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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1934-05-04 · 18 (4.5.1934) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
10 (1934)
Issue
18 (4.5.1934)
Date
1934-05-04
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 ÜEMEiNDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIOIONSOEMEINDE ZU LEIPZIG 4. Mai 1934 nisse der deutschen Juden zur Folge. Ein großer Teil von ihnen verlor jede Lebenimöglichkei! in Deutschland, die Lebenshaltung der übrigen verschüchterte sich fast durchwegs. Es bestand keine Einrichtung, der Not abzuhelfen, die durch diese Umwälzung hervorgerufen wurde. Einzig die Religionsgemeinde blieb, an welche die in Bedrängnis geratenen Qemeindemitglieder sich wenden konnten. Zwar hatten die Religionsgemeinden Wohlfahrtseinrichtungen aller Art, die ehedem (irolies leisteten. Aber diese Einrichtungen waren durch die Geldentwertung wesentlich geschwächt, zum Teil ganz untergegangen. Unter ganz anderen Verhältnissen geschaffen, dienten sie ineist nur besonderen Zwecken. Gegenüber den Anforderungen, die infolge der veränderten Lage eintraten, konnten sie fast nichts tun. In allen Gemeinden entschlossen sich daher die Verwaltungen, Neues zu schaffen, um der wirtschaftlichen Not zu steuern und den beruflich Entwurzelten zu raten und zu helfen. Auch unsere Gemeinde errichtete eine neue Stelle, die auf allen Gebieten, die durch die Umwälzung berührt sind, Beistand leistet. Daher wurde diese Stelle nicht als Wirtschaftshilfe bezeichnet, sondern erhielt den umfassenderen Namen „Sozialamt". Allein für die Aufgaben, die der neuen Stelle zufielen, waren .Wittel nicht vorgesehen und konnten auch innerhalb des Haushaltplanes nicht bereitgestellt werden, weil dieser eine solche Belastung nicht mehr vertrug. Der Haushalt der Gemeinde war schon durch den allgemeinen Rückgang der Wirtschaft in den vergangenen Jah- Das Sozialamt der Gemeinde. Keiner von denen, die sich auf die Initiative des Herrn Gemeinderabbiner Gustav Cohn im Mai 19'3'J um die Errichtung dieses neuen Amtes verdient gemacht haben, konnte voraussehen, wie rasch sich sein Aufgabenkreis ausdehnen würde. Waren es zunächst überwiegend geldliche Bedürfnisse, die von ihm zu befriedigen waren, Bedurfnisse, die in der Hauptsache der Auswanderung oder der Erhaltung bestehender Existenzen galten, so traten sehr bald Aufgaben hinzu, die sich als so dringend erwiesen, daß sie an Bedeutung alle alliieren überragten. Sie hingen damit zusammen, dali durch die (iesetzgebung des Jahres Wii Arbeitsplätze verlorengingen, ohne dali gleichartige wieder zu erlangen waren und dal! für die heranwachsende Jugend die Wege nicht mehr gangbar waren, die sie bisher einzuschlagen pflegte, wenn sie sich ihren Beruf wihtte. Alle davon Betroffenen kamen zur Gemeinde und das Sozialamt mufite daher zunächst eine planmäßig ' Berufsberatung durchfuhren, wenn es ihnen helfen wollte. Man konnte es dabei aber nicht bewenden lassen. Unter Aufbietung aller zur Verfugung stehenden organisatorischen Kräfte wurden UmSchulungskurse eingerichtet, die nach kleineu Anfangen sehr bald einen ganz erheblichen Umfang erreichten, einen Umfang allerdings, der nicht imstande war, den gesamten Bedarf zu befriedigen. Für Männer wurden Schlosser-, Tischler-, Maurer- und Gärtnereikurse geschaffen, Frauen wurden Umschichtungsmöglichkeiten gegeben, die der Erlernung von Haushalt- und Näharbeiten dienten. Zurzeit werden nicht weniger als 1(17 Menschen in solchen Kursen ausgebildet; neue Lehrgange müssen geschaffen werden, um zahlreichen neuen Anmeldungen Rechnung tragen zu können. W er sich die Lehrw erkstatten, in denen die Kurse sich abwickeln, ansieht, wer beobachtet, wie ehemalige Akademiker, AngestelHe und selbständige Geschäftsinhaber mit Handwerkszeug und Maschinen sich vertraut machen, wie sieh allmählich die Freud«, au der neuen Arbeil entwickelt, wie verbitterte Menschen wieder froh werden, der kann sieh nicht vorstellen, welche Fülle organisatorischer Vorarbeit erledigt werden muH, ehe ein solcher Kursus begonnen werden kann, was dazu gehört, ihn durchzuführen, zu überwachen, die sozialversicherungsrechtlichen Seiten zu regeln, geeignete Räume, geeignete Leiter für sie zu finden. Wurden alle diese Arbeiten zu besonders dringliehen Aufgaben, so konnten daneben die andern neu auftretenden Bedürfnisse nicht vernachlässigt werden. Die zahlreichen Kündigungen judischer Arbeitnehmer wegen nichtarischer Abstammung, die im Laufe des Jahres Vm ausgesprochen wurden, ihr Ausschluß aus den Verteil äußerst angespannt; durch die Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage der einzelnen Juden im letzten Jahr ergab sich als natürliche Folge eine noch stärkere Senkung der finanziellen Leistungsfähigkeit der Gemeinde. Es wurde deshalb im Mai vorigen Jahres eine großzügige Sammlung veranstaltet, um das soziale Hilfswerk ins Leben zu rufen. Der Aufruf fand weithin Verständnis, und so wurde es möglich, unser Sozialamt zu gründen, dessen Leistungen im nachstehenden Bericht geschildert sind. Aber die aufgebrachten Mittel sind erschöpft, zur Fortsetzung der Tätigkeit ist neues Geld notwendig. Aus Steuern kann es nicht geschafft werden, sie dieneu der Erhaltung der religiösen Einrichtungen. Zur Religionsgemeinde muß deshalb die soziale Gemeinschaft sich gesellen, die ihren Bedarf durch freiwillige Umlagen deckt. Sind in der Religionsgemeinde im Laufe der letzten hundert Jahre Spaltungen und Risse eingetreten, so können und müssen in der Sozialgemeinde sich wieder alle Richtungen zu einträchtiger Zusammenarbeit zusammenfinden. In der sozialen Tat sahen unsere Weisen den vollkommensten Ausdruck der üottesverehrung. In unseren Tagen kann es nichts Höheres geben, als die Hilfe für den Nächsten, die Sorge für die Jugend, auf der die Erhaltung unserer Gemeinschaft ruht. Machen wir den seit zwei Jahrtausenden in Fortfall gekommenen Opferdienst aufs neue lebendig und erfüllen wir diesen Begriff, der für die meisten schon längst erstorben ist, mit einem neuen Sinn. Offnen wir Herz und Hand, um unser soziales Werk zu erhalten. bänden, denen sie oft lange Jahre hindurch angehört haben, Schwierigkeiten beim Bezug von Arbeitslosenunterstützung machten eine besondere Beratung der jüdischen Arbeitnehmer erforderlich. Inhaber von Betrieben, Marktbesucher hatten Hindernisse zu überwinden, die erwachsen waren: sie kamen zum Sozialamt und baten um Rat und Hilfe. Malinahmen der Behörden, neue Gesetze auf den umfangreichen Gebieten der Staatsangehörigkeit, des Baß-, Ausweisung!- und Auswanderungswesens machten Beratungen in Not geratener Menschen erforderlich. Kein Gebiet des Rechtes und der Wirtschaft gibt es, auf dem bedrängte Menschen nicht Rat gesucht hätten. Andere versuchten im Auslände neue Erwerhsmöglichkeiten zu finden: sie erhielten in Auswanderungsfragen Beseheid. Damit ist aber der Aufgabenkreis des Sozialamtes noch nicht abgeschlossen. Ganz abgesehen davon, daß auch jetzt noch neue Gebiete sich aus neuer Inanspruchnahme ergeben, wird das Sozialamt ein besonderes Augenmerk der Betreuung der zahlreichen jüdischen Stellungsuchendcn widmen müssen. Auf diesem Gebiete sind ihm durch die Gesetzgebung allerdings enge (irenz.en gezogen; es wird daher alles getan werden müssen, was geeignet ist, die Anerkennung des Sozialamtes als besondere Arbeitsvermittlungsstelle durch die Behörden herbeizuführen. Auch in dieser Richtung sind Schritte bereits eingeleitet. So steht das Sozialamt mitten im jetzigen jüdischen Leben, bestrebt und berufen zu helfen, wo immer die Zeit Wunden geschlagen hat. Diese Hilfe kann nicht mit Arbeit allein durchgeführt werden; es sind dafür ganz erhebliehe Geldmittel erforderlieh. Diese Mittel muß das Sozialamt selber aufbringen. Die Gemeinde insbesondere ist bei ihrer starken sonstigen Inanspruch nähme nicht imstande, sie zur Verfügung zu stellen. Deswegen wendet »ich das Sozialamt an die Öffentlichkeit mit der Bitte, bei der Durchführung aller seiner Aufgaben zu helfen. Es weiß, dal diese Bitte nicht ungehört verhallen wird. Alle Kreise, alle Schichten der judischen Bevölkerung müssen sich verantwortlich dafür fühlen, dali dieses soziale Hilfswerk fortgeführt werden kann, dal! es i: dem Umfang fortgeführt werden kann, der den Bedürfnissen eirl spricht. Wer aus arbeitslosen, verzweifelten Mensehen neue, frolu Menschen machen will, wer die jüdische Jugend fördern, auf ihren neuen Weg begleiten will, stelle den Geldbetrag zur Verfügung den er entbehren kann. Helfen ist auf diesem Gebiete keine An gelcgenheil dei freien Entschließung mehr, sie ist ••ine heilig' Pflicht, deren Erfüllung unserer Gemeinschaft den Weg in eine neue Zukunft bahnen soll. Leitung und Sachbearbeiter des Sozialamts.

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