Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 3 (19.1.1934)
- Date
- 1934-01-19
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 GEMEIN DE BLATT DER ISRAELITISCHEN RELIQIONSOEMEINDF. ZU LEIPZIG 10. Januar 1934 der Juden in Deutschland ist besonders ausführlich darzustellen. Der Aussprache über jüdische Gegenwartsfragen ist breiter Raum zu gewähren. Das jüdische Kalenderjahr mit seinen Festen und Halbfesten, religiöse Vorschriften, Sitten und Bräuche sollen systematisch behandelt werden. Um zu vermeiden, daß die Unterrichtspensen in allgemeiner und jüdischer Geschichte in einem Jahrgang verschiedene Zeiträume umfassen, s >ll die Stoffverteilung so erfolgen, daß in allgemeiner und jüdischer Qeschichte Stoff desselben Zeitraums, aber in getrennten Unterrichtsstunden, /nr Behandlung kommen. Eine Kon entration von allgemeiner und jüdischer Geschichte (Vereinigung in der Hand eines Lehrers) oder der Fächer Biblische Geschichte bzw. Jüdische Geschichte und Hebräisch ist anzustreben. Deuts c h. Das allen deutschen Volksschulen gesteckte Ziel der sprachlichen Schulung muH auch an der jüdischen Schule erstrebt werden. Ebenso soll auch dort der Deutsehunterricht die Kinder in das ihrer Altersstufe entsprechende deutsche Schrifttum einführen. Aulier Prosa Und Gedichten aus dem deutschen Kulturkreis sollen jüdische Lesestoffe behandelt werden, seien es Werke deutscher Dichter oder aber wertvolle Obersetzungen aus dem Schrifttum biblischer und nachbiblischer Zeit. Dieses in Inhalt und Form bedeutsame Schrifttum kann nach Art der Lesebogen ergänzend neben das Lesebuch oder die etwa eingeführten Qanzschriften treten. II e i m a t k u n d e. Heimatkunde will den Standpunkt schaffen helfen, von dem aus das Kind die Welt erfahren soll. Daher muli neben dem deutschen auch das jüdische Heimaterlebnis in den heimatlichen Oesamtanschauungsunterricht einbezogen werden, um das Kind durch Vertrautwerden mit allem Jüdischen der näheren und weiteren Umgebung für eine bewußte Erkenntnis des Judentums vorzubereiten. Jüdische Zeitschau. Carl Melchior und Dr. Aby Warburg gestorben. Am 20. Dezember ist in Hamburg der Mitinhaber des Bankhauses M. Warburg Dr. Carl Melchior gestorben. Dr. Melchior war seit langem schwer her/leidend und befand sich seit Anfang des Jahres zumeist im Süden. Er ist 62 Jahre alt geworden. Am gleichen Tage verschied ein anderer Partner des Hauses M. W arburg Dr. Aby W arburg. Die Reichsvertretung der deutschen Juden w idmet Dr. Carl Melchior folgenden Nachruf: In ( arl Melchior verliert das deutsche Judentum einen seiner Führer in schwerer Krisenzeit, ohne sich um Parteiungen und Gruppierungen ZU kümmern, stellte er sich mit seinem Namen und -einer Persönlichkeit der Gesamtheit zur Verfugung, als tlie wirtschaftliche Not der deutschen Juden ZU steigen begann. Der Zeil - tralausschuß der deutschen Juden für Hilfe und Aufbau, der von Dr. Melchior mitbegründet wurde, w ar der Ort seiner w ichtigsten Mitarbeit. Nur der engste Kreis wuBte, in welchem Umfange sich Dr. Melchior ohne Rücksicht auf seine angegriffene Gesundheit hier zur Verfügung stellte. Er begnügte sich nicht, wie es s i häufig geschieht, damit, seinen in der well bekannten Namen zur Verfügung ZU stellen, obwohl schon der Name des berühmten internationalen I inanzsachverständigen für das Ansehen der neuen Zentralstelle sehr viel bedeutete. Mit einer seltenen Hereitschaft hat er auch für die Behandlung von Einzelfragen seine grolle Sachkennerschaft, die sich mit größter Schlichtheit des Auftretens verband, eingesetzt. Der Zentralausschull halte das (duck, in ihm einen I uhrcr /u besitzen, der größtes Ansehen im In- und Auslände mit sorgfältigster und wertvollster Mitarbeit vereinigte. Um so größer ist der Verlust, den er durch seinen Heimgang erleidet. Es lag in der Linie der Anschauungen von Dr. Melchior, den immer nur das ganze deutsche Judentum interessierte, daß er den Bestrebungen einer einheitlichen Vertretung des deutschen Judentums zu Schaffen, seine wärmste Sympathie entgegenbrachte. Die Begründung der Reichsvertretung der deutschen Juden hat er aufs stärkste unterstützt und hat. ohne nach außen in I rscheiniing zu treten, der neuen (iesamt- Vertretung in jeder Weise die Wege geebnet. In Dr. Carl Melchior verliert das ganze deutsche Judentum eine seiner stärksten Persönlichkeiten. W as an ihm den, der ihn naher in der Arbeit kennenlernte, immer überraschte, war die Warme des Empfindens, die sich hinter nüchterner Sachlichkeit verbarg. Völlig gleichgültig geg< nüber jedem äußeren Schein, wirkte er durch die unbestechliche Ruhe des t'rteiis. ilie sich mit stärkster innerer Anteilnahme verband. Sein Andenken wird in der Arbeit, die er begann, stets w eiterleben. Errichtung einer jüdischen Volksschullehrcrhildungsanstalt. (Offiziell.) Dir Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden hat nach eingehender Aussprache über die gesamten Fragen der Lehrerbildung die Errichtung einer jüdischen Volksschullchrerbildungsanstalt liberaler Richtung in Berlin zum 1. April 1934 beschlossen. Er hat ferner beschlossen, eine gleiche Anstalt konservativer Richtung in Preußen zu begründen, falls sich diese Neugründung neben der Würzburger Lehrerbildungsanstalt als notwendig erweisen sollte. SO jähriges Bestehen der israelitischen Religionsgesellschaft in Wcißcnfcls. Am 11. Januar beging die israelitische Religionsgesell- Das jüdische Familien- und Gemeinschaftsleben soll Gegenstand ungezwungener Aussprache sein und durch jede im heimatkundlichen Unterricht übliche Art der Darstellung lebendig gemacht werden. Die Leier der Feste soll immer wieder zu erlebnisfreudiger Gestaltung von Höhepunkten im Leben des Kindes führen. Stätten, mit denen Erinnerungen an unsere Vergangenheit verknüpft sind, oder die noch heute Bedeutung für das Gemeindeleben haben, werden auf Spaziergängen besucht. Im vierten Schuljahr ist die Behandlung von Sagen und der Geschichte des Heimatgebietes durch Stoffe aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde und einzelner jüdischer Persönlichkeiten zu ergänzen. M ii s i k. Auch der Musikunterricht ist möglichst mit dem jüdischen Unterricht in Verbindung zu bringen. Neben der Pflege des deutschen Liedes stellt die des liturgischen Gesanges und des hebräischen Liedes, wobei namentlich aut eine Veredlung des häuslichen Gottesdienstes hingearbeitet werden kann. E r d k u n d e. Bei der Behandlung der ineisten Länder wird die Schilderung der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Verhältnisse des jüdischen Bevölkerungsteiles einen gewissen Raum beanspruchen dürfen. Der Palästina-Kunde ist besondere Beachtung ZU schenken. Zeic h Ii e n. Der Zeichenunterricht hat seine Stoffe in allen Schuljahren auch aus dein jüdischen Lehenskreis des Kindes zu nehmen. Bilder aus dem religiösen Familien- und Gemeinschaftsleben, Gegenstände des Kultus, biblische und andere jüdische Stoffe finden zeichnerische Darstellung. schaff in Weißenfels in feierlicher Weise ihr 50 jähriges Bestehen in einem Fettgottesdienst mit daran anschließendem gemeinsamen Essen. Zur feierlichen Ausgestaltung des Gottesdienstes waren auf Einladung die Leipziger lienieinderabbiner Dr. Goldinaiin und Cohn sowie Oberkantor Lampcl erschienen. In dein bis auf den letzten Platz gefüllten Qotteshause widmete der Gemeindevorsteher Löwen so hu Worte herzlichen Gedankens den (mindern der Gemeinde und den Führern, die zum Teil schon in die Ewigkeit eingegangen sind; er gab der Erwartung Ausdruck, daß der (ieist der Eintracht und der Treue in der Gemeinde in alle Zukunft fortdauern w erde. Herr Lehrer R a u hielt die Festrede, in der er ein eindrucksvolles Bild von der jüdischen Gemeinde in Deutschland und in Weißenfels in dem abgelaufenen halben Jahrhundert entwarf. Gemeinderabbiner Cohn würdigte den Tag des Gedenkens als einen Ansporn zu vertrauensvollem Weiterbau für die Zukunft. Oemeinderabbiner Dr. Ooldmann wies eindringlich auf die Bedeutung der Synagoge als Mittelpunkt des jüdischen Lebens, insbesondere für die Jugend, hin. Eingeleitet wurde die Feier durch einen Prolog; die Ansprachen waren durch deutsche Oesänge umrahmt, die Herr Oberkantor Lampcl vollendet zu Qehör brachte (am Harmonium begleitet voll seinem Sohn Werner l ampcl). Nach dem I estgottesdicust vereinigten sich die Mitglieder der Gemeinde mit ihren Ehrengästen zu einem besonders gemütlich verlaufenen, der Zeit entsprechenden Mahle, dessen Vorzüglichkeit durch eine Reihe von Ansprachen und eine besonders herzliche Stimmung gewürzt wurde. Gegenstand besonderer Ehrungen war der Vorsteher der Gemeinde, Herr Löwensohn; unter anderem wurde ihm von Herrn Lehrer Ran die Urkunde überreicht, auf Grund deren er vom Rabbinal Halle mit dem Chowcrtitcl ausgezeichnet wurde. Reichswirtschaftsministcrium über die Rechtsstellung jüdischer Handwerker und Mittelständler. Auf Qrund einer am 24. November vor. Ihn. zwischen dem zuständigen Dezernenten im Reichswirtschaftsministerium und Vertretern des Zcntralverbandes jüdischer Handwerker Deutschlands sowie des Reichsverbandes des Jüdischen Mittelstandes stattgefundenen Besprechung ist den genannten Organisationen auf die gestellten Fragen die nachfolgende Antwort schriftlich unterm 8.1.1934 1 II A 18335/33 vom Reichswirtschartaminister erteilt worden: 1. Zur Frage der Lehrliugs-Eiiistclliuig. Ein gesetzliches Verbot der Einstellung nichtarischer I ehrünge bei arischen oder nichtarischen Meistern ist nicht ergangen. 2. Zur Eingliederung der Handwerker und Mittelständler in ihre Berufsorganisationen. Es sind weder gesetzliche Vorschriften noch Richtlinien über die Zugehörigkeit von Nichtariem zu berufs- Stinditchen Organisationen erlassen worden, insbesondere ist der Ausschluß von Nichtariem aus solchen Organisationen nicht augeordnet worden. J. Handwerker-Ausweis (Handwerker-Karte). Gesetzliche Vorschriften über die Ausstellung von Handwerker-Ausweisen sind nicht erlassen worden. Der Besitz eines Handwerker-Ausweises ist nicht Voraussetzung fiir die Gewerbe-Ausübung. 4. Vergebung von Arbeiten und Lieferungen durch staatliche und städtische Behörden. Der Ausschluß nichtarischer Unternehmungen von Arbeiten und Leistungen für staatliche und städtische