Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- 40 (7.10.1938)
- Date
- 1938-10-07
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Sei'e 2 7. Oktober 1Q3S / Nr. 40 Brief aus Amerika Der langjährige Fürsorger unserer Gemeinde, Herr Julius Fol man, der vor einigen Monaten nach New York Übergesiedelt ist, schildert in einem ausführlichen Schreihen, wie sich seine Umstellung indem neuen Lande Schritt für Schritt vollzogen hat und gibt im Zusammenhange damit vielerlei Eindrücke wieder, die seine Freunde und Uberhaupt einen weiten Kreis unserer Oemeindemitglieder lebhaft interessieren dürften. Wir geben nachstehend einen Auszug aus seinem Schreiben. Seiner Bitte entsprechend, geben wir gerne bekannt, daQ er allen denen dankt, die ihm vor seiner Wegreise Danksagungen zugehen ließen. Seine Zeit gestattet ihm nicht, jedem einzeln zu danken. Er weist jedoch darauf hin, daß er gerne bereit ist, jeden bei seinen Verhandlungen mit New Yorker Verwandten zu unterstützen: ein wichtiges Versprechen, da häufig ein gesprochenes Wort weit nachhaltiger wirkt als langer Briefwechsel, Die Redaktion« ... Da ich mir vor meinem Weggang aus Leipzig klar geworden bin, dal! ich alles tun werde, was sieh mir bietet, handelte ich aut eigene ("allst. Ich bin jetzt „glücklicher Teilhaber eines sogenannten Candy-sfore", Candy bedeutet Bonbon. In dem Laden werden neben Zigarren, Zigaretten, Schreibwaren vor allem alle Arten Candies und Eis sowie kalte Getränke verkauft. Diese Art von Läden kennt man in Deutschland nicht, liier nascht groll und klein Candies. Jedes Candy kostet 1 Penny. Meistens wird für 1 Pcimy gekauft. Sie können sich denken, dali es lange datiert, bis wir von dem Verkauf voll Candies einen Dollar zusammenhaben. Besser ist es mit Zigaretten, Eis und kalten Getränken, Durch die große Wärme, die hier zuweilen herrscht, wird viel Eis gegessen und kalte Getränke verbraucht. Das Eis und die Getränke sind sehr gut und in hundertfacher Ausführung vorhanden. Es werden die schönsten Getränke gemixt. Da ich bisher Sozialbeamter war und früher von Berufswegen freundlich und höflich sein mußte, fällt es mir jetzt nicht schwer, im eigenen Laden die Kunden nett zu bedienen. Sie sind auch viel dankbarer als meine frühere Kundschaft Werden sie gut bedient, dann sind sie zufrieden und ziehen ab. Eines haben meine früheren und jetzigen Kunden gemeinsam: wenn ich sie freundlich bediene, dann kommen sie wieder, lind das ist mir in diesem Falle besonders angenehm. Sprechstunden fallen hier weg. Iiier bin ich von Früh um 6 bis 12 Uhr nachts zu sprechen. Wenn es sein muß, auch noch länger. Unsere Einnahmen sind noch ziemlich klein. Wir hoffen aber, den Laden ein klein wenig hochzubringen. ... Meine jetzige Wohnung hat 1 Zimmer und 1 Küche. Miete ungefähr 40 Dollar. Davon habe ich ein Zimmer für ca. 20 Dollar vermietet, so daß wir verhältnismäßig billig wohnen. Frigidaire aller« modernsten Stils, Warmwasser, Bad IL ä. ist hier Selbstverständlichkeit. Der Hauswirt ist verpflichtet, bei Einzug eines neuen Mieters die ganze Wohnung streichen und neu herrichten zu lassen. Zu der Einrichtung gehören Lampen, Schnapprollos, Vorhänge für die Badbrause u. v. a. Schränke sind eingebaut, auch Küehenschräiike, so daß das Mitbringen von Küchenschränkeii überflüssig ist. Die Küche enthält eingebaute Aufwaschtische mit Warm- und Kaltwasser, sehr gute Ciasherde, ferner ein Becken für Wäschewaschen. Das Mitbringen von guter Tisch- und Bettwäsche ist nicht anzuraten. Waschhäuser gibt es nicht. Die Wäsche wird an Waschanstalten, meistens Chinesen, gegeben. Man kann aber gewärtig sein, daß sie nach dem Wiederbringen nicht mehr zu gebrauchen ist. Der Amerikaner verwendet entweder billige Wäsche oder geliehene. Bett- und Tischwäsche kann geliehen werden. Das Leihgeld ist genau SO teuer wie das Waschgeld. Sobald die Wäsche schmutzig ist, wird sie abgeholt und frische wird gebracht. Dadurch ist die Anschaffung von Wäschegar nicht notwendig. Außerdem ist es viel praktischer und kostet nicht mehr. Der Amerikaner lebt praktisch. Er hat nur das, was er braucht. Anschaffungen für andere Jahre gibt es nicht. Hat er auch nicht notwendig. Sobald der Amerikaner verdient, lebt er sehr gut. Er gönnt sich alles. Sonntags ist die Stadt wie ausgestorben. Dagegen sind die Bäder und Berge in der Umgebung von New York um so belebter. Auto hat fast jeder dritte Amerikaner, und was für Wagen! Trotz des außerordentlichen Verkehrs haben die Wagen keine Winker. Die Fahrtrichtung ist ausgezeichnet durch die Verkchrsordnung geregelt. — Mitbringen von Möbeln auch nur in bescheidenem Umfange. Alles Unpraktische soll verkauft oder zurückgelassen, werden. Wenn mau aber nun denkt, der Amerikaner habe keine Wohnkultur, da kann ich etwas anderes erzählen. In meiner Nähe sind große Häuser. Im Hausflur stellen wertvolle Lederklubsesse!, Wandmalereien, Kamine, herrliche Deekendekorationen, Wände aus Marmor oder Metall. Schwere Teppiche verhindern jedes Geräusch. Expreßlifte führen den Einwohner im Bruchteil von Sekunden geräuschlos in seine Wohnung. Die Tür des Lifts ist gleichzeitig die Aveite Tür des Eingangs. Und die Hauptsache: alles luftgekühlt. Trotz großer Hitze sind die Häuser innen außerordentlich kühl. Genau wie jedes Kino, Theater, größere Warenhäuser. Viele Restaurants und Läden sind luftgekühlt. Wenn es zu heiß wird, setzt man sich ins Kino, das mitunter um S Uhr früh seine Toro öffnet, und kühlt sich ah. Der Besuch der Kinos ist sehr gut. ... Der Amerikaner nimmt alles viel leichter als wir. Er ist wie ein großes Kind, freut sich oft über geringfügige Dinge und vergißt schnell, wenn es ihm einmal schlecht ging, liier wird für den Tag gesorgt und nicht für die nächsten Jahre. Jede Stellung kann fristlos gekündigt werden, selbst wenn der Augestellte jahrelang beschäftigt war. Der Chef sagt zum Angestellten, morgen brauche ich S c nicht mehr, imil damit hat sich der Fall erledigt. Dasselbe Recht hat der Angestellte. Dauernde Arbeit zu finden ist in New York ausgeschlossen, wenn man nicht gerade Facharbeiter ist. Vorübergehende Beschäftigung findet man nur unter schlechten Bedingungen, ca. 10 bis 15 Dollar die Woche. Davon ist fast in jedem Falle das Fahrgeld für die Untergrundbahn von ca. 3 I>ollar die Woche abzurechnen. Für ungelernte Arbeiter oder Büromenschen ist die Umstellung hier sehr schwer, schwerer, als ich es mir vorgestellt habe. ... Jeder Handwerker, wenn er auch in Deutschland nur umgeschult wurde und ein bißchen Sscichcl (Verstand) hat, kann hier sein Leben verdienen. Mädels kommen viel leichter unter. Besonders wenn sie kochen oder die Sprache können. Die Mädels im I laushalt werden sehr gut bezahlt und können sich jeden Monat mindestens 30 Dollar sparen. Durchschnittlich werden 40 Dollar mit Verpflegung und Unterkunft bezahlt. Kinderfräiilcins werden besser bezahlt, dafür werden aber Kenntnisse der englischen Sprache verlangt. Friseusen, die frisieren und maniküren können, kommen verhältnismäßig gut unter. Ein Mädel, das bereit ist im Haushalt zu arbeiten, auch wenn es einmal mehr zu tun gibt, braucht sich keine Sorgen zu machen. Mädel« aus Deutschland werden gern genommen, weil man annimmt, daß sie arbeiten und gründlich sauber machen können. Leider werden Männer im Haushalt nicht angenommen, sonst hätte es mancher von uns riskiert; denn keiner von uns kann sich, im Monat 25 Dollar zurücklegen. ... I * j'l Unsere Gemeinde Gemeindesitzung. Am 20. September 1938 fand unter dem Vorsitz des stellvertretenden Vorstehers Herrn II od es eine Gern e i u d c s i t z u n g statt. Nachdem die Resttilgung eines 192') aufgenommenen Darlchns der Sparkasse der Stadt Leipzig und g e r i u g f ii g i g e Abänderungen der Q e m e i n d e a u I a g e u - Ordnung 1958 beschlossen waren, befaßte sich die Sitzung mit der Neufassung der Oemeindesatzung. Diese Neufassung machte sich notwendig, um das Statut der Gemeinde dem Reichs- Besetz vom 28. März 1938 anzupassen, das die jüdischen Gemeinden in rechtsfähige Vereinigungen des hürgorliciien Rechts umgewandelt hat. Sie fußt auf der vom Reichsverband der Juden in Deutschland aufgestellten M u s t e r s a t z u n g für jüdische Großgemeindeii, über die an dieser Stelle schon ausführlich berichtet wurde. Ohne damit die Rechte und Pflichten zwischen der Gemeinde und ihren Mitgliedern zu verändern, sind auf Grund der Neufassung alle Mitg'iedcr unserer (je in finde zugleich Mitglieder des R<Mcbsverbands. Die Zahl der -Mitglieder der Gemeindesitzuug i-,i von 33 auf 22 herabgesetzt, was etwa dem durch Auswanderung i ä. in der letzten Zeit verminderten Bestand entspricht. Die Neidas ig der Satzung wurde nach einer Aussprache entsprechend dem «/.ii SatzungsausschuB aufgestellten Entwurf einstimmig bes blossen. — Hieran schloß sich eine ausführliche Ausspr he über die finanziellen und verwaltungsmäßigen Maßnahmen, ■ tu lerlkh sein werden, um den in den nächsten Monaten zu erwarb en Anforderungen an den Sozialetat des Reichsv bands und an das Wohlfahrtsamt unserer Gemeinde entsprechen zu können. Soweit es in den Kräften von Keichsverband und Gemeinde und deren Mitarbeitern steht, wird alles irgend mögliche tur Linderung der Not geschehen. Legitimationskarten. Mit Ablauf des 30. September hatten alle Wandergcwerhescheine, Lcgitimationskartcn, Stadthausierscheine von Juden die Gültigkeit verloren. Sie waren unverzüglich der Stelle zurückzugeben, die die betr. Papiere ausgestellt hat. Soweit dies noch nicht erfolgt sein sollte, wird hierdurch daran erinnert, daß dies unverzüglich nachgeholt werden muß. Konfektbereitungskursus des Jüdischen Frauenbundes. Der Feiertage halber beginnt der nächste Konfekt-Kursus am Mittwoch, den 12. Oktober. Meldungen und nähere Auskunft bei Käthe Kanstein, Frankfurter Str. 101 links, Tel. 237 91. Amtliche Bekanntmachungen Abänderung der Gemeindeanlagenordnung vom 9-August 1938. Hierdurch wird bekanntgegeben, daß die Gemeindesitzung vom 29. September 1038 die §§ 2 und 5 der Gemeindeanlagenordnung vom 9. August 1938 abgeändert hat. I>ie Abänderungen können in der Zeit vom 12. bis 31. Oktober 1938 werktäglich während der Kassenstunden von 9.30 bis 13 Uhr im Vorraum der Gemeindekasse, Walter- Bliimel-Str. 10, 1. Stock, eingesehen weiden. Leipzig, den 30. September 1938. Der Vorstand der israelitischen Reiigionsgeineinde zu Leipzig.