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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1934-03-02 · 9 (2.3.1934) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
10 (1934)
Issue
9 (2.3.1934)
Date
1934-03-02
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 ul MLiNDt BLATT DER ISRAELITISCHEN RELlülONSüEMEINDE ZU LEIPZId 2. März 1934 Und nun hat lieh die I berzeugung durchgesetzt, daß die Zukunft der Juden in Deutschland auf keinem anderen Wege sicher« gestellt werden kann, ob man dabei an eine Auswanderung nach Palästina oder nach anderen Lindern oder an ein Verbleiben in Deutschland denkt. Die Notwendigkeil der Umschichtung steht nicht mehr in I rage. Aber es sprechen noch vielerlei Anzeichen dafür, dali nicht Überall, WO man sie anerkennt, auch eine innere Oberzeugthert dahintersteht. Allzu viele, die im Strome der Umschicht- Kr mitschwimmen, tun es nur angesichts des äußeren Zwanges, der ihnen keinen anderen Ausweg zeigt. Da der Zugang zu so vielen der früher bevorzugten Berufe versperrt ist, beugen sie sich; im Herzen aber nähren sie die Hoffnung, daß die zurzeit geschlossenen Tore später oder früher wieder aufgemacht werden. Es soll in diesem Zusammenhange gar nicht die Berechtigung solcher Qedanken untersucht werden. Daß mc für die nächste Zukunft eitel sind, müßte wohl nachgerade jeder eingesehen haben, der nicht Vogel-Strauß-Politik treibt. Aber ebenso klar müßte auch die Einsicht herrschen, daß eine Umschichtung zwecklos bleiben muH. hinter der nicht eine vollwertige innere Bereitschaft seht. In keinem Berufe können wirkliche I eistungen erzielt werden, wenn er nicht mit der vollen Hingabe der Person betrieben wird. Und darüber kann niemand im Zweifel sein, daß heute nur derjenige seine Zukunft testigen kann, tlcr, in welchem Berufe auch immer er steht. Bestes leistet. Sachkenner werden nicht müde, darauf hinzuweisen, dali auch heilte noch in den verschiedensten Berufszweigen Kräfte, die ihr 1'ich nach jeder Richtung beherrschen, gesucht werden. Nicht selten geraten die in der sozialen Arbeit Stehenden in Verlegenheit, wenn sie von offenen Stellen hören: es fehlen die Bewerber, die den Anforderungen genügen. Das gilt in gleichem Malle für da> Aliswie für das Inland. Es fehlt vielfach an tüchtig durchgebildeten Facharbeitern, an Handwerkern, die ihr Fach ordnungsgemäß erlernt und mit den erforderlichen Zeugnissen der Innungen ausgestattet sind. Viel zu wenige haben sich den Meisterprüfungen unterzogen und damit die Berechtigungen erlangt, die gerade heute besonders zustatten kommen könnten. Qründlichc I achausbiklung wird in Zukunft in noch höherem Malle unbedingtes Erfordernis sein. Darum kann nicht eindringlich genug vor unzureichender Ausbildung gewarnt werden. Jedermann ist darüber unterrichtet, welche Schwierigkeilen der l rlangung einer allen Anforderungen entsprechenden Lehrstelle entgegenstehen; und keineswegs etwa nur bei uns Juden. Das darf aber nicht dazu verleiten, in den Bemühungen zu erlahmen. Die letzten Möglichkeiten müssen versucht werden; auch hier tuiirt Beharrlichkeit öfters zum Ziel. Und soweit irgend möglich, soll die eingehendste Ausbildung angestrebt werden. Die Kurs- ■ushildung, die heute vielfach vorgenommen wird, ist gewiß für \iele der einzige Weg. in einen neuen Beruf zu kommen, besonders dann, wenn sie nicht viel Zeit verlieren können. Sie bietet manchem auch so viel, daß sie einer langwierigen Lehre vorzuziehen i-t. dann nämlich, wenn der Lernende Oeschicklkhkeit, Auffassung und Fleiß in solchem Mall mitbringt, dall die straffe Zusammenfassung und die Intensität der Unterweisung ersetzt, was sonst durch längere l billig erzielt wird. Dennoch sollte grundsätzlich die Kurzausbilduug nur Notbehelf bleiben und überall da, WO es möglich ist. die gediegendste Erlernung des Ladies als W eg zum Erfolg angestrebt werden. Oanz besonders sollte für Umschlchtler jüngeren Alters nichts unversucht bleiben, um ihnen auf diese Weise ein Hineinwachsen in den Beruf zu sichern: Die Sicherheit, die allein durch die Obung erlangt wird, und die Reife sind unerläßliche Vorbedingungen für den Erfolg. Treibende Kraft bei allen Bemühungen um den Beruf muß immer wieder die Oberzeugung bleiben: nur beste Leistung wird sich durchsetzen, und beste Leistung erzielt nur, wer sich in seinem l ache die solidesten Kenntnisse und Fähigkeiten aneignet. Line sehr wesentliche t rage bei der Umschichtung verdient grollte Beachtung, weil sie auf Gefahren aufmerksam macht, denen rechtzeitig begegnet werden muH: in welche Berufe sollen die Juden nun hineingehen? Die Frage ist nicht so sonderbar, wie es scheinen mag. Denn es gewinnt den Anschein, als ob sich eine neue V'ereinseitigung vollzieht, nur dali sie das dem früheren entgegengesetzte Extrem verfolgt. Es ist kaum noch möglich, jüdische Lehrlinge für kaufmännische Lehrstellen zu interessieren. So falsch es früher war. daß nur eine verschwindend kleine Zahl von Juden sich dem Handwerk zuwandte, so wenig sollte man heute in den I ehler verfallen, sich nun ganz und restlos dem Handwerk zu verschreiben. Ein so hervorragender Sachkenner wie Adler-Rudel, der Leiter der Arbeitsgemeinschaft jüdischer Arbeitsnachweise in Berlin, hat jüngst in einem Vortrage in Chemnitz seine Ansicht dahin ausgesprochen, dali 20" n der Berufsuchenden auch künftig noch in kaufmännischer Tätigkeit ihre I \istenz finden dürften. Es gibt junge Leute, die eine ausgesprochene Eignung und Neigung für das Kaufmännische besitzen: sie sollten die Gelegenheit, eine Ausbildungsstätte zu erlangen, nicht von sich weisen. Auch sonst mult vor Einseitigkeit gewarnt werden. Die allzu grolle Neigung, das zu tun, was der Freund tut, verleitet dazu, daß nun wieder einzelne Fächer bevorzugt werden, statt dali eine weitgehende Spezialisierung eine recht vielseitige Mannigfaltigkeit der Berufsbetätigung herbeiführt. Daß dadurch die Unterbringung der einzelnen wesentlich erleichtert würde, bedarf keiner Betonung; das Hineindrängen in einzelne bestimmte Fächer würde wiederum, wenn auch in veränderter Form, eine falsche Berufsverteilung zur Folge haben. Darum soll auch vor einer Schcnutisicrung in den künftigen Berufen der Juden gewarnt werden. W ie in anderen Beziehungen soll auch die I rage der Berufs- Umschichtung durch ruhige Betrachtung in die rechten Bahnen gelenkt werden. Jedenfalls verdient auch die andere Äußerung Adler- Rudels Beachtung: im allgemeinen brauche man nicht zu verzweifeln: wer gut ausgebildet ist, finde Arbeit, hier wie dort, im Inland wie in Palästina und in anderen Ländern. Rabbiner Gustav (John. Wer seinen Gemeindebeitrag von 3 RM noch nicht bezahlt hat, hole dies schleunigst nach. Die Gemeindekasse ist geöffnet von 9- 1 Uhr. Postscheckkonto Nr. 50533. Unsere Gemeinde. 3. Gemeindeabend. Der ). Gcmeindeabendi der am 2o. Februar IQ-il in der überfüllten Ez-Chaitn-SynagOge stattfand, brachte einen Vortrag von Gemeinderabbiner Dr. Jacob Hoffmann, Frankfurt a. M. über das Thema: „Palastina und die jüdische (iemeinde". Der Redner gab zunächst einen Ruckblick über die letzten I5Ü Jahre judischer Geschichte, deren Ertrag er als betrübend und vielfach auch beschämend bezeichnete. Wenn man auch diese Epoche das goldene Zeitalter der Emanzipation nenne, das judische Minner hervorgebracht habe, die für ihr Heimatland Großes zu leisten vermochten, übriggeblieben sei schließlich doch nur eine an Körper und Seele kranke Judenheit - im Osten eine proletarisierte, unter wirtschaftlichem und politischem Druck stehende judische Bevölkerung, in den westlichen Lindem, und nicht zuletzt in Deutschland, die verletzte jüdische Seele, die durch die Assimilation ausgehöhlt und entjudet sei. Mit der Emanzipation habe dieser Zersetzungsprozell begonnen. Untergang des jüdischen Selbstbewußtseins und damit Taufe, Mischehe, Ehelosigkeit, (ieburtenrückgang seien die Folgen der Gleichberechtigung der Juden gewesen. Die Tragik des Oeschehens aber sei, dall alle Opfer umsonst gebracht worden sind, denn „die Flucht vor dem Jude-sein war keine Flucht vor dem Judenschicksal". Aus diesen geschichtlichen 'Tatsachen — so führte der Redner aus - müssen wir die Konsequenzen für die grollen Autgabcii der Jetztzeit ziehen. Ein groller Teil der deutschen Juden muH sich in anderen Ländern neuen Lebensraum suchen. In den wen!-

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