Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- 23 (10.6.1938)
- Date
- 1938-06-10
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JODISCHES OEMEINDEBLATT LEIPZIG 10 . Juni 1938 / Nr. 23 schrumpfen und zum Erliegen kommen, finden sich un/ählige hebräische Bücher in den kleinen Synagogen und ihren Lernzimmern. Es gehört ebenfalls in das Gebiet des Archivschutzes, dal! man diese Bücher, ob sie nun guterhalten oder schon stark zerlesen sind, daraufhin genau durchsieht, ob sie hebräische oder deutscht handschriftliche Eintragungen enthalten. Auch die Bücher mit solchen Eintragungen oder wenigstens die entsprechenden Blatter natürlich mit genauer Herkunftsangabe — müssen erhalten, gerettet werden, weil sie vielleicht nützliche Aufschlüsse gewahren könnten. Unter den Sorgen des Tages mag die Sorge um Akten, Rigister, Bcschneidungsbücher, Thorawimpeln und Bucheinträge merkwürdig und klein erscheinen, es wäre aber ein verhängnisvoller fehler und bewiese einen sträflichen Mangel an Voraussicht un I Oeradnskta. wollte man sich dieser Sorge verschließen. Jener Gemeindevorsteher, der erst kürzlich, bevor er nach Amerika auswanderte, das Archivgut seiner Gemeinde unaufgefordert dem Gesamt archiv überwies, hat jedenfalls die Zeichen der Zeit verstanden und mag allen denen, die es angeht, zum Muster hingestellt sein. Tora und Tradition Ein Rückblick auf unser Fest. Von Dr. S. Samuel. Im Rahmen einer schlichten Eeier wurden jüngst bei Eröffnung der Vorlesungen an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums Dr. Leo Baeck zu seinem 25jährigen Dozcntenjubiläum Glückwünsche dargebracht. In seiner Erwiderung faßte er die Aufgabe jüdischer I orscher, der Gelehrten wie der Rabbiner und jedes Reilgioiisbeflissenen, dahin zusammen, Träger der Tradition zu sein. Er nannte nicht Tora, meinte sie aber mit. Ist doch Tradition ganz auf sinaitische Offenbarung, also auf Tora gegründet; und letztere durchaus in Tradition einbezogen worden, um an ihrem höheren, autoritativen Charakter teilzunehmen. Wie oft klingt in unseren Reihen das Doppelwort ,Talmud-tora' auf, als Forderung des Studiums und Erwerbs der Gotteslehre. Große Meister sehen darin eine Verpflichtung, die jeder besonderen Pflicht vorangeht, weil sie Vorbedingung ihrer Erkenntnis ist und zur Ausübung alles (iuten den Weg weist. Wer jemals ernsthaft, vielleicht angeregt durch unsere Feste, über Quelle und Wesen unserer Religion nachgedacht hat, wird sich die Frage vorgelegt haben, ob Tora nicht mit ihrem eignen Lichte leuchte, sich selber deute und erkläre, also auch ohne gelehrte Tradition für die Gestaltung unseres Lehens genüge? Soweit sie freilich (iesetz ist, bedarf sie gewiß schon um mancher Lücken, Dunkelheiten und Widersprüche willen maßgebender Auslegung zu ihrer Anwendung. Allein Tora ist zugleich Unterweisung über Gott und W eltall, iiher unsere Seele und Seligkeit. Erhebt sich da nicht die Gi fahr, daß wir Tora nur noch mit den Augen der Tradition, statt mit den eignen schauen, wie auch das Gesetz nur noch in einem immer verwickelter ausgesponnenen System, statt in den kräftigen Linien der Schrift? Uni einen Ausweg aus diesem Engpalt zu finden, setzen wir zwei extreme Fälle. Könnte es unsre Meinung sein, uns völlig von der Tradition zu trennen? Die Folge brauchen wir uns nicht aus/uinalen, wir haben sie am Beispiel der alten Saddukaeer, der späteren Karaeer vor uns. Wir werden diesen und andern Bettreitern der Tradition zuerkennen, daß sie in ihrer Weise fromme und überzeugungstreue Juden waren und soweit sie noch existieren als solche zu gelten haben. Der Widerstreit des größeren Judentums gegen Mi spielte sieh auf geistiger Ebene ab; das Prinzip unterer Schrittet lehrten erwies sich als fruchtbarer; es schloli eine Aufwärtsentwicklung selbst über das Niveau des bloßen Wortlauts und eine Vnpassuilg an die Forderungen der Zeit in sich. Für unsere Weisen war Tora keine verblaßte Urkunde, kein ehrwürdiges Literaturdenkmal oder zu Stein gewordenes Heiligtum: es war, wie Rabbiner Saul Kaatz in seiner aufschlußreichen Schrift „Die mündliche Lehre und ihr Dogma'' bemerkt, der lebendige Wille Gottes. Die I rager und Hilter der Tradition sahen ihre Aufgabe darin, „diesen Willen Qottet zum Wege des Volkes zu machen, und als Weg des Volkes ZU wahren, ihn der Gesamtheit Israels zu erhalten, und dir Gesamtheit Israels ihm". /u dem Meister der Frflhzeit, dein edlen R. Hillel, kam einst ein I leide, der Jude werden wollte, wenn er von den beiden Torot. der schriftlichen und der mündlichen, nur die erstere annehmen durfte. I (er VI t:ite ging anscheinend darauf ein, und klärte ihn das erstell! il gewissenhaft über Form und Aussprache des Alphabets auf. AU ■ i aber ein zweitesmal eine abweichende Belehrung über den gleichen Gegenstand anzubringen versuchte, stieß er auf den Widerstand des Zöglings, der oluu Vertrauen zur Glaubwürdigkeit seines Lehrers sich verwirrt und verloren sah. Deine Haltung, sagte Hillel, ist ben!iii.;t; da du den Wert einer treuen. zuverlässigen Belehrung erkannt hast, so fasse Vertrauen zur mündlichen Lora, die ganz darauf beruht. Aus der Spätzeit des Midrasch besitzen wir ein treffendes Gleichnis. Ein Konig ubergab zweien seiner Diener je ein Mall Flachssamen und Saatgetreide zur Aufbewahrung. Als er nach Zeit zurückkehrte und nach dem Verbleib der anvertrauten Pfänder forschte, hatte der eine nichts als einen verwesenden Rest in I l inden; der andre hatte herrliches Leinen gesponnen und ganze Soeichet mit Getreide gefüllt, die er dem Eigentümer vorwies. Weihen Diener mag der König lobenswerter gefunden haben? Oft wird die mündliche Belehrung, die im Juden turne die Schatzkammern dei Haggada bereichert hat, nach dem Vorgang vom ■> Buch Mose. Kap. 12, V. '>, mit Regenström eil und lau verglichen. Vi Ii-' der Lide Blumen und Früchte von tausendfacher Art hervorzubringen hellen, s;i die Lehrer und Redner auf geistigem Gebiet im Felde der Tradition. Nein, verwerfen in Bausch und Bogen kön neu und wollen wir diese um keinen Preis. Aber wir müssen auch das andere Extrem ins Auge fassen. Ist es denkbar, daß wir der gesamten Tradition in allen ihren Zweigen und Verästelungen gleichen Rang mit der Tora zuerkennen? Könnet, wir leichtherzig zugeben, daß die Worte der Schriftgclehrten schwerer wiegen, als die der Tora selbst (Sifre zu 5. B. M., Kap. 17, V. II), ihre Anordnungen stärker gefestigt Avurden, als die der Tora (Sanhedrin S8a, Sebachim 101a)? Es ist klar, daß so nur gesprochen werden konnte, solange anerkannte, jüdische Religionsbehörden die Gemeinschaft einheitlich leiteten und ihren Anordnungen autoritativen Charakter verleihen durften. Damals stand das sogenannte Traditionsdogma in Blüte, das alle mündliche Lehre bis zum Abschluß des Talmuds zugleich mit der Tora am Sinai entstanden sein läßt, als mündliche Offenbarung an Mose neben der schriftlichen. Von unterm Lehrer Mose, der in Gottes Rate stand, ging die goldne Kette der Überlieferung aus bis zum letzten Amoraeer. Hier gab es nur eine Darreichung des gleichen Stoffes von Hand zu Hand, durch viele Generationen; alles Neue aber, Erweiterung, Erklärung, Festsetzung, ebenso wie Außerkraftsetzen, Mildern und Abwandeln war schon im Anfang mitgesetzt und voraus bestimmt. So freilich hat unser genannter Gewährsmann ein Recht, von einem Mysterium zu sprechen, einer übersinnlichen Sache des Glaubens, einer These jenseits von Logik und Wissenschaft. „Vom Sinai her" dies grolle Wort schließt Tora und Tradition zu geheimnisvoller Einheit in einer die Grenzen des menschlichen Intellekt übersteigenden Weise zusammen. Wenn trotzdem das Forschen die Hauptsache blieb, so galt ja auch der Grundsatz, daß kein Bibelsatz aus seinem einfachen Wortsinn zu weichen braucht; und verblieb doch der Auslegung und Deutung ein fast grenzenloser Spielraum, so dalt Meinung gegen Meinung Platz fand, und die Worte der einen wie der andern „Worte des lebendigen Gottes" waren. Vielleicht empfand man schon früh die Gefahr einer zu grollen Entfremdung vom Urquell. So darf man gewiß die auf Raw zurückgehende Legende deuten, die sich Menachot 29b findet. Mose befragt (iott im Himmel, warum er Krönchen auf gewisse Schrift/eichen der Tora knüpfe? Gott antwortet, da II einst R. Akiba aus ihnen ganze Massen von (iesetzen ableiten werde. Mose möchte ihn sehen. Er muH ihn in der 8. Reihe der Gelehrtenjünger suchen, kann dann aber dessen Vortrag nicht folgen; bis er den Ausruf vernimmt: dies ist eine Halacha des Mose vom Sinai her! Er hat seine eigene Lehre in der Fassung Akibas nicht wiedererkannt, begnügt sich aber mit der losesten Anknüpfung nach so viel Jahrhunderten. Nun es sind seit R. Akiba weitere 18 Jahrhunderte über uns dahergerauscht. Die Zeiten haben sich gewandelt, vor allem fehlt es an einer einheitlichen Religionsbehörde; mag dies Nachteil oder auch Vorteil sein. Wir müssen heute wieder stärker auf die Tora zurückgehen, und uns dabei unserer eignen Kräfte und Methoden bedienen, die nicht ohne weiteres mit den Deutungsregeln der Tradition übereinstimmen. Vor allem dürfen auch wir Emst machen mit dei Lehre des Lebens, d. h. für unser und untrer Kinder I eben; und Vernunft und Herz einsetzen, nach den Toraworten im 5. B.Mose. Kap. 30, V. 12: sie ist nicht im Himmel noch jenseits des Meeres sondern sehr nahe ist dir die Sache, in deinem Munde und in deinem Herzen, dall du sie vollbringest." Claude 6. Montefiore. Am 0. Juni 1938 konnte Claude Ooldsmid Montefiore seinen sti. Geburtstag begehen. Er entstammt den angesehensten Familien der englischen Judcnhcit Und hat, in Fortführung der I r.idilion seinei Vorfahren, sein Leben und sein ganzes Vermögen in den Dienst sozialer und kultureller Einrichtungen gestellt. Lange Zeit war ei Präsident der Anglo Jewish Association, des englischen „HUftvereins", war in den verschiedensten Ausschüssen tätig, und ist heutl noch Präsident der englischen I röbclgcscllschaft, da er sich stet* besonders mit Erziehungsfragen beschäftigt hat. Seine Lchcusaufgaln sah er in der wissenschaftlichen Arbeit, deren Anerkennung in dei Verleihung des Ehreudoktorats durch die Universitäten Manchcstci und Oxford zum Ausdruck kam. An seiner vornehmen, gütigen um: hilfsbereiten Persönlichkeit ist hervorstechend die seltene Verbindung von umfassendem jüdischen und allgemeinen Wissen mit einer tiefen I römmigkeit. So drängte ihn sein Wesen früh zum Studium der Religion. Um eine jüdische Religionswissenschaft herauszubilden, gründete ei 1888 gemeinsam mit Di. Israel Abraham die „Jewish Quarterly Review", die der Erörterung aller Probleme jüdischen I ebent Und Wissens diente. Seine selbständigen Werke beschäftigen sich mit der Erforschung der Bibel und ihrer Religion. Seil fünfzig