Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- 12 (25.3.1938)
- Date
- 1938-03-25
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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in UND NMMHIENBIMI PER GEMEIN DEVERWAl/ UN6 DER ISRAEL1TISC LEIPZIG ANGEMELDET BEIM SONDERBEAUFTRAGTEN DßREICHSMINISTERS FÜR VOLKSAU FKtARUNG UND PROPAGANDA BETR.UBERWACHLI NG PER GEISTIG UND KULTURELL1AIIGEN JUDEN IM DEUTSCHEN REICHSGEBIET 25. MÄRZ 1938/22. ADAR II. 5608 14. JAHRGANG / NUMMER 12 Dr. s. Samuel Wiedergefundene Briefe aus der Zeit Jeremias. Als am 29. Januar ds. Js die Kunde die Welt durcheilte, daß der hervorragende englische Archäologe J. L. Starkey bei Helirou einem Überfall arabischer Terroristen zum Opfer gefallen war, wurde ein erhöhtes Interesse auf das bedeutendste Werk des Gelehrten gelenkt: die Ausgrabung der altisraclitischen Festung Lachisch (jetzt Teil el-Duweir) am Südrande der Schefela. Hier bildete sie ein Qrenzbolhverk gegen das Philisterland, aber auch gegen Ägypten, und wechselte oft ihren Besitzer. Die tiefste Bauschicht führte bis zur Hyksoszeit und darüber hinaus ins Bronzezeitalter; Lachisch hatte seine ägyptische, dann israelitische und judäische Epoche; gehörte später den Persern,'dann zum Gebiet des 2. Tempels; zuletzt Römern, Byzantinern, Arabern. In einer Brandschicht tief in Aschenresten entdeckte Starkey im Winter 34/35 etwa sechzehn Tonscherben, die als Briefmaterial benutzt waren und althebriische Schriftzüge zeigten. Sie erwiesen sich als eine Korrespondenz aus den Tagen des Propheten Jeremia. Diese heute anerkannte Tatsache und eine erste, aufklärende Lesung und Deutung der wichtigsten vier Briefe verdankt die Wissenschaft unserm Prof. Harry Torczyner, dem genialen Hebräisten der Universität Jerusalem. Ihm wurden sie vom Entdecker im Februar 1935 vertrauensvoll, teils im Original, teils in Photographien, zur Prüfung vorgelegt; und bereits im Herbst desselben Jahres erschien Torczyners hebräische Abhandlung „tcüdot Lachisch" im Sammelband Kenesset für 5f)96, englisch „The Lachisch letters". Die Tonscheiben selbst, der „Wellcome-Marstone"-Archaelog. Gesellschaft in London gehörend, werden dort chemischem Verfahren unterzogen und sind bis heute auch von andern Forschern mehrfach überprüft worden. Die endgültige Ausgabe bereitete Prof. Torczyner in Verbindung mit J. L. Starkey in englischer Sprache vor; sie dürfte durch den Tod des letzteren eine Verzögerung erlitten haben. Uns liegen jedocli im „Annuai" des „Palestiue Exploration Fond" und im „Bulletin of the American Schools of Oriental Research" Reinigend ergänzende Studien vor (darunter solche von Theodore Gaster und Prof. W. F. Albright), so daß wir von den wichtigsten Ergebnissen an dieser Stelle Mitteilung machen können. Die aus den Aschenresten von Lachisch gehobenen Scherben von einfachen Tonkrügen haben uns eine militärische Korrespondenz aus den letzten Tagen vor ihrer Einnahme durch Nebuchadnezar um das Jahr 597 vor der übl. Zeitr. aufbewahrt, was dem Umstände zu verdanken ist, daß das leicht verweslichc Papyrus-Material bereits zu,kostbar geworden war, so daß man Tonscherben beschrieb. Ähnliche, althebräische, in Stein gehauene oder gravierte Schriftzüge und kurze Texte hatten wir bisher außer dem moabitischen Mesasteinc nur noch im Siloah-Tunnel; vom Ophel in Jerusalem, und aus Samaria. Hier aber liegen Briefe in ziemlich gewandter Schrift und in reinstem Hebräisch der besten biblischen Zeit vor, und der Ertrag ist schon nach der sprachlichen Seite hin beträchtlich. Inhaltlich aber finden wir hier willkommene Ergänzungen zu wichtigen Berichten der Königsbücher und zum Prophetenbuche Jeremia über die Vorgänge unter König Jojakim, die nach dessen plötzlichen Tode zur ersten Einnahme Jerusalems und der Verbannung der Zehntausend unter Jechonja führten. Vor allem wird uns das tragische Schicksal des Zeit- und Berufsgenossen Jeremias, des Uria, Sohnes des Schemaja, bestätigt, und durch den gleichzeitigen Fund des Siegelrings des „Gedalja, der über das Haus gesetzt war" auch diese edle Persönlichkeit menschlich nähergerückt. Welches ist nämlich der Inhalt der wichtigsten vier Briefe? Der erste enthält nur Namen; darunter Tawschillem, der sonst nie in der Bibel vertreten ist. Es handelt sich um eine Liste von Kriegern; Torczyner bemerkt aber, daß nur der Gottesname „jahu" auftritt, weder El noch Schaddaj; und führt dies auf die große Reform des Königs Josia zurück. Aus Brief II erfahren wir, daß alle Briefe an Jaüsch, den Kommandanten im Festungstore, von einem Abteilungsoffizier (der sich später Hoschaja nennt) gerichtet waren. Hoschaja war zu einer Auskunft aufgefordert worden; er versichert, daß er nichts habe erfahren können; Gott möge seinen Herrn doch mit Nachricht versehen. Brief III brachte die größte Überraschung: nachdem die Lesung geglückt war, daß von einer nach Ägypten durchreisenden Mission und einem Propheten, der sich auf der Flucht befand, die Rede war, ergab sich für Prof. Torczyner die Erinnerung an den Bericht Jeremias, Kap. 26, V. 20—24, von selbst: „Da war aber ein Mann, der im Namen des Ewigen weissagte, Uria, Sohn Schemajas von Kirjat Jearim, und zwar ganz wie Jeremia; und da der König Jojakim, die Helden und Oberen seine Worte hörten, da suchte der König ihn zu töten. Urija hörte es, fürchtete sich, entfloh und kam nach Ägypten. Aber Jojakim sandte ihm Männer nach, Eluatan, Sohn Achbors, und andere Männer mit ihm nach Ägypten. Sie führten Uria aus Ägypten fort vor den König, der ihn durchs Schwert sterben ließ, seine Leiche aber auf die Gräber der gewöhnlichen Leute warf. Doch die Hand Achikams, Sohnes des Schafan, war mit Jeremia, daß man ihn nicht dem Volke auslieferte, ihn zu töten." Und was kündet der neugefnndene Tonscherben III von Lachisch? Er nennt Uria nicht ausdrücklich, auch steht die Mission nicht unter Elnatan, sondern unter Kabirjahu, Sohne Elnatans. Aber dieser hat Befehl gegeben, in Lachisch Station zu machen und sich dort mit Proviant für Ägypten zu versehen. Es ist in aller Stille versucht worden, den Propheten zu warnen. Torczyner vermutet, daß Kommandant Jaüsch aus Frömmigkeit auf Seiten des Propheten stand, und den Abteilungsoffizier Hoschaja mit der gefährlichen Rettung betraute. Leider schwebt das deutliche Wort „Hüte dich!" noch ohne klaren Zusammenhang in der Luft. Nur zweierlei ist klar: daß der Rettungsversuch mißlang und Brief III bereits wie eine Entschuldigung klingt: es war zu spät! Ferner, daß die Anklage gegen Uria, er mache die Widerstandskraft des Volkes zunichte, auch in Lachisch bekannt war: dies geht aus Brief XVI hervor. Endlich scheint Gedalja, Sohn Ahikams, des Sohnes Schaphans schon damals in Lachisch einen Stützpunkt für seine Babel freundliche Politik gehabt zu haben, wie die Auffindung seines Siegels gerade dort vermuten läßt. Daß aber heim Herannahen Ncbuchadnezars die Besatzunng von Lachisch bis zum letzten Atemzuge ihre Pflicht der Verteidigung übte, beweist Tafel IV. Nicht sicher ist es, ob hier wieder Jaüsch der Empfänger und Hoschaja der Schreiber war; aber dafür wird ausdrücklich von Lachisch als Schauplatz gesprochen (die Gleichung von Teil el-Duweir mit diesem also bewiesen); und bekundet: „Wir warten auf den Feucrsignalstättcu von Lachisch, genau nach den Anordnungen meines Herrn, die er uns gegeben; können aber von Azeka nichts entdecken." Azeka, die nächste Festung war bereits gefallen; Lachisch harrt seines Schicksals. Bedenken wir, wie selten es geschieht, daß ein glücklicher Fund unsere Kenntnis der biblischen Zeit erweitert, dann werden wir auch diese Ergebnisse nicht geringschätzen, die vorläufige sind, noch keineswegs abgeschlossen. Sie machen uns schon heute dankbar gegen alle Mitarbeiter an den Entdeckungen von Lachisch, vor allem gegen J. L. Starkey, der mit so vielen andern ein schmerzliches Opfer der unseligen Unruhen in Palästina geworden ist. Dr. Georg Lubinski Grundsatzliches zur Berufswahl. Die subjektiven Bedürfnisse des einzelnen bei der Berufswahl versucht man gewöhnlich durch die Begriffe Neigung und Eignung zu erfassen. Die Neigung umschreibt dabei das subjektive Verlangen des e,nzelnen> seine Hinwendunß *u einer bestimmten Tätigkeit, während die Frage nach der Eignung untersucht, welche Anlagen in «Jen einzelnen Menschen vorhanden sind. Beide Fragestellungen, die Neigung und die Eignung, befassen sich nur mit dem einzelnen, vor der Wahl stehenden Menschen, mit seinen Wünschen und seinen Anlagen und lassen den Gesichtspunkt der Verwertbarkeit des Berufes außer Betracht. Wir haben in unserer Gemeinschaft zweifellos sehr viele Menschen, die Neigung und Eignung zu einem Studium der Rechtswissenschaft haben, das sie aber doch unterlassen müssen, weil es in dem Rahmen einer bestimmten Gesellschaft nicht verwertbar ist.