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Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1938-07-29 · 30 (29.7.1938) · p. [Seite]

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iH UMD NACHWCHTENElAn DER 6EME1NDEVERWAL^ UN6 DER ISRAELITISCHEN REUGI0NS6EMEINMZ LEIPZIG ABGEMELDET BQMSONDERBEAUFTRAGTEN DES REICHSMINISTERS ilBiUHS UND PROPAGANDA BETR.ÜBERWACHUNG DER GEISTIG UND KULMEHHU JUDEN IM DEUTSCHEN REICHSGEBIET. 29. JULI 1938 1. AW 5698 14. JAHRGANG NUMMER 30 Bei der Verteidigung des jüdischen Landes fiel am Morgen des 17. Juli 1938 auf einem Erkundungsritt in der Nähe der Siedlung Ramath Hakowesch der Hilfspolizist PETER FECHNER aus Leipzig, 23 Jahre alt. Mit seiner Familie, mit dem Leipziger Bar Kochba trauert unsere ganze Gemeinde um einen ihrer Söhne, der freudig sein Leben einsetzte für Volk und Land und für die Verwirklichung des zionistischen Ideals, dem er treu blieb bis in den Tod. Das Andenken Peter Fechners wird fortleben, sein Beispiel fortwirken und neue Kräfte auslösen für den Kampf um eine bessere jüdische Zukunft. Dr. S. Samuel: Rabbi Joseph Karo und sein Werk Bekannt ist die Sitte, große, jüdische Gelehrte nicht mit ihren Namen, sondern mit den Titeln ihrer Hauptwerke zu bezeichnen. So trat der Name des Jehuda halevi hinter seinem Kusari, des R. Mose 1). Maimon hinter seinem More nebuchim zurück. Besonders übte man aber den Brauch, um Träger der strengen Gesetzesforschung, 1 taasoren und Kodifikatorcn, in die Kette der Tradition von Mischna und Gemara einzugliedern. Ihre Werke, obwohl niedergeschrieben 'ind durch den Druck verbreitet, galten als mündliche Lehre vom -Mnai, waren vom Glänze göttlicher Autorität umstrahlt, erhaben über Zeit und Ort. Wohl verdunkelte jeder spätere Dezisor etwas <len Glanz des früheren; der Rambam den Alfasi; R. Jakob ben \schcr, der Baal ha-Turim, sogar den Rambam; aber sie alle waren loch Fackelträger, die den Weg des Volkes erleuchteten. Je länger •ler Zeitraum, der uns von ihnen trennte, desto weniger unterlagen ic der Kritik, die man als Anmaßung, ja als Sakrileg empfand. Daß <. Joseph Karo, der Verfasser des Schulchan aruch, der i-tztc Große in der Reihe jener Dezisoren wurde, rechtfertigt schon illcin ein besonderes Interesse. Joseph Karo ist vor 450 Jahren, 1-ISS, in Spanien geboren, war alt vierjähriger Knabe 1492 unter den Vertriebenen, und beschloß «-•in Leben 1575 in Safet, im heiligen Lande. Er war schon in jugendchem Alter Rabbiner in Nikopoiis (heutigem Bulgarien), sodann in \drianopel. Sein Lchrhaus aber stand viele Jahrzehnte hindurch in ler genannten Bergstadt im oberen Galil, wo R. Jizchak Lurja als Aeistcr der Kabbala wirkte, und von wo auch seine eignen Werke usgingen. Diese haben ihre Stärke in einer ungeheuren Belesenheit ni vorangegangenen, rahbinisch-halachischen Schrifttum und in der uisgesprochencn Tendenz, aus dem Labyrinth der Meinungen den i chtigen Weg für die Praxis der jüdischen Lebensführung zu finden. I >ie Vorstudien zu seinem „Bet Joseph", das die Form eines Komi eirtars zu den 4 Turim des R. Jakob ben Ascher hat, beschäftigten ihn volle 20 Jahre (1522—42); die Ausarbeitung zog sich weitere 12 Jnhre hin. In der Vorrede nennt Karo alle von ihm berücksichtigten Quellen, an letzter Stelle sogar den Sohar. Ihm gelten Alfasi Rambam und R. Jakob ais die drei Hauptstützen der Tora, die ihm Babel, Spanien und Deutschland repräsentieren; ob er als Palästinenser den Vorrang des heiligen Landes geltend machen wollte, dir eine letzte Entscheidung treffen, einen Schlußpunkt setzen durfte? Zur Erklärung des Titels seines Buches bemerkt er in der Vorrede, daß er geistige Nahrung habe anhäufen wollen, wie einst Joseph in Ägypten Vorräte an Getreide. Wie ein legitimer Gesetzgeber aber tritt er erst in seinem Alterswerk, dem Schulchan aruch auf, dessen *ier Teile zwischen 1550 und 1559 in Venedig und Sabionetta erschienen. Es war nur ein Auszug aus dem Bet Joseph, vom Meister ■fir seine Schüler angelegt, in 30 Abschnitte geteilt, die von ihnen in jedem Monat eingehend studiert und ins Gedächtnis geprägt werden konnten. Wir wissen, welche erdrückende Autorität grade dieses Kompendium allmählich im Judentum gewann, wir wissen aber auch von dem Gegendruck, der zulet/t eine Heftigkeit annahm, die fast einer Ablehnung gleichkam. Man verstieg sich bis ZU der Behauptung, daß auch für die religiöse Praxis jedem überlassen sein müsse, sich seinen Schulchan aruch selber zurechtzulegen; anstatt das Verdienst Karos für seine Zeitgenossen und seinen umfassenden Gesichtskreis anzuerkennen. Bei dem Uberblick über Karos Hauptschaffen haben wir nicht nur seine geringeren, halachischcn Werke außer Betracht gelassen (darunter einen Kommentar „Kessef Mischnc" zum Mischnc Tora), sondern auch die umstrittene Schrift „Maggid Mcscharim", die ihn auf dem Titclblatte als Verfasser nennt. Sic enthält Bibelcrklärungen in kabbalistischem Stile und Berichte über Traumeingebungcn eines Engels, eben des Maggid, der untern Karo zur Führung eines streng asketischen Lebens ermahnt. Mit guten Gründen hat besonders David Cassel diese Schrift unserm Autor abgesprochen: ihre Echtheit hat aber in unsern Tagen in Dr. Simon Bernstein (New York) einen gewichtigen Verteidiger gefunden. Dieser hat in seiner jüngsten Schrift „Schomre ha-chomot" (Tel-Aviv, Verlag Mizpeh, 5098) Karo eine geistreiche Skizze: R. Joseph Karo, Träumer einer jüdischen Konstituante, gewidmet und dessen gesamtes Schaffen unter einen neuen Gesichtspunkt gestellt: die schiwat zion, Rückkehr nach Zion. Allein aus dieser zu seiner Zeit und auch in seiner Seele herrschenden Sehnsucht ist nach Bernsteins Auffassung Karos Streben zu begreifen, dem Volke nach der Vertreibung aus Spanien auf dem alten Väterboden eine Wiederherstellung vorzubereiten und sogleich seine religiös-bürgerliche Verfassung zu schenken. Diese letztere hätten wii im Schulchan aruch vor uns; Karos Seele sei aber ungeachtet des trockeneii Tones seiner Gesetzesparagraphen von warmer, messianischer Hoffnung erfüllt gewesen. Es spricht manches für diese Auffassung. In die Jugendzeit Karos fallen die drei messianischen Schriften des Don Jizchak Abravanel; als Mann war er tief ergriffen von dem Schicksal des edlen, unglücklichen Salomo Molcho. Er begrüßte die Bestrebungen von R. Jakob Berab zur Wiederherstellung der Ordination für ein zukünftiges Synhedrion ebenso, wie das verheißungsvolle Auftreten von Don Joseph Nassi in Tibcrias, während die dortigen Rabbinen ihm wie einem Abenteurer begegneten. Er war ein Freund von R. Salomo Alkahiz, dem Dichter des Lecho daudi; aus seinem Lehrhause gingen Gelehrte mystischer Grundstimmung hervor; so die drei Mose: Cordnvero, Almosnino und Alschech. Dem Bannkreis von R. Jizchak Lurja, des Löwen der Kabbala, hielt er sich einigermaßen fern; dessen hochfliegenden Ansprüchen z. B. im Bereich der Gebete gestattete er keinen Eingang in seine Vorschriften. Aber auch er, der persönlich äußerst bescheidene Mann hätte stolz werden können, wenn er den Eindruck vorausgesehen hätte, den sein umfassendes, leicht verständliches Handbuch auf die breite Masse der Judenheit über 300 Jahre hinaus ausüben würde. Zur „Schiwat Zion'' in größerem Umfange kam es damals in der mächtigen Türkei nicht; allein dürfen wir vielleicht die Chibbat-Zion-Bcwegung Untrer Tage als ihre verstärkte Wiederkehr betrachten? Geraume Zeit erforderte es immerhin, bis der Schulchan aruch im scfardisch-orientalischen Judentum sich durchsetzte; noch größeren Widerstand hatte er in den zwischen 1550 und 1648 blühenden, polnisch-aschkcnasischen Hochschulen zu überwinden. In den üroßgemeinden Saloniki, Konstantinopel und Kairo gab es damals Gelehrte, die es an Wissen mit R. Joseph Karo aufnehmen konnten; an den Hochsitzen des Talmudstudiums in Polen aber lebten manche, die ihn an Scharfsinn und Tiefblick übertrafen; so ein R. Salomo Lurja; R. Mordechai Jaffe, der Verfasser des „Lewusch"; R. Josua Falk. Vor allem aber erwies sich R. Mose isscrles von Krakau ihm gewachsen, ja überlegen. Seine Zusätze (Hagahot) begleiten den ganzen Text, und stellen in unzähligen Fällen eine abweichende Meinung auf, die der abendländischen Auffassung mehr entsprach. R. Cha t im Tschernowitz hat in seinen Studien über Karo und die Entwicklung der Halacha nachgewiesen, wieviel von Gewohnheitsrechten, Gebräuchen und Zeremonien meist deutscher Herkunft aus den Minhagim-Büchern und andern Quellen von R. Mose Isseries hineingearbeitet wurde. Doch erst, als nach den Schrecken

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