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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1934-02-01 · 5 (1.2.1934) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
10 (1934)
Issue
5 (1.2.1934)
Date
1934-02-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 durch erheblich stärkere Mittel notwendig, die voraussichtlich bei noch so starker Hilfe des Auslandes vom Zentralausschuß allein nicht aufgebracht werden können. Iis wird Aufgabe der jüdischen I lemefaiden sein, aus ihren Etatsmitteln unter Rückstellung anderer Aufgaben gerade der Berufsumschichtung stärkste Beihilfe zu leisten. Die landwirtschaftliche Ausbildung hängt stark von den Möglichkeiten ab, im Auslande landwirtschaftliche Lehrstellen zu linden. Die bisher in l rankreich bestehenden Unternehmungen konnten vom ZentralausschuB nicht gefördert werden, weil sie nicht den Charakter iK-1 Gemeinnützigkeit tragen. Lin mit ersten Fachleuten besetzter Siedkingsausschufi soll die Lösung des schwierigen Problems herbeiführen helfen. Außerordentlich schwierig hat sich die Frage der Geldaufbringung gestaltet. Das Ausland wird nicht mehr Im bisherigen Mafistab Geldmittel zur Verfügung stellen können; das deutsche Judentum wird die denkbar grollten Anstrengungen machen müssen, um hier seine Pflicht zu tun, und solche Gemeinden, welche bisher entweder in clor glücklichen Lage wann, ihre Steuersätze niedrig zu halten, oder vor den Notwendigkeiten ihre Augen verschlossen haben, werden nicht umhin können, friedensmäßige Steuersätze so schnell wie möglich der heutigen Notlage anzupassen Qeradi weil der ZentralausschuB diese Notwendigkeit anerkennt und den Gemeinden auch die Beihilfe von seiner Seite aus /ur Pflicht machen wird, muß er aufs schärfste gegen Bestrebungen, *\ic sie von bestimmter ausländischer Seite in Richtung auf eine Vernachlässigung der deutschen Juden gefallen sind, Einspruch erheben. Er erwartet von dem Solidaritätsgefühl der Brüder im Ausland schon deshalb Hilfe in den Grenzen des Möglichen, weil er weiß, daß die deutschen Juden in Zeiten, als sie da/u noch in der Lage waren, selbst gern und nach Kräften gegeben haben. Vor allem muH man darauf aufmerksam machen, daß selbst bei bestem Willen mit starkem Rückgang aus den Eingängen der Gemeindesteuern in diesem Jahr zu rechnen ist, wobei eine sehr vorsichtige Schätzung auf Rückgangsziffer gelangt. Die notwendigen Ausgaben werden auch auf deutsche! Seite uir geleistet werden können, wenn zweierlei berücksichtigt wird: Erstens: Das Sammlungswesen muß aufs schärfste zusammengelegt werden, für soziale, wirtschaftliche und kulturelle Gemeinschaft!- aufgaben darf es künftighin nur eine einzige Stelle geben, bei der die Mittel zusammenfließen, nämlich den ZentralausschuB für Hilfe und Aufbau. I ernei und das muH einmal ausgesprochen werden haben Anspruch auf Förderung und Unterstützung nur solche Gruppen, die auch sonst in den Qemeinschaftsaufgaben mit den anderen deutschen Juden zusammengehen. Es wird auf die Dauer unmöglich sein, und es ist auch ungerecht, Splittergruppen ZU unterstützen, die sich dem gemeinsamen Aufbauwerk nicht vollinhaltlich anschließen. Auf dem Gebiet von Kultus und Unterneht mögen derartige Sonderbestrebungen bis zu einem gewissen < Irade historisch begründet sein. I ür die Sozialarbeit aber fordert di' heutige Zeit straffste < leschlossenheit aller deutschen Juden. Aus diesen Darlegungen folgt, daß der XentralausschuH mit Rech! den Ruf nach Einigkeit im deutscheu Judentum ertönen lälit. Auch wir sind der Ansicht, dali angesichts der ungeheuren Not des deutschen Judentunis in seiner noch keineswegs gesicherten Lage ideologische Kampfe so weit wie irgend möglich zurückgestellt werden müssen, und jedenfalls muH das Hüft- und Aufbauwerk allen Bedürfnissen und Oberzeugungen Rechnung tragen. Ein Werk jüdischer Bruderliebe. Wir geben gerne nachstehenden Ausfuhrungen Raum, die uns von einer dem hiüfsverein israelitischer Gewerbetreibender nahestehenden Seite zugegangen sind. Ls ist nun schon seit Jahren cuie schöne I'innig Im I lilfsverein israel. Gewerbetreibender, dali um die Chanukka-ZeM die armen Kinder der Leipziger jüdischen Bevölkerung mit warmer w interklekhing, mit Schuhen und Wasche beschenkt werden in frühenr Zeit konnten viele Hunderte Schulkinder ohne allzu große Schwierigkeiten bekleidet werden. Aber in diesem Krisenjahr haben 1. Februar 1934 wir uns zu Beginn des Winters gefragt, ob wir wohl in solch schwerer Zeit die Mittel aufbringen werden, um auch In diesem Jahre dieses grobe Werk in Angriff zu nehmen; gehörte doch ein gewisser Mut dazu, es zu wagen. Wir muhten uns sagen, dal! mancher Spender früherer Zeit infolge der Zeitverhältnisse leider nicht mehr in der Lage sein wird, uns wieder zur Seite zu stehen, dal! andererseits aber vermutlich aus derselben Tatsache heraus der Bedarf und die Notwendigkeit der Bekleidung bedürftige. Kinder noch gröber sein dürfte als zuvor. Ls sei vorweg bemerkt, dali das grobe Wagnis gelungen ist, dank der Opferfreudigkeit unserer Mitglieder und Freunde und vor allem dank dem jüdischen Herzen, welches noch immer, ja jetzt um so stärker schlagt, wenn der Druck von außen spürbarer ist als sonst. Line Episode der Arbeit aus Anlaß der Sammlungen sei besonders hervorgehoben. Da kommt ein alter, früher reicher Mann mit einem Päckchen Wäschestücke selbst zu einem unserer Sammler. Als letzterer den Alten darauf hinweist, daß er selbst hilflos sei, vielleicht mit dieser Gabe sich selbst kürzt, bekommt er zur Antwort: „Sie werden mir doch nicht die Unehre antun, meine kleine, aber aus dein Herzen kommende Spende zurückzuweisen." Line auffallende Tatsache sei erwähnt. Unter den licsuehstcllern für Bekleidung ihrer Kinder waren verschiedene Handwerker, was uns besonders geschmerzt hat. Ls sollte in heutiger Zeil nicht sein, dal! fleißige jüdische Hände gezwungen werden zu ruhen, und es sollte nicht sein, daß noch jetzt jüdische Haushaltungen und Geschäfte arbeitsuchenden Qlaubensbrüderii die Berücksichtigung versagen, auf die sie heute mehr denn je Anspruch haben. W ie soll unseren Uegnern ilie Tatsache vor Augen geführt werden, daß wir Juden genug arbeitswillige Kräfte in unserer .Witte haben, w enn nicht durch praktische Arbeitsbeschaffung aus unsi rer eigenen Mitte? Unsere Weisen sagen: Habet Obacht auf die Kinder unserer Armen, denn von ihnen geht die Lehre aus. Wer weiß, wie viele der jetzt bedachten Kinder ihren Litern später einmal Stab und Stiitze sein werden; vielleicht wird gar manches dieser Kinder später Lehrer oder Halt seiner Zeitgenossen sein, oder doch in einem der vielen Bezirke unseres geistigen oder wirtschaftlichen I cbens. So den Ausspruch unserer Weisen verstehend, sollten wir alle es als unsere heilige Aufgabe betrachten, der gegenwärtig wirtschaftlich leidenden Jugend die Balm mit frei macheu zu helfen, damit sie den Lebenskampf bestehen kann. Lieber Leser und liebe Leserin, auch du seist hiermit befragt: wieviel hast du beigetragen zum Werk der äußerlichen Ertüchtigung unserer Jugend, zur Kräftigung der Generation, die nach uns kommen wird? Noch ist diese Tat nicht ganz vollbracht, der HHfsverebl mußte, um auch nur den unbedingt nötigen und alterdringendsten Bedarf zu decken, Schulden aufnehmen und doch sind schon an die OlK) Kinder bekleidet worden. Dal! dieser Appell nicht umsonst verhallt, sei Wunsch und Hoffnung vorstehender Ausführungen. Zum Schlüsse sei noch zur Illustration der Wichtigkeit unseres Werkes ein Auszug aus dem Briefe eines Vaters wiedergegeben. „Hiermit gestatte ich mir, für die Besehenkung meiner beiden Kindel meinen herzlichsten Dank auszusprechen. Infolge mehrjähriger schwerer Krankheit bin ich wirtschaftlich immer mehr heruntergekommen und liege jetzt schon mehrere Wochen im Kraukenhause. Ich habe es die langen Jahre vermieden, meine Kinder zur Bescherung anzumelden, aber dieses Jahr war es nicht mehr zu umgehen. Um so mehr ist es für mich eine freudige Überraschung gewesen, als mich meine Kinder besuchten und ich gesellen habe, daß sie mit dem Nötigen ausgestattet worden sind. Möge es Ihrem Verein gelingen, die schone und große Aufgabe, die er sich mit der Bescherung gestellt hat und die gerade dieses Jahr besonders hoch zu werten ist, auch noch viele Jahre durchzuführen. Mein sehnlichster Wunsch wäre es, nach so langer Leidenszeil auch einmal Spender statt Nehm er zu werden. Die unsägliche Mühe und Arbeit aller ehrenamtlich beteiligten Kräfte an dieser schönen Tat judischer Bruderliebe wäre am besten belohnt durch tatkräftige Mithilfe der bis jetzt noch Außenstehenden, die vielleicht noch gar nicht gewußt haben, was um sie h< nun vorgeht." I). St. ULM HIN DEBLATT DLR ISRAELITISCHEN KEL1ÜIONSÜEMEINDE ZU LEIPZIG

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