Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- 21 (27.5.1938)
- Date
- 1938-05-27
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JODISCHES OEM EIN DEBLATT LEIPZIO 27. Mai 1938 / Nr. 21 schwere i'roblcme vorgelegt. Was ftir einen 1 anschnitt in die jüdische Qeschichtc die Zerstörung des Tempels, des Symbols jüdischen Volks- (und Staats-) Daseins, bedeutet, kann kaum überschätzt werden. In Jahrhunderten gestaltete und bewahrte jüdische Werte waren in Gefahr, in Abgründen zu verschwinden, aus denen sie kaum je wieder hätten an die Oberfläche gezogen werden können. Sie waren ausgerichtet nach dem Tempel hin und erhielten von ihm aus ihren Lebensstrom. Bedroht war die Einheit jüdischen Volkstums, jüdischen Kulturwillens, jüdischer Glaubensanschauung und Kuttform, nachdem das zentrale Heiligtum zertrümmert war. Und bedroht war da* Bewußtsein des Volkszusammenhanges, da die rapide Fortentwicklung der Zerstreuung die unausbleibliche Folge der Staatlichen Katastrophe sein mußte. Der Kenner der jüdischen Geschichte weiß, in welche Stimmung diese Situation die Juden der Zeit versetzte. Aber den Neuling überrascht es, wenn er erfährt, daß sie zu der gleichen 1 ragi Stellung kamen, die heute Tauscudc von Juden he- «i j: ..... ein beträchtlicher Teil des jüdischen Volksrestes . . . hatte das Be wußtsein, au einem furchtbaren Ende angelangt zu sein." Ihr Olaube war erschüttert, wenn nicht gar zerstört. ,,Die Ursache di> . Unglücks war . . . unbegreiflich , . . Der zerstörte Olaube riii alle glorreiche Vergangenheit und jede Hoffnung auf eine bessere Zukunft in den Abgrund"; so etwa zeichnet die jüngste Darstellung jener Zeit die seelische Verfassung der Juden. Und ZU all diesen wahrlich tiefgreifenden Problemen gesellten sich die umstürzenden religiösen Neubildungen der Epoche: in Rom wie im Orient gärti es in allen Gemütern wegen der überlieferten rönnen heidnischer Weltanschauung; es war die Zeit, in der auch da* junge Christentum Oestalt und Hoden gewann und sieh schließlich über Rom das Abendland eroberte. Man versenke sich einmal in die Schilderung der Geschehnisse, der religiösen und geistigen Bewegungen dieser Jahrhunderte, um /u erkenneil, was alles auf die Juden dieser Zeit einstürmte: aber mau wird zugleich Antwort auf die Frage finden, ob es noch eine Zukunft für Juden und Judentum gehe. Es sind /weifellos zahlreiche Juden an inrci Hoffnungslosigkeit zugrundegegangen, verloren dem Judentum, verloren auch sich selbst. Die Juden aber, als Gesamtheit gesehen, und das bedeutet: die ungeheure Mehrheit der Juden gingen unversehrt aus dieser W irrnis hervor. Sie ließen sich in der Zeit der Bedrohung ihrer Existen/ davon überzeugen, daß sie die Tatsachen als gegeben anerkennen und sich auf sie umstellen müßten. Hatte man bisher das Opfer auf dem Altar als einzige Möglichkeit einer jüdischen Gott es Verehrung erachtet, *c> sah man ein, auch in der Synagoge könne man seiner Verbundenheit mit Oott Ausdruck verleihen. An die Stelle sichtbarer Einheit des gesamten Volkes bei den Wallfahrtsfesten trat, als vollwertig empfunden, das Bewußtsein der Einheit, wie sie sich in der Gleichzeitigkeit der Festesfeiern bekundete, wo immer auch Juden lebten. Bisweilen mochte man geradezu meinen, daß erst in dieser Zeit eine Festigung des jüdischen Bewußtseins, eine Herausbildung jüdischer Lehraiischauungen im Rahmen indischer Lebensformen geschaffen worden sei. Aber auch und das ist vielleicht der Kern von allein: z ig mau aus dem Lande Israel fort, so zol; da* Vertrauen mit, daß Gott auch in das ferne Land mitziehe und auch dort sich als Helfer erweisen werde. Auf die damals oft gestellte Trage nach dem Sinn des Lebens wurde eine jüdische Antwort gefunden; wir leben, um für den endgültigen I rieden der Menschen tätig zu siin; um am Leben zu wirken und in solchem Tun die Offenbarung des (iöttlicheu zu spuren Und wenn wir leiden, soll dies uns Mahnung sein zu rüfen. ob wir genug getan haben am Leben. Um diese Lehre ristallisiert sich im talmtidischcn Zeitalter das Judentum und bewirkte, daß die Gefahren, von denen der Bestand der jüdischen Gemeinschaft bedroht war, abgewendet wurden, und daß die jüdischen Menschen aus ihrem Judentum Stolz und Freude, treibende, kraftspendende Freude gewannen. Und so oft Rückschläge eintraten und sich wieder Verzweiflung in die Seelen schleichen wollte, öffnete die Selbstprüfung Herz und Sinn für den wahren jüdischen Weg und eiferte an, an der Erfüllung des Lebens mit rechtem Sinn in e Ii r z u t u u als zuvor. Das lehrt uns unsere jüdische Geschichte: Jene Glaubensstarken, die in allem, auch in dem Schweren das Göttliche erkannten, die an ihrem eigenen Bestand und an dem der Gemeinschaft und der sie erfüllenden Idee sich nicht irremachen ließen, sie haben recht behalten, und nicht die kleinmütigen Zweifler und Verzweifelten; als Qotteszeugen leben sie auch heute noch in der (ieschiclltc fort. Und auch einen Weg lehrt uns diese Epoche. Line Zukunft konnten jene jüdischen Menschen erbauen, weil sie die Zeit verstanden, sich in sie einfügten, sieh auf sie „umstellten". Darin liegt das echte Ideal, das die neue Schwungkraft gehen wird. Darin können sie unserer Zeit Vorbild sein: Juden dürfen heute nicht mehr die gleichen sein, als die sie herangereift waren. Ls genügt nicht, daß einer in einen anderen Beruf geht, eine Sprache erlernt in ein anderes Land reist. Nur wer nicht mehr au dem hängt, was nun einmal dahin ist, wer in seinem Innern mit dem abschließt, was unwiederbringlich verloren ist, und wer mit all seinem Denken nur das Kommende betrachtet, allein von dem einen Willen beherrscht, darin zu bestehen wird Herr all der Schwierigkeiten werden, die er vor sich aufgetürmt sieht. Dazu aber muß eine Wandlung in der seelischen Grundhaltung geschehen. Die ältere Generation, die sieh heute so schwer getroffen sieht, hatte als Wegweiser eine Idee, die sie für ein Ideal hielt, die aber doch kein echte* Ideal gewesen ist. Sie glaubte, für das Judentum zu wirken, indem sie sich dem Schaffen in der Umwelt und für sie allein hingab und um so mehr zum Ruhm des Judentums beizutragen, je weiterhin sichtbar ihre Leistung war. Durch diese Idee haben Jüdin Bedeutsames geschaffen; es soll nicht verkleinert werden. Aber zum Ruhm des Judentums kann nur da* beitragen, was seinem (leiste, was dem rückhaltlosen Bekenntnis zum Judentum entspringt. Unsere Zeit zeigt: Jedei Jude gehört der Gemeinschaft auch in sein e m I u n. Es war das Unglück des jüdischen Lebens der letzten Jahrzehnte, daß jeder für sich strebte, auch wenn er meinte, damit dem Judentum Ehre zu machen; daß ihm das Interesse der Gemeinschaft wellig oiler nichts, sein eigenes alles galt. Aus diesem Irrtum sollte die Zeil jeden herausreißen, der ihn noch nicht erkannt hat. Denn diese Lehre unserer jüdischen Geschichte bestätigt unser heutiges Erleben: Jüdisches Schicksal ist nicht Linzclschicksal: wir gehören zueinander, wie in allen Zeiten so auch heute. Wir sind zusammengeschmiedet durch die vielen Jahrhunderte. Wer das in unserer Geschichte erfährt, der weiß dann auch, daß darin nichts Druckendes, sondern etwas Befreiendes liegt. Und freudig wird er dann auch die jüdische (lemeiuschaft bejahen. Je mehr die* in ihm Wurzel schlägt, desto deutlicher wird ihm aus der Idee der Gemeinschaft und ihrer Geschichte die Ahnung des Göttlichen aufgehen und wird in ihm erschließen, was den Glauben erstarken macht. (iustav Cohn. i: Gemeindesitzungen. Unter dem Vorsitz des Herrn stellvertretenden Gemeindevorstehers Mode*, der den wegen einer Unpäßlichkeit abwesenden Ihnn Gemeindevorsteher QoMschmidt vertrat, fand am Ib. Mai l'MS eine Qemeindesitzung statt. Herr Hode* gab zunächst bekannt, daß in den letzten Wochen I rau I a n n y Hepner und die Herren Ader. I ellig, Frinkel, Oelberg| Jacob und Dr. Millich in ihre Mandate als (leinenideverordnete niedergelegt haben und daß der Wohlfahrtsdez erneut des Gcmemdcvorstandes, Hur Walter Mi tzner, und der Hauptfursorger inisrre* Wohlfahrtsamtes, Herr Julius i olmann, wegen Auswanderung ebenfalls au* ihrem Amt ausgeschieden sind. Er dankte namens des Gemeindevorstandes den Ausgeschiedenen für die wertvollen Iii« nste, die sie der Gemeinde geleistet haben, und verband mit diesem Dank für die beiden Auswanderer die herzlichsten Wünsche für ihre Zukunft im neuen Lande. Die (lenicindcx crordin tt n Herren RA. Dr. Goldschmidt, R.-A. Dr. Lehrfreund und Badt schlössen sich namens ihrer Fraktionen dem Dank und ihr Wünschen des Herrn Vorsitzenden an. Dann begrüßte der Herr Vorsitzende in Herrn Verwaltungsdirektor I. R. K a t z e ii s t e i n den neuen ehrenamtlichen Dezernenten di* Wohlfahrtsamtes der Qemeinde und wünschte ihm, der ja seit Jahrzehnten mit der Gemeindearbeit eng vertraut ist, für dieses neue Autgabengebiet alles (inte. Danach erstattete Herr Dr. (i rubel ein Referat über den augenblicklichen Stand der von der Reichsvertretung der Juden in Deutschland mit den zuständigen Behörden geführten Verhandlungen uber die Auswirkung des die Rechtsverhältnisse der jüdischen Gemeinden neu ordnenden Reichsgesetzes vom 28. März 1938, Diese Verhandlungen sind zwar noch in der Schwebe, es ist aber bereits jetzt vollkommen geklärt, daß wer vor Inkrafttreten des Gesetzes Mitglied der jüdischen Gemeinde war, es auch weiterhin ist, ohne daß die Veränderung der Rcchtsforin der Gemeinden hierauf irgendeinen Einfluß hat. Außerdem steht fest, daß die rechtliche I*flicht der QemcindemitgUedeT zur Leistung von Beitragen zu den (ienieindelasten, also zur Zahlung der Gcm e i u d e a Ii I a g e, nach wie vor besteht. Die näheren I inzelheiten werden Gegenstand einer Normalsatzung sein, die im Augenblick von den zuständigen Stellen der Reichsvertretung einheitlich für alle judischen (iemeinden in Deutschland ausgearbeitet wird. An das Referat schloß sich noch eine Aussprache über Linzelfragen des Themas an. Am 23. Mai 1938 fand wiederum eine OemcindesitzUng statt, die im wesentlichen der Orientierung über die finanzielle Situation der Reichsvertretung und unseres Sozialamts und über die finanziellen Beziehungen zwischen Reichsvertretung und Oemeindc diente. Herr R.-A. M o s e r-Berlin von der Reichsvertretung der Juden in Deutschland und Herr Land gcrichtsdir. a.D. Alterthum referierten liber dieses Thema und trugen vor allem vor, daß die jetzt in Leipzig beginnende Aktion 1<)!3 für Hilfe und Aufbau ausschlaggebend für die finanziellen Leistungen der Reichsvertretung und für die Arbeit unseres Sozialamtes ist. Herr Rechtsanwalt Moser führte aus, daß in den letzten fünf Jahren voll der Reichsvertretung weit über 13 Millionen Reichsmark für Zwecke der Auswanderung, Bcrufsti in Schichtung, für die jüdischen Schulen U. ä. ausgegeben worden sind, und daß allein im letzten Jahre mehr als Simkki RM. von der Reichsvertretung zur Finanzierung der Arbeit unseres sozialen und Schulwerkes in Leipzig beigetragen worden sind. Die