Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 23 (8.6.1934)
- Date
- 1934-06-08
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 QEM CIN DE BLATT DER ISRAELITISCHEN RELlülONSüLMElNUE ZU LEIPZIG S. Juni 1934 dungsarbeil leisten (Autobibliotheken, Vorträge usw.). Der /weite beabsichtigt iiiständige Beratung von Lehrern und Erwachsenenbildnern durch Herausgabe von Lehrmitteln, Informationen usw. und wird in enger Zusammenarbeit mit dem BildungsausschuB der Reichsvertretung der deutsehen Juden arbeiten. \\ eiterhin werden für die Führer der J u g e n d verbin d c S c h u - lungslager eingerichtet. Hier hat die Mitwirkung der Bünde fruchtbar zu werden. Lin vierter Arbeitskreis wird in der Nähe Berlins und Frankfurts je ein Schulungslager für Umgeschichtete installieren, in denen, nach Vollendeter Lehre, die Umgeschichteten zwei Monate intensive jüdische Bildung erfahren sollen. Schließlich beschäftigt sich ein Arbeitskreis mit der Auswertung der „m u s i s e Ii e n" Bildungsgüter für die Erwachsenenbildung in der Weise, wie sie etwa während der Tagung durch gemeinschaftliches Musizieren von Laien deutlieh wurde. Inzwischen hat die Arbeit bereits praktisch begonnen: in Bad Kreuznach fand in der Pfingstwoche eine außerordentlich stark besuchte „Lernzeit" jüdischer Lehrer und Jugendführer statt, in der von bewährten Kennern der Materie Über die Fragen der bildungsmäBigen Auswertung der Bibel, der hebräischen Sprache, der jüdischen Geschichte Arbeitsgemeinschaften abgehalten wurden. Das bedeutet einen Ansatz zur Lösung der primären Aufgabe der jüdischen Erwachsenenbildung: Bildner zu finden und den Stoff richtig zu werten und darzubieten. Die Herrlingcr Tagung hat gerade darüber den Teilnehmern wesentliches vermittelt. Die Erkenntnis von der Bedeutung des jüdischen B i I d u n g s g u t e s ist selbst denen nicht unklar geblieben, die aus dem Primat humanistischer Tradition den geistigen Weg der jüdischen Erwachsenen ebnen wollen. Es verstellt sich, dal! für die Kreise, die ihren Lebensweg a u Ii e r Ii a 1 b Deutschlands sehen, das Vorwiegen der Vermittlung jüdischer Werte bis zur Ausschließlichkeit gefordert wurde. Dali denen aber, die das J u d e n t u m und die jüdischen Mcnsc h e n in Deutschland erhalten sehen wollen, auch der geistige Anspruch nach außerjüdischem Bildungsgut, die wahrhaftige Notwendigkeit ihres Lebens im deutschen geistigen Umraum erhalten bleiben muß, wurde nicht weniger anerkannt. Solche Verständuismöglichkeit aber, so will es scheinen, ist schon ein gesegnetes Ergebnis wahrer Bildungsarbeit 900 Jahre Wormser Synagoge. Die von der Israelitischen Religionsgcmeinde Worms anläßlich des 900jährigen Bestehens ihrer Synagoge am 3. Juni im Kreise ihrer (lemeindemitglieder abgehaltene Weihestunde nahm unter Teilnahme des Vorsitzenden der Reichsvertretung der deutschen Juden Rabbiner Dr. Leo Baeck sowie zahlreicher Vertreter jüdischer Gemeindeverbände und Oemeinden einen erhebenden Verlauf. Vorstand und Rabbinat der Qemeinde hatten sich im vollen Bewußtsein dessen, daß der Ernst der Zeit im allgemeinen nicht dazu angetan ist, Feste zu veranstalten, dennoch zur Abhaltung dieser Feier entschlossen, in der Erkenntnis, daß nicht nur die Gemeinde \\ onus, sondern das gesamte deutsche Judentum in diesen Tagen mehr denn je das Bedürfnis empfindet, in ehrfürchtigem Rückblick auf die jahrhundertelange jüdische Geschichte in Deutschland der vergangenen Geschlechter würdig zu gedenken. l'nter denjenigen, die zur Teilnahme an der Feier nach Worms gekommen waren, befanden sich neben dem Vorsitzenden der Keichsvertretung der stellvertretende Vorsitzende des Verbandes bayerischer israelitischer Gemeinden Rabbiner Dr. Frcudcnthal-Nürnberg, der Vorsitzende des Oberrats der Israeliten Badens Prof. Nathan Stein-Karlsruhe, der Vorsitzende des hessischen Landesverbandes Kommerzienral B. A. Mayer-Mainz und eine Reihe von Vorsitzenden und Vorstandsmitgliedern jüdischer Gemeinden, sowie zahlreiche auswärtige Rabbiner. Begrüßungen und Glückwunschschreiben waren u. a. von der Reichsvertretung der deutschen Juden, dem Oberrat der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs, dem Vorstand der Qemeinde Frankfurt a. M., dem Israelitischen Tempelverband Hamburg und vielen anderen Synagogengemeinden, vom Direktorat der Israelitischen Lelirerbildungs-Anstalt Wür/burg und muh Dozentenkollegium und Kuratorium des Breslauer jüdischthcologischcn Seminars eingelaufen. Null einer musikalischen Einleitung hielt (ietneinderabbiner Dr. Holzer die Festrede, in der er die alle Lebensbezirke erfassende religiöse I riullthcit der Wormser Judenschaft vergangener Jahrhunderte hervorhob, eine religiöse Durchdringung, die ihnen die Kraft zu heroischem Martyrium verlieh und aus ihrer Mitte Männer hervorgehen ließ, die als „Chasside tachkenas", als „Oedole Rhenus" leuchtende Vorbilder der jüdischen Welt wurden. Der Redner schilderte die Bedeutung der Wormser Synagoge als Pflegestitte jüdischer Wissenschaft, die schon um die Mitte des II. Jahrhunderts Schüler aus weiter l erne, unter Ihnen den größten jüdischen Gelehrten iU> Mittelalters im deutsch-romanischen Kulturkreis, Raschi, anzog, und wies schließlich auf die im alten jüdischen Worms bewährte Kunst der Lebensgestaltung hin, wie sie in den „Takanot Schum", den im Verein mit den Oemeinden Speyer und Mainz zu verschiedenen Zeiten vereinbarten und erlassenen, spater von fast allen Gemeinden Mittel- und Osteuropas angenommenen Verordnung' n, sowie in der auch in schwerer Zeit nicht unterbrochenen Pflege des religiösen und weltlichen Volkslieds zum Ausdruck kam, die die Anerkennung fürstlicher Persönlichkeiten fand und zum Entstehen ihr einzigen jüdischen Liedersammlung aus mittelhochdeutscher Zeit führte. Rabbiner Dr. Baeck, der Vorsitzende der Reichsvertretung der deutschen Juden, sprach in seiner gedankeiiticfcn Weise von der sinnbildhaften Bedeutung der Feier: sie spreche vom Adel der deutschen Juden, der Noblesse, die auch heute aufrechterhalten werden müsse; vom Geist der Gemeinschaft und der Einordnung in sie; vom Bewußtsein des Bundes von Geist und Boden. Es folgten Ansprachen von Vertretern der jüdischen Gemeindenverbinde, in denen die Bedeutung der Feier gewürdigt wurde und der Wunsch zum Ausdruck kam, daß der alten Gemeinde Worms neue Blüte beschert sein möge. Im Namen des Landesverbands der Israelitischen Religionsgcmcinden Hessens und der Jüdischen Gemeinde Mainz, der Schwestergemeinde von Worms, überbrachte der Vorsitzende des hessischen Überrats und erste Vorsteher der Mainzer Gemeinde Kommerzienrat B.A.Mayer Glückwünsche zum 'Hill jährigen Jubiläum der Synagoge. Er wies auf die enge Verbundenheit der Gemeinden Mainz und Worms im Laufe der Geschichte hin und betonte, daß diese Verbundenheit auch heute im hessischen Landesverband, innerhalb dessen die beiden Gemeinden an der Erhaltung des hessischen Judentums arbeiten, unvermindert fortbestehe. Der Vorsitzende des hessischen Landesverbandes überreichte der Gemeinde Worms eine Ehrenurkunde und dem Vorstandsmitglied der Wormser Gemeinde Sanitätsrat Dr. Nickelsburg, der gleichzeitig das 25 jährige Jubiläum seiner Tätigkeit für die Gemeinde feierte, ein Ehrcndiplom. Für den bayerischen Landesverband sprach Rabbiner Dr rreudenthal-Nürnberg, im Namen des Oberrats der Israelitischen Gemeinden Badens dessen Vorsitzender Prof. Dr. Nathan Stein, der auf die besonderen Beziehungen der badischen Gemeinden, von denen die früher zum Bistum Speyer gehörigen von 1040 bis 174(1 in religiösen Angelegenheiten der Entscheidung des Wormser Rabbiners unterstanden, zur Gemeinde Worms hinwies. Namens der Israelitischen Religionsgcmeinde Worms richtete der Vorsitzende des Vorstandes Sanitätsrat Dr. Nickelsburg Worte des Dankes an die Redner und auswärtigen Gäste. Bei diesem Danke spreche er nicht nur im Namen der gegenwärtigen Gemeinde, sondern lenke den Blick auch auf die vergangenen Geschlechter zurück, denen die Erhaltung des Gotteshauses zu verdanken ist und deren Erbe der heutige (iemeiiidevorstand zu verwalten hat. Dieser Dank werde am besten ausgedrückt durch das Gelöbnis, es den Altvordern gleichtun zu wollen in der Treue zum Glauben, zum Judentum und zu diesem Gottcshausc. Rabbiner Dr. Holzer sprach Schlußgehet und Segen, in den er die Stadt Worms und das deutsche Vaterland mit einschloß. Chorgesang und Orgelspiel verknüpften die einzelnen Abschnitte des Festaktes und schlössen die Feier ab, die mit Rücksicht auf den außerordentlich starken Andrang durch Lautsprecher auch in die Levy'sche Synagoge ubertragen war. Selbstdisziplin! In der C.V.-Zeitung (Nr. 22 v. 31. Mai) nimmt der Vorsitzende des Landesverbandes Qroß-Berlin des Centraivereins, Dr. Bruno Glaserteld, das Wort zu der Frage der äußeren Haltung der Juden, die nicht nur durch die Äußerungen Außenstehender erneut die Aufmerksamkeit wachgerufen hat; vielmehr haben auch schon früher tiefer - blickende Juden immer wieder die dem Wesen der jüdischen Lehre entsprechende bescheidene Zurückhaltung aufs nachdrücklichste gefordert und erheben ihre warnende Stimme gerade in unserer tiegenwart mit besonderem Nachdruck. Dr. G. macht zu der Frage u. a. folgende Ausführungen: „Gerade wir Juden haben im Laufe unserer Geschichte immer wieder bewiesen, in welchem Maße Lcbenszähigkeit die Schwierigkeiten des Tages überwinden kann, und welche Haltung dem Einzelnen das Bewußtsein des Eigenwertes verleiht. Auch heutzutage macht gebieterisch die reale Tatsache, daß in den einstmals wirtschaftlich gesicherten Teilen der jüdischen Bevölkerung die Frage der weiteren Existenzgcstaitung nicht mehr zu übersehen ist, Lebcnsübermut und Überheblichkeit unmöglich. Das trifft auch auf den zu, der in seiner eigenen beruflichen Tätigkeit nicht vor neue