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Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1938-07-29 · 30 (29.7.1938) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
14 (1938)
Issue
30 (29.7.1938)
Date
1938-07-29
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seile J JÜDISCHES GEMEINDEBLATT LEIPZIG 20 Juli 1038 ' Nr. U des Kosakcnaufstands unter <'.hmelnit/ki ein R. David halevi in seinem Kommentar „Türe sahan" und R. Schabtai Cohen mit seinem „Sif t e Cohen" den Text des Schulchan arueh wie ein sanktioniertes Gesetzeswerk kommentierten, war sein Sieg entschieden. Sie wurden Joseph Karo, was Aron und ('hur dem Mose gewesen waren; nur dal! Karos (ilanz im 10. und »O.Jahrhundert stark verblaßte. Seihst ein so streng gerichteter Mann wie Rektor Dr. David Hof fmann in seinem Werke ,,Der Sehulehan-Arueh und die Rabbinen Ober das Verhältnis der Juden zu Andersgläubigen", Berlin 1804, unterscheidet einen Schulchan aruch in engerem und solchen in weiterem Sinne, d. Ii. mit allen Kommentaren, Zusätzen, Ausläufern. „Ersteier". sagt er wörtlich S. 37, „kann nicht als das für die Juden gültig« Rehgionsgesetz. angesehen werden, weil die allermeisten Rabbinen ihr nicht ab solches anerkannt haben." Aber der weitere? Wir glauben, er kann nie vollendet und als Unabänderliches Gesetzbuch vorgelegt werden. Dies würde dem Sinn der mundlichen Lehre zuwiderlaufen, die in lebendigem Flusse, in steter Entwicklung bleiben mult. Unwandelbar soll dagegen der Geist der Weihe und Heiligung aus unsrer Tora strömen, und durch ihn Wahrheit, Recht und Frieden unter den Menschen. Von diesem Geiste ist auch Joseph Karos Werk erfüllt; durch ihn nimmt es teil an der Ewigkeit des Gotteswortes. Prof. Dr. Ignaz Ziegler: Jeschajahu und die jüdische Messiaslehre Mitte August gedenkt die Kultusgemeinde Karlsbad, das 50 jährige Amtsjubiiaum ihres Rabbiners Prof. Dr. Igna/ Ziegler feierlich ZU begehen. Der Jubilar hat einen weit über die Grenzen seines Rabbinatsbezirks hinaus anerkannten Ruf. Er ist aufgebaut auf der fortreißenden Kanzelberedsamkeit des bis in die neueste Zeit hinein feurigen Redners; nicht minder auf den zahlreichen religionsgeschichtlichen und theologischen, vielbeachteten Schriften; auch hat der unermüdlich schaffenstätige Rabbiner in dem Karlsbader Israelitischen Altersheim und Hospital soziale Einrichtungen geschaffen, die Mitgliedern seiner Gemeinde, aber auch zahlreichen heilungsuchenden Fremden verschiedenster Lander zum Segen geworden sind und werden. In allem hat sich Ziegler als eine Persönlichkeit von starkem Eigengepräge gezeigt, das sich insbesondere auch in seiner religiösen Einstellung ausdrückt: Er ist Vertreter einer eindeutig religiös-liberal gerichteten Haltung und stellt aus dem Gesamtkreise jüdischen Gesetzes die sittlichen Forderungen heraus. Von diesem Gedanken ist auch sein neuestes Werk geleitet, das seine Gemeinde anläßlich seines Jubiläums veröffentlicht hat: Ein Volksbuch über die Propheten Israels (Mähr.-Ostrau 1938, Verlag Julius Kittls Nachfolger), das die Propheten von Mosche bis zu den „Ausläufern der Prophetie", Joel und Jona, in ihren Persönlichkeiten und ihrem geschichtlichen Zusammenhange nahezubringen sucht. In diesem Werke tritt wiederum mit scharfumrissener Zeichnung die sittliche Forderung des Judentums, wie sie durch die Wirksamkeit der Propheten immer neu formuliert wurde, hervor als Grundlage und Besonderheit der jüdischen Guttesauffassung. Ziegler entwickelt in den den einzelnen Propheten gewidmeten Kapiteln die gedankliche Linie, die sie, an das Frühere anknüpfend, durch ihr Eigenes neue Seiten aufzeigen und dadurch jeweils die alten Glaubenswerte den neuen Zeitverhältnissen anpassen läßt. Wie alle seine Schriften, ist auch dieses Buch ungemein anregend, in einer schlichten, aber schwungvollen Sprache abgefaßt. Mit freundlicher Genehmigung des Verlags sind wir in der Lage, aus dem Buche eine Probe zu geben. Die Redaktion. Wohl wird auch von Jeschajahus Hoffnung nur das nationale Leben umspannt. Wohl träumt auch er von dem grollen Staate Israel, von dem stolzen Brennpunkt des mächtigen Landes. Aber die Größe Judas ist ihm nur die Folge der sittlichen Einkehr und der sittlichen Reinheit, die Folge von Recht und Gerechtigkeit. Er hat mit diesem Zukunftstraum der Religion Israels den Weg gewiesen, die Höhen des ethischen Univetsalismus mit den Grenzen des nationalen Seins zu vereinen, auf daß auf diesem Grunde Israels Religion eine Ewigkeitsreligion werde. Nie hat ein Menschensohn ein köstlicheres Zukunftsbild der Menschheit entworfen. Jeschajahu hat mit seinen messianUchcn Ideen die alte Welt aus ihren Angeln gehoben und durch den Hinweis auf eine glorreiche Zukunft Israel immer aufs neue aufgestachelt zur Arbeit an sich und zum Ausharren in Not und Prüfung. Jeschajahu ist gleich Mosche ein religiöser Pfadfinder Israels und der ganzen Menschheit. Seine rein persönliche, individuelle Idee von dem Gesalbten — der israelitische König wurde bei seiner Thronbesteigung mit heiligem Öl gesalbt — hebräisch: maschiach, vergriechischt: „Messias" wurde später Gemeingut des Volkes. Jeschajahus Traum von dem messianischen König ist der Traum seiner Nation geworden, der ewige Traum von dem Messias, der sein Volk und durch sein Volk die gesamte Menschheit zu dem von Gott gewollten sittlichen Hochziel führen werde. Dieses erhaben-einfache und gerade in seiner Einfachheit grandiose Ideal wurde siebeneinhalb Jahrhunderte spater der Ursprung des Christentums l in nach seelischer Erlösung lechzendes, innerlich zerfallenes Geschlecht, eine heiBe Mischung von Juden, Griechen, Persern. Römern und Ägyptern hat den Traum Jeschajahus in dem Mythos von dem Juden Jesus zu verwirklichen gesucht. Nur daß aus der Anbetung des Zieles die Anbetung seiner symbolischen Verkörperung geworden ist und die Verkörperung das heiiige Ziel nicht erreicht hat Fassen wir ... die Bedeutung Jeschajahus für die Entwicklung der jüdischen Religion, wie sie dem prüfenden Blick in den 35 ersten Kapiteln der 66 Kapitel umfassenden, unter dem Namen „Jeschajahu" in der Bibel enthaltenen Reden sich bietet, kurz zusammen. Sie liegt in erster Reihe in der mächtigen Entfaltung der Gottesidee. Jeschajahu hat den israelitischen Gottesbegriff von Grund aus neu geschaffen, durch ihn hat er die Attribute des Gewaltigen, Allmächtigen und Unnahbaren erhalten, er ist der Fortsetzer und Erweiterer der mosaischen Gottesidee. Ihm ist Gott König, Herr der Heerscharen, der Mächtige Und H o h e i t s v o 11 e , dessen Herrlichkeit die Erde füllt. Er hat SEINE Heiligkeit (Wir setzen hier anstelle der von Ziegler umschriebenen Zeichen des vierbuchstabigen Gottesnamens die von Buber eingeführte Bezeichnung. D. Red.) zu neuer Größe erstehen lassen. Er hat ein Gott vertrauen gelehrt, das je später je mehr Israels Kraft und Dauer geworden ist. Dabei danken wir ihm die erste Durchgeistigung der Gottesidee: ER ist das Licht der Welt, er gießt seinen Geist über die Menschen aus. Jeschajahu hat aber auch nahezu alle Religionsideen, die er von seinen Vorgängern oder aus dem vorhandenen Volksgut übernommen hat, vertieft und ausgestaltet, hat ihnen eine Weite gegeben, an der seine Nachfolget nicht immer festgehalten haben. Der Identifizierung der Gottesidee mit Recht und Gerechtigkeit, von Arnos begründet, hat er Worte verliehen, die an Glut und hinreißender Begeisterung bis heute ihresgleichen nicht gefunden haben, und den sittlichen Pflichten der Auserwählung hat er unvergänglichen Ausdruck verliehen. Ob er von Gottesfurcht spricht oder von G o 11 e s e r k e n n t n i s, von Lohn und Strafe oder vom Wissen über Gott, von SEINEM R i c h t a m t, von seiner Gnade oder seinem Zorne, überall weiß er dem Tradierten neue Seiten hinzuzufügen, neue Momente abzugewinnen. Er hat die Religionsgeschichte Israels um einen großen Schritt weitergeführt, hat sie bereichert und das Vorhandene gesichert und vertieft. Jeschajahu ist ein Markstein in der Entwicklung der jüdischen Religion. Das Höchste aber, was unsere Rcligionsgeschicbte ihm dankt, ist die messianische Idee, das Zukunftsidcal Israels und der gesamten Menschheit. Und daß er gerade dieses Ideal rein menschlich und natürlich gefaßt hat, ohne Jenseits und ohne Mythos, ohne Paradies und ohne Hölle, sondern nur irdisch, dadurch aber verständlich und herzergreifend für alle Zeiten und alle Menschen, das ist das Größte an dieser seiner höchsten Leistung um Israels Religion. Seine Zeitgenossen hatten für seine Größe nur wenig Sinn. Erzählt doch die Agada, daß ihn der König Menasche habe hinrichten lassen. Um so höher schätzte ihn die Nachwelt, die ihn den größten Propheten Israels nach Mosche genannt hat, den Propheten der Gerechtigkeit. Sie hat ihm auch ein Monument errichtet aere perennius Nicht nur, daß sie durch die Wahl seiner großen Rede über Gerechtigkeit zur Prophetenlektion für den Sahbat vor dem 9. Ab., dem Gedenktag der Zerstörung Jerusalems, und durch die Wahl seiner Messiasrede für die Haftara am letzten Tage des Pesachfcstes zui Identifizierung Gottes mit der Idee der sittlichen Verpflichtungen sich bekannt hat, sie hat auch seinen Namen für ewige Zeiten mit der Liturgie des Volkes aufs engste verbunden. Seiner üottesidee ist die Keduscha entnommen, dieser wichtigste Teil des öffentlichem Gottesdienstes der Judenheit, nach dem Schema. Bei jedem Gottes dienst der Gemeinde, sei es an Werktagen, sei es an Sabbaten um! Festen, ertönen die mächtigen Worte Jeschajahus von den Lippct: aller Betenden: „Heilig, heilig, heilig ist ER der Heerscharen Voll ist die ganze Erde von seiner Herrlichkeit!" (6, 3.) Unsere Gemeinde Vortrag über die Wanderungslage in Leipzig Im Rahmen einer grollen gemeinsamen Veranstaltung dc> Ortsverhandes Leipzig im Reichsbund Judischer Frontsoldaten mit dem Sportverein „Schild" sprach nach einleitenden Worten des Vorsitzenden, Rechtsanwalt Cohn, zunächst Herr Dr. Rosentlial von der Bundesleitung des Retchsbundes Jüdischer Front- »Waten in Berlin über die Tätigkeit des Bundes. Insbesondere betonte der Redner auch die neuen Aufgaben, die dem Bunde durch den Anschluß erwachsen würden, sowie die Fühlungnahme des Reichsbundes mit den uberseeischen jüdischen Frontkämpferverbänden zum Zwecke der Erleichterung der Auswanderung. — Dr. Rosetithal uberreichte dem Ortsverbandsvorsitzenden Dr. Richard Cohn die silb. Ehrennadel des Reichsbundes Jüdischer Frontsoldaten, unter An erkennung seiner Verdienste um den Ortsverband. Anschließend nahm Dr. A. Prinz, Vorstandsmitglied im Hilfsverein der Jud. in Dtschld., das Wort zu dem Hauptreferat des Abends über „Stand und Aussichten der U be r s ee w a nd er un g'. Er erklärte es für ein wesentliches und unverlierbares Ergebnis der ersten Jahre nach 193"*, daß in Europa kein einziges Land die natürlichen Voraussetzungen

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