Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 2 (12.1.1934)
- Date
- 1934-01-12
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 ul MEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN KELIÜIONSOEMEINDE ZU LEIPZIG 12. Januar 1934 habe. Nie könne es mit dem Empfinden hochstehender Menschen in Einklang gebrach! werden, dar) ein Vater seinen Sohn opfere; so weil dürfe Frömmigkeit und Oehoream gegen göttliches Gebot nicht gehen. Ja, es erscheine unvereinbar mit einer tiefen Erkenntnis von Qott, ihm auch nur eine Forderung zuzuschreiben, die die naturlichen Vatergefühle außer acht lasse. Juden, die so sprechen, stehen, ineist unbewußt, unter dem 1 indvuek von Anschauungen, die nicht auf dein Hoden des Judentums gewachsen sind, die sie vielmehr jenen unserer Bibel die hohen W erte sittlicher l ehren absprechenden Gruppen entnommen haben. Wir unsere Bibel aus ihrem (leiste Iniaus betrachtet, sieht da~ Mißverständnis, daß in solcher Deutung liegt Mit welcher Eindringlichkeit wird doch jedes Menschenopfer in der Bibel untersagt, als Qreuel und Absehen hingestellt. So haben die heidnischen Volker ihren Qöttern gedient. „Nicht sollst du so dem Ewigen deinem (inte tun; denn alles was dem Ewigen ein (ireuel ist, den er haßt, haben sie ihren Qöttern getan, denn sogar ihre Söhne und ihre Töchter verbrannten sie ihren (iöttern im Feuer" (Deut. 1_\ 31). Mit Entsetzen wendet sich der biblische Erzähler immer wieder von den Königen ab, die, dem Vorbild des Moloch-I heilstes folgend, ihre eigenen Kinder verbrannten. Damit aber fallt die Folgerung zusammen, die an die Akedah- Erzählung geknüpft wird. Nicht will sie etwas verherrlichen, was als grausam empfunden werden muß, sondern die Tat, die über e i n e g r a u s a in e n a t u r w i d r i g e 0 b un g d e r Zeit hinausführte, die unter Abrahams Nachkommenschaft und in den Völkern ringsum den Qlailben an die Gottgefälligkeil solchen Opfers zerstören will. Es bliebe noch der Einwand, daß doch immerhin in der Vorbereitung des Opfers genug des Grausamen /u erblicken ist; insoweit sie als von < iott geboten erscheint, im Widerspruch zu der späteren göttlichen I irderung: Strecke deine Hand nicht aus nach dem Knaben; in jedem l alle aber grausam genug im Willen Abrahams, der, s i scheint es. bis /um letzten entscheidenden Augenblick nicht gezögert hätte, das Opfer auszuführen. Die Bedenken Lienen die Änderung oder Aufhebung einer früher ausgesprochenen Anordnung durch (iott selbst haben die alten Erklärer damit /erstreut, daß sie auf ein Mißverständnis Abrahams hinwiesen: die Woite w'haalehu schaiu l'olah verstand er als einen Befehl, Isaak zu opfern, während sie im Einklang mit dem Sprachgebrauch ZU deuten waren; führe ihn dort hinauf /um Opfer (wobei ilie Frage, welches Opfer dargebracht werden sollte, noch offen blieb). Diese Fehldeutung ist durchaus begreiflich, wenn man sich vergegenwärtigt, daß Abraham als Einer inmitten einer Umwelt lebte, die das Kiudesopfer als Atisdruck let/ter Unterwerfung unter göttlichen Willen pflegte. Um so höher ist dann aber die sittliche Kraft Abrahams /u veranschlagen, der Her/ und Sinn offen hielt, um den wahren Willen Gottes zu erfahren. Wie mag er mit siel' gerungen haben, /weifelud, ob er den Ruf Gottes recht verstanden habe, nach einer Lösung aus der Gebundenheit an heidnischen Brauch suchend. Als er dem Sohn auf seine Frage antwortet: Gott ersieht sich als Lamm /um Opfer, da ist er noch nicht zur Klarheit gedrungen; da ruft es in ihm noch Ja und Nein; da kennt er noch nicht den Ausweg. Die Tradition schildert im Midrasch eingehend diesen inneren Kampf. Sein Irrtum wird ihm erst offenbar, als er die göttliche Stimme nochmals hört, die ihm zuruft, daß er die Hand zurückhalten muß. Es ist kein Grund, die Akedah-Er/ählung abzulehnen. Sie zeigt den Erzvater in der „Bindung" des Sohnes bereit. Letztes und Liebstes zu opfern, und damit uneingeschränkt als Vorbild für Hingabe an (iott. Sie zeigt ihn sittlich grolt, stark genug, sich über den Glauben der Zeit zu erheben und neue Wege der Frömmigkeit zu gehen und zu weisen. Ein irrender Mensch, und doch zur höchsten Wahrheit strebend, der er suchend und ringend sich nähert. Wer unsere Bibel aus ihrem Geiste heraus betrachtet, sieht das Mißverständnis, daß der Ablehnung der „Akedah" zugrundeliegt. Es mag ihn verwundern, wenn heute christliche Theologen dieses Stück ausschalten möchten, das übrigens von früh an eine hohe Schätzung gerade im christlichen Denken besaß; wir Juden haben kein Recht, dazu Stellung zu nehmen. Aber uns selbst wollen wir durch solche Ablehnung nicht beirren lassen: die Akedah-Erzähhing spricht von so reiner, so grober Frömmigkeit, sie ruht auf einer so hohen Sittlichkeit, daß wir sie den schönsten Stücken unseres Schrifttums an die Seite stellen müssen: nicht ohne guten Grund ist sie in der liturgischen Dichtung so häufig bearbeitet worden. Die Stellungnahme des katholischen Kardinals zu unserer Bibel sollte viele Juden anregen, unser Buch so recht kennenzulernen; sie werden, wie bei der Akcdah-Erzählung, entdecken, dali wir nicht den Gegnern der Bibel, sondern dein alten jüdischen Geiste glauben müssen. Jüdische Zeitschau. Bevorstehend« Verhandlungen James Mac Donalds mit der R. Ichsregierung. I ler soeben in w arschau eingetroffene Vorsitzende des Comrti des Del£gations Juices in Paris, Dr. Nahum Qoldmann, der den Verhandlungen des VcrwaKungsratcs für die deutschen Emigranten in I lUSaruie beigewohnt hat und gegenwärtig mit dem Rochkommissar Jamis Mac Donald zusammenarbeitet, gab hier Vertretern der Presse folgende Informationen: Der erste Punkt der Beratung in Lausanne galt der Versorgung der Emigranten aus Deutschland mit solchen Pässen, die ihnen Freizügigkeit garantieren. Der Plan, sie mit sogenannten Nansenpässen /Ii versorgen, wurde deswegen fallen gelassen und normiert, daß jene Staaten, in denen Emigranten sieh aufhalten, diese mit Pässen versehen tollen, die international als Reisepässe anerkannt werden. Die Repräsentanten der im Verw altuugsrat vertretenen Regierungen erklarten, sie wurden ihre Regierungen bewegen, einer solchen Regelung zuzustimmen. In /weiter Reine wurde über die wichtige I rage der Seßhaftigmachung cm Flüchtlingen verhandelt An Verschiedene europäische Regierungen wurde wogen Aufnahme von Flüchtlingen und Gewährung von Arbeitsrecht an diese herangetreten. Hochkommissar Mae Donald begab sieh nach Amerika, um mit der Regierung in Washington wegen Aufnahme einer gewissen Quote von I migrainen direkt /ti verhandeln. Nach seiner Rückkehr nach I uropa im Januar werden sämtliche im Beirat des Emigrantenwerkes vertretenen jüdischen Organisationen /u einer Beratung zwecks Ausarbeitung eines Arbeitsplanes zusammen- ... r..f..„ „ , r,i.... |mm Mar Donald hat erklärt er ivrrdp in ah- H..... *............ j„...........LL/U....... W1.....1, II HTfclUS i.i .111 seh barer Zeit unmittelbare Verhandlungen mit der deutschen Reichsregierung aufnehmen, in diesen Verhandlungen sollen Vorkehrungen besprochen werden, durch die den Juden die Lcheiisinöglichkeit in Deutschland erhalten werden soll, so dali sie nicht genötigt sind, auszuwandern, lerner sollen Fragen des Vermögenstransfers für diejenigen erörtert werden, die auswandern wollen. Dr. Gold - manfl erwähnte noch die im Verlauf der Tagung des Verwaltungsrates besprochenen Möglichkeiten der Ansi ed hin g jüdischer Emigrantin in Südfraakrcich, Nordamerika, Algier, Marokko und Syrien. Konkrete Plaue hierüber wurden während der Janiiartagling des Verwaltungsrates gemeinsam mit dem Hochkommissar ausgearbeitet werden. Das von der Londoner jüdischen Wcltlülfskonlcrenz eingesetzte Zentralkomitee für Hilfe au die Emigranten aus Deutschlaad wird Anfang Januar Pill m London seine konstituierende Sitzung abhalten. Außer den geldgebend CO Institutionell worden im Komitee auch die grollen demokratischen Organisationen, wie Jewish Agency, American Jewish Congress, Contita* dei Delegation* Juives sowie Repräsentanten jener Länder vertreten sein, die jährlich mindestens 5000 Pfund für das Hilfspwcrk auf bringen. Die von dieser Beratung ausgearbeiteten Aktioiisplane w urden dem Hochkommissar Mac Donald unterbreitet werden. Hochkommissar .Wae Donald, dessen Büro in Lausaune eingerichtet wird wird alle drei Monate Sitzungen mit dem Internationalen Komitc für Emigranten aus Deutschland, in dem bekanntlich Vertreter von neun jüdischen und neun nicht jüdischen Organisationen sitzen, abhalten. UTA.) Zusammenschluß der deutsch-jüdischen Jugend. Der Retchsverband deutsch-jüdischer Jugend veranstaltete vom 21. 23. Dezember in Lehnitz bei Berlin eine Arbeitstagung seiner Bünde. Die von fast 1(10 Führern aus Berlin und dem Reich beschickte Tagung sollte versuchen, eine Neuausrichtung deutsch-jüdischer Ideologie vorzunehmen, und die Möglichkeiten der wirtschaftlichen Betätigung im deutschen Lchensrauni festzulegen. Immer wieder wurde in Referat und Diskussion über jüdische Bildungs-, Wirtschafts- und Gegenwartsfragen der Wille zum Ausdruck gebracht, durch einen festen Zusammenschluß aller Gruppen in Berlin und im Reich auch eine gemeinsame organisatorische Basis für die deutsch-jüdische Jugendarbeit zu finden. Im Bewußtsein des Lehens im deutschen Kultuikreis und der damit verknüpften Verpflichtungen und mit dem Bekenntnis zu einem starken und positiven Judentum, dessen religiöse Wurzeln unantastbar sind für die politischen Entscheidungen der nicht jüdischen Welt, schufen die anwesenden Führer durch Zusammenfassung aller deutsch-jüdischen Jugendkräfte den einheitlichen „Bund deutsch-jüdischer lugend". Zum Führer des Bundes wurde Martin Sobotker (Berlin) bestimmt, zum stellvertretenden Bundesleiter Dr. Max Plaut (Hamburg), zum Geschäftsführer Norbert Wollheim (Berlin). Der Führerrat wird erweitert durch drei Spartenführer: Heinz Kellennann (Berlin) für die religiöse und Bfidungsarbeit, Günther Friedländer (Berlin) für die hündische ArbcH und Fritz Schäfer (Berlin) für die berufsständische Arbeit. In einem von grober Begeisterung getragenen Schluliappell wurde der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß die I orm, die die deutschjüdisch« Jugend sich nunmehr geschaffen habe, mit dein für ihre Arbeit richtunggebenden Inhalt ausgefüllt werde: der Arbeit für ein aufrechtes und stolzes deutsches Judentum, das neugestaltet werden muß durch die neue Oeneration. (ITA.) 4500 Juden im Oktober v. J. nach Palästina eingewandert. W ic amtlich mitgeteilt wird, sind im Oktober v. J. 1572 Einwanderer, unter ihnen I44Q Juden, nach Palästina gekommen. Von den Einwanderern gehörten HO der sogenannten Kapitalistenkategorie,