Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- 12 (25.3.1938)
- Date
- 1938-03-25
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHES OEME1NDEBLATT LEIPZIO 25. März 1938 / Nr. 12 Die Anomalie des jüdischen Lebens findet unter anderem auch darin ihren Ausdruck, daß die soziale Verwertbarkeit der einzelnen Berufsausbildungen bedeutend stärker eingeschränkt ist als bei anderen Gemeinschaften. Das war und ist viele Jahrhunderte hindurch der Fall gewesen, in denen die Juden aus vielen Berufen ausgeschlossen waren. Unsere jüdische Jugend von heute und in Deutschland befindet sich aber demgegenüber noch in einer in wesentlicher Richtung erschwerten Lage. Der junge Jude im 17. Jahrhundert, der im Ghetto einer Stadt lebte, wußte zwar, daß er viele Berufe nicht ausüben konnte, er wußte aber auch meistens, wo er den Beruf, dessen Wahl ihm noch möglich blieb, betätigen konnte. Dies Wissen unterscheidet ihn von dem jungen Juden unserer Tage in Deutschland. Die Ungewißheit über den Ort, das Land der Ausübung des künftigen Berufes kennzeichnet die eigentümliche Schwierigkeit, in der sich die jüdische Jugend in ihrer Berufswahl befindet. Es ist zwar richtig, daß der Inhalt der einzelnen Berufstätigkeiten in den verschiedenen Teilen der Welt nicht wesentlich voneinander abweicht, daß ein Maurer in Palästina ähnlich arbeitet wie in Argentinien, ebenso richtig aber ist es, daß die Berufs Vorbereitung sich nicht auf die eigentliche Fachausbildung' beschränken kann und daß auch die sprachliche und kulturelle Einführung in den neuen Lebenskreis unentbehrlich ist; vor allem aber stehen dem jüdischen Einwanderer praktisch keineswegs in jedem Lande alle Berufe offen: rechtliche, wirtschaftliche, soziale Hindernisse versperren bald hier bald dort den Zugang zu dem einen oder anderen Beruf, zu der einen oder anderen Berufsgruppe; zu alledem kommt die Gestaltung des Arbeitsmarktes in jeder nationalen Wirtschaft hinzu. Der folgerichtige Gang der Berufsentscheidung wäre daher, die subjektiven Momente der Eignung und Neigung in Einklang zu bringen mil den objektiven Gesichtspunkten der Verwertbarkeit des Berufs; dabei mag zumindest die Neigung (die ja keineswegs stets starr ist) auch durch das oben angedeutete Wissen um die Zusammenhänge zwischen individuellem Beruf und dem Schicksal der Gesamtheit, der der Jude als Jude unentrinnbar angehört, beeinfiuftt werden. Aus solcher Abwägung ergäbe sich dann das Land oder die Lindergruppe, in der der in Aussicht genommene Beruf wirtschaftlich verwertbar ist und nach dem Linwandcrungs- und Arbeitsrecht ausgeübt werden kann. Dieser von der Logik vorgezeichnete Weg der Berufsentscheidung kann aber nicht zu Ende gegangen werden, weil der — für eine auf Auswanderung eingestellte Jugend besonders wichtige geographische Laktor nicht beständig, sondern mindestens zurzeit stets wechselnd ist. Wie bei einem großen Stellwerk schließen sich eben noch offene (ileise und öffnen sich überraschend — leider nur selten solche, die lange Zeit nicht befahren wurden. Wer sich eben noch in voller Fahrt zu einem aussichtsreichen Ziel befand, Steht plötzlich auf einem toten (ileis, von dem es nur noch einen V7eg zurück gibt, um wieder von vorn anzufangen. Dabei aber handeln die Menschen im Stellwerk nach einem vorher aufgestellten, einheitlichen Plan, der nur den einzigen Zweck ver- @ Jüdische Winterhilfe (Israel, Religionsgemeindc, Abt. Winterhilfe). Postscheckkonto Nr. 20516 Pessacli-AoH^abc! Mittwoch, »0. Mar» 3*4 in der Zeit von 15 bis 18 Uhr ßruppe 1 und diruppen 5 bis 10 Donnerstag, 31. Marx in der Zeit von 15 bis 18 Uhr tiruppen 2, 3 und 4 im Ausgabelager Brühl 47. Es ist genügend Packniaterial mitzubringen. folgt, den Verkehr aufrechtzuerhalten und zu erleichtern, während die Weichenstellung fiir den jüdischen Auswanderer aus Deutschland nicht nur von dem Zentralstellwerk der Auswandcrungsplanung, sondern gleichzeitig von jedem Einwanderungsland her und oft genug mit dem Ziele erfolgt, dauernde Schranken aufzurichten, den Verkehr für lange Zeit unmöglich zu machen. Wollte man diese Schwierigkeiten zu Ende denken, so müßte man an der Lösbarkeit der Aufgabe verzweifeln; aus Furcht, auf dem Verschiebebahnhof zu endfit, würden viele die Fahrt gar nicht antreten. Das Wagnis einer solchen Reise wird zweifellos verkleinert, wenn dei, der sie antritt, gut ausgerüstet ist, wenn er zur Not auch anderswo Station machen kann. Das ist aber nicht bei allen Berufen möglieh, ganz abgesehen von der sprachlichen Schwierigkeit, die mit jeder Wahl eines anderssprachlichen Landes verbunden ist. Für bestimmte Berufe gibt es eine Verwertbarkeit nur in einem bestimmten Laude, und umgekehrt — in einigen Ländern sind bestimmte Berufe von vornherein von einer Verwertung ausgeschlossen. Da kann mau nicht unterwegs einfach das Reiseziel ändern, sondern muß wieder von vorn anfangen, wenn sich das vorher gewählte Ziel als nicht erreichbar erweist. Das ist z. B. bei der Landwirtschaft der Fall. Wegen der sozialen Bedingungen der Ausübung des landwirtschaftlichen Berufs kommt dieser Beruf mindestens zurzeit nur für solche Menschen in Betracht, die sich für ein Leben in Palästina oder in einem anderen Lande vorbereiten, in dem sie sich auf eine leistungsfähige und leistungswillige Siedlungsgesellschaft stützen können. Günstiger liegen die Verhältnisse im Handwerk, am ungünstigsten andererseits bei den kaufmännischen und allen akademischen oder sonst auf staatliche Berechtigungen angewiesenen Berufen. (Aus dem im Verlage der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland erschienenen „Wegweiser für jüdische Eltern und Kinder'' |s. auch „Neue Bücher"]). Unsere Gemeinde. Meldepflicht für Schulentlassene! Wie uns das Sozialamt meldet, sind die jetzt zur Entlassung kommenden Schüler und Schülerinnen verpflichtet, sich innerhalb einer Frist von 14 Tagen nach der Schulentlassung bei der Benrfsberatungsstelle in der Coblenzer Stialie 1 zu melden. Die Formulare für die Meldungen erhalten sie durch die Schule ausgehändigt. Die Eltern müssen diese unterschreiben. Zuwiderhandlungen werden mit Geldstrafe bis zu RM. ISO. bestraft. Es müssen sich sämtliche jüdische Schulentlassenen melden ohne Rücksicht auf die Staatsangehörigkeit. Die Meldung zur Teilnahme an einem Kursus des Sozialamtes befreit nicht von der Meldung bei der Ferufsberatungsstelle. Hilf »verein der Juden in Deutschland. Die Sprechstunden des Hilfsverdn der Juden in Deutschland, Beratungsstelle Leipzig, Goethestr. 1, III (Dr. Wachtel), finden künftig Montag, Dienstag, Donnerstag und Freitag in der Zeit von 9 13 Uhr statt; für Auswärtige nach Vereinbarung, vorherige rechtzeitige Anmeldung erwünscht. Nachmittags finden keine Sprechstunden mehr statt. Nachricht des Sozialamts. Die Rechtsabteilung bleibt von Donn< rstag. dem 21. März, bis Montag, den 4. April, einschließlich geschlossen. Sprechstunden finden nicht statt. Nachricht des Sozialamts. Die Ausstellung in der Haushaltungs- Bchuic des Sozialamts kann aus technischen Gründen nicht stattfinden. Der Widerhall der Bibel in der europäischen Dichtung. Vorweg muß doch einmal mit rückhaltloser Deutlichkeit ausgesprochen werden: es mutet jeden geistig interessierten Juden in Leipzig immer wieder sonderbar an, wie beschämend gering der Besuch von Veranstaltungen ist, die über die flache Heiterkeit hinaus geistige und kulturelle Werte vermitteln. Man hätte erwarten sollen, daß viele Hunderte sich drängen wurden, um den Vortrag eines so sachverständigen und als Redner auerkannten Vortragenden wie Julius Bah zu hören, um so mehr wenn ein so anregendes Thema wie „Der Widerhall der Bibel in der europäischen Dichtung" angekündigt war. I ii gewiB zahlreichen Kulturbundmitglieder, die sich durch eine geringfügige Behinderung, eine momentane Trägheit oder die nüßtrauischc Erwägung, ob denn der Abend „sich lohnen" wurde, haben zurückhalten lassen,haben in der Tat einen ungemein fesselnden und inhaltreichen Vortrag versäumt. Aus einer umfassenden Vertrautheit mit der Literatur schöpfend, untersuchte Julius Bab ilie Beziehung der europäischen Dichter zum Stoff, zum Gedankenkreis, zur Sprachform unserer heiligen Schrift. Im Mittelalter, so legte er dar, konnte die Bibel in den literarischen Werken schon deshalb nur ein sehr bescheidenes Echo finden, weil sie nach der katholischen Haltung dem Laien nur in Auszügen, nicht aber als Ganzes vertraut werden konnte. Immerhin zeigen auch in diesen Jahrhunderten die Dichter, daß ihnen der Stoff biblischer Berichte und Gestalten eingegangen war und sie schöpferisch angeregt hat. Doch war es in diesen Zeiten voizugsweise der Stoff. Es blieb der neueren Zeit vorbehalten, Geist, Sprache, Ausdrucksform der Bibel überhaupt nahezukommen und daraus befruchtende Anregungen für die Dichtung zu schöpfen, in einem zweiten Teile zeigte der Vortragende, daß diese Beziehungen keineswegs nur bedeutungslose Werke hervorgerufen haben, daß vielmehr eine stattliche Reihe von Dichtungen dieser Art einen bleibenden Wert behalten haben und sicherlich auch behalten werden. Aus der Fülle des Stoffes einzelne Werke herausgreifend, belegte er dies durch besonders wuchtige und eindrucksvolle Beispiele, u. a. aus Milton „Das verlorene Paradies", Dante „Göttliche Komödie", Racine „Esther" u. a. In diesem Zusammenhange wies er auch darauf hin, daß im „Faust" überraschend deutliche Anklänge an biblische Szenen und Sätze zu bemerken sind. — Der an Gedanken überaus reiche, rethorisch hervorragende Vortrag hätte in der Tat eine zahlreiche Zuhörerschaft verdient, die zweifellos die Ausführungen mit der gleichen Dankbarkeit aufgenommen haben würden, wie die Erschienenen durch ihren begeisterten Beifall bekundeten. Wo sollen die Verantwortlichen in Zukunft den Mut hernehmen, Redner von Bedeutung nach Leipzig einzuladen? Wer darf von solchen erwarten, daß sie sich an das Vortragspult stellen, wenn das ihnen gebührende Interesse vermißt werden muß? Mischpat Iwri. Der glückliche (iedanke, Diskussionen über wichtige jüdische Fragen nach palästinensischem Muster in die lebendige und erregende Form einer Gerichtsverhandlung zu kleiden, erwies sich als außerordentlich anziehend. Im drangvoll eng gefüllten Saal des Jugendheims herrschte die Atmosphäre eines Sensationsprozesses, und das Publikum nahm an dem Verlauf der Verhandlung leidenschaftlich Anteil. Angeklagt war der Kaufmann