Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 1 (5.1.1934)
- Date
- 1934-01-05
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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8.1. 34 0 Stück cMatt DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT DER GEMEINDEVERWALTUNG« Schrlftleltungt Oemeinderabbiner Oustav Cohn Leipzig Walter Blümel-Str. 10. - Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit Oenebmigung des Verfassers gestattet Nummer 1 - Jahrgang 10 5. Januar 1934 Anzeigenannahme i E. Ooldfreund, Leipzig 05, Cichoriusstraße 2a, Fernsprecher Nr. 60771 Druck: Druckerei der Werkgemeinschaft, Leipzig C 1. Gestaltwandel jüdischer Frömmigkeit Im Hinblick auf Max Wieners Buch: Jüdische Religion im Zeitalter der Emanzipation. Berlin, Philo-Verlag, 1933. Von Dr. S. Samuel. Zweimal in der jüdischen Geschichte hat sich eine folgenschwere Entschränkung unserer Religion vollzogen, beide Male war es eine fremde Welt, die die schützenden Mauern zum Einsturz brachte, und Neues aus den Trümmern erstehen ließ. Das Fremde hatte ein sehr verschiedenes Angesicht. Roms feindliche Legionen, Jerusalems Eroberer, drängten das zersprengte Volk für Jahrhunderte in ein Dasein der Diaspora und des (jhetto, wo ihm die Thora „das tragbare Heiligtum" zum einzigen Ersatz für Tempel und Vaterland wurde. An der Schwelle der Neuzeit legten spiite Nachfolgestaaten Roms die Mauern der Ohetti mit freundlichen Gebärden nieder, und Dankgottesdienste und Verbrüderungsfeste wurden begangen. Aber auch mit dem Anbruch der Etnanzipationsepoche seit dem Ausgang des 18. Jahrhunderts, vollzog sich im Judentume eine fcfahrvollc Umwälzung; aus restloser Assimilation und völliger elbstaufgabe konnte es nur durch einen religiösen Gestaltwandel gerettet werden, der jüdischer Frömmigkeit, zumal in Deutschland, ein verändertes Antlitz gab. Dies Rettungswerk mit manchen Unzulänglichkeiten und Fehlschlägen, aber auch bedeutenden Persönlichkeiten und Schöpfungen, führt uns der gelehrte Rabbiner Dr. Max Wien e r in seinein obengenannten Buche vor Augen. Die altgewohnten Angriffe der Strenggläubigen gegen das Vordringen liberaler Anschauungen in Theorie und Praxis wurden in neuerer Zeit unterstützt durch die Vorwürfe von zionistischer Seite, die das Eingehen in die modernen Staaten für die Auflösung des religiös-nationalen Charakters des Judentums und der Judenheit verantwortlich machten. Wieners Bestreben war es, den wirklichen Sachverhalt klarzustellen, und vor allem die Anklage nachzuprüfen, dal) die politische Befreiungszeit von rund 120 Jahren (1750 1870) allein von bürgerlichen und materialistischen Interessen beherrscht, aber bar aller religiöser und idealer Motive gewesen sei. Um es vorwegzunehmen: der Verfasser entkräftigt diese Behauptung und gelangt zu einer Bejahung der Emanzipation, die er allerdings durch eine innerliche ergänzt, und durch stärkere Betonung des Trägers der jüdischen Ideenwelt, der Juden heit selbst, ergänzt wissen will. Die neue Gestalt, die die modernen Staaten ihren jüdischen Gruppen zu bieten hatten, hielt in Deutschland „Konfession". Zur Wahl stand mosaische, jüdische oder israelitische. Schon dies Schwanken zeigt, dal! das Gewand nicht recht passen wollte. Die katholische und evangelische Bevölkerung konnte sich leichter als Konfession bezeichnen, weil jede ihren starken, feschichtliehen Rückhalt drinnen wie draußen hatte. Die kleinen udenheiten aber wurden soeben erst aufgefordert, ihre Eingliederung in die Gesellschaft politisch und wirtschaftlich vorzunehmen, ohne daran wie früher durch drückende Beschränkungen gehindert zu werden. Man erwartete also von ihnen fast vorbehaltlose Unterordnung unter weltliche Rechtsprechung des Staates, Gebrauch seiner Sprache, Anpassung an seine Sitte, Vertrautheit mit seinen Bildungs- und Wissensfächern, kurz Aufnahme von Geist und Kultur der Umwelt. Und erst hinterher oder daneben kam der Auf- und Ausbau der Konfession; ihr bescheidener gewordener Platz schien vielen gerechtfertigt, weil sie die Religion auch bei den andern aus ihrer alles beherrschenden Stellung gedrängt sahen. Aber freilich: jüdische Konfession war ein Gebilde, ganz auf sich selbst gestellt. Anders und schwächer als Kirche, die immerhin mit einer gewissen Macht bekleidet ist und gehend und nehmend dem Staate zur Seite steht. Seit Mendelssohns Lehre von der Dogmenlosigkeit des Judentums war jüdische Frömmigkeit der Einzelpersönlichkeit überantwortet, wo zugleich von außen jedes Vordringen in allgemein-bürgerliche Sphären leicht eine Abbröckelung des religionsgesetzlich gebundenen Lebens mit sich brachte. Diese gefahrliche Mannigfaltigkeit und Buntheit personaler Frömmigkeit wurde durch das Band der Gemeinde nur mechanisch zusammengehalten, die ihr Leben in der Synagoge führte l*ud ihre Verwaltungsgesehäfte wie ein weltlich Regiment ausübte. Uber ihr wachte die Landesobrigkeit, meist wohltätig ausgleichend und entscheidend. Gab es bereits deutsche, französische, englische usw. Judenlieiten, so wurden sogar innerhalb des Reiches die Grenzen der Einzelstaaten zu ebenso viel Schranken und Schlaghäumen: der Partikularismus stand in Blüte. Bei so viel Verengung, Umlagerimg, ja Umwälzung mußten starke, rein ideale Kräfte am Werke gewesen sein, um die deutsche Judenheit vor Erstarrung zu bewahren, und ihre Glieder mit religiösem Geiste zu beseelen. Wieners Darstellung führt uns mitten in diese Arbeit hinein, die Enttäuschungen mancher Art, aber auch reiche Frucht brachte. Da war vor allein die neue Rabbinergeneration erstanden, die das Problem „Religionsgesetz und Lebensform", also altes und neues Judentum angriff. Mehr als dein einsamen Forscher Leopold Zun/ war dem Gemeinderabbiner Abraham Geiger daran gelegen, die verantwortlichen Führer und Lehrer der Judenheit um sich zu sammeln, und für die neuen Aufgaben zu gewinnen . In seinen Zeitschriften und auf Konferenzen wurden alle Fragen lies öffentlichen Gottesdienstes, der Qebetssprache, des Orgebpicls der SabbathciUgung, des Trauungs- und Scheidtingsrituals erörtert. Aber auch grundsätzliche Stellungnahme zu den Fragen der Verbindlichkeit des Rcli- Kieiiis^esei/c.-., Lehrsatzes: „Staaisjjc>ci/ ist Gesetz; dei Grenzen zwischen sakralen und weltlichen Vorschriften und /wischen Ritus und Sittengehot, war nicht mehr zu umgehen. Die Vertreter der „Orthopra xie", wie Wiener sie bezeichnet, mit ihrem Wortführer Samson R a p h. Hirsch, blieben in der Abwehr. Auch begegneten sie sieh mit den Liberalen in der Bejahung moderner Bildung, die noch zu Mendelssohns Zeiten verpönt war, und täuschten sich über deren Reichweite. Noch war es ein Tasten und Suchen; aber der Erfolg war ihm nicht versagt. ■ Der neue Schwerpunkt wurde gefunden] langsam hatte sich in Bewußtsein und Darstellung jüdischer Frömmigkeit ein Wandel vollzogen, bis tief in traditionelle Kreise hinein. Stiller, als die Kämpfe um die neue Lebensform, spielten sich daneben andere um W e 11 a n s c h a u u n g und S i n n d e u - tung des Judentums ab. Beim Abbruch des Ritualisimts war zwar die Bibel die ehrfürchtig gehütete, gemeinsame Platt- *-*\f D