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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1934-03-30 · 13 (30.3.1934) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
10 (1934)
Issue
13 (30.3.1934)
Date
1934-03-30
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 30. März 1934 Als Israel aus Ägypten zog, da stand Ihm als Ziel das einst den Vätern verheißene Land vor Augen. In Kanaan, wo vor Zeiten Abraham festen Fuli gefaßt hatte, wo Isaak und Jakob väterliche Heimat gefunden hatten, sahen Jakob—Israels Nachkommen den Hoden, auf dem sie ihre Freiheit würden aufrichten können. Aber das war nur die an der Oberfläche sichtbare Bestimmung. Einmal mit dem Bewußtsein des Volkstums erfüllt, sollte ihre geschichtliche Aufgabe darin bestehen, wahrhaft Volk ZU bleiben oder — ZU werden: Line Einheit durch eine Idee, durch eine geistige Macht. Qebunden nicht allein durch äußere Organisation, sondern viel tiefer, durch ein seelisches Verstehen, durch ein gleichgerichtetes Wollen, durch ein über die Zeit von Generationen in die Ewigkeit weisendes Ziel. Die Propheten haben die Aufgabe des Judentums mit ihrem Zukunftsbild vom messianischen Zeitalter deutlich gemacht. Vom jüdischen Volke soll die Einheit des Menschengeschlechts ihrer Verwirklichung nähergeführt werden. Nicht etwa, daß die naturgegebenen Unterschiede unter den Völkern und Menschengruppen ausgelöscht oder auch verwischt werden sollen: sie sind ja gottgewollt und darum unantastbar. Aber nicht als Gegensätzlichkeiten! Als Andersartigkeiten einzelner Teile, die in einem harmonischen Ganzen zusammenwirken, sollen sie gewahrt, ja gepflegt werden; in ihrer Besonderheit ruhen unendliche Kräfte, die das Leben des Oanzen steigern. Erst durch das Zusammenwirken der Völker wird alles nutzbar gemacht, was das einzelne Volk in seinem Dasein hebt; was die Natur dem einen Lande versagt, bietet ihm das andere im Austausch; was ein Volk in seinem Volkscharakter nicht zu heben vermag, schafft ein anderes und empfängt dafür von jenem, was dessen schöpferische Köpfe hervorbringen. Dafür sich einzusetzen, ist des Judentums Bestimmung. Es ist mit tiefem Bedacht von den Schöpfern unserer Festlithurgie für den letzten Tag des Pessachfestes als Prophetenabschnitt jene jesajanische Verkündigung bestimmt worden, in der von der messianischen Zeit gesprochen wird. Es ist eine tragische Paradoxie der jüdischen Geschichte, daß der Gedanke an die Einheit in der Judenheit aller Jahrhunderte so sehr nur immer theoretische Forderung blieb, so wenig Verwirklichung fand. Und nicht einmal dann, wenn auf Einheit alles ankam, wenn durch Einheit Katastrophen aufgehalten werden konnten. Der folgenschwerste Zusammenbruch der jüdischen Vergangenheit, die Vernichtung des staatliehen Zentrums für die Juden, hätte vielleicht verhindert werden können, wenn nicht, angesichts des Furchtbar überlegenen römischen Heeres, die Parteien im belagerten Jerusalem in kurzsichtigem Parteifanatismus einander aufgerieben hätten. Und so haben oft und immer wieder die Juden unter zerstörender Zerrissenheit Schaden genommen, wo sie durch verstandiges Zusammenwirken große Werke hätten errichten oder erhalten können. Der deutschen Judenheit ganzer Jammer kommt uns zum Bewußtsein, wenn wir die Kundgebung der Reichsvertretung der deutsehen Juden in diesen Tagen erleben müssen. Wie soll eine wie immer geartete Stelle für die Oberwindung gegenwärtiger Schwierigkeiten wirksam auftreten können, wenn ihre Autorität von innen heraus dauernd beeinträchtigt wird! Wenn ein Unzufriedener hetzt, indem er die Rciehsvcrtrctung als „hochstaplerisch" bezeichnet! Wenn die verschiedenen (iruppen ihr unbedingt den Stempel ihrer eigenen Auffassung von der Lage und der möglichen Lösung aufzudrücken trachten! Jeder, der sich verantwortungsvoll für die Zukunft von Juden und Judentum einsetzen will, muß wissen, daß heute nicht die Zeit ist, die Hegemonie einer Gruppe erzielen zu wollen. Wir brauchen alle und jede Richtung zum gemeinsamen Werke, sofern es ihnen nur Ernst ist um die Erhaltung des Judentums und seiner Träger. Jede jüdische Richtung hat ihre Kraft, mit der sie wertvoll, ja unerläßlich für das Ganze des jüdischen Seins ist: Orthodoxe und Liberale, deutschjüdisch und nationaljüdisch Fühlende, sie alle gehören zu unserer Einheit, jede hat ihre Teilaufgabe, ihr aller jüdischer Wille muß willkommen geheißen werden, weil nur in solchem Zusammenstehen des Judentums Bestand gesichert wird. Ob in einer Kulturarbeit das Schwergewicht auf die Vereinigung von Juden, auf die Wahrung jüdischen Gemeinschaftswillens gelegt wird oder ob die Betonung jüdischen Kulturinhalts in den Vordergrund gerückt wird: wir brauchen dies und benötigen das; für jenes wie für dieses sind jüdische Kräfte erforderlich, die daran mitschaffen und daran mitgenießen wollen. Nur eines ist zu bekämpfen: die Gleichgültigkeit. Wer heute noch nicht erfaßt hat, daß niemand abseits stehen darf, wer heute noch jammert, wenn die Gemeinschaft ein Opfer von ihm fordert, wer heute noch glaubt, daß er sich abgesondert halten kann, dem mag deutlich gemacht werden, daß er nicht wagen soll, von der Gemeinschaft Schutz und Hilfe zu erwarten, falls er ihrer bedürfen sollte. Aber alle anderen, alle, die, von welchem Standpunkt auch immer, beitragen zum Bau am jüdischen Hause, müssen mit warmer Freude herangezogen werden als Mitstreiter um unsere Zukunft. Es ist heute nicht die Zeit, einer Gruppe zu neiden, wenn sie erfolgreich eine jüdische Arbeit einleitet. Es ist heute nicht die Zeit, Konkurrenzen zu betreiben, damit einer Gruppe nicht etwa ein Erfolg beschieden sei, den eine andere einheimsen könnte. Es ist heute allein die Zeit dafür, jede jüdische Tat dankbar anzuerkennen und sie zur Weiterführung aufzumuntern. Denn nur so kann die Schwere der Erschütterung ausgeglichen werden, die wir Juden in Deutschland erleben mußten. Viele, viele Juden, die abseits standen, haben den Weg ins Judentum beschritten. Bittere Worte hören wir von ihnen, bittere Worte schwerster Enttäuschung über die Zerrissenheit in unseren eigenen Reihen. Viele willige Kräfte prallen zurück, weil sie entsetzt sind über den Egoismus der Gruppen und manchen Ausfluß von persönlichem Ehrgeiz, der der Sache des Judentums nicht dient, der ihr vielmehr innerlich nicht zu verwindenden Schaden zufügt, und die Vertretung unserer Interessen nach außen lähmt. Die (iruppen und Richtungen im Judentum sind notwendigerweise da. Sie entspringen der Vielgestaltigkeit des menschlichen Denkens und Wollens. Aber jede verliert ihre Daseinsberechtigung, die glauben wollte, daß sie allein die Zukunft des Judentums bestimmen könne. Nur in ihrem Zusammenwirken, im einträchtigen Nebeneinander, das jede jüdische Bereitschaft anerkennt und vertiefen möchte, wird das Ganze des Judentums bestehen. Nur darin wird das Vertrauen der Juden in ihre Zukunft begründet. Nur dann kann der Tag der Freiheit wirksam vorbereitet werden, s<> wie Matche und Aharon erst vor den Pharao treten konnten, als das Volk vertraute. Jüdische Zeitschau. Sicherunj; der Sterbegeldansprüche jüdischer Kriegsopfer. Nach langen Verhandlungen der Kriegsopferabteilung des Reichsbunde-, jüdischer Frontsoldaten mit der Nationalsozialistischen Kricjjsopferversorgung und der Allianz- und Stuttgarter Lehcnsvcrsicheruugsbank A.G. ist am 15. März zwischen diesem Institut und der Naüjonaläo/ialistischen KfiegsöpfervcrsGrgung eine Abmachung zu standegekommen, der auch der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten beigetreten ist und durch die die Sicherung der Sterbegeldansprüche jüdischer Kriegsopfer ermöglicht wird. Danach können die Sterbegeldverskherungen, die militärische Personen am 1. März 1933 bei einem gleichgeschalteten Kriegsopferverbande hatten, von der Allianzunil Stuttgarter Lebensversieherungshank übernommen werden, falls sie durch den Reichsbund jüdischer Frontsoldaten in den neu abzuschließenden Vertrag überführt werden. Die Nachzahlung von Beiträgen, die aus technischen Gründen an die NSKOV nicht ordnungsgemäß entrichtet werden konnten, wird bis zum 30. Juni 1934 gestattet. Über Einzelheiten der Abmachung geben die Ortsgruppen des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten Auskunft. Unsere Gemeinde. Die Jüdische Jugendhilfe E.V. (Berlin-Charlortenburg, Bleib treustr. 50) organisiert die Übersiedlung jüdischer Jugendlicher aus Deutschland nach Palästina. Die Palästinaregierung hat vor kurzer Zeit 350 Jugendzertifikate zur Verfügung gestellt, von denen noch ca. 35 frei sind. Die Zertifikate müssen namentlich bis Ende April beantragt werden, während die Alijah erst im Laufe des Jahres vor sich gehen wird.

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