Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 13 (30.3.1934)
- Date
- 1934-03-30
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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8.4.»*-; " Auflage 4250 Stück (Bemetoö cblatt DER ISRAELITISCHEN RELIGION SGEMEIN DE ZU I Jtl Z)7\Clm AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT LL I iL I \7 DER GEMEINDEVERWALTUNG» Si hrlftleltung: Oemeinderabbiner Gustav Cohn Leipzig % aller BlUmel-Str. 10. - Nachdruck nur mit Quellenin^abe und mit Genehmigung des Verfassers gestattet Nummer 13 ■ Jahrgang 10 30. März 1934 Anzeigenannahme! E. Qoldfrcund, Leipzig 05, Cichoriusstralie 2a, Fernsprecher Nr. 60771 Druck: Druckerei der Werkgemeinschaft, Leipzig C 1. Miteinander oder Gegeneinander? Zum Pessachfeste. Von Rabbiner Gustiv Cohn. Die Reichsvertretung der deutschen Juden verlautbart: In einem 1 dl der jüdischen Presse finden sich in den letzten Tagen Erörterungen über den Aufgaben kreis der Reichsvertretung und über die Zusammenarbeit der verschiedenen Organisationen mit ihr. In Übereinstimmung mit unseren Feststellungen in der Sitzung des Beirats der Reichsvertretung am 11. Februar 1Q34 erklären wir dazu folgendes: Die Reichsvertretung ist nach dem Willen und nach den! rklärungen aller Beteiligten als Gesamt Vertretung der deutschen Juden nach innen und nach außen ins Leben getreten. Diese \ufgabe hat sie seither verfolgt und wird sie weiter verfolgen. Sie nthält sich jeder Einwirkung auf das religiöse Gebiet im engeren Sinne und sie will nicht eine Uniformierung der Weltanschauungen innerhalb des deutschen Judentums. Aber sie läßt sich ihre Zuttändigkeit von einzelnen jüdischen Gruppen und Organisationen nicht beschränken, insbesondere nicht auf das rein wirtschaftliche nid wirtschaftspolitische oder soziale Gebiet, auf dem schon vor ihr der ihr jetzt angegliederte Zcntralausschuß der deutschen Juden für Hilfe und Aufbau tätig gewesen und seither tätig geblieben ist V ielmehr sieht die Reichsvertrctung ihre Hauptaufgabe in der einheitlichen Arbeit nicht nur für die wirtschaftliche, sondern auch für die politische, rechtliche und kulturelle Stellung der deutschen ludenheH, also namentlich auch im Verhältnis zur Umwelt, zum euttchen Volk und deutschen Staat. Trotz der Verschiedenheit der religiösen und weltanschaulichen Richtung soll, kann und uil? diese Einheit an die Stelle zersplitterter und deshalb unwirksamer Tätigkeit einzelner Gruppen treten. Diese Zielsetzung kam nter anderem zum Ausdruck in dem Aufruf, den die Rcichsvcrtvtung alsbald nach ihrer Gründung im September IUI) an die lutschen Juden gerichtet hat und in dem es u. a. heißt: Ehe Mosche und Aharon vor den Pharao traten, um von ihm die Freilassung Israels zu fordern, versammelten sie „die Alten der "line Jillracls, und Aharon redete alle die Reden, die ER zu Mosche geredet hatte, und er tat die Zeichen vor den Augen de» Volks. Und das Volk vertraute". So lautet in der kennzeichnenden ignanten Kürze der biblische Bericht. Wer die Schrift zu lesen u'iß, bemerkt, daß hier nur der Beginn und der Erfolg einer gewiß mühevollen und nicht in einem Augenblick sich durchsetzenden Arbeit am Volke angedeutet ist: sie sprachen zunächst >ui den Mten, erwiesen ihre Berufung dann vor dem Volke und weckten " das Vertrauen des Volkes. Die Alten, die durch die Leiden langer Zeiten Gegangenen, mit ■ ' Ii Qualen aller und mit eigenen Bedrängnissen Ringenden und ^och durch die Jahre Gereiften und Abgeklärten mußten als erste leuen Mut, neue Zukunftgewißheit schöpfen. Von ihnen gingen dann die Strahlen neuer Zuversicht in die Massen der Stämme, der Geschlechter und Familien, um das Erscheinen der Befreier vor dem Volke vorzubereiten. Die Massen, denen die Geißel der I ronvögte, die Aussichtslosigkeit der Lage die Stumpfheit auf- „Jede Organisation und jeder Verband sollen in ihrer Lebenskraft und in ihrem Aufgabenkreis anerkannt sein, aber in allen großen und entscheidenden Aufgaben darf es nur die eine Gemeinschaft, nur die eine Gesamtheit der deutschen Juden geben." . . . „Eigene Oedanken, eigene Aufgaben zu verwirklichen, ist uns nur auf einem Gebiete, aber einem entscheidenden gewährt, auf dem unseres jüdischen Lebens und unserer jüdischen Zukunft. Hier sind die bestimmtesten Aufgaben gestellt." Diese Linie ist vom Ausschuß, in dem sämtliche großen Organisationen der deutschen Judenheit, der Central-Vercln deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten, die Zionistische Vereinigung, der religiöse Liberalismus und die Orthodoxie vertreten sind, in voller Einmütigkeit festgehalten worden, so im Aufruf zum Volksentscheid vom 12. November 1933, wie in den au die Reichsregierung gerichteten Eingaben, und wir sind darin aufs nachdrücklichste bestärkt worden durch die von Vertretern aller Richtungen im Beirat beantragte und einstimmig angenommene Entschließung, in der gesagt wird: „Alle Kräfte nuissen dem einen Ziel dienen, daß jeder deutsche Jude im Vaterlande nicht nur seinen Lebensraum findet, sondern seine jüdische Oberzeugung auch offen und frei bekennen und betätigen kann." . . . „Einer würdigen Zukunft des g a n z e n deutschen Judentums soll unsere Arbeit gewidmet sein!" Die Reichsvertretung ist nicht gewillt, von dieser Zielsetzung etwas aufzugeben. Sie weiß die erdrückende Mehrheit der organisierten und nicht organisierten deutschen luden hinter sieh, wenn sie die Führung des deutschen Judentums fest in der Hand behält und gegen alle Versuche der Spaltung durchsetzt. geprägt hatte, mußten aus Lethargie und Verzweiflung gerüttelt werden, um vor allein den W illen zur Befreiung wiederzugewinnen. Es war sicherlich eine ungeheure Aufbauarbeit erforderlich, mit mannigfachen Rückschlägen, die anfängliche Fortschritte wieder störten. Es bedurfte sicherlich einer uuentwegten, rielaicheren, durch keine Schwierigkeit abzubringenden Erziehung, ehe gesagt werden durfte: Das Volk vertraute. Denn e> ging ja um nielits Geringeres, als daß die „Kinder Israel" ein Volk wurden. Die Massen zusammengeschweißt zur Einheit. Oeeint im Bewußtsein der Gebundenheit, der schicksalhaften Verkettung. Oeeint im W illen, als Volk die Freiheit zu erobern. Und im klaren darüber, daß ein so bedeutungsvolles Ziel nie erreicht werden würde, wenn nicht eine geschlossene Bereitschaft für dieses Ziel wirke, wenn nicht die natürlichen Verschiedenheiten in Temperament, Auffassung, Anschauung sicli abschliff cu vor der Notwendigkeit Zusauiiilcuzustehen. Ehe nicht all das erreicht war, konnten keine zur ErlöMinn führenden Schritte eingeleitet werden. Da erst konnten Mosche und Aharon vor den Pharao treten.