Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 1 (5.1.1934)
- Date
- 1934-01-05
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 form; doch für und wider den Talmudiamus und Rabbi' n i s in u s wurden Gutachten gegen Gutachten, Streitachrlften gegen Streitschriften gesetzt; die Qemüter erhitzten aich; es fehlte nicht an Geschmacklosigkeiten, Entgleisungen, ja PietJJlosigkeiten. Es war manchmal schwer, die wahre Absicht zu sehen, die doch auf Erhaltung und Stärkung auaging. I ber den Parteien standen die Religlonsphilosophen der 1 poche, die man die nachträglichen l nzyklopädiaten der inneren Emanzipation nennen könnte; ein Samuel Formstecher, Sam. Hirsch, Ludwig Stein heim. Ihre großangelegten Systeme Inden bei Wiener eine geiatcsgeschichtltche W urdigung, die sie mitten in unsere Zeil stellt; tiefer Veranlagte Fanden In ihnen schon zu ihrer Zeit Rechtfertigung und Unterbauung neuer Frömmigkeit. Auch der Anteil der reich angebauten Qeschichts- und Literarf orschung des Zeitalters an der Herausarbeitung religiöser Motive und Verknüpfungen wird von W iener zum ersten Male ins hellste Lieht gestellt. Schon die 70er und 80er Jahre kündeten einen neuen Qestaltwandel jüdischer Frömmigkeit an. Von innen nationaljüdische Bewegung, tatfrohe Zionsliebe, neuhebräische Renaissance; \ m außen das Anschwellen des Antisemitismus, von Deutschland auastrahlend nach Ost und West, bestürmten jetzt die jüdische Seele. Line Antwort darauf war die Haltung der jüdischen Massen des Ostens. Die deutsche Judenheit verweigerte lange die Aufnahme von Ideen, die wie eine Verleugnung dir politisch liberalen Gedankenwelt, wie eine Undankbarkeit gegen die Segnungen der Emanzipation erschienen. Dr. W iener läßt dieser ihre volle Gerechtigkeit widerfahren, weil sie Vorbedingung einer neuen Stufe des Judentums u urde, einer geistigen Befreiung aus unwürdiger und untragbarer Bevormundung. Aber er mahnt zugleich, das Gebot der stund', nicht /u überhören, um den brennenden Noten unserer Tage zu begegnen. So i,'ilt es heute, dem K1 al-Gcdanken höhere Geltung zu verleihen; gewisse volkhafte W erte (/. IV die hebräische Sprache) zu pflegen, und dem Trauer des Judentums, der Judenheit zu ihrem Rechte zu verhelfen. Niehl freizügig, nicht ablösbar von der lebenden jüdischen Gesellschaft erscheint W iener die Idee des Judentums. Man wird ihr nicht gerecht mit einer abstrakt-formalistischen Auffassung; sie verlangt 'ine praktisch-lebensmäßige. Sie entsagt nichl ihrer Sendung an alle Völker; sie kann aber überschüssige Kräfte für ihre Mission nur gewinnen, wenn ihr Träger, eben die Judenheit. ungebrochen und lebensvoll dasteht, was unserem Denker vorschwebt, ist nicht etwa ein kleines jüdisches Staatswesen weltliehen Charakters; aber auch nicht eine subjektiv abgeblaßte, konfessionelle Frömmigkeit. Es ist die große, innerlieh verbundene Judenheit mit ihren historisch gegebenen, ideellen, sittlich-religiösen Aufgaben. In solcher Auf- Fassung werden wir uns gern mit Dr. Wiener begegnen. Jüdische Zeitschau. Jakob Wassermann gestorben. Auf seiner Besitzung in Alt- Aussee ist Jakob Wassermann am 1. Januar im Alter von ()1 Jahren verschieden. Du bekannt« Literaturkritiker und Dramaturg Julius Hab, einer der führenden Männer des Kulturbundes der deutschen Judin stellte der Jüdischen Telegraphen-Agentur folgende Würdigung der Bedeutung Jakob Wassermanns und seines Schaffens für das deutsehe Judentum /ur Verfügung: Der plötzliche Tod. der Jakob Wassermann, den erst 61jährigen, dahinraffte, hat einen der bekanntesten, der am meisten gelesenen I r/ahler aus der deutschen Literatur der Gegenwart genoninien. I ur die deutschen Juden aber bedeutete lakob Wassermann noch mehr. Denn sehr wenige Zeitgenossen haben mit so viel I rnst wie er das schwere Problem deutschjüdischen Daseins durchlebt und durchdacht. I in Kampf um den Ausgleich seiner deutschen und judischen Wesenskraftc ist in gewiss«, m sinn sein ganzes Schaffen gewesen, so sehr er sich auch thematisch zuweilen von diesem Gegenstand zu entfernen schien. W assi rmann. der in I Orth, einer der ältesten deutsi Ii' n Judengemeinden, geboren war, begann mit einem Roman „Die Jüdin von Zirndorf", also mit einem bewußt und stark jüdischen Thema. Sein trstcr großer Erfolg war ein ganz aus dem Leben der deutschen Gegenwart geschöpftes Buch: „Die Geschichte der jungen Renate l uchs". Ls folgte eine grolle historische Studie: „Alexander in Babylon" und dann sein künstlerisch wohl reinstes und stärkstes Werk, der Roman „Kaspar Hauser". Dies Huch von dem seltsamen Nürnberger I fndling, der vor einem Jahrhundert das Staunen der Welt cr-; gte, wur/rlt ja nun ganz in Wassermanns deutscher Heimat, - heinl ganz von dem l eben und Geist deutscher Vergangenheit getragen. Aber man braucht nur auf den Untertitel des Werkes zu sehen: ..Von der Trägheit des Herzens", dann wird man spüren, wie auch in dieser grollen Arbeit Wassermanns pidische Kräfte den deutschen beigemischt sind. Gegen die frägheit des menschlichen Herzens zu kampfin, das Gefühl für die göttliche Winde jeder Kreatur wachzuhalten darin kann man ja vielleicht den Qrundwillen jüdischer Religiosität erkennen. Und diese tiefe Qewissenskraft, die hier ihr Heispiel von der Geschichte des I iinlling Kaspar Ilauser nimmt, ist uberall mahnend und treibend im Werk Wassermanns tätig. Auch wo in grollen Romanen der Kriegs- und Nachkriegszeit („Das Gänsemannchen" und „Christian Wahnachaffe") Persönliches, Eroti8Ches, sehr Aktuelles, eine nicht immer glückliche Mischung eingehen, wühlt doch im Grunde diese Kraft. Und sie wurde sehr deutlieh sichtbar, als Jakob Wassermann im letzten Jahrfünft mit dem „l all Maurizius" und seiner Fortsetzung „Etzel Andergast" den alles zersprengenden leidenschaftlichen Willen zur Gerechtigkeit wieder zum Hauptthema erhob. Wassermann hat in einer Schrift „Mein Weg als Deutscher und Jude" selbst \or einein Jahrzehnt sehr offen dargelegt, wieviel Kampf und Leid ihm der Wille eingebracht hat, gleichzeitig aus der deutschen und jüdischen Wurzel seines Wesens die Kräfte seines Wachstums zu ziehen. Dali er nun mit all der lebendigen Kraft seines Fühlens und Denkens hinstirbt, jet/t, wo die Ereignisse eine Neuordnung des deutsch - jüdischen Lebens notw endig machen, daß ist schwerlich ein Zufall und sicher eine tragische Wendung für alle deutschen Juden. Die Lage der jüdischen Minderheit in Oberschlesien. Das „Berliner Tageblatt" veröffentlicht ein Interview seines sclilesischen Korrespondenten mit dem Sachbearbeiter für Minderheitenschutz im Oppelner Oberpräsidium, Landrichter Dr. Rühl. über die Lage der jüdischen Minderheit in Oberschlesien. Veranlassung zu dem Gespräch w aren die von der deutschen Presse als unrichtig erklärten Behauptungen des „Manchester Guardian" über die bezüglichen Verhältnisse. Landrichter Dr. Rühl erklärte, nachdem er auseinandergesetzt hatte, warum die Behauptungen der englischen Zeitung gar nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmen können, daß sämtliche Behörden Deutsch- Oberschlesiens die Bestimmungen des Genfer Abkommens über die Juden außerordentlich korrekt befolgen. Gewiß mögen gleich nach der nationalen Lrhebling einzelne I alle von Obergriffen geschehen sein, d ich sei hier überall rücksichtslos durchgegriffen worden. Heute, nach der Konsolidierung der Verhältnisse, werde von den Behörden alles getan, um eventuelle Zurücksetzungen jüdischer Kreise auszugleichen. Die Juden seien in Oberschlesien eine religiöse Minderheit. Hei eventuellei Benachteiligung könnten sie sich au das in Oppeln stationierte Minderheilsamt wenden; dort wurden alle anhängigen I ragen geklärt. Als Beispiel dafür, wie korrekt ilie deutschen Behörden sich verhalten, erwähnte Dr. Rühl, dali ein jüdisches Kinderheim in einer oberschlesisehen Grenzstadt, das bisher staatliche Zuschütte bekam, diese Sonderbew illigung auch w eiter erhalte. Auch in geschäftlicher Hinsicht hielten sich die deutschen Behörden streng au die vom Völkerbuudsrat festgesetzten Bestimmungen, durch die Benachteiligung einer Minderheil verhindert werden soll. Selbstverständlich wurden jüdische Elemente, die sich etwa staatsfeindlich betätigen, ebenso behandelt, wie Arier, die sich staatsfeindlicher Gesinnung verdächtig machen. Zur Frage der jüdischen Arbeitnehmer. Unmittelbar nach Ausschluß der jüdischen Arbeitnehmer aus den Angestelltenverbänden haben die grollen jüdischen Organisationen -Centnil- Verein deutscher Staatsbürger judischen Glaubens, Rciehsbuud jüdischer Frontsoldaten und Zionistische Vereinigung für Deutschland gemeinsam mit der Wirtschaftsstelle der Berliner jüdischen Gemeinde bei der Rcichsvertretuilß der deutschen Juden einen Ausschult gebildet, um alle Möglichkeiten zur Bildung einer jüdischen Arbeitiiehiuerorganisatioii gemeinsam zu verfolgen. In der ersten Sitzung des um einige Lin/clpcrsönlichkeiten erweiterten Ausschusses wurde die Lage der jüdischen Arbeitnehmer ausführlich erörtert. Ls bestand Übereinstimmung darüber, daß im Augenblick, die Gründung einer besonderen Arbeitnehmerorganisation nicht in Betracht gezogen werden kann, dall vielmehr die weitere Lntwickhmg der Deutschen Arbeitsfront zunächst abgewartet werden muH. Diese abwartende Haltung in der Organisationsfrage schließt aber keineswegs aus, dall alle Maßnahmen getroffen werden, die geeignet sind, die Lage der jüdischen Arbeitnehmer zu verbessern. Hierzu gehören: Rechtsberatung, Rechtsschutz und Rechtsvertretung. Sicherung dei vorhandenen Arbeitsplätze, Schaffung neuer Arbeitsmögllchkeiten für die Erwerbslosen sowie Umschulung derjenigen, die in ihren bisherigen Berufen nicht verbleiben können. Die I atigkeit des Arbeitsnachweises fand hei der Besprechung besonderes Interesse. Es wurde beschlossen, die nächste Zusammenkunft ausschließlich der Frage der Arbeitsvermittlung und Arbeitsbeschaffung zu widmen. In den größeren jüdischen Oemeindcn mit erheblicher Arbeitnehmerzahl sollen ähnliche Ausschüsse unter Mitwirken der Reichsvertretung gebildet werden. Zur Unterrichtung der jüdischen Arbeitnehmerschaft, insbesondere auch der l.rwerbslosen, sollen /u Beginn des Jahres Zusammenkünfte mit einem größeren Kreis von Arbeitnehmern stattfinden Vertretung der jüdischen Jugend Deutschlands nach außen. Der Jugendführer des Deutschen Reiches hat au seine Landet- und Provinzialbeauftragten nunmehr die Mitteilung gerichtet,