Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 21 (25.5.1934)
- Date
- 1934-05-25
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 (. i EM Ei N DE BLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSüEMEINDE ZU LLII'/Ki 25. Mai 1Q34 Umschichtung. Sic weiß, daß dieser w eg für sie oftmals härter ist wie für andere Menschen, weil eine lange Zeit rein geistiger Beschäftigung ihre Erbmasse verändert hat, und es so mancher Generation erst bedürfen wird, bis eine körperliche Erneuerung zu der seelischen getreten ist. Die Söhne der Hafenarbeiter aus Saloniki, die heut« In Haifa die Güter jüdischer Einwanderer ans Land bringen, haben es leichter, einen solchen Bend durchzuführen, als jüdische Jugend aus Deutschland, deren Vorfahren durch Generationen anderen Berufskreisen angehörten. Es wäre unrecht, wenn wir mit einem hundertprozentigen Erfolg für jeden einzelnen lugendlichen rechnen würden, der sieh heute körperlicher Arbeit zuwendet. Aber es wäre ebenso unrecht, wenn man aus dem Fehlschlage einzelner Versuche auf die Ungeeignetheil der jüdi- -.-In n lugend als solche schließen würde. So ist man In allen reiten Deutschlands am Werk, aus den Kreisen der jugendlichen heransicii ein neues Lehen aufzubauen. Man verläßt früher die Schule. ils man es sonst getan hatte, man erkennt deutlich, daß ler Besuch dei Hochschule im allgemeinen wenig Zukunftsmöglichkeiten mehr ZU bieten hat, wobei Übrigens deutlich gesagt werden soll, daß der, der wirklich das Zeug in sich spürt, Geistesarbcitei zu werden, diesen W eg gehen soll, und die Schwierigkeiten, die sich ihm entgegensetzen, zu überwinden suchen muH. wir wollen in diesem Zusammenhang nicht die Frage aufrollen, ob die Zukunft der jüdischen Jugend in stärkerem Maße in Deutschland wie In Palästina liegen wird. Eür die seelische Grundhaltung ist dies gewiß nicht belanglos, denn es ist erklärlich, daß der junge Mensch, der entschlossen ist. im Lande der Vater als Pionier zu arbeiten, einen ganz besonders grollen seelischen Schwung mitnimmt, und dalt für diese Aufgabe letzten I ndes nur die Besten zureichend sind. Im allgemeinen aber kann man trotz dieser Einschränkung deutlich feststellen, daß in allen Kreisen in jüdisch« Jugend der Wille zur Umschichtung vorhanden ist. Jetzt i-t es doppelt wichtig, dall die dafür zuständigen jüdischen Behörden alles tun, um der Jugend den W eg ins Leben zu erleichtern. Zwei Formen kommen für die Umschichtung in die neue I ebensarl unserer Jugend in Frage. Einmal ist es die Einzelausbildung Lei dafür geeigneten und dazu bereiten Meistern, dann aber vor allem die gemeinsame Ausbildung an besonderen Ausbildungsstättcn. I lie ei ste Form durfte in der Regel weniger kostspielig --ein. weil für sie besondere Wohnmöglichkeiten usw. nicht geschaffen werden brauchen. Die zweite Form aber ist vorzuziehen, und sie wird auch von der Jugend in der Regel bevorzugt. Auch die jüdische Jugend ist sich klar darüber, welche Kraft von der Gemeinschaft ausgeht. W er jemals die Freude hatte, mit jüdisch-jungen Menschen, die in einer solchen Qemeinschafts- Siedlung wohnten, zu sprechen, der merkt alsbald, wie rasch sich hier ihr Typ des jüdischen Jugendlichen abwandelt. War es oft Sache der Großstadtjugend, vor allem daran interessiert zu sein, bei jedem In Unis mit dabei zu sein, gewissermaßen Up to date, so entwickelt sieh hier in diesem Lager eine ganz andere Menschenart Alles Hastige und lahrige wirkt hier sinnlos. Wer den linden bearbeitet und dies als nachdenklicher Mensch tut, der weiß, dali jedes Ding seine Zeit hat. Und wenn mau noch dazu in einem kleinen Dörfchen weitab von einer Qroßstadl wohnt und arbeitet, dann wird alles, was für den Großstädter so wesentlich ist. bedeutungslos, und andere Werte treten in den Vordergrund. Eine junge Leipzigerin erlebt Palästina. Aus Briefen von Susanne L. Haifa, den 28. i. 14. Heute will ich nun meinen grollen Ausflug nach dem Oallil Lljon ganz ausführlich schildern. W ii waren Leutchen, 12 Madeis, 23 Jungen, da/u noch 3 Lehrer, Dr. Braver, Dr. Quttmann und Dr. Calvary. Am vorletzten Abend kam noch unser Klassenlehrer, Dr. Neiger, der vorher krank war. Wir trafen uns Montag mittag um 12 Uhr an der Schule, gingen gleich darauf im Eilmarsch zur Eisenbahnstation, von wo aus wir nach Akko fuhren. In Akko füllten wir unsere Wasserflaschen. Ach, das (iepack will ich noch beschreiben. Ich hatte einen grollen Rucksack, in dem eine Bluse, etwas Wäsche, Proviant fur einen Tag und das EHgeschirr waren. Bei dem grollen Gepäck, das gefahren wurde, waren zwei Decken, die übrige Wäsche, ein Kleid, ein Paar Schuhe, Regenmantel und Wasch- Wieviel hat man z. B. über die Möglichkeit geschrieben, für die städtische Jugend den Sabbath wieder zum Erlebnis zu machen! Für jüdische Jugend in einer landwirtschaftlichen Qemeinschaftssiediung wird der Sabbath zu einem Erlebnis besonderer Art. Selbstverständlich muH auch hier die notwendige Arbeit verliebtet, das Vieh besorgt weiden, aber am Freitag abend herrscht dort die Stimmung, die unsere Altvordcrcii erlullt hat. Das jüdische Mädchen dieses neuen Typs wird auch gänzlich anders wie das der vorigen Generation. Die Entartungserschei- Hungen, die das Qroßstadtleben naturgemäß häufig mit sich brachte, verschwinden, und so manche Studentin stopft heute den Kameraden die Strümpfe und besorgt das einfache Hauswesen. Auf der jüdischen Frau stellt die jüdische ZUkunft, und im Umgang mit diesen jungen Frauen erkennt man, dall sie auch das Problem Überwinden werden, das uns heute besonders am Herzen liegt: den Volkstod des Judentums durch den Geburtenrückgang. Denn die Flau, die ihren Sinn wieder auf das Wesentliche richtet, und für die der Vergnügung*- und Modebetrieb eine überwundene Angelegenheit darstellt, fur diese Frau ist es eine Selbstverständlichkeit, einmal wieder Kinder zu haben. Für sie bedeutet das Kind keine Störung ihres Gesellschaftslebens, für sie ist das Kind der letzte Zweck ihres eigenen Daseins, und mit groller Selbstverständlichkeit sprechen sie über diese I linge. Wenn heute schon aus Enz Israel ein starker Qeburtenzuwacha gemeldet wird, so hangt dies mit der Tatsache der völligen Umstellung der GeistigkeH unserer Jugend zusammen. Um eins sollen diese Zeilen werben, die naturgemäß auf Einzelheiten nicht so sehr eingehen können: das Verständnis der altereu Generation. Gewiß haben es die Eltern immer erträumt, ihre Kinder so lange wie möglich um ihren lisch versammelt zu haben, um ihnen dann spater, wenn es irgend geht, das Haus auch in derselben Stallt oder wenigstens unweit davon zu errichten Aber höchste Elternliebe ist es in dieser Zeit, ihren Kindern nicht den Weg in die Zukunft zu verbauen. In einer Zeit wie der unsrigen, die nun einmal von dem deutschen Judentum eine Umstellung auf die veränderte Lage verlangt, muH dies auch von den Eltern erkannt und unterstützt werden. Mancher seelischer Kampf könnte vermieden werden, wenn die Eltern diesen Begriff der Liebe ZU ihren Kindern zu dem ihrigen machten. Jeder Fall liegt im Grunde anders, aber die Jugend hat, wie schon angedeutet, häufiger das richtigere, weil zukunftstragende Empfinden. Es liegt ihr auch nichts mehr daran, in unbedingter Geborgenheit, ererbter Behäbigkeit wie selten wird das übrigens noch der Fall sein ihr Dasein zu verbringen. Sie will sich ihr Leben selbst zimmern, und man soll ihr dabei helfen. Gewiß, auch dies wird Opfer verlangen und den Einsatz der ganzen Persönlichkeit. Ein neues Land kann nicht ohne dies aufgebaut werden, und auch derjenige, der für seine Zukunft mit dem Verbleiben in Deutschland rechnet, wird den Gefahren unterliegen, die sein Beruf mit sieh bringt. Sie müssen in Kauf genommen werden und in ihrer Überwindung liegt ein Stück Bewähren. Wenn oftmals jüdische Menschen ein wenig müde in die Zeit schauen, so sollen sie sieh aufrichten an dieser Jugend, die ihren sicheren Weg gehen wird und die unser altes Erbe im Blut zu neuem Ansehen in der Welt führen und für seine Erhaltung sorgen wird. zeug. Außerdem hatte ich noch hei mir einige Kleinigkeiten, wie Taschenlampe und Verbandzeug. Wir gingen von Akko in Mittagshitze in b km-Tempo 10 Minuten, dann zehn Minuten Rast und so abwechselnd 4(1 Minuten Filmarsch und zehn Minuten Rast bis abends 5 Uhr. Da sahen wir schon das Araberdorf, in dessen Nähe wir lagern sollten. Das große (iepäck mit unseren Sachen und Zelten war schon angekommen, stellten nun die Zelte auf, säuberten sie innen und außen; dann multten wir uns erst einmal säubern, und zwar taten wir das mit einem grollen Gartcnschlauch, mit dein wir uns gegenseitig reinspritzten. Unterdessen war es dunkel geworden, wir aßen und bekamen haufenweise Besuch von Araberkindern, aber auch der Bürgermeister und der Lehrer kamen beide in europäischen Anzügen, uns zu besuchen und willkommen zu heißen. Nach dem Abendbrot wurden die Wachen verteilt. Die ganze Nacht hindurch je zwei Stunden bis früh um 5 Uhr. Unter den ersten beiden Wachen waren auch Mädels. Die letzte hatte Feuer zu