Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 12 (23.3.1934)
- Date
- 1934-03-23
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 QEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIOIONSOEMEINDE ZU LEIPZIG 23. März 1934 aucli in diesem jugendfrischen Lande die Schönheit der Frau ihre Rolle spielt. Der wirtschaftlich Interessierte findet Diagramme und lebensnahe Statistiken über alle wichtigen Gebiete des Handels und der aufblühenden Industrie, der Wissenschaftler kann sich den Kaum betrachten, der dem palästinensischen Bildungswesen gewidmet ist, und wen die körperliche Ertüchtigung der Jugend interessiert oder die Ausfüllung der Mußezeit, dessen Wissensdurst wird auch darin befriedigt werden. Einen Ruhepunkt /wischen den Räumen pulsierenden Lebens bildet der Gedenksaal für die grollen Toten der Zionistischen Bewegung, der uns für eine Minute in weihevolle Stille hüllt. Mehr historisches Interesse beansprucht der Teil der Schau, der die Arbeit f ü r Palästina veranschaulichen soll. Uns Leipziger geht besonders die Dokumcntenlimmlung der Leipziger Zionistischen Vereinigung an. Originell ist dann noch die Darstellung der Keren Kajemcth-Sammlung: Jeder Pfennig, jede kleine Münze bringt neuen Boden und neue Frucht Ein Verkaufsstand palästinensicher Erzeugnisse schließlich hält lebensfrischere Symbole feil als es die Blumen aus dem Heiligen Lande waren, die in dem vergilbten Gebetbuch zu Großmutters Zeit trockneten. Bei der Eröffnung am vergangenen Sonntag waren eine jjroßc Anzahl Honorationen der Leipziger Gemeinde zugegen. Im Mittelpunkt der von Chorgesängen der zionistischen Jugend umrahmten Feier stand die Begrüßungsansprache des Vorsitzenden der Leipziger Zionistischen Vereinigung Dr. Löbenstein, de vor allem den Herren Dank sagte, die sich um das Zustandekommen der Ausstellung in Leipzig bemüht haben. Er wies darauf hin, dal) die Ausstellung gerade in die Zeit der Pessach-Aktion falle und für diese einen Aufruf darstellen solle. Gemeindevorsteher Carl Goldschmidt brachte den ürul) der Leipziger Judenhcit und Herr Asael ben David den QruB der palästinensischen Juden, insbesondere der chaluzischen Jugend. Herr Dr. Mechner (Berlin), der Vertreter der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, gab einige Erläuterungen und nahm dann die erste Führung durch die Ausstellungsräume vor. £. Jüdische Zeitschau. Befreiung jüdischer Schüler vom Schulbesuch an Sabbath- und jüdischen Feiertagen. Die Frage des Schulbesuchs jüdischer Kinder an Sabbat- und jüdischen Feiertagen wurde für das ganze Reich durch einen vom Reichsinnenminister an die Unterrichtsvcrwaltungen der Länder gerichteten Erlaß einheitlich geregelt, in dem es heißt: „Unter Bezugnahme auf die Verhandlungen des Ausschüsse» für das Unterrichtswesen am 17. November v. J. ersuche ich, für den Schulbesuch jüdischer und adventistischer Kinder an den Feiertagen und am Samstag folgende einheitliche Regelung durchzuführen: Die jüdischen Schüler können am Neujahr zwei Tage, am Versöhnuiigstag einen Tag, am Lauhhüttcnfest zwei Tage, am Be- SChlußfesl zwei Tage, am Passahfest die zwei ersten und die zwei letzten Tage und am Pfingstfest zwei Tage dem Unterricht fernbleiben. An den gewöhnlichen Samstagen können die jüdischen und adventistischen Schüler auf Ansuchen der Erziehungsberechtigten ganz oder für die Stunde des Gottesdienstes vom Schulunterricht befreit werden. Wer hiervon keinen Gebrauch macht, muß am gesamten lehrplanmäßigen Unterricht, auch im Zeichnen, Schreiben, Handarbeit und Werkunterricht teilnehmen. Für die aus derartigen Versäumnissen entstehenden Folgen kann die Schule keine Verantwortung übernehmen." „Kulturbund" als Reichs/.entralstelle jüdischer Kunstpflege. Auf der ersten großen Wcrbevcranstaltung des „Kulturbundes deutscher Juden", die am IS. März im Frankfurter Saalbau stattfand, gab der Präsident des Kulturbundes Dr. Kurt Sjnger bekannt, daß soeben diu Zentralisierung der jüdischen Kulturarbeit im „Kulturbund" durch Theaterkammer und Staatspolizei g e n e Ii m i u I w urde. In einem Gespräch mit dem JTA-Vertreter erklärte Dr. Singer, daß nach dieser staatlichen Anerkennung die Schaffung mehrere linterzentralen im Reich (Zweigstellen) für Preußen, Ostpreußen usw. geplant sei. Jetzt erst sei der Weg /u einem ökonomischen Austausch von Kräften und Erfahrungen frei geworden; doch solle durch die organisatorische Vereinheitlichung die autonome Verwaltung der einzelnen Kulturbünde nicht angetastet werden. In seiner Anspreche schilderte Dr. Singer in großen Zügen die ideellen und erzieherischen Aufgaben des Kulturbundes. Das let/te Jahr habe die deutschen Juden gezwungen, Farbe zu bekennen. Es gelte, geläutert durch die Erfahrungen des Leidens, als Juilen. als Deutsehe und als Menschen für kommende Generationen aufzubauen. Zivilisation gebe Interessengemeinschaft, Kultur aber Oesinnungsgemeinschaft Sehr scharf wandte sich Dr. Singer gegen die von einzelnen Zeitungen an der Arbeit des Kulturbundes geübte Kritik. Er forderte das Publikum auf, gegen solche „Störungen" Stellung zu nehmen. Die Rede klang in einem Appell zur Einigkeit aus. Jüdische Familienforschung. Der JTA. wird geschrieben: In nunmehr zehnjähriger Arbeit ist es der Gesellschaft für jüdische Familienforschung gelungen, rund ein halbes Tausend Mitglieder zu gewinnen. Die Veröffentlichungen umfassen bis jetzt 34 Hefte ihrer „Mitteilungen", die überall, wohin sie gelangt sind, in jüdischen wie nichtjüdischen Kreisen, stets regstes Interesse erweckten. Die Ereignisse des letzten Jahres haben breite, dem Judentum fast entfremdete Schichten, zur Selbstbesinnung und zu einem früher ungeahnten Wiedererwachen des Familiensinns geführt und damit zur Beschäftigung mit der Familiengeschichte und der Familien- Yirschung. Über alles Erwarten groß ist die Zahl der Stammtafeln, Chroniken und Aufzeichnungen. Mehrere Hundert sind schon schon im Archiv der Gesellschaft zusammengebracht. Es ist aber deren Bestreben, alles lückenlos zu vereinigen, was in den jüdischen Familien vorhanden ist. Bei einer Verflechtung und Versippung der Familien kann genealogische Arbeit nie isoliert von Einzelnen getrieben werden, sondern nur in organischer Zusammenarbeit! Die Gesellschaft für jüdische Familienforschung (Berlin W9, Tirpitzufer 12) bittet daher alle Besitzer von Stammtafeln, Chroniken usw. um Übersendung eines Exemplars. Sic erklärt sich gerne bereit, für Interessenten, die für die Arbeit nicht selber Zeit und Gelegenheit haben, gegen mäßiges Honorar Nachforschungen, sowie die Aufstellung von Vor- oder Nachfahrentafeln zu übernehmen. Unsere Gemeinde. Israelitischer KrankenunterstOtzungsverein „Bikur Cholim" E.V. Der Vorstand des „Bikur Cholim" versendet an seine Mitglieder einen Aufruf, worin er bittet, angesichts der ungeheuren Not die rückständigen Mitgliedsbeitrage für die zweite Hälfte 1933 mit RM. 3.- und für die erste Hälfte 1934 mit RM. 3.- baldigst an den Verein zu überweisen. Er gibt der Erwartung Ausdruck, daß darüber hinaus mit Rücksicht auf die allgemeine große Not außer den Beiträgen auch besondere Spenden überwiesen werden. In sämtlichen Vc reinsangelegenheitcn ist die Geschäftsstelle: J. Hönigsberg, Leipzig C 1, Brühl 14—16, Tel. 236 16. Bei dringenden Fällen bittet der Vorstand sich zu wenden bei Darlchensangelegenheiten an J. Hönigsberg, Leipzig C 1, Brühl 14—16, Tel. 326 16, sowie N. Frankel, Nikischplatz 3, Tel. 273 82; Krankheitsfällen an L. Rubinstein, Leipzig 0 5, Bussestr. 3, Tel. 157 75, Lsowie M. Monderer, Leipzig, Alfred Kindler-Straße 34; Untcrstützungsangelegenheiten an J. Hönigsberg: Leipzig C1, Brühl 14 bis 16, Tel. 236 16, sowie H. Seiinger, Leipzig C 7, Gerberstr. 19 bis 27, Tel. 265 86. Jüdischer Frauenbund, Ortsgruppe Leipzig. In einer sehr stimmungsvollen Veranstaltung, die am Dienstag, den 13. ds., in den Räumen der Leipzig-Loge stattfand, suchte der Jüdische Frauenbund, Ortsgruppe Leipzig, seineu Mitgliedern Gedanken und Brauchtum des Pessachfestes nahezubringen. Eine mit erlesenem Geschmack gedeckte Sedertafel zeigte, wie altjüdiseher Brauch mit dem ästhetischen Empfinden des modernen Menschen zu einer Einheit werden kann. Interessante Haggodoth, Becher, Sederplatten, Kissen, Decken von künstlerischem Wert ergänzten die Schaustellung. Frau Else Cohn wies auf die Bedeutung des jüdischen Kultgeräts als äußeres Charakteristikum des jüdischen Hauses hin. Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand ein Vortrag von Frau Anna Neumann, in dem sie über den Sinn der einzelnen Pessachbräuche und über die Bedeutung des Pessachfestes sprach. Aufführung der Revue „Jeder einmal in Erez Israel". Sonntag, den IS. ds. Mts., fand vor völlig ausverkauftem Hause im großen Saale des Städt. Kaufhauses die Aufführung einer Purimrevue in neun Bildern „Jeder einmal in Erez Israel" statt. Diese von Mitgliedern der Chemnitzer Zionistischen Ortsgruppe (M. Hermann, M. Gewürz, Dr. Kamnitzer, Dr. Koch mann, H. Horn) selbstvei fußte, selbst inszenierte und selbst vertonte Revue war die schönste und stimmungsvollste Veranstaltung des ganzen Winters. Die Revue führt in humoristischer Weise durch Palästina. Wir machten die ganze Reise auf dein Schiffe mit, landeten in Haifa, besuchten die Kolonien, belauschten Kinder in einer Geographiestunde in Ben Schemen und Chaluzim in einer Kwu/ah. Ergötzliche Szenen auf dem Dampfer I.Klasse wechselten mit hebräischen Liedern und Horratinzen in der III. Klasse ab, ohne daß dabei die ernsten Probleme des Autbaues in brez Israel außer acht gelassen wurden. Die von Dr. Gerendasi komponierten Chöre und Lieder insbesondere die Orangensongs und Pardess-Schlager trugen außerordentlich zum Gelingen des Ganzen hei. Die Biihncnmalcrcien und Dekorationen waren von hervorragender Wirkung und sind von Fräulein Pinkutt und ihren Mitarbeitern geschaffen. Die Inszenierung aller Szenen lag in den H:im|en des bewährten Re<»isseurs Erich. Mora! vom Städt. Schauspielhaus Chemnitz. Es wurde mit einer solchen Liehe und Lebendigkeit von den Mitwirkenden (lauter Amateure) gespielt, daß das Publikum vom ersten Moment an gepackt und mitgerissen wurde. Außer der wundervollen Stimmung, die dieser Abend dem Leipziger Publikum und den zahlreichen Gästen der Provinz brachte, war die propagandistische Wirkung dieser Aufführung eine außerordentliche, weil in lebendigster anschaulicher