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Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1938-03-18 · 11 (18.3.1938) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
14 (1938)
Issue
11 (18.3.1938)
Date
1938-03-18
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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mmm UNDNACHRICHTENBIATTDERGEMEINDEVERWAL^ IUN6 DER ISRAELI TISCH EN REUG10NS6EME1NDEZÜ LEIPZIG ANGEMELDET BEIM SONDERBEAUFTRAGTEN DES REtCHSM 1NISTERS W B 18. MARZ 1938 / 15. AD AR 11. 5698 14. JAHRGANG / NUMMER 11 Der Weg von der Schule ins Leben. Die Neuordnung des höheren Schulwesens hat als grundierende Planung den Auf hau in drei Stufen gebracht, 1. und 2. Klasse Unterstufe (bisher VI und V), 3., 4., 5. Klasse Mittelstufe (bisher IV., Ulli, Olli) und ()., 7., 8. Klasse Oberstufe. Die Höhere israelitische Schule in Leipzig umfallt schon seit zwei Jahren den Aufbau der Oberstufe und besitzt damit den Charakter der Vollaustalt. Nun führt sie die amtliche Bezeichnung: Jüdische Schule Leipzig, Prlv. Oberschule für Jungen (Vollaustalt) und Priv. Oberschule für Mädhen. Zu der Oberstufe der Vollanstalt werden Mädchen zugelassen. In der Neuordnung liegt die sinngemäße Tatsache, daB nach fünfjährig in Besuch der höheren Schule ein Abschlull erreicht ist, der ungefähr dem der mittleren Keife im bisherigen Sinne entspricht. :ür Schüler also, die sich an der höheren Schule nur eine wissenschaftlichere und weiter reichende Vorbildung für ihren Beruf aneignen wollten, als sie die Volksschule ihrem Wesen nach zu bieten 'ertnag, ergibt sieh nunmehr die Möglichkeit, nach fünfjährigem Besuch der höheren Schule ihren Pflichthildungsgang abzuschließen. Da/u liegt eine amtliche Verfügung zunächst nur für dieses Schuljahr vor. die allerdings noch der reichsgesetzlichen Regelung bedarf, dall nach fünfjährigem Besuch der höheren Schule die Schulpflicht aufhört. Für die jiidische Jugend erhebt sich aber eine viel wichtigere Frage als die, ob sie noch ein Jahr schulpflichtig bleibt oder nicht, wenn sie nach erfolgreichem Besuch der 5. Klasse (gegenwärtig OIIIa und OIIIb) die Entscheidung zu treffen hat, ob sie ilie Schule verlassen soll oder nicht. Es soll hier nicht von den durch die Zeitumstände veränderten Berufs- und Lebensbedingungen der jüdischen Jul' il gesprochen werden. Ls gilt vielmehr, in aller Einfachheit zu teij was die höhere Schule bedeutet und welche ideellen und Sachlichen Werte sie demjenigen bietet, dem die örtlichen und persöni i hen Verhältnisse es gestatten, sie so lange als möglich zu besuch Ls ist eine alte Erfahrung: Nur das, was man in der Jugcii'l urnt und gelernt hat, behält man. Und es ist wirklich so. Jüdis< . sprachliches, naturwissenschaftliches Wissen wird dauernd beg idet nur durch das in der Jugend, im straffen Schulunterricht Oeli rnte. S| iter, wenn mau in der Arbeit der Berufsausbildung oder des Berufs selbst steht, wird es immer schwerer, und nur wenigen gelingt es, so fortzubilden, daß das Neue dem Alten gleichwertig wird. In seinen Lehrhausvortrag gab uns Prof. Dr. Kisch den überaus beruh'ii Hinweis, daß der Jude unserer Zeit mit einem gründlichen Wis er ausgestattet sein muß, um seine Situation und die des Judentumüberhaupt zu erkennen. Er hat das in bezug auf die naturwisi■ n chaftlichen Erkenntnisse dargelegt. Greifen wir aber die einzeln' ii Fächer der höheren jüdischen Schule heraus, so ist keines da, das hier eine untergeordnete Rolle spielt. In erster Linie ist es jüdis' Ii' i Wissen, Kenntnis der heiligen Schriften, des nachbiblischen Schi [Utuns, der jüdischen Geschichte, Palästiuakuude und Iwrith ds t iarisches und sprachliches Kulturgut, die dem jüdischen Schüler unerläßliche Wissensgebiete sind, um sich seiner Haltung als Bekenner des jüdischen Glaubens und Angehöriger des jüdischen Volkes bewußt zu werden. Hier bringen die vertieften Behandlungen an der Oberstufe erst die Einsicht und Klarheit nach der mehr gemütvollen Erfassung in den früheren Jahrgängen. In den sprachlichen l ächern reiht sich an die stilistische Vorbereitung nun die literarische und aufsatzmäßig reifere Bekanntmachung mit den sprachlichen Erzeugnissen und Meisterwerken jener Sprachgebiete. Es treten Themen vielfältiger Art auf, sei es im Deutschen, im Englischen oder Französischen, die den Gesichtskreis erweitern, das Sprach- und Kunstgefühl wecken und vor allem auch zum selbständigen Gebrauch der Sprache befähigen. Das mathematisch-naturwissenschaftliche Weltbild, zu dein die Mittelstufe nur die Elemente liefern konnte, wird folgerichtig erweitert. Der mathematisch geschulte Schüler dringt in die Forschungsergebnisse der Physik, Chemie und Biologie ein, seine Einblicke in den Bau der Welt, die Gesetze des Lebens runden das Bild, das ihm aus dem rein jüdischen Unterricht an Hand der heiligen Schriften bekannt wurde, zum höchsten Erlebnis der Wahrheit und G'ttlichkcit, das Gegenfrage und Zweifel bezüglich des „letzten Grundes'' ausschließt. Ebenso ist es mit den Unterrichtsfächern (ieschichte und Erdkunde, die durchaus nicht als reine Tatsachenberichte anzusehen sind. Sowohl der geschichtliche Vergleich als auch die einfühlende Erfassung der Erdgebiete, ihrer Formen und Völker werden au der Oberstufe zu einem Ziel geführt, in dessen Mittelpunkt der jüdische Mensch steht, um den sich gleichsam zeitliche und räumliche Welten lagern. Er lernt geschichtlich denken, er sieht Landschaften und Volker und weil), daß auch er eine ganz bestimmte Stelle hat, die für ihn weseusbestimmend ist. Auch die noch verbleibenden Fächer: Musik, Zeichnen, Leibesübungen haben ihre entschiedene Bedeutung, ihren erzieherischen und bildenden Wert. Nur zu leicht geht man Übet sie hinweg, ohne zu bedenken, daß sie zur Formung des ganzen Menschen nötig sind, daß manche wertvolle Anlage ohne sie verdeckt bliebe, daß auch der Körper besondere Förderung und Zucht braucht, wie sie nur in den turnerischen und sportlichen Leistungen erzielt werden. Mau kann ruhig sagen: Alle Seiten menschlicher Bildung, des Geistes und des Charakters, des Gcmciiischaftsiuns, künstlerischer Fähigkeiten und körperlicher Straffung finden in der jüdischen Schule ihre Pflege und werden gerade in der Oberstufe dein reifereu Stand der Schüler entsprechend zu einer Art Vertiefung und Abschluß gebracht, die ungeheures Gewicht besitzt. Dazu kommt, daß die Schuljahre dem jungen Menschen in der Mehrzahl immer noch die glücklichsten Jahre sind, die unbeschwert von dein beruflichen Ernst im Elteruhaus verbracht werden, während der Abschluß nach fünf Jahren mitunter Fünfzehn- oder Sechzehnjährige schon in die Fremde weist. Alle diese kurzen Bemerkungen sollen dazu dienen, Eltern und Schülern die Lage aufzuzeigen, in die sie die jüdische Schule seihst hineinstellt, die an dem Werden der jüdischen Jugend bisher Anteil genommen hat und weiter nehmen will. -Im. Ii Fried, ider Zur geschichtlichen Stellung der Pharisäer. ier allgemeinen Betrachtung über Gcschichtschreibung warnt i Gundulf vor dem Anspruch auf „endgültige Erklärung" schöpfende Darstellung" oder „abschließende Ergebnisse". ,Was ivii von uns selbst wissen, ist nicht der millionste Teil dessen, was inil ll!,s geschieht und was wir sinki. Das gilt erst recht von wtchichtlicheJi Zusammenhingen.'4 Diese Mahnung des bedeutenden Ii' h inten ist gewiß nicht als eine Entmutigung der f orscher «dacht; er hätte ja damit sich selbst das Fundament unterwühlt, auf lern seine eigenen Schriften ruhen. In ihr liegt vielmehr im Gegenteil ein Ansporn, bei dem Vorhandenen nicht stehenzubleiben, sondern unablässig, um weitere Klärung bemüht zu sein. Denn eines der riauptmotive allerGeschichtsschreibung ist, das, was geschehen ist, zu acuten, e» }m Zusammenhang zu begreifen. Geschieht das immer rneut, m gründlicher Prüfung der Urkunden und Darstellungen, unter Anwendung wissenschaftlich-methodischer Forschungsmittel, so werden oft genug, vielleicht nicht „endgültige", aber doch einleuchtende und überzeugende Zusammenhänge sichtbar gemacht, die dem gegenwärtigen Menschen für seine eigenen Fragen bedeutungsvoll werden können. Wie umstürzende Ergebnisse solche Forschungen zutage fördern können, zeigen uns zwei Bücher, in denen Elias B i c k e r m a n n die Geschichte der Makkabäer untersucht. (Die Makkabäer. Eine Darstellung ihrer Geschichte, Schocken-Bücherei Bd. 47 und Der Gott der Makkabäer Untersuchungen über Sinn und Ursprung der makkabäischen Erhebung. Berlin 1U37. Schocken-Verlag.) Die überlieferte Darstellung beurteilt die Ereignisse jener Zeit übereinstimmend als eine Glaubensverfolgung des Syrerkölligs Antiochus, dem es darum zu tun war, die jüdische Lehre zugunsten eines hellenistischen Eiuheitskults zu unterdrücken. Sie sieht in dem Herrscher einen grausamen Fanatiker, der kein Mittel gescheut habe, um die überzeugungstreuen Juden, deren Land unter seiner Herrschaft stand, seinem Willen gefügig zu machen. Bickermann kommt zu einer durchaus abweichenden Deutung. Er stellt nach den Quellen (die Makkabäer buch er, das biblische Buch Daniel und die Schriften des Josephus) den Ablauf der Geschehnisse fest, geht auf die seleuki-

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