Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- 15 (14.4.1938)
- Date
- 1938-04-14
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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UNDNACHWCHTENBlATTDEHeEMEINDEVERWAL^ UNG DER ISRAELITISCHEN REL16I0NSGEMEINDE ZU LEIPZIG ABGEMELDET BEIM SONDERBEAUFTRAGTEN DES REICHSMINISTERS "W 14. APRIL 1938/13. NISSAN 5698 14. JAHRGANG / NUMMER 18 George Qoetz Die lenkende Hand. Zum Pessachfeste. Es gibt ein Glück, das wehtut. Davon wissen ein Lied zu singen alle die Eltern, die heute — in dieser Zeit des Neuwerdens, des Umbauens und der mit alledem verbundenen Ungewißheit — das Glück haben, ihre Kinder auf einem gesicherten Arbeitsplatz und im Bereiche beruflicher Aufstiegsmöglichkeiten zu wissen, und die doch an den bevorstehenden beiden Sederabenden sich allein werden zu Tisch setzen müssen, weil die sicheren und aussichtsreichen Arbeitsplätze ihrer Kinder in einem, oft sogar in mehreren, auf verschiedenen Kontinenten liegenden Ziclländern unserer alles umfassenden Auswanderungsbewegung sich befinden. Und es gibt eine Sorge, über die auch ein noch so köstliches Glück der Stunde nicht hinwegzuhelfen vermag. Daran werden alle diejenigen denken, die im altgewohnten trauten Beicinandersein an den Sederabenden dieses Jahr noch mit ihren Kindern um den häusl:chcn Tisch sitzen, gemeinsam die alten Lieder singen, bis sie an die Stelle gelangen: „Im kommenden Jahre ir. . . ." und hier vielleicht, eben noch dem stillen Glück der Familienfeier hingegeben, verzagend abbrechen, nicht so sehr wegen der Möglichkeit, daß sie vielleicht im nächsten Jahre schon getrennt sein könnten, als vielmehr wegen der Sorge, o b überhaupt ein Weg zu irgendeinem Ziel für ihre Kinder sich auftun wird, sei es nun das Heilige Land, sei es eines der andern Länder, dahin unablässig der Strom unserer Auswanderer sich drängt, so stark sich drängt, daß es fast scheint, als habe er beim Hineinströmen sich selbst die Türen zugeschlagen. Wie es einst, bei einem großen Theaterbrande, geschah: die Türen hatten ihre Offnungsrichtung nach innen, das Publikum aber drängte panikartig nach außen, so daß durch den Druck der Nachdrängenden die Vordersten die Türen nicht öffnen konnten und alle lebendig verbrennen mußten; es existiert seither die Vorschrift: in allen öffentlichen Gebäuden müssen sich die Türen nach außen öffnen, so daß eine herausströmende Menge sie aufstößt. Wie aber, wenn eine Menge hineinströmen wollte? Sie schlüge sich selber die Tore zu. Ganz so arg liegt es mit unseren Einwandcrungsmög- Er half seine schfllzer.de Hand über Dich Werde ^Mitglied Hilfsverein der Juden in Deutschland . >6t____ J Das neue Werbeplakat des Hilfsvereins. henkelten in der Welt nun glücklicherweise nicht, aber auch wenn dies Gleichnis nur annähernd mit der Wirklichkeit übereinstimmt, besteht Grund genug, daß alle diejenigen, die durch die Notwendigkeiten dieser Zeit von ihren Kindern getrennt werden, klarsichtig erkennen, daß es so gut und richtig ist und daß sich glücklich zu preisen hat, wer um die Zukunft seiner Kinder nicht mehr zu bangen braucht. * Sprechen wir von Auswandcrungsmöglichkeiten, so gilt unser erster Gedanke: Palästina. Der bisherige High Commissioner Sir Arthur Wauchope hat im vergangenen Monat den lang angekündigten Abschied von seinem Posten genommen; seine letzte öffentliche Rede war die bei der Eröffnung des neuen Passagierhafens in Tel Aviv. Denkt man daran, welche Anlässe vor 20 Monaten zum Beginn des Hafenbaues geführt haben — Ereignisse, die in ihrer Tendenz gegen den jüdischen Palästina-Aufbau gerichtet waren — so ist dieser Ausgang sicherlich geeignet, auch den Verzagenden wieder mit Hoffnung zu erfüllen. Der neue High Commissioner Sir Harold Mac Michael, der inzwischen sein Amt angetreten hat, erblickt nach eigener Erklärung seine vordringlichste Aufgabe darin, im Heiligen Lande den Frieden zwischen den einzelnen Bevölkerungsteilen wiederherzustellen. Es wird keinen rechtlich denkenden Menschen geben, der ihn nicht hierin unterstützen möchte. Aber Frieden und Ordnung können niemals Selbstzweck sein; sie bilden die unerläßlichen Voraussetzungen für jedes gedeihliche Leben, und die Hauptfrage für uns Juden ist also die, wieweit uns in dem hoffentlich bald befriedeten Palästina Lebensraum gewährt wird. Das Zionistische Aktionskomitee, das seit dem vorjährigen Züricher Zionistcnkongreß zum ersten Male wieder in London unter der Leitung Ussischkins versammelt war, und ebenso das in London unter dem Vorsitz von Weizmann versammelt gewesene Administrative Committec der Jewish Ageney haben sich mit dem Stand der Palästinapolitik eingehend beschäftigt; in der Frage des Teilungsplanes boten die jüdischen Körperschaften etwa das gleiche Bild wie im vorigen Jahre in Zürich, und auch die britische Regierung beharrt noch auf ihrem damaligen Standpunkt; jedenfalls hat der Kolonialminister Ormsby-üore erklärt, daß die Regierung an der Durchführung der Teilung festhalte. Während aber alle diese Dinge zur Hauptsache — wenigstens jetzt noch — nur Gegenstand von Beratungen sind, ist wenigstens eine feststehende Tatsache zu verzeichnen, das sind die in/wischen bekanntgegebenen Einwanderungsbedingungen für April bis September 1938: 2000 Kapitalisten-, 1000 Arbeiter-Zertifikate und keine zahlenmäßige Beschränkung für direkte Angehörige und für auszubildende Jugend. Jedermann wird verstehen, daß gerade diese letzte Bestimmung ein allererfreulichstes fositivum bedeutet, das unserer noch hier befindlichen Jugend unerwartete Möglichkeiten bietet. Nicht einverstanden dagegen wird man vom jüdischen Standpunkt aus mit der schon im vorigen Halbjahr gültig gewesenen und nun wieder erneuerten Anweisung an den High Commissioner sein, die Ein Wanderung nach der politischen Höchstgrenze zu regulieren, wodurch die immer noch terrorisierenden Elemente unter den Arabern zu neuen Taten ermutigt werden; mit allen jüdischen Stellen sind wir der Meinung, daß die wirtschaftliche Aufnahmefähigkeit der Gesichtspunkt für die Einwanderuiigsrcgulierung sein müßte. Die unbegrenzte Zulassung für auszubildende Jugend Dach Palästina kann sich nicht nur für uns bisher schon in Deutschland lebenden Juden segenvoll auswirken, sondern die darin liegenden Möglichkeiten werden /weifellos auch von denjenigen Juden in Anspruch genommen werden, die bisher nicht der Schicksalsgemeinschaft der in Deutschland lebenden Juden angehörten: in Osterreich. So sind auch diese in die eine, alle Juden in allen Ländern umfassende Schicksalsgemeinschaft einbezogen. Wir fühlen die materiellen und seelischen Erschütterungen dieses Wandels aus tiefster Seele mit; aber wir wissen auch, dal! zuletzt und zutiefst ein ungeheurer Trost in der undurchbrechbaren Gesetzmäßigkeit liegt, in der die einheitliche jüdische Geschichte in allen Ländern und in allen Zeiten vergangenen und zukünftigen sich abspielt.