Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 21 (25.5.1934)
- Date
- 1934-05-25
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 QEMEINDCBLATT DER ISRAELITISCHEN RELlülONSOEMEINUE ZU LEIPZIG 25. Mai 1934 seinen Kuppeln, die anderen Ufer wann von mehr oder minder nahen Bergen umrahmt, und mitten durch den See schlängelte sich ein weißes Band: der Jordan. Danach schlenderten wir noch bis i Uhr in den Straßen umher. Unten in Tiberias war es ganz warm, aber im Autobus, der uns hinauf nach Safed führte, wurde es plötzlich kühl, und im Safed war es recht kalt. In Safed, das wir uns noch ansahen, trafen wir die anderen, wie verbrachten einen schönen Abend mit gutem Abendbrot, vielem Singen und Tanzen. Wir schliefen dann in der Sehlde und morgens um 4 Uhr wurde geweckt, damit wir um 5 Uhr im Autobus nach Ilaifa fuhren. I »ort kamen wir au, hungrig, dreckig, verbrannt, aber glücklich und tranken sofort einen Kaffee turk. Das war unser wundervoller großer Ausflug ins Qallil Eljon. Jerusalem] den 3. 4. 34. . . . Am Sonnabend rief abends Dr. Treu an und lud mich zu einem Spaziergang auf der großen Mauer ein. Ich sagte natürlich mit Freuden /u und war 1 ,9 Uhr bei ihm. Außer uns kamen noch seine zwei Schwestern und schrecklich viel Leute, 2f>, mit. Wir gingen kurz vor u Uhr weg, gingen durch die Stadt nach dem Damaskustor, das gespenstig schön im Vollmondschein dalag. Denn das war ja der Trick der Sache, es war Vollmond. Wir klommen auf schmalen hohen St einstufen hinauf und hatten nun eine herrliche Aussicht auf die ganze Stadt mit den vielen Tünnen und Kirchen und Kuppeln. Die Omar-Moschee lag noch ziemlich entfernt. Wir gelangten aber im Laufe unserer Wanderung ganz nahe an sie heran. Wir ^iii^cn auf den alten, schmalen Wchrgängen im Gänsemarsch hintereinander, ich immer hinter Dr. Treu, der die Führung hatte, und alles, was man sah, die russische Kirche, die Erlöserkirche, den Davidsturm usw. erklärte. Wir gingen etwa zwei Stunden da oben im Mondenschein auf den uralten Mauern spazieren, dann bogen wir ins Kidrontal ab und gingen in großem Bogen /ur Klagemauer. Ich hätte beinahe geweint, als ich davorstand. Wie ungeheuer mächtig sind wir doch gewesen, aber, nicht wahr, wir wollen unsere ganzen Kräfte an den Aufbau unseres Landes setzen, um eine gesicherte Heimat zu haben. Wie hoch und gewaltig ist die Kotel maarawi (Klagemauer), aus welchen Riesenquadern ist sie gebaut! Vom vielen Anlehnen ist sie bis bis Mannshöhe ganz glatt geschliffen, auch ich lehnte meinen Kopf an sie, um eine richtige Berührung und Verbindung mit ihr und unserem Volke herzustellen. Gegen 1 21 Uhr kam ich zu Hause an. Auch der Nachhauseweg durch die leere Altstadt war märchenhaft. Wirklich, dieser Abend hat mir ungeheuer viel gegeben. Unsere Gemeinde. 60. Geburtstag von Frau Anna Neumann. Es ist schwer, Menschen, die aus tiefster Seele bescheiden sind, zu ehren, weil jedes laute Wort der Anerkennung ihrer Wesensart widerspricht. Aber es ist auch innerstes Herzensbedürfnis, einmal Gelegenheit zu finden, Dank und Verehrung zum Ausdruck zu bringen. Und beides empfinden die Leipziger jüdischen Krauen für Frau Anna Neumann, die nun seit Jahrzehuten führend in vielen jüdischen Frauenverb,inden tätig ist. Der 60. Geburtstag von I ran Anna Neumann war daher willkommener Anlall, diesen Empfindungen durch herzliche Mitfreude Ausdruck zu verleihen. Ihr kluger Sinn macht sie zu der allezeit begehrten Beraterin, ihr reiches Wissen in Bibel, Talmud und jüdischem Schrifttum zur berufenen Vermittlerin alten jüdischen Geistesgutes. Sie ist langjähriges, prominentes Vorstandsmitglied und Mitbegründeriii der Ortsgruppe Leipzig des Jüdischen Frauenbundes, gehiirte dem Vorstand des Mitteldeutschen Landesverbandes des JFH an, sie ist im Vorstand der Wizo, des Schwesternbundes der Leipzig-Loge, Distriktsvorsitzende im Schwesternbund. Sie hat im vergangenen Winter als einzige weibliche Dozentin in den Hildungskurscn der Gemeinde Vorträge gehalten. Sie ist in ihrer tiefen Durclidrungeiiheit mit jüdischem Wissen und jüdischem W ollen eine Verkörperung besten jüdischen Fraueiitums. Auch an dieser Stelle sei ihr für ihr jüdisches Wirken aufrichtig und herzlich gedankt und damit der Wunsch für ein auch weiterhin bis in ein hohes Alter gesegnetes jüdisches W irken verknüpft. Die Kleiderstelle des Schwesternbundes der Leipzig-Loge braucht auch in den Sommermonaten Zuwendungen. Iis wird daher herzlichst darum gebeten, jedes entbehrliche, gutcrhaltcne KleidungS- oder Wäschestück bei der Kleiderstelle zu melden. Ls werden besonders Frauenkleider, Herrensachen, Schuhe und Wäsche benötigt. Die Sachen werden bereitwilligst abgeholt. Telephonische Meldungen sind an die Fürsorgestelle der Israelitischen Religionsgemeinde, Tel. '215 82, zu richten. Das Jüdische Orchester erläßl im heutigen Inseratenteil einen dringenden Hilferuf an alle Leipziger Cellospielenden Gemeindemitglieder. daß sie sieh au der Arbeit beteiligen mögen! Verhallt dieser Ruf ungehort, so ist die gedeihliche Wcitcrarheit des sonst in erfreulichem Aufstieg begriffenen Orchesters ernstlich bedroht. Die technischen Anforderungen sind nicht so groll wie mancher vielleicht befürchtet, der bis jetzt sich ferngehalten hat. Wir richten daher auch an dieser Stelle die herzliche Bitte an alle Cellisten, dem Rufe unserer Anzeige zu folgen! Natürlich sind auch alle anderen „Streicher" weiterhin herzlich willkommen, besonders Bratscher und Bassisten. Von der Arbeit des Jüdischen Jugendbundes „Franz Rosen Rosenz.weig". Sonnabend, den 2. Juni, spricht der Reichsleiter des Verbandes der jüdischen Jugendvereine Deutschlands, Privatdozent Dr. Paul Eppstein, Berlin, in einer grollen öffentlichen Kundgebung über das Thema „Zwei jüdische Generationen" (siehe Inserat in der heutigen Nummer). Diese Kundgebung wird von dem hiesigen Jüdischen Jugendbund „Franz Rosenzweig" als dein angeschlossenen örtlichen Hund, gemeinsam mit der Leipzig-Loge und der Logen-Jugend, veranstaltet. Für den Bezirk Mitteldeutschland im Verband der jüdischen Jugendvereine schließt sich Sonntag, den 3. Juni, ein Führerschulungskiiisus an. Zu der öffentlichen Kundgebung ist die gesamte Gemeinde eingeladen, und es wird mit einem besonders starken Besuch gerechnet. Dr. Paul Eppstein, Geschäftsführer der Zentralstelle für jüdische Wirtschaftshilfe Herlin, verfügt über eine bedeutende Sachkenntnis und hat zweifellos Richtunggebendes zur Lage der Juden in Deutschland zu sagen. In Zusammenhang damit durfte ein in kurzen Strichen gehaltener Arbeitsbericht heute ein erhöhtes Interesse finden. I )er „F ranz-Rosenzwelg- B u n d" bekennt sich zu einer überparteilichen, gesamtjüdischen Haltung und kämpft für die innere Erneuerung der jüdischen Gemeinschaft. Er verpflichtet seine Mitglieder zu sozialer Verantwortlichkeit in ihrer gesamten Lebensführung. Die Durchführung dieser erzieherischen Aufgaben geschieht durch Aufteilung seiner Mitglieder in Kameradschaftsgruppen. Das Arbeitsgebiet teilt sich in wissensmäßige und erzieherische Aufgaben bei stärkster Erfassung des Einzelnen. Die Zusammenkünfte der einzelnen Gruppen dienen gleichzeitig zur Vorbereitung für den Heimabend, zu dem sich der gesamte Bund wöchentlich einfindet. Auf dem Heimabend werden sämtliche auftretenden Fragen, die die Mitglieder angehen, behandelt. Außerdem findet zurzeit ein systematisch durchgeführter Kursus statt, wo versucht wird, durch Vertiefung in die jüdische Geschichte das Verständnis für die heutige Zeit zu finden und das in den Gruppenabenden Vorbereitete weltanschaulich zu klären. Da der Bund eine Sammlung sämtlicher berufstätigen jüdischen Jugendlichen beiderlei Geschlechts im Alter von IS 10 Jahren anstrebt, spielen in der Erörterung die Fragen der Beriifsschichtung und der Einordnung in den gegenwärtigen Berufen selbstverständlich eine grolle Rolle. Darüber hinaus wird bei den Zusammenkünften die Frage des Benehmens in Familie, Bund und Öffentlichkeit von allen Seiten beleuchtet und beantwortet. So gilt die Bewährung im Alltag als besonders wichtiger Bestandteil der Katncradschaftscrzichung. Wöchentliche Fahrten der einzelnen Gruppen, gesondert und gemeinsam, dienen gleichfalls der kameradschaftlichen Annäherung neben der Ausspannung von den Strapazen der Woche. Das aktive Interesse au Erez Israel und dem Aufbau des Landes kommt dadurch zum Ausdruck, daß neben der auf dem Heimabend stattfindenden Erörterung dort auftauchender Probleme, für die Mitglieder wöchentlich zwei hebräische Sprachkurse stattfinden. Gleichfalls wird ein englischer Sprachkursus durchgeführt. Mit Ausnahme des Hochsommers finden wöchentlich Freitagabendfeiern statt, um die Notwendigkeit der religiösen Erneuerung wachzuhalten und den Ortsfremden eine Verbindung mit der Idee des Sabbaths zu vermitteln. - Vor einer Woche wurde nunmehr auch mit der sportlichen Betätigung begonnen, indem jeden Mittwoch auf dem Bar- Kochba-Platz gemeinsam trainiert wird. Mit diesen Ausführungen über die Arbeit des „Jüdischen Jugendbundes Franz Rosenzweig" und die Aufgaben, die der Führung des Bundes für die Zukunft seiner Mitglieder vorschweben, soll dargetan werden, einen wie wichtigen Bestandteil diese Organisation in unserer Gemeinde darstellt. Schon aus diesem Grunde sieht man der eingangserw ahnten grölleren Veranstaltung mit besonderem Interesse entgegen. Mitgliederversammlung des RiF-Leipzig am 15. Mai im Kuustlcrhaus. Die Ankündigung eines Vortrages des Herrn (ieiu.-Rabb. Dr. G o I d m a n n über das Ritualmordiiiärchen, aus bekannten Gründen sehr aktuell, hatte auch den letzten Kameraden mit seinen Angehörigen und Freunden mobil gemacht, und so waren sämtliche Räume des Küustlcrhauscs überfüllt. In den Neben räumen war für Übertragung durch Lautsprecher gesorgt. Eine ergreifende Gedächtnisfeier für den leider so früh heimgegangenen verdienten Kam. Stefan Brav manu, war der würdige Auftakt zu den folgenden Ausführungen des Referenten. Herr Dr. O. ging von Stracks bekannter Erklärung aus: Es gibt keine jüdische OehCUUlehre. In einem historischen Streifzug beleuchtete er die Rolle, die das Blut in der Religions- und Kulturgeschichte spielte. Er wies auf die strengen biblischen Verbote des Blutgenusses bei den Juden hin, auf den hierdurch begründeten Sinn des Schächtens, auf den durch diese Lntw ölinung entstandeneu Widerwillen des Juden gegen alles Blut. Er ging auf die Nachforschungen nach den Quellen der Entstehung des Ritualmordmärchens in den hihi, und rabbin. Schriften ein, unter denen besonders die Talmudstelle „Ketuboth 102b" eine Rolle spielt und ebenso eine Stelle im Sohar. Hierbei betonte der Redner, daß auch Bischoff, trotz der Wandlung in seinem Standpunkt, den Ritualmord als Lehre des Judentums ablehnt. — Der Redner verbreitete sich dann über die vom „Stürmer" angezogenen angeblich vorgekommenen Mordfälle und wies nach,