Leipzig O 5, CichoriusstraBe 2a, Fernsprecher Nr. 60771 angäbe und mit Oenebmlgung des Verfassers gestattet «■ IHHI lo<J4 Druck: Druckerei der Werkgemeinschaft, Leipzig C 1. „An Alle" Im Talmud (Girtin 7b) steht geschrieben: „Auch der Armt, der von der Wohltätigkeit ernährt wird, muH Wohltat üben." Was will dieser Satz besagen? Klarer als jede andere Stelle unseres Schrifttums spricht er von dem Wesen jüdischer Wohlfahrt. Wohltätigkeit ist wohl eine Sache des Empfindens und des guten Herzens. Aber sie ist mehr! Zunächst ist sie vom subjektiven Standpunkte aus Pflicht! Der Jude kann gerade/u von einem sittlichen Zwange zur Wohltätigkeit reden, und damit wird sie der Sphäre der bloßen Gefühle entrückt und wird zu einer sozialen Forderung! Vom jüdischen Standpunkte aus muß man die Pflicht zur Wohltätigkeit als ebenso selbstverständlich betrachten wie die Notwendigkeit, Steuern zu bezahlen, sie gehört zum Leben wie Essen und Trinken* und Schlafen. Das bedingt aber auch, daß sie allgemein gegebenes Gebot ist, dem man sich ebenso wenig entziehen darf wie den sittlichen Vorschriften des Staates und der Religion! Ebensowenig wie keiner sich dem Gebote der Ehrlichkeit widersetzen darf, kann er sich von der Wohltätigkeit ausschließen. Gutes muß j e d e r t u n! Und das will die zitierte Talmudstelle mit schlichten, aber klaren Worten sagen. Eine Zeit der Not, wie sie heute das deutsche Judentum durchlebt, zwingt dazu, den Forderungen der jüdischen Religion größeren Nachdruck zu verleihen und sie in ihrer alten Unbedingtheit zu betonen. Denn gerade gegen diesen Sinn unserer Lehre, daß Wohltun die Sache eine* jeden einzelnen ist, ob er reich oder arm ist, ob jung oder alt, ist sehr schwer verstoßen worden. Wie geht es bei den Wohlfahrtsarbeiten in jüdischen Gemeinden und Organisationen zu? Es gibt überall eine kleine Anzahl von bekannten Wohltätern, deren gutes Herz und deren offene Hand bekannt sind. An sie wendet man sich in jedem Falle, und jeder nimmt sie in Anspruch. Um das uns naheliegende Beispiel Leipzigs heranzuziehen, gibt es einen Kreis von drei bis vier Dutzend Männern und Frauen — vielleicht sind es noch nicht einmal so viele , die für alle Sammler in Wohlfahrtsfragen im hellsten I ichte der Öffentlichkeit stehen. Die große Masse der (iemeindemitglieder wird aber kaum aufgesucht und in Anspruch genommen. Gewiß ist diese Art sehr bequem und einfach. Wenn ein Wohlfahrtsinstitut von einem Manne hundert Mark erhält, macht das nicht so viel Arbeit, wie das Herangehen an zweihundert Personen, von denen jeder nur eine halbe Mark gibt. Und so läßt sich in unserer Zeit, die rasch und nervös alles möglichst mit einein Schlage lösen möchte Erwerbt die Beitragskarte für Hilfe und Aufbau! Der Zentralausschuß der deutschen Juden für Hilfe und Aufhau und in seinem Auftrage die Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden führen in diesen Tagen die Beitragskarte für Hilfe und Aufbau in den jüdischen Gemeinden ein. und die für liebevolle und mühselige Kleinarbeit nicht den Sinn hat solche Taktik wohl verstehen. Aber zu billigen und zu rechtfertigen ist sie nicht. Denn jüdische Wohltätigkeit will auf der breiten Basis der Gesamtheit sich aufbauen, und wir haben überdies gar kein Recht, aus Bequemlichkeit oder aus Mangel an einer geeigneten Organisation auf die Beträge, die von der breiten Masse unserer Brüder und Schwestern stammen, zu verzichten. Wenn heute auf diesen Übelstand hingewiesen und auf Abhilfe gesonnen wird, so handelt es sich freilich keineswegs um einen Ausgleich der Lasten. Den bisherigen Trägern des Wohlfahrtswesens kann und wird nichts von ihren Aufgaben abgenommen werden. Aber in der Zeit der Not sind die Anforderungen gewaltig gestiegen, die allgemeinen wirtschaftlichen Schwierigkeiten wirken sich in der jüdischen Minderheit ganz besonders schwer aus. Woher für alle neuen Aufgaben die Mittel hernehmen? Es geht nur, wenn wohl alle bisherigen Freunde der Sache ihr Wohlwollen bewahren, ihr Förderung gewähren und in idealer Treue die alten bleiben, wenn aber auch der Kreis ganz bedeutend erweitert wird. Alle alten Rücksichten müssen fallen! Und für das Werk der Wohlfahrt müssen bis zum letzten Manne und zur letzten Frau alle Glieder der Oemeinde herangezogen werden. Gewiß hängt die Durchführung dieser jüdischen Forderung in heutiger Zeit zumal in der Großstadt sehr von der Organisation ab. Es ist ein glücklicher Gedanke der Zentralwohlfahrtsstelle gewesen, die Beitragskarte für Hilfe und Aufbau einzuführen. Durch kleine monatliche Beiträge, die durch eüie aus freiwilligen Kräften gebildete Helfersellar eingezogen werden, wird jedermann zum Mitarbeiter am großen Werke gemacht, jeder wird dadurch auch enger an die Gemeinde gebunden, in jedem wird neuer Gemeinsinn und kräftiger Gcmcinschaftswille lebendig. Und das ist das letzte und größte! Gcnicinschaftswillc! Wie erweckt man ihn? Nicht durch tönendes Wort, sondern durch opferwillige Tat, durch soziale Tat! Im seelischen Einklang mit der Gesinnung der Religion ruft die Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden dazu auf, und in den im Anschluß au diese Worte gedruckten Aufrufen weist sie den praktischen Weg. Ihn wollen wir gehen! üemeinschafts w i 11 e kommt rein und erfolg verheißend nur in der Gemeinschafts t a t zum Ausdruck! „Selbst der Arme, der von der Wohltätigkeit ernährt wird, muß Wohltat üben!" Rabbiner Dr. Felix Goldtnann Ziel der Beitragskarte ist, daß jedes Mitglied der jüdischen Gemeinschaft üi Deutschland mithelfend und mittragend an der Arbeit der jüdischen Wohlfahrtspflege und an den andern Werken von Hilfe und Aufbau teilnimmt. Die monatlichen Beiträge sind so bemessen, daB keiner von der gemeinsamen Arbeit ausgeschlossen ist.