Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 24 (15.6.1934)
- Date
- 1934-06-15
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Scrte 2_GEMEINÜEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIOIONSOEMEINDE ZU LEIPZIO 15. Juni 1934 Erhaltung ihres Hauses Bausteine verkaufen, die so billig sind, ab. Man bedenke, daß eine schwere Gegenwart nur um einer besdali niemand sich auszuschließen braucht. Wenn in der kommenseren Zukunft willen zu ertragen ist und daß die 2000 jungen Juden, den Woche ein junger Mensch für sein Jüdisches Jugendheim an die um Hilfe bitten, zu den Trägern dieser Zukunft des Judentums die Tür klopft und eine Spende erbittet, dann weise man ihn nicht gehören. Das Jugendheim ist der Lebensnerv der Jüdischen Jugend! Das Jugendheim ist in schwerster Gefahr! Das Jugendheim kann gerettet werden, wenn alle helfen. Historische Urkunde aus Abrahams Heimat? Vor einigen Jahren wurden äußerst interessante Entdeckungen bei der Ausgrabung von Abrahams Heimatstadt Ur gemacht. Die gelehrten Forscher knüpften an das zutage getretene Urkundenmaterial die Hoffnung, auch Dokumente gefunden zu haben, die sich auf Abraham oder seine Familie beziehen. Bisher sind solche Erfolge der Untersuchung nicht bekannt geworden. Nun aber lesen wir im Isr. Fam.-Bl. Hbg. von einer Entdeckung, die sich auf Abrahams Vater Terach beziehen soll. Es heißt in diesem Bericht: „Aufregend faßt uns die Kunde an, die uns vom archäologischen Institut in Syrien zugeht. Bei den Ausgrabungen in Rhas- Sh a iura, im Staate der Alaniten, hat man ein Gedicht gefunden, das von der Ankunft der Hebräer zur Zeit Abrahams in Palästina berichtet. Dieses Gedicht erregt die Aufmerksamkeit der Historiker und Bibelforscher in der ganzen Welt. Für uns Juden aber als direkte Nachfahren unseres Stammvaters Abraham, hat es eine an unser ganzes Sein verknüpfte Bedeutung. Mit einem ehrfürchtigen Schauer, mit Ergriffenheil fragen wir nach den näheren Umständen dieses historischen Fundes, der uns die biblische Oberlieferung in das Reich der historischen üreifbarkeit rückt. W ie wurde diese unersetzliche Urkunde gefunden? Und wie lautet ihr Inhalt? — Nachgrabungen bei Rhas-Shamra, unter einer Trümmerstätte, in der man die ehemalige, an der Nordgrenzc Palästinas gelegene Stadt Ugarit erkannte, förderten eine große Anzahl Kultgegenstände phönizischen und ägyptischen Ursprungs zutage. Darunter befand sich auch eine ganze, aus Tafeln bestehende Bibliothek einer phönizischen Schreiberschule. — Die wichtigste Entdeckung unter diesen Funden ist nun dieses Gedicht, das von der Ankunft der Hebräer in Palästina berichtet und erzählt, daß die Hebräer von Ur gekommen seien, wie es die heilige Schrift überliefert, daß Ur-Kasdim die Heimat Abrahams sei. — Das (iedicht hat zum weiteren Inhalt die Erzählung von einein Kampf zwischen Keret, dem König der Sidonier, und Terach, dem Führer der Einwanderer. (In den Büchern Mose stellt von Terach als dem Vater Abrahams geschrieben!) Die Schlacht fand statt in der Gegend von Negreb, im Süden Palästinas und endigte — nach dem Bericht des aufgefundenen Gedichts —, mit dem Sieg Terachs und seiner Leute und deren Verbündeten, zu denen auch ein Volk gehörte, das Lebulun genannt wird. In dem Gedicht wird ferner Terach — wie es der antiken mythologischen Verherrlichung nahe lag — als ein Gott dargestellt, dessen Frauen Silin und Nikar hießen, Namen, die in der chaldäischen Mythologie die Namen von Mondgottheiten sind. Die archäologische Forschung sieht nun, trotz seines zum Teil legendären Inhalts, in diesem Gedieht — was auch für unsere jüdische Stammesforschung ein außerordentlicher Hinweis ist, — den unwiderlegbaren Beweis dafür, daß das Hehräervolk chaldäischen Ursprungs ist. In den Kreisen der Wissenschaft wird nicht mehr daran gezweifelt, daß die Urkunde des aufgefundenen Gedichtes von Keret und Terach eine Bestätigung sei für den Bericht der Bibel im 1. Buch Mose XI, 31, daß Terach mit seiner Familie aus Ur-Kasdim nach Haran ubersiedelte, „ins Land Kanaan zu gehen". Jüdische Zeitschau. Aufklärung einet Mordes. Die Tageszeitung der deutschen Arbeitsfront „Der Deutsche" hat vor einiger Zeit unter der Überschrift „Ritualmord?" aus Regensburg gemeldet, daß der Sohn eines Straßenwärters in einem Kleeacker sterbend anfgefunden wurde. Die Aufklärung des Falles wird jetzt in der Passauer „Donau-Zeitung" veröffentlicht. Danach hat es sich herausgestellt, daß die beiden älteren Brüder des Knaben diesen im Spiel so unglücklich an der Kehle faßten, daß er infolge der Aufregung und des Würgens starb. Der uuter dem Verdacht des Mordes verhaftete Hausierer J. Zache aus Tiefendobel wurde daher freigelassen. Reichssportfest des Sportbundes des Reichsbnndes jüdischer Frontsoldaten. Wie die Leitung des Sportbundes im Reichsbund jüdischer Frontsoldaten mitteilt, sind am 10. Juni sämtliche 126 Vereine des Sportbundes anläßlich seines einjährigen Bestehens zu Sportveranstaltungen angetreten. Über 13000 aktive Sportler zeigten vor den überall in großer Zahl erschienenen Ocmeindemitgliedern ihre Leistungen. An den Veranstaltungen fast aller Vereine nahmen auch auswärtige Mit- §lieder des Sportbundes teil. Es dürfte das erste Mal gewesen sein, aß ein jüdischer Sportverband an einem Tage in seinen sämtlichen Vereinen eine derartige Veranstaltung durchführte. Das im ganzen Reich abgehaltene Sportfest wird als ein Markstein in der Geschichte des RjF-Sportes betrachtet. Feier der Zionistischen Vereinigung für Deutschland tu Ehren Kurt Blumenfelds. Die Zionistische Vereinigung für Deutschland veranstaltete am 3 Juni gemeinsam mit der Berliner Zionistischen Vereinigung eine Feier anläßlich des 50. Qeburtstages Kurt Blumenfelds, zu der Vertreter aller in der Z. V. f. D. vereinigten Gruppen erschienen waren. Auch Prof. Dr. Utto Warburg nahm an der Veranstaltung teil und wurde unter dem stürmischen Beifall der Versammelten vom Vorsitzenden Dr. Franz Meyer als der „Initiator des praktischen Zionismus" begrüßt. Der Abend wurde mit einem durch das Neue Streich-Quartet ausgeführten Ernest Bloch - Konzert eingeleitet. Sodann würdigte Dr. Franz Meyer das Wirken Blumenfelds im deutschen Zionismus, der erst durch ihn seine besondere Prägung erfahren habe. Dadurch sei es dem deutschen Zionismus, auf den sich auch Weizmann und Sokolow gestützt hätten, möglich geworden, in der allgemeinen zionistischen Entwicklung eine entscheidende Rolle zu spielen. In Anknüpfung an einen Ausspruch Max Webers hob der Redner es als besonders charakteristisch für Blumenfeld hervor, daß er Leidenschaft mit Augenmaß verbinde. Dr. Enzo Sereni verglich die geistige Haltung Blumenfelds, den er im Namen der Histadruth und der chaluzischen Jugend begrüßte, mit derjenigen der Menschen der zweiten Alijah. Wie jene fasse auch Blumenfeld den Nationalismus nicht formal, sondern als ethische Kraft auf. Ihm sei es gelungen, Propaganda und Erziehung zu einer Synthese zusammenzufassen. Dr. Hans Friedenthal dankte Blumenfeld als Vertreter der jüdischen Kriegsgenerationen für das, was er als Erzieher einer neuen zionistischen Jugend geleistet hat. Tiefbewegt dankte Blumenfeld für die ihm zuteil gewordene Ehrung. In Erinnerungen aus der Geschichte der zionistischen Bewegung in Deutschland betonte Blumenfeld, daß der Zionismus seine Starke im Kampf gegen die Welt, aus der seine Träger kamen, gewonnen hat. In der Erkenntnis, daß es immer nur ein starker Rest des Volkes gewesen ist, aus dem dieses nach seinen Niederlagen im Lauf der Oeschichte neu erstand, hat die von Blumenfeld vertretene Richtung im Zionismus im Oegensatz zu anderen Auffassungen, insbesondere denjenigen der „politischen Zionisten", stets jedes Kompromiß mit dem damaligen offiziellen Judentum abgelehnt. Der Forderung der Erhaltung des Bestehenden habe sie die nach Erneuerung entgegensetzt. Blumenfeld schilderte die Schwierigkeiten im Kampf gegen die Qegner außerhalb und innerhalb des zionistischen Kreises, sprach aber auch von dem Olücksgefühl, daß die Arbeit im Dienste des Zionismus verleiht Er schloß mit dem Bekenntnis, daß die geistige Untermauerung der Bewegung bei all ihrer Bedeutung immer nur ein Nebenbei sein könne. Die tragende Kraft bleibe der einem großen Qlauben entspringende Wille. Am Schlüsse konnte Dr. Meyer mitteilen, daß die Sammlungen zur Pflanzung eines Blumenfeld-Hains von 1000 Bäumen in Palästina abgeschlossen sind. Unsere Gemeinde. Zuschriften an die Schriftleitung des Gemeindeblattes. Samtliche Zuschriften an die Schriftleitung des Gemeindeblattes sind in der Zeit bis zum 13. Juli an die Israelitische Religionsgemeinde, Walter-BIUmel-Straße 10, zu richten. Staatszionistische Organisation. Auf der von der Staatszionistischen Organisation am 29. Mai im Kristallpalast veranstalteten öffentlichen Versammlung, die von über 600 Personen besucht war, sprach der weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannte jüdische Politiker und Präsident der Staatszionistischen Organisation in Deutschland, Herr Direktor Kareski, Berlin, über das Thema „Judenstaat — die einzige Lösung der Judenfrage". Der lebhaft begrüßte Referent ging in seinen Ausführungen von der Situation der deutschen Juden aus, deren Lage auch deshalb so prekär sei, weil Männer der vergangenen liberalistischcn Epoche noch die Führung des deutschen Judentums innehätten und dieses, trotz des im Jahre 1033 festzustellenden anfänglichen Erwachens, in die alte Lethargie verfallen lassen. Der Referent legte u. a. besonderen Wert auf die Feststellung, daß die im Rahmen des deutschen Wiederaufbaues getroffenen Maßnahmen, die zunächst von antijüdischen Erwägungen frei seien, sich faktisch oft gegen die Juden wenden; so bedeute z. B. der erfolgversprechende Versuch einer auf Rentabilitätsgrundsätzen beruhenden Neugestaltung der deutschen Landwirtschaft für die Juden zugleich eine Ausschaltung aus den mit diesem Wirtschaftszweig verbundenen Berufen. Eine Umschichtung werde erst in einigen Jahren Erfolge zeitigen k innen, da eine kurze Ausbildungszeit von vornherein jede Bewährung innerhalb des deutschen Wirtschaftsraumes ausschließe. Auch werde dies nur möglich sein, wenn zunächst ein Teil der deutschen Juden außerhalb Deutschlands seine Zukunft baue. Da alle Länder hierfür versperrt seien, und auch ein Verschleppen des Judcnproblems von einem Land ins andere nicht erwünscht sei, hätte man den deutschen Juden Palästina, das Land der Juden, als einziges Stück Erde für die Seßhaftmachung nennen können, wären wir nicht Jahre hindurch um diese „nationale Heimstätte" betrogen worden. Wir