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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1934-04-06 · 14 (6.4.1934) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
10 (1934)
Issue
14 (6.4.1934)
Date
1934-04-06
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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GEMEiN DEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIOIONSQEMEINDE ZU LEIPZIG 6. April 1934 die Gabe der Gläubigkeit zu fehlen scheint. Aber die Weisen unseres Volkes kannten diesen Menschentyp. Sie gaben für ihn die Richtschnur, dali Glaube aus Wissen und Tun erwachse. Wer nichts weil!, wer nicht von Grund auf sich mit den Elementen indischen Denkens vertraut gemacht hat, der kann und darf auf die Frage nach seiner Einstellung /um Religiösen keine Antwort geben. Und trot/dem erleben wir es täglich, wie jüdische Menschen, die es nie für nötig fanden, sich ernsthaft mit jüdischem Kulturgut vertrautzumachen, Urteile in jüdischen Fragen füllen, wie sie nicht nur für sich Stellung /u jüdischen Grundfragen be ziehen, sondern gar da/u übergehen, für ihre Volks- und Glaubensgenossen Grundsätze und Richtlinien jüdischen Verhaltens aufzustellen. Dabei werden sie alle es nicht wagen, auf irgendeinem anderen Gebiet, das sie so ungenügend beherrschen wie ihr Ureigenstes, irgendwelche Urteile zu fällen. Dafür erscheint auch ihnen genaue Kenntnis erforderlich. Aber in jüdischen Fragen, da genügt eine kur/e Überlegung und schon hat man die passende Lösung für sich und andere gefunden. — Leider gibt es nicht wenige Menschen dieser Art auch in Kreisen, die sich um den wirtschaftlichen Aufbau des jüdischen Landes unbestreitbare Verdienste erworben haben. Es erscheint ganz besonders bedauerlich, wenn in solchen Menschen das Gefühl erwächst, durch die Hingabe an den äußeren Aufbau des Landes ihrer jüdischen Gesamtverpflichtung ganz nachgekommen zu sein. Die Aneignung des jüdischen Kulturstoffes ist nicht einfach. Linstestes Streben, anhaltender Fleili ist erforderlich, um nur einen kleinen Ausschnitt des gewaltigen Gebietes /u beherrschen. Mkt wer sich ernstlich daran macht und welcher verantwortungsbewußte jüdische Mensch wollte es heute nicht — wird bald eine neue Welt vor sich erstehen sehen. Eine neue — eine eigene Welt. Beim ernsten Lernen allein wird man nicht stehen bleiben. Volle Erfassung gewährt erst das Tun. Es ist nicht leicht, gewiß, aber es gibt auch nichts mehr Befriedigung, als dieses opfervolle Tun, das man sich auferlegt, bevor man vom Glauben da/u getrieben wird, nur um der Erkenntnis der Wahrheit willen. Dieses Tun ist ein Kernstück der judischen Religion; eine Verinnerllchung des jüdischen Menschen, eine Rückkehr zu echter jüdischer Kultur ist nur möglich, wenn man auch an diese Seite jüdischer Tradition nicht von vornherein negierend herangeht. Gerade in Fragen, die so tief gehen sollten, wie eigene Religion und eigenes Volkstum, darf man erst dann urteilen, also auch ablehnen, wenn man sich volle Kenntnis verschafft hat. Dies alles durchzukämpfen ist eine Sache jedes einzelnen unter uns. In diesen historisch bedeutsamen Zeiten müssen wir uns klar werden über unsere Verantwortung. Wem nichts mehr liegt an jüdischen Dingen, an der Erhaltung des jüdischen Volkstums, der mag seine eigenen Wege gehen. Wer aber die Verpflichtung in sich fühlt, die, durch Generationen und Jahrtausende übergeben, auf uns gekommen ist, der habe die Kraft, die nötigen Konscquen/en zu ziehen. Es wird heute nicht wenig gearbeitet auf jüdisch-kulturellem Gebiete. Vereine und Verbände tun sieh auf, die Gemeinden lassen sich die Pflege jüdisch-geistiger Werte angelegen sein. Aber das alles bringt nicht die Wandlung. Die Verinnerlichung, die Rückkehr ist keine Frage, die in Vereinszimmern oder bei öffentlichen Aussprachen entschieden wird. Sie ist ein Vorgang in der Brust jedes Menschen, eine Entscheidung, die ein Mensch in aller Stille mit sich selbst treffen muß, eine wichtige Entscheidung, für den Menschen selbst und vielleicht für viele Generationen. Wer dieser Entscheidung nicht ausweicht, der findet dann auch die Kraft, jeden Tag eine kurze Zeitspanne der Erneuerung seiner jüdischen Seele zu widmen. Und von vielen, die diesen nicht leichten Weg gehen, wird mit jedem Tag mehr der Zwiespalt abfallen, der heute noch in ihrer Brust wohnt. Sie werden wieder — oder vielleicht zum ersten Male — zu einer einheitlichen, geschlossenen jüdischen Persönlichkeit. Das Judentum in Rußland ist durch den Bolschewismus vernichtet. In Amerika lädt die übergroße Achtung des Materiellen jüdisch-seelische Werte nur schwer entstehen. Vielleicht ist das deutsche Judentum unserer Tage, da es so Schweres über sich ergehen lassen mußte, berufen worden, der Erhaltung des jüdischen Kulturgutes in der Welt entscheidende Dienste zu leisten. Jüdische Zeitschau. „Die Uneinreihbarkeit des Juden — sein Schicksal". Das Grundthema des 2. Trimesters im Jüdischen Lehrhause in Frankfurt a. M. war: „Der Jude in der Welt". Gelegentlich eines Festaktes bei der Eröffnung dieses Trimesters hielt Prof. Martin Buber eine großangelegte Progranimrede, in der er etwa folgende Gedanken entwickelte: I He Vorstellung des „Juden in der Welt", so legte Martin Buber dar, beginnt nicht mit der Zerstörung Jerusalems durch Titus, sondern mit dem Fall der letzten jüdischen Feste Bethar, mit dem Zusammenbruch des Bar Kochba-Aufstandcs und dem Aufhören der Existenz Jerusalems als Stadt Israels. Seitdem stehe der damals in den Weltabgrund geschleuderte Jude als der ungesicherte Mensch schlechthin innerhalb des an sich ungesicherten Menschentums da. In dieser Ungesichertheit, dieser Labilität im geschichtlichen Sinne sehe die Welt den Juden; das sei vielleicht auch die letzte psychologische Ursache des Antisemitismus. Die jüdische Gemeinschaft, fuhr Buber fort, könne niemals unter allgemeine Begriffe eingereiht werden; sie sei weder in den Begriff der Nation, noch in den der Religion allein einfangbar. iiier bleibe wesenhaft Unfaßbares übrig. Das Uneinreihbare wirke aber immer unheimlich. Der Antisemitismus könne vielleicht in gewisser Hinsicht als „Oespensterfurcht" definiert werden, denn alles nicht Katcgorisierbare habe etwas Gespenstiges an sieh, wenn wir Juden selbst auch wissen, daß in unserer Seele nichts Gespenstiges ist. Die judische Uneinrcihharkeii müsse von uns, als gläubigen Meu sehen, vom Glauben her erfaßt werden, sonst werde sie unerträglich und absurd, weil sie widergeschichtlich sei. Diesen Glauben bringe allein das Begreifen der Einzigkeit Israels in Berufung, Wesen und < ieschichte. Israel widerstehe der Kategorie Nation ebenso wie der Kategorie Glaubensgemeinschaft Beides müsse geeint sein. In der jüdischen (ieschichte zeige sich immer wieder ein doppeltes Streben, das nach Sicherung und da:; nach Einreibung. Das rechtmäßige Streben des einzelnen Ungesicherten nach Sicherung nehme aber oft fehlerhafte Formen an. So sei auch die Botschaft der Propheten eine einzige Warnung vor der falschen Sicherung; es gibt Keine politisch-historische Sicherung allein, die Lehre fordere die Sicherung in Gott, d.h. in der Verwirklichung des Gemeinschaftslebens im Bunde mit der göttlichen Lehre. Das Streben nach Einreibung habe in der Diaspora die geschichtliche Form der Emanzipation angenommen. Auch hier tauche wieder die Fragestellung „Nation oder Religion?" auf. Die Völker hätten später dann das spezifische Judentum immer mehr atomisiert, und die nach Emanzipation strebenden Juden hätten ihnen dabei in die Hände gearbeitet. Die Einzigartigkeit des jüdischen Menschen äußere sich aber schon darin, daß kein (iesetz aller Weltvölker wie das jüdische in seinen Mittelpunkt die Fürsorge um den materiell und sozial Schwachen gestellt hat. Das jüdische Gesetz habe stets gleiches Recht und gleiches Gesetz für alle, den „Gastsassen" und den Eingeborenen, gefordert. Ursprünglich zum Juden allein, sei diese Thora später durch die Diaspora zur ganzen Welt und zu allen Völkern gesprochen worden. Für den Juden könne es nur eine vollkommene Sicherheit in der positiven Aufnahme der Einzigartigkeit seines Wesens und seines Bundes geben, das bleibe seine einzige und ewige Chance. Zum Schluß erklärte Buber, das Jüdische Lehrhaus, das diesem Gedanken dienen wolle, sei nach dem Wunsche und der Hoffnung seines Gründers und seiner jetzigen Leiter ein solches Glaubensbekenntnis. Der jetzt beginnende zweite Lehrgang werde darum, ausgehend vom Allgemeinen im Menschentum, zu der stets das Ziel bildenden jüdischen Einzigkeit führen. (JTA.) Die berufliche Umschichtung der deutschen Juden. Der gegenwärtige Stand und die Aussichten der Berufsumschichtungsarbeit unter den deutschen Juden gehen aus Ziffern hervor, die soeben vom ZentralausachuO der deutschen Juden für Hilfe und Aufbau bekanntgegeben werden. Danach stehen derzeit in Deutschland 6(169 jüdische Menschen in Berufsumschichtung, von ihnen sind 12S2 in Kollektivausbildungsstätten allgemeiner Art und 1418 in Einzelausbildungsstellen untergebracht. Für die berufliche Ausbildung von weiteren 2369 jüdischen Jugendlichen sorgt der Heehaluz. In landwirtschaftlicher Ausbildung stehen insgesamt 2738 Personen; in dieser 7»hl sind 900 Personen mitinhegriffen, die mit Unterstützung des Zentralausschusses für Hilfe und Aufhau vom Heehaluz in ausländischen Ausbildungsstätten untergebracht worden sind. Von den Umschichtenden entfällt, wie aus den Aufstellungen der Wirtschaftshilfe der Jüdischen Gemeinde Berlin hervorgeht, auf Berlin rund ein Viertel, nämlich 1468, davon 659 Männer und 8(1") Frauen. Die Zahl der in landwirtschaftlicher Ausbildung Befind-

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