Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 16 (20.4.1934)
- Date
- 1934-04-20
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/4876568-5968799-5969412--5023-4880838- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2__OEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIOIONSOEMEINDE ZU LEIPZIG_20. April 1934 Die Erkenntnis der Unterschiede /wischen den beiden ersten Romanen und das Erfühlen einer bewußt waltenden Gesetzmäßigkeit hierin hat zur Folge, daß dem Kritiker beim Rückblick auf den ersten Roman die Pflicht erwächst, sein Urteil über diesen zu revidieren. Wenn wir damals den Eindruck feststellten, der Leser sehwanke zwischen Bewunderung und Verwunderung, wenn wir bei ehrlichster Prüfung doch nur zu einer reservierten Stellung uns verstehen konnten, so wollen wir heute ebenso ehrlich bekennen, daß wir dies Urteil nicht mehr aufrecht erhalten können, weil wir von einem Teil aufs üanze schlössen. Darin liegt zugleich der der mildernde Umstand. Es mag gewiß verlagstechnisch nicht möglich gewesen sein, das Riesenwerk in seiner üänze erscheinen zu lassen; aber man kann auch eine Symphonie nicht nur nach dem ersten Satz beurteilen. Daß der erste Roman sich einzelweis der Kritik stellen muß, ist sein Pech. Wir wollen auch heute beim zweiten es bei der thematischen und statischen Analyse bewenden lassen und an die üesamtwürdigung des Werkes erst gehen, wenn es geschlossen vorliegt. Nur dies noch sei hier gesagt: Wiederum stehen wir hohen Staunens voll vor dem ungeheuren Reichtum dieser Sprache und vor der Meisterschaft, mit der sie behandelt wird. Mag sie auch wieder in den Dialogstellen, wo sie biblisch stilisiert erscheint, leicht befremden — wie z. B. besonders stark in den Sätzen, die dem achtjährigen Benjamin in den Mund gelegt sind — sie bleibt immer unbegreiflich groß in dem großen Symphonieorchester in der Hand des großen Dirigenten, der blühendste Polyphonie mit kristallener Klarheit zu paaren versteht. So erzeugt gerade dieser in Ton und Gebärde verhaltene Roman eine gewaltig gespannte Erwartung auf den letzten, nicht auf den Ausgang der Geschichte, den wir ja kennen, sondern auf das Klangbild des Finales, auf seine Steigerung und Krönung. Nun gemach — ein Meister ist am Werke; lasset uns in Ehrfurcht erwarten, wie er's uns künden wird! Aus der Arbeit des Hilfsvereins der Deutschen Juden im Jahre 1933. Dem soeben erschienenen kurzen Bericht des Hilfsvereins der Deutschen Juden ist der nachstehende Auszug entnommen. In Übereinstimmung mit den zentralen Organisationen in Deutschland führte der Hilfsverein im Jahre 1933 die Auswandererfürsorge weiter, die seit Anfang des Jahrhunderts in seinen Händen lag. Ende März begann die Zahl der Personen, die sich an den Hilfsverein und an Komitees im Reich um Rat und Hilfe in Auswanderungsangelegenheiten wandten, zu steigen. In den folgenden Monaten erschienen täglich dreihundert und mehr Ratsuchende. In immer größerem Maße häuften sich die brieflichen Anfragen in Auswanderungsangelegenheiten; in manchen Monaten überstieg ihre Zahl dreitausend. Wenn man die Familienangehörigen hinzurechnet, so waren es mindestens sechzigtausend Menschen, denen der Hilfsverein und die Komitees, die mit ihm in Verbindung standen, im Laufe des vergangenen Jahres Rat und Auskunft zu erteilen hatten. Eine zuverlässige Statistik der Auswanderer zu geben, war nicht möglich, da in einer großen Anzahl Fälle kein Nachweis vorliegt, ob und wann die Auswanderung unternommen worden ist. Von denen, die die finanzielle Hilfe des Hilfsvereins in Anspruch nahmen, wandten sich 5940 zunächst nach den Nachbarstaaten Deutschlands und nach anderen europäischen Ländern. In den Monaten April bis September ging noch der weitaus größte Teil der Auswanderer nach dem europäischen Ausland. Zu ihnen zählen auch diejenigen, die zwecks beruflicher Ausbildung von den hierfür zustandigen Organisationen, vor allem vom Hechaluz, ausgesucht und zum Teil mit Unterstützung des Hilfsvereins auf die in Frage kommenden Güter und Betriebe in Frankreich, Lettland, Litauen, Danemark, Jugoslawien und der Tschechoslowakei geschickt wurden . Vom Oktober ab eröffnen sieh Möglichkeiten in Übersee in weiterem Ausmaß. Es ist bemerkenswert, daß in den Monaten Oktober bis Dezember fast 25 "n überseeische Reiseziele hatten. Im Dezember verschob sich das Verhältnis noch weiter; es gingen 10 ",i der vom Hilfsverein unterstützten Auswanderer nach l'hcrsce. Line nicht unbeträchtliche Zahl derer, die in europäische Länder ausreisten, ist von den ausländischen Komitees nach Übersee, besonders nach Südamerika und Südafrika, weiterbefördert worden, nachdem alle Versuche, für sie in Europa Existenzmöglichkeiten tu schalten, fehlgeschlagen waren. Ober die Auswanderung nach Obertee unterrichtet die folgende Übersicht: Nordamerika ISO Personen; Mittelamerika: Costa Rica, Cuba, Guatemala, Honduras, Mexiko. Salvador 33 Personen; Südamerika: Argentinien 72, Brasilien 17 i, Chile 28, Columbien 11. Uruguay 22, nach diversen südamerikanischen Landern 51, zusammen 357 Personen; Afrika: Ägypten, Algier, Ost- und vorwiegend Südafrika 79 Personen; Palästina 243 Personen; Asien: China, Cvpern, Indien, Persien, Syrien, Türkei 11 Personen: Australien 2 Personen: vorläufig unbestimmtes Reiseziel 2 Persoiun. Insgesamt 94J Personen. Wie in früheren Jahren war der Hilfsverein auch im Jahre 1933 Einzelpersonen und in Gruppen reisenden Auswanderern, die aus dem Osten kamen oder dorthin zurückkehrten, auf ihrem Wege durch Deutschland behilflich. Bei manchen dieser Durchwanderer waren Interventionen hei Behörden, Konsulaten und Schiffsgcscllschalten erforderlich; mehrfach handelte es sich auch um Schutz, und Hilfe für Kranke. Unter Fürsorge des Hilfsvereins passierten den Bahnhofsdienst am Schlesischen Bahnhof in Herlin 13550 Aus- und Rückwanderer {hiervon 2i24 Nichtjüdwi in geschiwsseiieü Tiansporten, die von Sciliffsgeseiischaften in Polen, Litauen usw. zusammengestellt werden), und zwar 0213 Manner, 4878 Frauen, 2150 Kinder. Hervorzuheben ist noch, daß der Bahnhofsdienst des Hiltsvereins sich auch der Chalu/imtransportc aus dem Osten auf ihrer Durchreise nach Palastina annahm. Der Bericht schließt folgendermaßen: „Der Hilfsverein der Deutschen Juden muß an seine Mitglieder und Freunde den dringenden Appell richten, ihn bei der Durchführung seiner Arbeit auch im Jahre 1934 in tatkräftiger Weise zu unterstützen, in der Erkenntnis, daß in so schwerer Zeit jeder zu großen Opfern im Interesse des Einzelnen wie in dem der Gesamtheit, mit der seine eigenen Interessen aufs engste verknüpft sind, bereit sein muß. Möge dieser Ruf nach Hilfe, der an die weitesten Kreise der Judenheit in Deutschland, auch an alle diejenigen, die dem Hilfsverein noch nicht als Mitglieder beigetreten sind, ergeht, nicht ungehört verhallen. Die Bemessung des Beitrages bleibt den Mitgliedern überlassen. (Postscheckkonto des Hilfsvereins: Berlin Nr. 33126.) Der Hilfsverein erwartet, daß die Reihen derer, die sein Liebeswerk freudig unterstützen, sich dichter schließen, und daß ihm Förderung zuteil wird, damit er seine Tätigkeit auf sozialem und kulturellem Gebiete, wie in den letzten Jahrzehnten, mit Erfolg weiterführen und das Schicksal der Menschen erleichtern kann, denen kein anderer Ausweg bleibt, als in die Fremde zu gehen." Jüdische Zeitschau. Die staatsbürgerliche Stellung der österreichischen Juden auf Grund der neuen Verfassung. In einem amtlichen Cominuniquc wird vcrlautbart: „Bundeskanzler Dr. Dollfuß empfing Donnerstag mittag den Präsidenten der Israelitischen Kultusgemcinde Dr. Desider Friedinann, wobei er im Laufe einer längeren Aussprache auch Gelegenheit nahm, den Präsidenten Dr. Friedmann über den kulturpolitischen Teil der neuen Bundesverfassung zu unterrichten." Aus der Fassung dieses Communiqucs ist deutlich zu entnehmen, daß die Information über den kulturpolitischen Teil der künftigen österreichischen Verfassung nicht den ausschließlichen Gegenstand der cinstündigen Unterredung gebildet haben kann. Es ist als sicher anzunehmen, daß der Vertreter der österreichischen Judenschaft die Gelegenheit benützte, mit dem Chef der Regierung auch die jüdische Situation in Osterreich eingehend zu besprechen und auf diejenigen Tatsachen hinzuweisen, welche in letzter Zeit vielfach Anlaß ZU berechtigten Beschwerden gegeben haben. Daß in der neuen Verfassung keine Änderung der staatsbürgerlichen Stellung der Juden vorgenommen werden kann, steht bei der eindeutigen, durch den Friedensvertrag geschaffenen Rechtslage außer jedem Zweifel. Zu unterstreichen ist nur, daß nach Artikel 02 des Friedensvertrages nicht nur kein Gesetz und keine Verordnung, sondern auch keinerlei amtliche Handlung mit den Grundsätzen der Gleichberechtigung in Widerspruch stehen darf. Es muß das besondere Augenmerk der verantwortlichen jüdischen Faktoren darauf gerichtet sein, daß die verfassungsmäßigen Grundsätze der gleichen Behandlung aller Religionen und der Gleichheit aller Staatsbürger nicht nur eine theoretische Deklaration bleiben, sondern in allen Zweigen der öffentlichen Verwaltung sowie des gesamten staatlichen und wirtschaftlichen Lebens ohne jeden Vorbehalt und ohne jede Einschränkung gehandhabt werden. im Hinblick auf die in der österreichischen Presse in letzter Zeit wiederholt unternommenen Versuche, die jüdische Bevölkerung ZU einem freiwilligen Verzicht auf die uneingeschränkte bürgerliche Gleichberechtigung zu bewegen und die im Friedensvertrag von St. Gcrmain enthaltenen Bestimmungen über den Minderheitenschutz als Ausdruck eines osterreich aufgezwungenen Gewaltfriedens darzustellen, auf den die österreichischen Juden sich lieber nicht berufen sollten, ist eine Veröffentlichung der Wiener Wochenschrift „Die Stimme" von besonderem Interesse, in der gezeigt wird, daß anläßlich der Friedensverhandlungen von St. Germain auch die christlichsozialen und deutschnationalen Mitglieder der österreichischen Friedensdelegation von sich aus für die völlige Gleichberechtigung der nationalen und religiösen Minderheiten eingetreten sind. Die deutsch-österreichische Friedensdelegation, die aus Angehörigen aller Parteien zusammengesetzt war, hat, wie im Dritten Teil (S. 45 48) des in der Staatsdruckerei Wien unter dem