Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- 32 (12.8.1938)
- Date
- 1938-08-12
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 3 Die s. G. w. am Sonnabend, den 20. August in der Gemeindesynagoge stattfindende niXS'13 unseres Sohnes JOHNV beehren sich ergeben» anzuzeigen Samuel Sonnabend (Sonnini) VOJ Kiddusch 12-2 Uhr, Pfaffendorferstr. 13 und Frau Sedy r, Statt Karten Sandor Nebenzahl Erika Nebenzahl geb. Kunin Vermählte Leipzig, 14. August 1V3H Nilcischpatz 1 X.:'jl Lore Lew Fritz Leiser Verlobte Altenburg i. Thür V^Bismarckstr. 2 Leipzig Gottschedsir. 17 wir das nachstehende Stück, das die Bedingungen der geistigen Einordnung kennzeichnet. Zwar hat der Einwanderer auch in geistigen Ding«.-« mit sehr verschiedenen Bedingungen zu rechnen, je nach .lern -Teil der Union, in den er kommt, aber es gibt einige allgemeine Feststellungen, die für manchen Teil der Union richtiger als für den indercn, aber für keinen falsch sind. Sie sind in folgende 10 Punkte zusammengefaßt: 1. Der Geist Amerikas wird vom Mittelstand bestimmt, zu dein, materiell wie psychologisch, ein erheblicher Teil der gelernten Arbeiter gehört. Schon zahlenmäßig ist dieser Mittelstand größer als in den meisten anderen Ländern; an Einfluß übertrifft er hei weitem die reiche wie die proletarische Schicht. 2.: Trotz aller Verschiedenheit der Herkunft ist dieser Mittelstand in seiner Lebensauffassung wesentlich englisch; die AssimHationskraft des Angelsachsentums auf dem amerikanischen Kontinent, verstärkt durch ein dichtmaschiges Netz von Schulen, Volksbibliotheken und Einrichtungen der Erwachsenenbildung, hat Wunder getan. Qewiß will man die Unabhängigkeit von England deutlich unterstreichen, und Mißtrauen gegen England ist durchaus häufig, iber das wird mehr als Meinungsverschiedenheit zwischen Familienmitgliedern empfunden. Im Grunde betrachtet man die englische ii esc Iii chte als einen Teil der eigenen, die englische Kultur als die Grundlage der eigenen, und sieht Europa wesentlich durch englische Augen. Das gilt für die Nachkommen polnischer Juden nicht weniger als für die von Deutschen, Skandinaviern und Kianzosen. Im Westen fängt es sogar an, für die zweite Generation von Japanern und Chinesen zu gelten. 3. Englisch ist am Amerikaner vor allem die Bereitschaft /um Kompromiß, in privaten wie in öffentlichen Dingen. Die amerikanische Verfassung ist aufgebaut auf dem Prinzip, daß zwischen Präsident, Parlament, und Oberster Richterschaft ein dauernder Kompromiß gesucht werden muß; sie ist herausgewachsen aus den leienden Ideen der englischen Geschichte in Anwendung auf ein Land, las noch keine starke Tradition hatte und in dem daher nicht mit >elbstbeschränkung der regierenden Partei zu rechnen war. 4. ' Dieser englischen Tendenz zum Kompromiß wirkt entgegen, laß der Amerikaner eine starke Neigung hat, Dinge zu Ende zu lenken, dabei die Voraussetzungen entgegen der Wirklichkeit zu vereinfachen, und dann ohne viel Bedenken praktische Folgerungen 'it ziehen. Die amerikanische Politik der letzten Jahrzehnte bietet iele Beispiele. Rückschläge entmutigen ihn nicht leicht; der Mensch .ann sein Schicksal gestalten, also versucht man es eben mit einem inderen Weg, wenn der eine nicht zum Ziele geführt hat.. Dieser Optimismus der Tat bedingt nicht notwendig eine Die glückliche Geburt eines gesunden Jungen zeigen hocherfreut au Leipzig, 3. August 1938 Max Herzberg und Frau Humboldistr. 19 Ruth-Helga geb. Dobbriner Erich Sobelmann Leonore Sobelmann geb. Holzsäger Vermählte Leipzig, Dresdner Str. 32 14. August 1938 individualistische Einstellung; mehr und mehr bricht die Auffassung durch, daß viele Probleme vom einzelnen nicht lösbar sind; aber dann kann eben die Gruppe oder die Nation sie lösen. 5. Wenn sich politische oder soziale Schwierigkeiten zeigen, so ist der Amerikaner geneigt, sie in der „wickedness" von Personen zu suchen. Wickedness ist unübersetzbar, es bedeutet mehr als Schuld und weniger als Verworfenheit. Diese Tendenz, Individuen für soziale Übel zur Rechenschaft zu ziehen, auch wo diese Übel aus geschichtlichen Verhältnissen herausgewachsen sind, steht im Widerspruch zu dem humanitären Optimismus des Amerikaners: dem Glauben, daß der Mensch von Natur aus gut ist, daß er durch vernünftige Belehrung und fairness der Behandlung auf den rechten Weg zurückgeführt werden kann. 6. Der Amerikaner hat einen tiefen Glauben an die Wirksamkeit des Lernens und Lehrens. Er fühlt nicht den Verdacht, daß Lernen tote Wissensanhäufung .sein könnte; die amerikanische Schule leidet darunter, daß er dieses Mißtrauen zu wenig kennt. Er fürchtet auch nicht, daß er seine Lebenskraft durch einen Überintellektualismus gefährden könnte; vielleicht kommt das daher, daß er sehr viel Lebenskraft in sich fühlt., Der Widerspruch zwischen Religion und Wissenschaft ist zwar bekannt, führt aber (trotz des berühmten Affenprozesses in Dayton) zu verhältnismäßig wenig Konflikten, weil der Schwerpunkt des Religiösen von den führenden kirchlichen Kreisen nicht mehr auf Dogmatik, sondern auf Sozialethik gelegt wird. 7. Der Amerikaner ist kein Materialist, wenn man darunter einen Menschen versteht, dem es vor allem ums Geld zu tun ist. Materielle Motive werden vielleicht mehr zugestanden als anderswo, was aber nicht heißt, daß sie stärker sind. Der amerikanische Snob lebt in seinen eigenen Kreisen; dem Multimillionär gibt die Vielzahl seiner Millionen eine Überlegenheit unter Millionären; bei den Massen trägt sie ihm mehr Haß als Ansehen ein, wenn er das nicht durch besondere persönliche Eigenschaften oder durch besonders geschicktes Auftreten auszugleichen weiß. Die Summen, die für Zwecke eines „unpraktischen" Idealismus ausgegeben werden, sowohl von privaten wie von den öffentlichen Kassen unter Billigung der Steuerzahler, sind auch im Verhältnis zum Reichtum des Landes ungeheuer. 8. Der Amerikaner liebt das quantitative Denken; darin mag man eine Verwandtschaft zum Materialismus entdecken. Ei schließt manchmal die Augen vor Dingen, die sich nicht quantitativ ausdrücken lassen. Das bewirkt, daß im typischen Weltbild des Amerikaners sehr wesentliche Züge fehlen. Auf der anderen Seite gibt es seinem Denken ein hohes Maß von Klarheit und Ehrlichkeit, weil eben der Verzicht auf den Ausdruck des nicht quantitativ Erfaßbaren auch viele Schlupfwinkel geistiger Unehrlichkeit verschließt. 9. Der Amerikaner ist äußerlich formlos, aber er ist sehr darauf bedacht, die Gefühle seiner Mitmenschen zu achten. Er respektiert die Lebenssphäre des anderen, tr will ihn nicht mit seinen eigenen Sorgen belasten, soweit es nicht unbedingt erforderlich ist, und hat auch eine Abneigung, tiefe Gefühle zu zeigen. Das wirkt oft sehr wohltuend, aber macht es schwierig, menschliche Beziehungen zu vertiefen. Zusammen mit dem geringen Verbrcitungsgrad einer Kultur des Gesprächs führt die Zurückhaltung oft zu einer Oberflächlichkeit des geselligen Lebens, die der Qualität der Men- Ohne einen Pfennig Aufschlag! 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