Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- 11 (18.3.1938)
- Date
- 1938-03-18
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JODISCHES GEMEINDEBLATT LEIPZIG 18. März 1938 / Nr. 11 dische Eroberung zurück, betrachtet die politische und kulturelle Situation, unter der das jüdische Land damals stand, und verfolgt dann die Entwicklung der Dinge. Dabei findet er nun, daß der Kampf der Makkabäer vor allem ein Bürgerkrieg war, „ein Religionskampf /wischen Orthodoxen und Reformisten". Das Zusammentreffen der jüdischen mit der hellenistischen Anschauung hatte zur Folge gehabt, daß viele Juden zu einer kulturellen Annäherung an die Umwelt neigten. Sie schieden sich in zwei (kuppen: die einen sagten sich völlig vom judischen Glauben los, in der Meinung, daß nur eine Teilnahme auch am QötterkuH der Griechen die bis dahin bestellenden Schranken niederreißen könne; die anderen wollten wohl das Judentum in seinem Kern erhalten, seinen Gottesglauben bewahren; aber, um es von seiner Isolierung ZU befreien, das Gesetz umwandeln: es sollte alles aus ihm entfernt werden, was nach Absonderung, nach Ghetto aussah. Diese zweite Gruppe konnte sich auf die weltliche Macht der Selcukiden stützen. Nur darum kämpften die Makkabäer gegen die Seleukiden, so sieht es Bkkermann, weil sie diesen Reformisten zum Siege verhelfen wollten. Mathatias und seine Söhne lehnten sich nicht gegen die Herrschaft des Syrerkönigs auf, sondern nur „für unser Leben und unsere Gesetze" führten sie die Waffen. Und Antiochus ließ seine harten Maßnahmen nur durchführen, um seiner Autorität Geltung zu verschaffen; er konnte es nicht stillschweigend geschehen lassen, daß Verordnungen, die er verkündet hatte, unbeachtet blieben. Hickermann zieht eine interessante Parallele: Menelaos, der jüdische Hellenist, stützte sich auf Antiochus ebenso wie einst Esra durch den Perserkönig Artaxerxes mit Vollmachten ausgestattet war; nur daß Menelaos in einem dem Auftreten des Lsra ganz entgegengesetzten Sinne wirkte. Juda Makkabi führte mit dem anfänglich kleinen, aber Ständig wachsenden Heere die Befreiung des Tempels von dein fremden Kult herbei. Mit diesen aus rein religiösen Absichten entsprungenen Kämpfen leitete er eine Bewegung ein, die dann allerdings auch zu einer nationalen Erhebung und schließlich zur Wiederherstellung einer staatlichen Selbständigkeit geführt hat. Ist schon diese bisher kaum in so tiefgründiger Beweisführung gestützte Deutung der Vorgänge in ihren Ergebnissen überraschend, so sind vielleicht noch bemerkenswerter die Folgerungen, die Bickermann aus diesem Geschehen für die Gestaltung des inneren jüdischen Lebens zieht: er sieht in der Einsetzung des Chanukkafestes durch Juda Makkabi den Anstoß zur Entwicklung der pharisäischen Richtung. Der Gegensatz zwischen Pharisäern und Sadduzäcrn taucht geschichtlich in aller Schärfe zum erstenmal unter Johann Hyrkan auf. Jedem Kenner der Zeit war es klar, daß schon geraume Zeit vorher d e Bildung dieser Gruppen oder doch ihre geistige Grundlegung vor sich gegangen sein muß Es wirkt bestechend, wenn Bickcrmann die Ursprünge dieser geistigen Bewegung in den Kämpfen um den Hellenismus erkennt. Neben den bei dem Zusammentreffen der jüdischen mit der hellenistischen Kultur möglichen zwei Wegen einer Verbindung mit dem abendländischen Wesen, die ent- Jüdische Winterhilfe (Israel. Religionsgemeinde, Abt. Winterhilfe). Postscheckkonto Nr. 20516 Wir machen unsere Betreuten schon heute darauf aufmerksam, daß die Lebensmittel für die Pessachfeiertage am 30. und 31. März ausgegeben werden. weder Abfall vom jüdischen Glauben oder wenigstens Lossagung von we'ten Teilen des jüdischen Gesetzes bedeuteten, gab es einen dritten: kulturelle Werte des Hellenismus so ins Judentum zu übernehmen, daß ihnen ein jüdischer Charakter verliehen wurde. Das tat Juda Makkabi, als er das Chanukkafest einsetzte. Es geschah zum ersten Male, dal) ein menschlicher Wille eine religiöse Leier anordnete, nachdem religiöse Ausdrucksformen zuvor ausschließlich von der Bibel aus bestimmt waren. Damit führte Juda ein durchaus neues Moment in das jüdisch-religiöse Leben ein. Er tat es gewiß in restloser Durchdrungenheit von der Gültigkeit jüdischer Gottes- Verehrung und der jüdischen Gesetzesübung. Aber dennoch bedeutete es eine grundsätzliche Neuerung. Und auch die Form, die ins Jüdische übertragen wurde, war etwas Neuartiges: Damit daß, neben dem seit Anbeginn im jüdischen Heiligtum brennenden Licht, ein solches angezündet wurde, um eine geschichtliche Begebenheit symbolisch zu feiern, und daß dies auch in den einzelnen jüdischen lläusern geschah, wurde ein hellenistischer Brauch übernommen; allerdings in einer Anpassung an das Jüdische, die geeignet war und sich auch als geeignet erwiesen hat, das Fremdartige vollkommen vergessen zu lassen. Bickermann erkennt somit als das Prinzip des Pharisäertums die fortschrittliche Entwicklung des jüdischen Gesetzes. Auch in seiner weiteren Darstellung der Hasnionäer-Llerrschaft, die ja dann von Kämpfen zwischen und mit Pharisäern und Sadduzäcrn erfüllt waren, gibt er diesem Oedanken immer wieder einen Ausdruck: die Sadduzäer sind die Vertreter des konservativen Festhartem an der Bibel als der einzigen Gesetzcsquelle, die Pharisäer erkennen die Notwendigkeit einer Fortentwicklung und passen das Gesetz den veränderten Zeitverhältnissen an. Es ist interessant, daß, wenn auch auf anderem Wege, die gleichen Folgerungen über Ursprung und Entwicklung der pharisäischen Richtung in der Untersuchung von Hans Zucker über „Die jüdische Selbstverwaltung im Altertum" deutlich werden. Zucker verfolgt die seit der Rückkehr aus Babylonieu in Palästina maßgeblichen Verwaltungsstellen und legt dar, wie allmählich an die Stelle der das Gesetz wahrenden und übenden Priesterschaft die Schriftgelehrten traten, die im pharisäischen Sinne das (iesetz entwickeln. In der Tat: diese Untersuchungen machen Zusammenhänge deutlich, die außerordentlich befriedigend wirken, wenn auch den Gelehrten vorbehalten bleiben muß. Für und Wider abzuwägen. Gustav Cohn. Unsere Gemeinde. Kurse des Jüdischen Frauenbundes. In dem Nahkursus, der Montag und Mittwoch abends stattfindet, sind noch einige Plätze frei. Anmeldungen sind au die Leiterin, Iran Wolkowitz, Nordstrafte 10, zu richten. Erlernung von Konfektbereitung: Der Kursus umfaßt dreieinhalb Wochen und kostet 00 Mk. pro Person. Auskünfte werden erteilt hei Kanstein, Frankfurter Straße 10. Diese Ausbildung ist für Auswandernde besonders empfehlenswert. An alle Gemeindemitglieder! Der Jüdische Kulturbund Leipzig ist auf kurze Zeit in der Lage, noch einige Mitglieder aufzunehmen. Meldungen werden erbeten im Büro des Jüd. Kulturbundes, Goethe- Straße I.III, in der Zeit von 10 12, außer Sonnabends und Sonntags. Zum Scheiden des Herrn Meer Tager aus Leipzig. Wie wir erfahren, hat du um das VX ohlfahrtswcscn unserer Gemeinde lauge Jahn wohlverdiente Herr Meer Lager kurzlich seinen Wohnsitz nach Paris verlegt. Die besonderen Verdienste, die sich Herr Lager um die Bedürftigen unserer Gemeinde in mehr als zweiundzwanzigjähriger rätigkeil erworben hat, haben ihm in weiten Kreisen ein dankbares Gedenken bewahrt. Gerade in diesen Tagen, in denen die Spenden an den Moaus-Chitim-Ausschuß zur Pcssach-Unterstützung zusammengetragen werden, wird immer wieder der Name von Meer rager erklingen, der gerade diesem Zweige der Hilfstätigkeit sein besonderes Augenmerk zugewandt hielt. Immer galt seine wärmste l ur-orLii jenen in Not Geratenen, die es als druckend empfinden, nehmen zu müssen, statt selber, wie sie es früher getan, geben zu können. So Sei ihm und seiner Gattin auch an dieser Stelle aufrichtiger Dank für die bewiesene Hilfsbereitschaft und der nicht minder herzliche Wunsch ausgesprochen, daß ihnen im Kreise ihrer Familie um h rechl schöne Jahre in bester Gesundheit und vielen Freuden beschieden sein mögen. Tmmpcldorfcicr des Betar. Die lüd.-nat. Jugend „Herzlia" (Be tar) hatte als ein/ige Leipziger zionistische Organisation Truinpcldoi s roaestag zum Anlaß genommen, des großen jüdischen Helden in i (im r w urdigen Leier zu gedenken. Nach einleitendem Spiel des „Collegium musicum" dessen Mitwirkung der Veranstaltung einen weihevollen Rahmen verlieh und nach einem kurzen, von drei Betarim vorgetragenen Sprechchor, ergriff RA. Dr. Qoldwasser (der für den ursprunglich vorgesehenen Redner eingesprungen war) das Wort. Der Referent zeichnete nachdem er vorher eine kurze Biographie gegeben hatte das Ringen des Mannes, dem diese Ecier galt, und dessen Charakter sich am besten in den Worten zeigt, die er einmal Jabotinsky gegenüber äußerte: Die Chaluzim müssen ohne private Interessen sein. Sie müssen überall dort, wo sie gebraucht werden, ihren Mann stellen. „Wenn ihr einen Nagel braucht, so nehmt mich, oder benötigt ihr einen Hammer, ich bin zur Stelle!" so sprach Trumpeldor und gab damit selber seinen Kameraden das beste Vorbild. Nachdem der Redner noch kurz die klassischen jüdischen Helden gestreift hatte, warf er die Frage auf, warum Trumpeldor schon heute eine legendäre (iestalt geworden sei, obwohl sein Tod erst knappe zwanzig Jahre zurückliege. Er gab im nächsten Satz selbst die Antwort: Weil es uns in der jüngsten jüdischen Geschichte an Gestalten gleich ihm mangelt und die meisten Chaluzim immer mehr von seinem Leben abkommen. Au die letzten Worte Dr. (ioldw assers schloß sich die Totenehrung für die gefallenen Betarim an, deren Namen unter leisem Trommelwirbel verlesen wurden und zu deren Ehre sich ilie Gäste erhoben, und das Lied „Betel-Chaj" mitsangen. Der Sinn dieses Liedes wurde dann von einem Betari in eindrucksvollen Worten gesprochen. Nach einem Satz aus dem Quartett l -dur von Mendelssohn, gespielt vom „(Kollegium musicum", sprach nochmals ein Betari. Er sagte, daß Trunipeldors Leben und Tod nicht sinnlos gewesen seien, dal! sich schon heute hunderttausend junge Juden zusammengefunden hätten, bereit und entschlossen, Trumpcldors Vermächtnis zu verwirklichen. Mit der Hatikwa schloß die Leier, die bestimmt bei denjenigen haften bleiben wird, die den Sinn des Ganzen Verstanden haben, aber allen (iästeu den Lindruck vermittelte, daß der Betar auf dem besten Wege ist, sich d i e Stellung bei dei geistigen Erziehung der Leipziger jüdischen Jugend zu erkämpfen, die ihm auch durch seine Ideologie zufällt. Maufred Falkenfleck. Amtliche Bekanntmachungen Fund auf unserem Neuen Friedhof. Auf unserem Neuen Friedhof ist eine Brosche gefunden worden. Sie kann an der Kasse des Gemeindeamtes, Walter-Blümel-Str. 10 II, in der Zeit von 1 .10 bis 1 Uhr abgeholt werden. Leipzig, 11 März iQi8. Der Vorstand der israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig.