Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- 21 (27.5.1938)
- Date
- 1938-05-27
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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IJKHBSMB11H UND NACHMCHTENBIATT DER GEMEIN DEVERWAL^ TUN6 PER ISRAELITISCHEN REUGIONSGEM EINDE ZU LEIPZIG ABGEMELDET BOMSONDERBEAUFTRAGTEN DES RFICHSMIN1STERS "B 27. M A I 19 3 8 / / / 26. I J AR 5 6 9 8 14. JAHRGANG / NUMMER 21 Auswegslosigkeit? Die Ausführungen, die wir in der letzten Woche unter dem Stichwort „Konfrontation" veröffentlicht haben, gipfelten in der Forderung, daß der Weg zur Gläubigkeit gesucht und gefunden werden müsse. Man sage nicht, daß solche „rein theologischen" Gedanken an der Wirklichkeit vorbeigehen: gerade diesen Irrtum zu bekämpfen, erscheint uns heute als eine der vordringlichsten Aufgaben. Sie betrifft gewiß, mehr als alle anderen, jene Juden, die sich im Zuge der Zeit von den Glaubenswerten des Judentums entfernt haben und seine ganze Lehre auf das ethische abstellen wollten. Zweifel an den jüdischen Glaubenslehren sind aber bis weit hinein in die Kreise gedrungen, die in ihrer jüdischen Anschauung fest auf dem Boden der Oberlieferung stehen. Es bleiben immer weniger so tief im gläubigen Denken unserer Lehre verwurzelt, daß auch die schweren Erschütterungen, die sie erfahren mußten, sie nicht haben wankend machen können. Linen Ausdruck für diese Geisteshaltung finden wir in der heute häufigen Anwendung des Begriffs „Auswegslosigkeit". Manchmal will es scheinen, als ob er ganz treffend unsere Situation bezeichne. Kein Jude verkennt die Notwendigkeit der Auswanderung. Nicht allein die heranwachsende Jugend, auch die noch mitten im schaffenden Leben stehenden Menschen, und auch die ältere Generation, soweit ihr die Lebenskraft die Ausübung beruflicher Arbeit noch gestattet, alle sind darüber im klaren, daß sie nur in anderem Lande wirtschaftliche Entfaltung werden finden können. Iis hat lange gedauert, bis diese Erkenntnis sich durchgesetzt hat. Aber mit ihr zugleich ist auch deutlich geworden, wie sehr die Möglichkeit, sie zu verwirklichen, eingeengt ist. Die Hoffnungen auf Palastini sind durch die Drosselung der Zertifikatsgewährung aufs schwerste getroffen; und wenn auch im Kähmen des Schedule noch immer einige Tausend nach Ercz Israel gelangen, und wenn auch dank der unermüdlichen Tätigkeit des I lilfsverein andere Tausende nach Ubersee wandern können, abgesehen von den nicht gar zu Zahlreichen, die es aus eigener Kraft bewerkstelligen — alles in allem ist es doch nur ein winziger Bruchteil derer, die hinausstreben. Ist es ein Wunder, wenn die Zelmtausende, die Tag und Nacht nur sorgen, wo sich ihnen ein Tor öffnen wird, kleinmütig werden? Wenn sie, zermürbt, von aU den vergeblichen Schritten überreizt, wankend werden in ihrem Glauben, den sie besaßen? Wie sollten etwa in ihm bestärkt werden, denen er verlorengegangen war! Wenn dennoch, so sehr all dies gesehen werden muß und auch gesehen wird, wenn dennoch den Ausdrücken der Hoffnungslosigkeit da.. Wort „Gläubigkeit" entgegengestellt wird, so wahrlich nicht als 1 ata morgana, als ein Beschwichtigungsmittel, sondern ganz im Gegenteil: gerade im Hinblick auf die Ansprüche, die von den Tatsachen des Alltags gestellt werden und auf die Schwere dir mit ihnen verbundenen seelischen Belastung. Denn standhalten kann nur, wem ein fester Glaube au das Gelingen die innere Ruhe gewährt, die bei bedeutsamen Entscheidungen das Richtige linden läßt. Wer Umschau hält unter den jüdischen Brüdern und Schwestern, wird denn auch die stärkste Erschütterung bei denen feststellen, die ungläubig geworden sind; wird die größere AusgcgUchenheit dort finden, wo noch ein fester Qlaube wirksam ist. Darin liegt die Kraft des Judentums, daß es nicht eine Religion nur für die Synagoge, sondern für das Leben ist. Sie will sich nicht in den Stunden erschöpfen, in denen sich der Jude in Andacht Ober den lag hinaushebt, sondern über das gesamte Dasein eine innere Sicherheit breiten, und schafft sie mit dem ( Hauben; dem Qlauben an eine ausgleichende Waltung. Deshalb ist ei nicht „rein theologisch", sondern aus der Wirklichkeit geschöpft und für die Wirklichkeit gedacht, wenn der Ruf nach Gläubigkeit verlautet wird. Gläubigkeit — ja, ist das aber nicht etwas, was da sein muß, nicht aber, wie auf Anordnung, ergriffen werden kann? Gehört das nicht zu den seelischen Kategorien, die gefühlt werden müssen, nicht iber erjagt werden können? (iewiß. Aber es darf nicht übersehen werden: im Grunde ist ja doch jeder Mensch gläubig. Hand aufs I lerz, wie oft hat doch mancher, der sich für einen Atheisten erklärt, in Momenten, da alles in ihm Gefühl war, Zagen und Hoffen, Sorgen und Angst und doch — Hoffen, gebetet! Vielleicht nicht unter Andank der Jüdischen Winterhilfe. Die Jüdische Winterhilfe hat ihre Unterstützungsarbeit für den Winter 1937—38 nunmehr beendet. Trotz der Schwere [der Zeiten haben Opferwilligkeit der Spender und der Helfer ermöglicht, daß auch in diesem schweren Winter den von der Jüdischen Winterhilfe Leipzig Betreuten geholfen werden konnte wie in den vergangenen Jahren und wie es den für uns verbindlichen Richtlinien entspricht. Wiederum haben fast alle Gemeindemitglieder, die nur \irgend dazu in der Lage sind, zur Lösung dieser großen sozialen Aufgabe beigetragen. Wir danken hierdurch zugleich im Namen der judischen Notleidenden, denen wir in den schwersten Monaten des Jahres beistehen konnten, für alle Opfer an Geld und Zeit und Arbeitskraft, die das Gelingen der Jüdischen Winterhilfe 1937\ 1938 in Leipzig ermöglichten. Auch in diesem Jahr muß besonderer Dank den ehrenamtlichen Helfern und Mitarbeitern der Jüdischen Winterhilfe, die z. T. aus den Kreisen der Retreuten selbst stammen, ausgesprochen werden. Mit diesem öffentlichen Dank verbinden wir die lütte, die Beiträge und Spenden, die noch nicht voll an uns abgeführt sind, möglichst sofort einzuzahlen. Leipzig, den 19. Mai 1938. Jüdische Winterhilfe Leipzig. Der Vorstand der israelit. Rcligionsgemcinde zu Leipzig. rufung Gottes (oft sogar auch das!), aber doch gebetet, aus einem unbestimmten Drange, daß solches Gebet Ruhe verleiht, Vertrauen aut ein Schwinden der Bedrängnis. Das ist der schlummernde Rest au Gläubigkeit, die von einem andersgeleiteten Denken verdringt worden ist. Aber sie ist da, überwuchert von Verstandcsmomentcn, die um so weniger die innere Stimme anerkennen wollten, als es in der Zeit lag, nur das zu glauben, was bewiesen werden kann, wofür schlüssige Argumente beizubringen sind. Durch den Wandel der Verhältnisse wuchs, gerade im Hinblick auf den Wirklichkeitswert, bei vielen die Sehnsucht nach Gläubigkeit. Es wird ihnen gewiß nicht leicht, ihr Genüge zu tun: noch stehen zu viel geistige widerstände entgegen: Menschen, die geschult waren, nur eigenem Urteil zu vertrauen, können nicht urplötzlich irrationale Wege einschlagen. Aber wer ehrlichen Willen bat, den Lunken Gläubigkeit, der in ihm ist, n\ entfachen, wiru nicht vergebens ringen. Niemand kann sich anheischig machen, ein Uuiversalinittel zu empfehlen. Als einen wertvollen Lehrmeister erachten wir jedoch auch in dieser Hinsicht unsere jüdische Geschichte. Die seelische Situation, in der wir heute leben, hat ja ihre Entsprechungen in der jüdischen Vergangenheit. Greifen wir etwa aus der Reihe von Beispielen, auf die zu verweisen wäre, die Zeit nach der Zerstörung des Tempels durch litus heraus. (Für sie liegt eine neue aufschlußreiche Darstellung vor: Nahum Norbert Glatzer, Geschichte der talmudischen Zeit. Berlin 10J7. Schocken-Bücherei Sl 82.) Äußere und innere Wandlungen haben den Juden dieser Zeit