Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- 23 (10.6.1938)
- Date
- 1938-06-10
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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in UfNACldEt 1BLATT DERGEME INDEV ERV /AI/ 16 PER SRAE ISCHE n EL1G10NS6EV EINDEZU LEIPZIG ABGEMELDET BEIM SONDERBEAUFTRAGTEN DES REICHSMINISTERS FURV0LKSAUF1 iE! p; er Vi o* «t o 8 CO V* 10. JUNI 1 938 / / 11.Sl W AN 5 698 14. JAHRGANG / NUMMER 23 Pf-J-JacoltSO/i: Leiter des Gesamtarchivs der Juden in Deutschland. Schützt Euer Archivgutl In den Zeiten, die hinter uns liegen, war es nicht immer leicht, Verständnis für die Arbeit zu erwecken, die ein jüdisches Archiv zu leisten hat. Der Wechsel der Verhältnisse hat auch darin gründlich Wandlung geschaffen. Freilich liegt dem weniger die theoretische I insicht zugrunde, daß aus den Akten der jüdischen Gemeinden, Vereine und Verbände ein Weg hinüberführt zur Erkenntnis jüdischer Vergangenheit und jüdischer Gegenwart, es waren vielmehr Erfahi Hilgen und Erwägungen rein praktischer Art, die die Stellung des jüdischen Publikums gegenüber dem jüdischen Archiv geändert haben. Neigung und Notwendigkeit haben gerade in den letzten Jahren unendlich viele veranlaßt, den Ursprung ihrer Familien nachzuforschen und Verwandtschaftsverhältnisse urkundlich nachzuweisen, und täglich wächst der Kreis derer, die sich Papiere über ihre Abstammung beschaffen müssen oder mit Hilfe solcher Paniere jahrzehntelang abgerissene Familienbeziehungen wieder anknüpfen wollen. Sie alle wissen heute, was es zu bedeuten hat, dal! in jahrzehntelanger Samnielarbeit das Schriftgut so mancher alten jüdischen Gemeinde geborgen wurde, deren Existenz in unseren lagen abgeschlossen ist oder früher schon abgeschlossen war. Sie können aber Hieb ermessen, wie durch die Vernachlässigung des Archivschutzes nie wieder gutzumachender Schaden angerichtet wurde, und werden deshalb begreifen, dal! gerade jetzt Unterstützung des Archiv- Schutzes die Pflicht der Stunde ist. Dali die jüdischen Archive dieser Pflicht zu genügen suchen, ist elbstvustäiidlich, und man braucht kaum besonders hervorzuheben, lall sie alles tun, was in ihrer Macht steht, um rechtzeitig die Akten und Register aufzufangen, die heute in jüd. Gemeinden Deutschlands Freiwerden. Antrieb für diese Bemühungen ist für das jüdische Archiv natürlich auch der Wunsch, in verstärktem Malte den Anforderungen genügen zu können, die von der täglichen Praxis gestellt werden, feder Archivbestand und jeder Archivzugang wird mit danach bewertet, was er an personell- und faiiiiliciigcsclüchtlich Bedeutsamem nid Auswertbarem enthält. Und wie vielseitig ist das Material, das ii günstigem I alle aus dem Arehivgut jüdischer Qemeinden für famiiengeschlchtUche Nachweisungen zur Verfügung gestellt werden kann! In erster Linie sind da die sogenannten Personenstandsegister, jene Register, in denen die Geburten, Trauungen und ^tcrbcfällc eingetragen sind. Dazu kommen Personenstands- . u f na Ii in en über den genauen, mit Geburtsdaten versehenen Befand einer Gemeinde in einem bestimmten Augenblick ihrer Entwicklung und auf der anderen Seite Gräber Verzeichnisse, •teuer- und Wählerlisten, Schüler- und Gewerbevcrcichnisse, M ust er tings rollen und Register über den Erwerb ler Synagogenplitze, Zugangs- und Abwanderungslisten, Vkten mit P e r s o n a I n o t i z e ii, sie alle werden dem willkommen ein, der den Spuren seiner Vorfahren nachgeht und Nachwcisungefl über Leben und Stellung seiner Eltern beizubringen hat. Dankbar wird er es begrüBen, wenn er für seine Forschungen einen festen Rückhalt dadurch gewinnt, dali er den Namen der Ahnen in I isti n wiederfindet, die aus der Zeit stammen, als die Juden feste Familiennamen annahmen. Führt die Ahneureihc aber, wie so häufig, nach der Provinz Posen, so treten an die Stelle der Namenslisteu jene vkten und Listen über Naturalisation und Duldung, die im Zuge der Sondergesetzgehung für die Provinz Posen (1833 48) entstanden. Je mehr Akten und Register dieser Art an einer Stelle vereinigt sind, desto leichter wird es sein, einen grölten Kreis von Menschen mit Auskunftserteilungen. Urkundenaussteilungen und I rk und en beschaff ungen behilflich zu sein. Wenn also das (iesamtarchiv der Juden in Deutschland drei Jahrzehnte hindurch Akten, Familien regist er und Namenslisteu gesammelt hat, so sieht es heute seine Samnielarbeit dadurch belohnt, dall es Wege i'eisen und helfen kann. Und w enn es sieh weiter bemüht, das Archivgut jüdischer Qemeinden Deutschlands zu retten und vor sinnloser Verzettelung ZU sichern, so ist das ein notwendiges und berech- Ii [tes Bemühen. Diese Sammelarbeit des Gesamtarchivs aber läßt sich nur dann erfolgreich durchführen, wenn alle sie fördern, die es können und die es müßten. Man möchte kaum annehmen, daß heute noch auf Böden, in Speichern, in Truhen, in Schränken alter Gemcindestuben wichtige Qemeindeakten und Personenstandsregister aus älterer Zeit unbeachtet lagern und verkommen. Es dürfte trotzdem nicht zu viel verlangt sein, wenn man anregt, daß überall, nicht bloß in den kleinen Gemeinden, noch einmal alle Stellen durchstöbert würden, wo sich möglicherweise altes Archivgut finden könnte. Man ist da früher nicht immer mit der nötigen Sorgfalt vorgegangen und hat es leider selbst dann versäumt, das Arehivgut in Sicherheit zu bringen, wenn Synagogen und Gemeindehäuser veräußert wurden, Verluste wichtigen und unersätzlichen Schriftgutes sind nur dann wirklich zu verhüten, wenn rechtzeitig die Dokumente der Gemeinden dem Schutz des Archivs übergeben werden. Es ist jedenfalls höchst unzweckmäßig, die einer ganz besonderen pfleglichen Aufbewahrung bedürftigen Geburts-, Trauungs- und Sterberegister auch dann noch in Zwerggemeinden zu belassen, wenn nur wenige jüdische Familien noch am Orte sind oder gar nur noch eine einzige jüdische Familie dort wohnt. Es ist nicht immer leicht, diejenigen, die in solchen Zwerggeineinden über das Arehivgut, besonders die Personenstandsregister, verfügen, davon zu überzeugen, daß es ihre Pflicht ist, jetzt sofort das Arehivgut den Archiv-Sammelstellen, in erster Linie dem Oesamtarchiv in Berlin zuzuführen. Viele, die aus diesen heute zu Zwerggemeinden zusammengeschrumpften jüdischen Gemeinden stammen, wohnen jetzt in größeren Gemeinden, nicht zuletzt in Berlin. Ein Zuspruch von ihrer Seite wird gewiß Gehör finden und Scheingründe falsch verstandener Pietät besiegen. Wenn erst überall begriffen wird, daß Archivschutz nottut und alle verfügbaren Hilfsmittel der Fainilienforschung gesichert und ausgenutzt werden müssen, dann wird wohl auch noch manch ein wertvoller Aktenbaud und manch wichtiges Register, das bisher in Privatbesitz, verblieben war, der Allgemeinheit durch Obergabc au das Archiv zur Verfügung gestellt werden. Dann werden auch, wie man hoffen darf, in weit größerem Maße, als bisher, aus dem Erbgut jüdischer Familien die alten Res c h n c i d u n g s b tic h e r auftauchen, in denen fromme Vorfahren sorgfältig die von ihnen vorgenommenen Beschneid Ungen aufgezeichnet haben. Die jüdischen Archive müssen diese Bücher zumindest kennen. Sie müssen sich Abschriften von ihnen anfertigen können, wenn sie sie nicht zu erwerben vermögen. Denn gerade die Nachrichten dieser Beschneidungsbücher sind häufig ein Schlüssel zur Erforschung schwieriger Fanwienzusammenhlnge. Sie sind besonders wichtig für die l amiliengeschichte der verstreut auf dem Lande ansässig geweseneu jüdischen Familien und aufschlußreich für die Wanderungsgeschichte der Juden. Zeitlich über sie hinaus reichen häufig noch die T bor a Wimpeln, die besonders in Mittel-, West- und Siiddeutschland üblich waren. Auf diesen bemalten oder bestickten Thorahändcrn finden sich ilie Geburtsdaten der Knaben, in deren Namen diese Wimpeln dem Dienste der Synagoge geweiht wurden. Sie stellen daher einen, allerdings mit Schwierigkeiten deutbaren, Ersatz fiir alte Geburtsregister dar und müssen deshalb wenigstens, sow eit es sich um ältere Stücke handelt, vor der Vernichtung geschlitzt werden. Im Gcsamtarchiv der Juden in Deutschland sind lausende dieser W impeln besonders aus Hessen-Nassau aufbewahrt. Diese Sammlungen zu vermehren, ist ebenfalls Aufgabe des Archivschlitzes, und auch hierbei kann das jüdische Publikum durch Einwirkung auf die Heimatsgemeinden helfend mitwirken. Häufig schon schien eine familicngcschichtliche Forschung rettungslos versanden zu müssen, da tauchte plötzlich ein bisher nicht beachtetes hebräisches Gebet- oder Studierbuch auf, in dem biographische Daten, Geburten von Kindern, Sterbetage von Eltern, Großeltern' und Urgroßeltern in hebräischen Lettern verzeichnet waren und die Forschung war über den toten Punkt hinweggekommen. In den vielen kleinen Gemeinden, die jetzt zusammen-