Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 23 (8.6.1934)
- Date
- 1934-06-08
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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4<m Auflage 4500 Stück (Bemeuiö etoatt DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU I JPID7I/ZL AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT LL I VMm I ^7 DER GEMEINDEVERWALTUNG» Schriftleitung i Qemeinderabbiner OustavCohn Leipzig Walter Bliimrl-Str. 10. — Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit Genehmigung des Verfassers gestattet Nummer 23 ■ lahrgang 10 8. Juni 1934 Anzeigenannahme: E. Ooldfreund, Leipzig 0 5, Cichoriusstraße 2a, Fernsprecher Nr. 60771 Druck: Druckerei der Werkgemeinschaft, Leipzig C 1. Herrlingen Krisis als Chance*) Von Dr. Hermann Gundersheimer. Der Frage der jüdischen Erwachsenenbildung in Deutschland kommt die zentrale Bedeutung und ihrer Lösung die schwere Verantwortung zu, ob die von den Geschehnissen unserer Tage aus ihrer geistigen und wirtschaftlichen Entwicklung geschleuderten Juden EU neuer geistigen und politischen Situation verkümmern werden. Wenn Bildung in dem ernsten Sinne verstanden wird, den Martin Bit her dem Worte verlieh, als er in seinem, die Herr« hager Tagung einleitenden Referat die Möglichkeiten einer Erwachsenenbildung überhaupt aufrollte, wenn unter Bildung nämlich nicht Vermittlung von Kenntnissen, Vergrößerung des Wissensstandes gemeint ist, sondern wenn darunter Einwirkung von Mensch zu Mensch, vom Lehrenden zum Lernenden, Umgestaltung und U infur in u n g begriffen wird, so liegt in der Erwachsenenbildung der deutschen Juden unserer Zeit die pädagogische und geschichtliche Verpflichtung der wirkenden Generationen gegenüber den zukünftigen. Freilich steht die A u s g a n g s f r a g e aller Erwachsenenbildung auch vor all den Versuchen, die mit den jüdischen Erwachsenen in Deutschland im Sinne bildnerischer Einwirkung unternommen werden; die Frage nämlich, ob der erwachsene Mensch überhaupt noch u in b i I d ti n g s f ä h i g sei, ob seine Haltung nicht zu spröde, seine Festigung nicht zu starr sei, als daß er noch Formung e r leiden könne. Ob es nicht gerade wesenhaft für das Erwachsensein sei, den Einwirkungen von außen gegenüber unzugänglich zu sein! So berechtigt Skepsis in normalen Zeiten gegenüber Erwachsenenbildung in diesem ernsten Sinne sein mag, in Zeiten der K r i s i s verändert sich die Situation; in Zeiten der Krisis, des Umbruchs, wird der Mensch, der eben noch unbildsam erschien, aufgerüttelt aus seiner vermeintlichen Sicherheit, er wird im Innersten ergriffen, das „Gefestigte", Beruhigte seiner Persönlichkeit lockert sich; die bildnerische Möglichkeit ist entstanden: Die Krisis ist die große Chance der Erwachsenenbildung. Erwachsensein - ein anderer Begriff, den es abzugrenzen gilt. Die Herrlinger Tagung hat sich geeinigt für die Überlegungen, die sie anstellte, vorzugsweise die Altersgruppen zu berücksichtigen, die der Schulbildung entwachsen, in der Lebensformung begriffen sind und durch die Ausgliederung aus ihren Arbeitsmöglichkeiten und ihren gesellschaftlichen Verbänden die eigentlichen Objekte der Krisis geworden sind. *) Zur Tagung der Mittelstelle für jüdische Erwachsenenbildung vom 10.-15. Mai 1934. Es sind zunächst die Altersschichten etwa zwischen 1$ und 30 Jahren, gerade die Stufen also, die zu einem Teil in den Jugendbünden den Ort ihres Lebensstils und die Richtung ihrer Lebenshaltung gefunden haben. Zu einem Teil! Der weitaus größere Teil der jugendlichen Erwachsenen steht nämlich a u Ii e r Ii a 1 b d e i Bünde und, was bedeutsamer ist, ist zurückgestoßen und ausgeschlossen von Gruppen, in denen er seit Jahren sich beheimatet fühlte. Die überaus schwierige psychologische und für den Bestand des deutschen Judentums beängstigend ressentimierende Lage dieser Mensehen ist als drängende Sorge auch von denen erkannt worden, deren national-jüdische Einstellung ihnen die Schwierigkeiten in der Auswahl des Bildungsgutes erleichtert. Das eben ist eines der markantesten und nachhaltigen Ergebnisse der Herrlinger Tagung es waren etwa 50 Personen, die die Mittelstelle im Einvernehmen mit der Reichsvertretung zu gemeinsamer Überlegung gebeten hatte , daß das. Gefühl für die Gemeinsamkeit unserer Situation nicht endete, wo das parteigebundene Interesse aulhört. Niemand verkannte, daß der Fortbestand des deutschen Judentums nicht nur eine deutschjüdische, sondern eine jüdische Schicksalsfrage ist. Wenn auch die Ansichten hier und dort zusammenstießen, wenn auch deutlich wurde, daß der Kreis dieser Menschen aus den verschiedensten Bezirken des geistigen und praktischen Lebens kam. stark und bindend war die Gewißheit der gegenseitigen Achtung und Hilfebereitschaf t( da es darum geht, das J u d e n t u m i n Palästina oder i n d e r Diaspora zu festigen. So konnte es gelingen, die Jugend bünde, deren eigene Bildungsarhcit als dringlich von niemandem verkannt wurde, zur Mitarbeit an den Aufgaben der jüdischen Erwachsenenbildung zu bewegen. Und was soll geschehen? Die Tagung hat weder Resolutionen noch Entschlüsse gefaßt oder fassen wollen. Sie trat zusammen, um in geineinsamer Überlegung die Situation der verschiedenen soziologischen Gruppen des deutschen Judentums es ist eine für das übrige Judentum nicht durchaus typische Gruppierung auszubreiten: sie wollte durch Aussprachen, auf Erfahrung gestützt, nach Möglichkeiten suchen, um nicht nur augenblickli c h e n Notlagen zu steuern (die Juden auf dem Lande sind vielfach in trostloser Isolierung von allen jüdischen Werten), sondern sie wollte die Richtungen andeuten, in denen auf w eitere Sicht hin Bildungsarbeit zu leisten ist. Dazu tauchte eine Reihe praktisch bedeutsamer Vor Schläge auf, deren Prüfung Arbeitskreisen übertragen wurde, die zugleich auch den Rahmen der Tätigkeit der Mittelstelle für jüdische Erwachsenenbildung (Sitz Frankfurt am Main) bezeichnen. Der erste Arbeitskreis wird mit Hilfe von Vertrauensleuten in den Klein- und K 1 e i n s t g e in e i n d e n dort Hilfe zur Bil-