Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- 40 (7.10.1938)
- Date
- 1938-10-07
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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UND HACHMCHTEMBtAfT PER 6EMEIN DEVERWAL^ TUN6 DER ISRAELITISCHEN REUGI0NS6EM E1NDE ZU I n mit* WeEMELDE I Hk/IIi FÜRVOIKVAU LLiri.IV GEISTIG UN GEMELDET BEIM SONDERBEAUFTRAGTEN DES RFICHSMIN1STERS FKlÄRUNG UND PROPAGANDA ßETR.ÜBERWACHU NG DER GEISTIG UND KULTUREILWI6ENJUDEN IM DEUTSCHEN REICHSGEBIET 7. OKTOBER 1938 12. TISCHRI 5699 14. JAHRGANG NUMMER 40 Philo Ober das Laubhüttenfest Das letzte der Jahresfeste heißt Hütte nf est (III. M. 23,34 u. ö.) und fallt in die Zeit der Herbstglcichc. Daraus lernen wir zweierlei: zunächst dal! wir die Gleichheit (Billigkeit) ehren und die Ungleichheit (Unbilligkeit) hassen sollen — denn jene ist der Anfang und Urquell der Gerechtigkeit, diese der Ungerechtigkeit; jene ist dem schattenlosen Lichte, diese der Finsternis verwandt; — sodann dal) wir nach der Reife aller Früchte Gott danken sollen, der sie zur Reife gebracht und der der Quell alles Guten ist. Denn der Herbst ist, wie dies ja schon allein der Name lehrt, die Zeit nach dem Einheimsen der reifen Frucht, wo die Gewächse und Bäume ihre jährlichen Abgaben und notwendigen Tribute entrichtet haben und die Erde alles reichlich gewährt hat, was sie zur Ernährung der ungezählten Arten zahmer und wilder Tiere hervorbringt, nicht bloß zum sofortigen und augenblicklichen, sondern auch zum späteren Genuß, dank der Vorsorge der ihre Geschöpfe liebenden Natur. Und in Hütten soll die Festzeit zugebracht werden, vielleicht weil wir uns da nicht mehr, mit dem Ackerbau beschäftigt, unter freiem Himmel aufzuhalten brauchen, da draußen nichts mehr zurückgeblieben und die ganze Ernte in Getreidegruben und ähnlichen Behältnissen untergebracht ist mit Rücksicht auf Schädigungen, wie sie Sonnenbrand und Regengüsse nach sich ziehen; denn solange die Frucht auf dem Felde stellt, kannst du das dir Unentbehrliche nicht hüten und wahren, wenn du dich einschließest, wie ein Weib in seiner Kammer, sondern nur wenn du hinausgehst; wenn dich dann beim Aufenthalt unter freiem Himmel Frost und Hitze überfallen, so bieten dir die dichtbelaubten Bäume Schirm und Schatten, unter deren Schutz du den Schädigungen durch beide leicht entgehen kannst; sind dann aber alle Früchte eingeheimst, so gehe auch du hinein und finde in deiner sicheren Behausung Erholung für die Mühen, die du bei der Feldbestellung erduldet hast. Vielleicht aber sollen uns die Hütten an die lange Wanderung unserer Vorfahren durch die weite Wüste erinnern, wo sie viele Jahre hindurch an jedem Rastortc in Zelten wohnten. Es gebührt sich aber, im Reichtum der Armut zu gedenken, im Ruhm der Ruhmlosigkeit, in führender Stellung des Standes als einfacher Bürger, im Frieden der Kriegsgefahren, auf dem Lande der Scestürme und in der Stadt der Wüste; denn nichts kann uns mehr erfreuen als die Erinnerung an früheres Unglück im höchsten Wohlstand. Abgesehen von der erfreuenden Wirkung ergibt sich aber auch ein nicht unbeträchtlicher Nutzen in be/ug auf die Erziehung zur Tugend: denn wer das Gute wie das Schlechte vor Augen hat, wer diesem entgangen ist und jenes genießt, der wird gewiß von dankbarer Gesinnung und frommen Trieben erfüllt werden, da er eine Wendung des Geschickes fürchten wird. Daher wird er zum Danke für das ihm zuteil gewordene Gute Gott mit Und und Wort danken und durch inständiges Gebet seine Gnade zu erflehen suchen, lim in Zukunft von Bösem verschont zu bleiben. Auch dieses Festes Anfang trifft auf den fünfzehnten des Monats, und zwar aus dem Grunde, der schon bei dem Frühlingsfeste erwähnt wurde, damit nicht nur bei Tage, sondern auch bei Nacht die Welt erfüllt sei von dem von der Natur gespendeten herrlichen Lichte, da Sonne und Mond au jenem Tage abwechselnd in ununterbrochenem Glänze erstrahlen, ohne daß Finsternis scheidend zwischen sie tritt. IX-n sieben Tagen aber fügt das Gesetz noch einen achten hinzu, den es als Schluß tag bezeichnet (III. M. 23, 36. IV. M. 29,35), wie es scheint, nicht bloß für dieses Fest, sondern für alle die Jahresfeste, die ich aufgezählt und besprochen habe; denn es ist das letzte im Jahre und der Abschluß der Feste. Vielleicht wurde aber die erste Kubikzahl, die Acht, dem Feste aus folgendem Grunde zuerkannt: sie ist der Anfang der körperlichen Substanz beim Obergangsprozeß vom Unkörperlichen zum Körperlichen und zugleich der Abschluß der geistigen; das rein geistig Gedachte geht durch die Steigerung der Sieben zur Acht in* Körperliche über. Und so scheint auch das Herbstfest, wie Beugt eine ständige und feste Vollendung und der Abschluß aller Feste im Jahre zu sein, da man sich den Ertrag des Feldes bereits angeeignet hat und nicht mehr durch die Zweifel über guten oder schlechten Ausfall der Ernte in Hangen und Bangen erhalten wird; denn die Sorgen des Landmanns kommen nicht eher zur Ruhe, als bis die Fructit eingeheimst ist, da ihr von Menschen und Tieren so vielerlei Schädigungen drohen. ... Es ist aber vorgeschrieben, sich an den Festen zu freuen (ULM. 23,40 u. ö.), weil Torheit und Freude unvereinbare Gegensätze sind, und weil bei Festversammlungen und frohen; Leben uns Freuden ohne Sorge und Betrübnis zuteil werden, die Leib und Seele erquicken, jenen durch Wohlleben, diese durch Philosophieren. Den vorstehenden Deutungen Philos über das Stikkosfest müssen einige Bemerkungen angefügt werden. Der jüdische Denker aus Alexandrien (geb. um 20 u. Zeitr.) hat in seinen Schriften das Gesetz der Thora und das Leben der Persönlichkeiten aus biblischer Zeit in allegorischer Weise ausgedeutet. Er folgt darin der Erklärungsweise, die der Midrasch so hantig anwendet. Vieles mutet uns heute recht fremd an. Alle Beziehungen aber, in die er die einzelnen Bestimmungen des Gesetzes hineinstellt, zeugen für eine starke Naturverbundenheit und für eine hohe sittliche Auffassung vom Judentum. Auffallend ist, daß Philo unter den am Sukkosfest geübten Vorschriften mit keinem Worte den Feststrauß, Lulaw, Ethrog und die anderen Pflanzenarten erwähnt. Vielleicht findet das seine Erklärung in der Überlieferung, daß vor der Zerstörung des Tempels die „vier Arten" nur im 1 einpci alle sieben Tage des Festes Verwendung fanden; außerhalb Jerusalems, also auch in Ägypten, wo Philo lebte, nur am ersten Festtage (vgl. Sukka III, 12 u.s.). Dadurch trat dieser Brauch gegenüber dem der Laubhütte sehr in den Hintergrund und mochte Philo als nebensächlich nicht des Fingehens wert erscheinen. Man hat dieses Obergehen auch damit begründen wollen, daß in Alexandrien die „vier Arten" zur Bedachung der Sukka benutzt wurden. Doch ist diese Erklärung wenig wahrscheinlich; die Berufung auf Nehemja 8, 14 ist keine Stütze, weil dort nicht vom Ethrog gesprochen wird, der doch im Feststrauß große Bedeutung hat; auch werden Pflanzcnarten genannt, die nicht für den Feststrauß vorgeschrieben sind. In dem, was Philo über die Sukka sagt, liegt ein Widerspruch. Einerseits denkt er offensichtlich, abweichend von dem, was der Überlieferung entspricht, nicht an besondere Festhütten; ähnlich wie auch Josephus (Altert. III, 244) redjt er von der „sicheren Behausung", in der der Landiuanii bei Eintritt der kälteren Jahreszeit Schutz und Sicherheit finden soll. Der dann folgende Hinweis, daß die Sukka an die Wüstenwanderung erinnern tolle, kann aber nur dahin verstanden werden, daß es doch Festhütten gegeben habe. Vermutlich war die Aufstellung und Benutzung der Laubhütten in dem hellenistisch stark beeinflußten Alexandrien nicht mehr allgemein üblich, so daß Philo eine klare und eindeutige Erklärung vermeiden wollte. Interessant ist die Deutung des Festes als eine .Wahnimg, „im Reichtum der Armut zu gedenken". Iii einem anderen Zusammenhange spricht er solchen „Neureichen" überhaupt die Fähigkeit ab, den rechten Weg zu erkennen. Er stellt dem „Sehenden" Reichtum, der „aus vollendeten Tugenden und tugendhaften Handlungen besteht", den „blinden" Reichtum derer gegenüber, „denen eine I aune des Glückes zum Wohlstand verholfen hat", und die in diesen „hineinfielen". Wenn solche sich auf ihren Reichtum stützen, „bewundern, was der Beachtung nicht wert ist, und verlachen, was seiner Natur nach Ehre verdient", so könnten sie nicht zu einem gottgefälligen Wandel gelangen. Um so angebrachter ist es, wenn die Laubhütte ihnen einen anderen Maßstab für die Bewertung der Dinge nahebringen will. Übrigens nimmt Maimonides die gleiche Bedeutung des Festes an, und zwar fast mit denselben Worten. (Vgl. Die Werke Philos von Alexandria in deutscher Übersetzung, 2, 161 ff.)