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Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1938-04-14 · 15 (14.4.1938) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
14 (1938)
Issue
15 (14.4.1938)
Date
1938-04-14
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JODISCHES OE M El N DEBLATT LEIPZIO 14. April 1938 / Nr. 15 Noch wissen wir nicht, auf welchem W ege die organisatorische Zusammenschließung der Juden und der jüdischen Gemeinschaften in Österreich mit den jüdischen Gemeindeverbänden und Körperschaften des bisherigen Reichsgebietes sich vollziehen wird. Nur so viel können wir sagen, dal) das bisher vom Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden und den übrigen mit ihm vereinigten Jüdischen Landesverbänden Nord- und Mitteldeutschlands angestrebte Ziel, angesichts des einheitlichen Schicksals aller Juden in Deutschland auch für die jüdische Gemeindearbeit die einzelnen deutschen Landesgrenzen zu Uberwinden, durch die neueste Entwicklung ungeahnten Auftrieb erhalten hat. Im übrigen sind der jüdischen Gesamtheit u. a. durch die ungeheure Armut des größten Teiles der etwa 2(H)U(K) Juden Österreichs neue schwierige Aufgaben gestellt. Es gibt ein Glück, das wehtut, und es gibt Erschütterungen, die zuletzt doch tröstlich sind. Undurchbrechbar Ist das geschichtliche Gesetz, das über dem Schicksal der jüdischen Gemeinschaft waltet. Die innerjüdischen und die außerjüdischen Geschehnisse dieser Zeit haben uns den Sinn dafür geschärft, daß in allem Neuen Der Midrasch von den vier Kindern in den Bildern der Pessachhaggadoth. Da man am Sederabend seinen Kindern vom Auszug aus Ägypten erzählen soll, hat sich schon früh die Sitte eingebürgert, zum besseren Verständnis der Kinder, die Haggadah mit Bildern zu verzieren. Schon aus dem Mittelalter haben sich mit Bildern geschmückte Haggadahhandschriften erhalten, die mit zu den kostbarsten Büchern gehören, die die Bibliotheken der Welt besitzen. Die Erzählung vom Auszug aus Ägypten wird am Sederabend ausgelöst durch das Mali nischtanoh, die Fragen des Kindes nach dem Sinn der Sederabendfeier. An vier Stellen spricht die Thorah davon, daß man seinem Sohn vom Auszug aus Ägypten erzählen soll. Durch diese Thorahstellen ist der Midrasch von den vier Aus der 2. Haggadah des German. National-Muscums Nürnberg. Söhnen, von denen jeder seinem Charakter entsprechend anders nach dem Sinn der Pessachfeier fragt, entstanden. Der Midrasch verdeutlicht die Vorschrift, dem Kinde je nach seinem Verständnis alles /u erklären. Die Haggadah unterscheidet das kluge Kind (Chochom), ila^ schlechte Kind (Roscho), das einfältige Kind (Tain) und das Kind, das noch nicht zu fragen verstellt. Die Gestalten (Kr vier Kinder fehlen seit den letzten Jahrhunderten in keiner illustrierten Haggadah, doch stand ihre Schilderung im Hilde keineswegs von Anfang an fest, wie man es heute auf Grund der allgemein bekannten Darstellung unserer gebräuchlichsten Ausgaben annehmen mochte. Die alten, im 13. und 14.Jahrhundert in Spanien entstandenen, mit Bildern geschmückten Haggadahhandschriften enthalten noch keine Darstellung der vier fragenden Kinder. Nur in der, in der /weiten Hälfte des Ii. Jahrhunderts in Spanien angefertigten Haggadah, die sich heute im Besitz des Larl of Crawlord befindet, werden der Weise und der Böse darttllt. Charakteristisch fur das Spanien der damaligen Zeit ist Ii I'irstellung des Roscho als Mohr mit niederem kegelförmigen Helm Rundscnild und blutbeflecktem orientalischen Krummschwert. Der EinfluB der nichtiüdischen Umwelt auf die Darstellung der k'iei Fragenden läßt sieh leicht bei den verschiedensten Haggadahdoch nur längst verschüttete Vergangenheit in veränderten Formen wieder zum Leben zurückkehrt. Das ist im Grunde ein gut jüdisches Thema: Gott in der Geschichte. Nun rüsten wir uns — inmitten all unseres Trennens und Losreißens zu neuer Wanderung — auf das Fest, an dem wir von unserer alten Wanderung lesen werden. Und das gibt uns die Gewißheit: auch wer heute noch nicht weiß, ob er „im kommenden Jahre in Jerusalem" oder wo sonst er sein wird, der darf dennoch in einem ganz neuen Sinne bibelgläubig sein. Auch in der alten Pessach-Haggada lesen wir von den Erschütterungen einer durch äußeren Anlaß aufgenötigten Wanderung „a n u ß a 1 - p i h a d d i b b u r", „er zog hinweg, gezwungen'durch göttlichen Befehl''. Was anderes könnte mit solcliem Wort gemeint sein als dieses: daß die lenkende Hand der göttlichen Vorsehung, das über Israels Geschichte waltende Gesetz, keinen Zufall und keine Zufälligkeiten kennt, daß, wie es'in einem bekannten Haggada-Kommentar zu dieser Stelle heißt, „manches, was uns schlimm erscheint, nur Vorbereitung ist zu künftiger Erhebung1'. Es gibt ein Glück, das wehtut. Und es gibt ein Weh, das führt zum Glück. ausgaben feststellen. In der in Deutschland im 15. Jahrhundert entstandenen Haggadah, die sich heute im Germanischen Museum in Nürnberg befindet, wird der Weise durch die bekannte mittelalterliche Gebärde des Disputierens, Zeigefinger an Zeigefinger legend, charakterisiert. Der Einfältige ist als mittelalterlicher Narr gekleidet mit Schellenkappe, gelber Jacke und roten engen Hosen. Der Roscho ist eine Landsknechtsgestalt mit Federhut, Hellebarde und gewaltigem zweihändigen Schwert. Im Hebrew Union College in Cincinnati befindet sich die im 15. Jahrhundert in Deutschland von Meir. dem Sohn des Israel Jafe aus Heidelberg geschriebene Haggadah. Der Weise sitzt hier in der Art der im ausgehenden Mittelalter beliebten, sogenannten „Magisterbilder" als Kardinal in einem kirchenartigen Raum auf einem Stuhl vor einem aufgeschlagenen Buch. Der Bösewicht ist ein Bewaffneter, der in der Rechten eine Standarte trägt mit den hebräischen Worten: „Hast du die Thorah gehört? Ich habe sie nicht gehört". Die Tracht und besonders der Spruch machten in den Augen der damaligen Juden den schlechten Charakter deutlich genug. Das Kind, das noch nicht zu Edith Samuel, Berlin. Die vier Kinder. Holzschnitt. fragen versteht, ist als Narr mit Narrenstab und Schellenkappe charakterisiert. Ein ihm gegenüberstehender Mann reißt ihm den Mund weit auf, als humoristische Illustration zu den Worten der Haggadah: „Du öffne ihm." Aus dem 16. Jahrhundert stammt die Haggadah des Breslauer jüdisch-theologischen Seminars. Hier kämpft der Roscho mit Schild und Schwert gegen den Löwen Juda. Der Bösewicht ist in der Ende des 15. Jahrhunderts in Deutschland geschriebenen Haggadah der Münchner Staatsbibliothek sogar als Mörder aufgefaßt. In der Rechten hält er ein Beil, mit dem er nach einem Kinde ausholt, dessen Kopf er mit der Linken erfaßt hat. Die Haggadah der Hamburger Universitätsbibliothek, die 1414 von Isak b. Sinichah Oansman geschrieben wurde, schildert den Roscho als häßlichen Bauern, der eine Art hölzernes Schwert über seinem Kopf schwingt. Die Schilderung der Münchener sowie Hamburger Haggadah gehen wohl auf zeitgenössische Bildvorlagen des bethlehcmitischen Kindermordes zurück. Die mittelalterlichen Schreiberwerkstätten und Druckereien der Renaissance bedienten sich gerne für ihre BikIllustrationen solcher Bildvorlagen. Auch in jüdischen Buchwerkstätten sind derartige Bildervorlagen gebräuchlich gewesen. In einer der frühesten I )ruck ausgaben der Haggadah mit Holzschnitten der Mantuancr Haggadah von 1961 ist die Vorlage für die Darstellung des Kindes als tanzender Narr mit der Beischrift „Jeder, der ihm zuhört, muß lachen" (Gen. 21, b), in der Holzschnittillustration von Hans Holhein zum 52. Psalm gefunden worden. Auch die Vorlage der bekanntesten Fassung der vier Kinder, die über den Amster-

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