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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1934-04-20 · 16 (20.4.1934) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
10 (1934)
Issue
16 (20.4.1934)
Date
1934-04-20
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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. f -» h U Auflage 4250 Stück (BemeuiöcMatt DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZV I J-ID7lfL AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT \m\m\T Mm\\& DER GEMEIN DEVEAWALTUNOB Schrlftleltungi Oemeinderabbiner OustavCohn Leipzig Walter Blümel-Str. 10. — Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit Genehmigung des Verfassers gestattet Nummer 16 ■ Jahrgang 10 20. April 1034 Anzeigenannahmei E. Ooldfrcund, Leipzig 0 5, Cichoriusstraße 2a, Fernsprecher Nr. 60771 Druck: Druckerei der Werkgemeinschaft, Leipzig C 1. Thomas Mannt Der junge Joseph. Der Trilogie zweiter Roman.*) Von Dr. Sally Rabinowitz. Verglicheil wir in unserer Besprechung der „Geschichten Jaakobs", des ersten Romans der Trilogie, das Werk mit einem bunten Teppichgewebe, so erhärtet der nunmehr vorliegende /weite Band die QültigkeH des optischen Eindruckes und die Brauchbarkeit unseres Vergleichs. Im ersten Bande wurde das Gemälde grundiert, der Rand gewoben, breit ausladend, aus weit Hintergründigem wachsend und von allen Seiten hindringend nach einer Mitte, in welcher, das wußten wir, die (iestalt erstehen würde, um deren Darstellung willen das Werk begonnen ward. Im /weiten Roman bildet nun Joseph den Mittelpunkt, ihm gilt die minutiöse Liebe des Autors, nicht nur seiner äußeren (ieschiebte, die nicht mehr als die drei Dutzend Verse des 37. Kapitels der Uenesis umfallt, sondern dem Kern seiner Persönlichkeit, den Sinnen und Süchten dieses Siebzehnjährigen. Denn er ist mehr als nur schön, klug und gelehrig: in seherischem Schauen vermag er Vergangenes, Gegenwärtiges und Kommendes anmutig in Beziehung zu bringen und zu deuten, er ist begnadet mit egozentrischen Träumen, in denen der Kosmos um ihn kreist. Darum ist er auch eitel, und die abgöttische Liehe Jaakobs, der durch ihn hindurch stets das Bild der früh verblichenen Einzig-Ocliehten, das Bild Raheis, sieht, nährt dieses Geltungsbedürfnis und das Bewußtsein, ein vom Schicksal Bevorzugter zu sein. Kann es darum wundernehmen, dalt Scheelsucht und Feindschaft glimmen in den Herzen der Brüder, dall sein anmutiges Oe- SChwttz und seine gedankenlose Zuträgerei ihnen wie schwärender Dorn im Fleische sitzt? So trifft ihn das Verhängnis, als er sich erhöht im Ketonet passim kein bunter Rock nur, sondern wie Mann es schön deutet, Mutter Rahcls Brautgewand, das Jaakob heilig hütete und das die gelenkige Zunge des Knaben dem willigen Vater abrang. Hier liegt die Schuld, die beide büßen müssen, Vater und Sohn, und mit einer an den Altmeistern des Naturalismus, an Dostojewski und Zola geschulten Unerhittlichkeit werden ihre Wurz.elfäden zerfasert und die seelischen Hintergründe erleuchtet, aus denen sie wächst und wuchert. Beide trifft die Faust des Schicksals: vom modrigen Oruud der Orubc dreht sich dem Knaben das Rad ins Ungewisse, während der Vater die blutigen Fetzen mit Trinen betaut: Zerrissen, zerrissen ist Joseph! Eine Totenklage schloß den ersten Roman, mit einer Totenklage klingt auch der zweite aus. Aber der Ton ist ein anderer geworden. Raheis Hinscheiden und Jaakobs Trauer um sie war ganz still und verhalten geschildert worden, gedämpft, schmucklos ') Thomas Mann, Der junge Josef. S. Fischers Verlag. Berlin. und zurückhaltend im sprachlichen Ausdruck; hier war etwas Endgültiges, Unwiderrufliches geschehen, welchem das wortkarge Erstarren im Schmer/ wohl anstand. Um so stärker war die (iewalt, mit der die ungesprochenen Inhalte dieser Szene den Leser anpackten. Anders Jaakobs Weinen um Joseph. Hier ist die Schilderung, man möchte sagen, dynamisch überhöht, sie ist wortreich und ausführlich, mit pathetischen Draperien würdig und bedeutungsvoll behängt: sie vergißt nichts in ihrem Bericht über die Funeralien und schreckt nicht davor zurück, die Ex/esse im (leiste zu erwähnen, mit denen Jaakob sieh hineinbohrt in die unterweltlichen Aspekte seines Vorsatzes „ich werde mit Leide hinunterfahren in die Qrube zu meinem Sohn". Es ist meisterhaft, mit wie diskreten Mitteln eine hauchfeine Ironie über die Wortgefüge sachlichen Referates gebreitet ist und wie der Autor den Leser gleichsam zum Mitverschworenen macht, in dem besseren Wissen, dall all diese polyphone Trauer auf einer in vertrackter Weise zustandegekommenen Falschmeldung beruht und dall der beweinte Knabe, wenn auch etwas /erknittert und herabgestimmt, so doch wohlbehalten auf schaukelndem Kamelsrücken gen Ägypten wallt. Wenn wir von „Komposition-1 eines Romanwerks sprechen, so übernehmen wir für das Sichtbarwerden kimstierischer (ieset/e, denen gemäß ilie vorhandene Materie geformt, gegliedert und harmonisch gefügt wird, nicht ohne Grund einen aus dem Musikalischen entlehnten Begriff. Oerade bei Thomas Mann, dessen Musikalität sich immer wieder manifestiert, tritt die Vorstellung des Kompositorischen besonders in Erscheinung. Für das gewaltige Romanwerk der Josephsgeschichte müssen wir schon die grollte musikalische Form, die der Symphonie, /um Vergleich heranziehen. Nach der I ektüre des /weiten Romans finden wir auch sofort die Parallelität. Dem ersten Satz einer Symphonie, in dem das thematische Material beigebracht wird und der als Tempo ein, forsches Aliegro durchhält, dem aber auch sogar die strenge Klassik Einleitungen, Haltepunkte und Ruckblicke in variiertem Zeitmalle zugesteht, entspricht der er>tc Roman durchaus in seiner Fundamentierung des Baues, in seinem Aeonen an Zeitläuften durchmessenden Schritt und in dem Reichtum der sprachlichen Instrumentierung. „Der junge Joseph" hingegen ist ein typischer /weiter Satz, ein Andante in wörtlicher Übersetzung: gehend, geruhsam schlendernd, in gemächlichem Ablauf das Josephsthema abwandelnd und es kunstvoll kontrapunkticrend mit den Motiven des Vaters und der Brüderschar. Dem entspricht auch die Haltung der Sprache, also der Wortmusik, die gleichsam nur für kleines Orchester geset/t ist und selten über ein Me//oforte hinausgeht. So liegt dieser Band wie in der Symphonie eingebettet, sammelnd und klärend, was im ersten mannigfach und überschäumend /um Lichte drängte, und aus seiner gebändigten Ruhe vorweisend auf das glanzvoll krönende Finale, dem wir noch entgegenharren.

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