Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 8 (23.2.1934)
- Date
- 1934-02-23
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seile 2 üEMEiNDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Das Programm der Reichsvertretung Von Dr. Otto Hirsch. Im I ebruarheft der Zeitschrift „Der Morgen" veröffentlicht der Vorsitzende des Ausschusses der „Reichsvertretung der deutschen Juden" einen Aufsatz, worin er darlegt, wie die Reichsvertretung ihre Aufgabe auffaßt. Wir geben den Hauptteil dieser Ausführungen nachstehend wieder. Die Schriftleitung. Die Aufgabe, der sich die Regierung mit tiefem Ernst und sichtbarem Erfolg widmet, den deutschen Individualisten /um Dienst an der Gemeinschaft zu führen, gilt erst recht für die deutschen Juden, die sieh in der Emanzipation nicht nur druckender Fesseln, sondern auch wertvoller Bindungen entledigt hatten. Der eigentliche Ort praktischer Gemeinschaftsarbeit aber ist für den Juden die Gemeinde. Ihre Erhaltung, ja ihr Ausbau ist deshalb nicht nur vom religiösen, sondern auch vom staatlichen Standpunkt aus von der größten Bedeutung. Da/u ist aber Vorbedingung, daß nicht über die Gesetzgebung des letzten Jahres hinaus und eistgegen vielfachen Willensäußerungen maßgebender Stellen den Juden immer wieder die wirtschaftliche Betätigung als Arbeitnehmer und Arbeitgeber erschwert, in manchen Reichsteilen und Wirtschaftszweigen gerade/u unmöglich gemacht wird. I >ic bisherige, durch die geschichtliche Entwicklung mitbedingte Berufsschichtung der deutschen Juden, ihr Oberwiegen in den geistigen Berufen und in den Großstädten war ungesund. Die deutsche Judenheit ist mit allem Nachdruck bemüht und ihre Jugend ist bereit zur Änderung dieses Zustands, /um Obergang auf körperliche Arbeit. Soll sie Erfolg haben, soll ihrer Jugend überhaupt noch eine Zukunftshoffnung, ilie Hoffnung auf Arbeit bleiben, so muß ihr in angemessener Weise Ausbildung und Eingliederung in Arbeiterschaft, Handwerk, Land- und Forstwirtschaft ermöglicht werden Gleichwohl wird eine Anzahl deutscher Juden keinen Lebensräum mehr in Deutschland finden und auswandern müssen. Dal) diese Auswanderung planmäßig vorbereitet und geregelt werde, ist ein Erfordernis ebenso des deutschen wie des jüdischen Ansehens, und die Unterstützung der Arbeit der hierzu berufenen Organisationen für die Auswanderung nach Palästina und anderen Landern durch die Reichsregierung ist in hochstein Maße erwünscht. Starker als wirtschaftliche Not bedrückt die deutschen Juden eine aiulere Last: der leider so oft wiederholte Vorwurf der Minderwertigkeit ihrer (iemeinschaft. ihrer Herkunft, ihres Glaubens. Der Autbau des neuen deutschen Staates auf rassisch-völkischer Orundlage mag die Betonung der Andersartigkeit der Juden gegenüber ihrer Umwelt /ur notwendigen Folge haben, ihre MinderbeWertung, ja ihre Entwertung kann keine (iemeinschaft von I hre und Selbstachtung ohne W iderspruch hinnehmen. Die deutschen Juden vertrauen ilarauf, daß der neue deutsche Staat, der seihet so viel Sinn für Ehre und Würde hat, auch ihrer kleinen Gemeinschaft dieses elementare Gefühl zuerkennt und ihre Diffamierung nicht langer duldet. Wir selbst aber werden unsere Ehre und W iirde dann am besten wahren, wenn wir nach dem geschichtlichen Sinn dieser Zeit fragen und wenn wir ihn darin finden, daß sie uns nötigt, uns auf uns selbst, auf die Werte unseres Judentums ZU besinnen, und wenn wir in uns die Kraft entwickeln, von innen heraus unserer Not Herr ZU werden. In diesen Wünschen und ihrer Begründung weiß sich die Reichsvertretung eins mit allen deutschen Juden, welcher Richtung oder Gruppe sie im einzelnen angehören mögen, wie ja auch ihre Verlautbarung nach ihrer Oründung, ihr Aufruf /ur Unterstützung Ii: Außenpolitik der Reichsregierung bei der Abstimmung vom 12. November und die von dir herausgegebenen Richtlinien iur jüdisch) Schulen allgemeine Zustimmung gefunden haben. Alb diese Akte /eigen besser als theoretische Darlegungen wie die Reichsvertretung ihre Aufgabe auffaßt. Indem sie dem Augenblick dient, sorgt sie für die Zukunft, vor allem der Jugend, deren Erziehung ihr besonders am Her/en liegt und für die sie mit dun Rekhsausschuß der jüdischen Jugendverbände eng zusammenarbeitet. Die Auswanderung betrachtet sie als einen in gewissem Umfang notwendigen und wichtigen Ausweg, aber nicht als den Weg. 23. Februar 1934 Ihr Ziel ist kraftiges und würdiges jüdisches Leben auf deutschem Boden innerhalb des deutschen Staates. Sie will — und sie kann nur Gesamt Vertretung der deutschen Juden sein. Ideologische Auseinandersetzungen sind nicht ihre Sache. Nicht die Unterschiede innerhalb der deutschen Judenheit gilt es für sie zu betonen, sondern ihre Einheit. Die verdienstvollen jüdischen Organisationen mit ihren Verschiedenheiten nach Gesinnung und Zweckbestimmung sollen bestehen bleiben, aber sie sollen sich einordnen in die Reichsvertretung /ur gemeinschaftlichen Arbeit, in der jede ihren Platz findet. Die Führung hat die Reichsvertretung. Sie fordert Vertrauen, sie verlangt Solidarität. Reichsvertretung für Einheit im deutschen Judentum Der Beirat der Reichsvertretung der deutschen Juden trat am Sonntag, den II. Februar d. J. zu seiner ersten Sitzung in Berlin zusammen. Die Verhandlungen wurden von dem einmütigen Willen getragen, der heutigen Notzeit des deutschen Judentums mit jüdischer Solidarität zu begegnen Folgende von den Herren Justizrat Julius Brodnitz, Professor Martin Buber, Dr. (ieorg Hirschland, Rabbiner Dr. Flahn-Essen, Dr. Hommei-Schweinfurt, Rabbiner Dr. Florovitz-Frankfurt Main, Albert Joseph-Landau, I lau na h Karminski, Dr. Klee, Dr. Leo Löwenstein, Korn. Rat B. A. Mayer-Mainz, Oberstlandesgerichtsrat Dr. Neumeyer, Prof. Stein-Karlsruhe, RA. Heinrich Stern, Max Warburg, Kammcrgerichtsrat Leo Wolff eingebrachte Resolution wurde einstimmig angenommen: Die Art und Weise, in der innerhalb der deutschen Judenheit in der letzten Zeit vielfach innerjüdische Auseinandersetzungen geführt worden sind, veranlaßt den Beirat der Reichsvertretung der deutschen Juden zu folgender Erklärung: Die Reichsvertretung der deutschen Juden beruht auf der Oberzeugung, daß die Gegenwart über alles Trennende im Weltanschaulichen hinweg in der praktischen Arbeit die geschlossene Einheit des deutschen Judentums gebietet. Mag diese in sich auch noch so stark gegliedert sein, keine Richtung darf hoffen, durch rücksichtslose Vertretung einseitiger (irundsätzc und Interessen auch nur so viel zu gewinnen, wie eine Zcrspaltung des deutschen Judentums der Oesamtheit, aber auch ihr selbst, schadet. Alle Kräfte müssen dem einen Ziel dienen, daß jeder deutsche Jude im Vaterlande nicht nur seinen Lebensraum findet, sondern seine jüdische Überzeugung auch offen und frei bekennen und betätigen kann. Die Auseinandersetzungen /wischen den verschiedenen weltanschaulichen Strömungen, die nicht unterbunden werden sollen, dürfen die durch die notwendige Solidarität gezogenen Grenzen nicht überschreiten. Der Beirat fordert deshalb die Reichsvertretung der deutschen Juden auf, eine Einrichtung zur Schlichtung von Streitfällen /wischen jüdischen Verbänden, Gruppen, Institutionen und Zeitungen ZU schaffen. Filier würdigen Zukunft des ganzen deutschen Judentums soll unsere Arbeit gewidmet sein! Die jüdische Kulturarbeit auf dem Vormarsch in Leipzig Als Beilage /ur Nummer 1 unseres Gi meindehlattes veröffentlichte der „Judische Ausschuß für Kunstpflege" einen Aufruf, in den er seine Arbeit und sein Ziel aufzeigt und das jüdische Publikum um Interesse und Förderung bittet. An diesem Aufruf ist nicht nur der Inhalt, es sind auch die Unterschriften bemerkenswert. Der Ausschuß — monatelang ein kleines Gremium — hat sich zu einer Arbeitsgemeinschaft aus allen Lagern und Richtungen, ZU einer fast demonstrativ wirkenden Einheitsfront aller kulturwilligen Juden. Damit ist eine Entwicklung vollzogen, die notwendig und erfreulich ist. Das künstlerische und finanzielle Risiko der ersten Veranstaltungen konnten nur wenige Menschen übernehmen, die