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Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1938-03-11 · 10 (11.3.1938) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
14 (1938)
Issue
10 (11.3.1938)
Date
1938-03-11
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHES GEMEINDEBLATT LEIPZIG 11. März 1938 / Nr. 10 „Hadassah" wird sie nach der Legende genannt, weil die Gerechten mit der Myrthc zu vergleichen sind: der Prophet Sacharja nennt den Botin Gottes den „Mann, der zwischen den Myrthen hielt" (Sach. 1,11). Von anderen schönen Frauen unterschied sie sieh, weil sie sich nicht /um Hochmut verleiten ließ wie jene; sie blieb immer die bescheidene Frau, frei von jedem Dünkel. Als sie sich entschloß, den Gang zu dem (iemahl zu wagen, der nach dem Landesgesetz ihren Tod zur Folge haben konnte, tat sie es, so berichtet der Midratch, in großer Beklommenheit, keineswegs im Bewußtsein einer .Macht, die ihr die Schönheit verlieh. Fast schüchtern erschien sie vor dem Könige. Da traten drei Dienstengel an ihre Seite: einer hob ihren Hals hoch, einer überzog sie mit Anmut und einer dehnte das Szepter des Königs, weil sie kaum Mut fand, nahe an ihn heranzutreten. Bezeichnend für die Größe der Zurückhaltung, die ihr zugesehrieben wird, sind die Maße, zu denen die Oberlieferung das Szepter wachsen ließ, die zwischen 2 und 60 (!) Ellen schwanken. Als W urzel solchen Wesens wird an Esther eine Erfülltheit von tiefer Gottesfurcht gesehen. Als sie an dem Trauerkleide Mardechais erkannte, daß eine große Not über ihr Volk gekommen sei, da sandte sie ihren llofbeamten zu ihm mit der Weisung, es solle nachgeforscht werden, warum das Unheil über Israel verhingt sei. Ob sie etwa übertreten haben, was immer Israels Ruhm und Starke gewesen: „Dies ist mein Gott, Ihn rühm ich, der Gott meines Vaters, Ihn erheb ich"; oder ob sie sich etwa von den beiden Bundestafeln losgesagt haben, von denen es heißt: hier und dort waren sie beschrieben! (Esthers Frage: ladaath malt seh w'al mall seh wird in Verbindung mit dem auf die Bundestafeln bezüglichen Schriftverse gebracht: misch umiseh hem k'tuwim). Als letzter Ausdruck frommer Verklärung der Gestalt Esthers ist dann ihre Einordnung in eine Reihe von sieben Prophetinnen Überliefert: neben Sara, Miriam, Debora, Hanna, Abigail und Hulda will die Agada auch an Esther prophetische Kraft bemerken. So deutet sie die Stelle der biblischen Erzählung, in der berichtet wird, daß Estin, r sich am dritten Tage „königlich" kleidete; nicht heißt es „in königliche (lewäudcr", sondern „königlich": sie bekleidete sich mil dem heiligen (leiste (mit Hinweis auf I. Chron. 12,19; Geist umkleidete Amasai). Ls wäre irrig, in diesen Deutungen nicht mehr als ein Spiel der Phantasie erblicken zu wollen: sie entspringen vielmehr dem frommen Qlauben, daß Esther ihrem Volke als Beistand gesandt war. So ist sie in tlit Geschichte eingegangen. So hat das Empfinden des Volkes Beziehung zu ihr gewonnen, hat in ihrer Persönlichkeit göttliches Walten wirksam gesellen, und im Blick auf sie immer erneut den Qlauben an Ootl gestützt: Gesegnet das Andenken Esthers, die sich einst in ihrer Treue für ihr Volk bewährt hat: b'ruchah esther magina baadi. Was lehrt uns das Buch Esther? von Rabbiner Melamed. Im Universum können wir die Tatsache feststellen, daß alle Wesen und Dinge tlcr organischen Welt in innigster Beziehung zueinander stellen. Er. gibt kein Ding, das losgelöst von seiner Umwelt existieren könnte; Bestand hat es nur als Glied in der Kette der Naturkräfte. Im W echselspiel der gegenseitigen Ergänzung mit ihnen erlangt es Bedeutung und kann es sich erhalten. Am deutlichsten wirkt sieh dieses Gesetz aus in einer größeren Gemeinschaft von Menschen, im Leben eines Volkes. Die (iahen des (ieistes, des Gefühl?, des Taktes, wie die körperlichen Befähigungen und manuellen Begabungen sind nicht gleichmäßig verteilt. So bilden sich verschiedene Schichten innerhalb eines Volkes, das die Zusammenfassung dieser Onippen mit ungleichen Begabungen darstellt. Niemals jedoch wird eine dieser Schichten sich loslösen können vom Volksganzen, um eine selbständige Gemeinschaft zu bilden; aber auch niemals wird ein Volk auf eine dieser Schichten verzichten können. Denn erst durch den Austausch der Kräfte, durch ihre gegenseitige harmonische Ergänzung wird das schöpferische Leben eines Volkes gewährleistet. Lebensmittel-Anftgabe! Mittwoch. Iß. Marz S8 in der Zeit von 15 bis 18 Uhr flruppe 1 und Gruppen 5 bis 10 Donnerstag, 17. MUrz in der Zeit von 15 bis 18 Uhr Uruppen 2, St und 4 im Anggabelager Brühl 47. Die grauen (ilruppenkarten sind auf jeden Fall mitzubringen. In diesem eben angedeuteten Sinne will uns das Puritnfest eine Mahnung zurufen. Mordechaj, der strenggläubige Jude, Mitglied des Synhedrion, ergreift eigenartigerweise nicht die Mittel zur Beseitigung der Gefahr, die ihm als religiösem Juden die nächstliegenden sind, sondern er wendet sich an Esther, um auf diplomatische Weise die Gefahr zu bannen. Esther wiederum verlangt, bevor sie zum König geht: ZUnTU alaj betet und fastet für mich; tut auch ihr, was in eurer Hmd liegt. Wie aber ist diese Vertauschung der Rollen zu verstellen? Mordechal, „der Jude", wie ihn Megillas Esther nennt, weil), daß die Passivität des (i'ttvertrauens allein nicht genügt. Die Tiefe des G'ttvertrauen muß gepaart sein mit dem ernsten Willen zur Aktivität. Er muß alles das tun, was an Möglichkeiten und Mitteln Ott ihm verliehen. Er muß Esther den Weg zum König weisen, ihn muß mau versuchen umzustimmen, dies ist das einzige menschenmögliche Mittel. Daß aber diesem Mittel auch ein Gelingen beschert sei, dies allein liegt in G'ttes Hand. Hier setzt das G'ttvertrauen Esthers ein, und darum bittet sie Mordechai: Findet euch alle — aber auch alle vor G'tt im Gebet, das in seiner imponierenden Gemeinsamkeit zum Himmel emporsteigt. Alle Kräfte des Volkes müssen angespannt werden, jeder muß seine Pflicht tun, wo er auch steht. Niemand darf sich zurückziehen, wenn Gefahr droht: ki im hachrcsch tachrischi . . . weata uwet awich towedu (wenn du dich aber zurückziehst im Augenblick der Gefahr, so wirst du und dein Vaterhaus untergehen). Nicht der ist unvergänglich, der sich loslöst von seinem Volke, sondern der, der sich in die Reihen seines Volkes stellt, um mitzuhelfen, wo er kann! Andererseits darf aber auch keiner die Arbeit des anderen unterschätzen und nur seine Arbeit als unentbehrlich für das Volk betrachten. Denn jeder einzelne muß helfen auf seine Art, jedoch erst die Summe aller Kräfte kann die wahre Hilfe bringen. Gerade für unsere heutige Zeit ist diese Mahnung angebracht. Wenn heute versucht wird, in Erez. Israel nach zweitausendjährigem Exil eine neue Heimat zu schaffen, so müßte Voraussetzung dafür das durch nichts gestörte Zusammenwirken aller Kräfte im Judentum sein. Es wird kein jüdischer Staat existieren können ohne die jüdische Religion und Tradition. Jedoch: ejn ssomehiu al lianess (auf Wunder soll man sich nicht verlassen!) Erst wenn beide Kräfte, politische Maßnahmen und physische Aufbauarbeit einerseits und die Massora, d. h. die religiöse Tradition andererseits, zusammenwirken, dürfen wir erwarten, daß F.rez Israel unsere Hoffnung in jeder Hinsicht erfüllen wird. Darum müssen wir uns stets das Wort der Megilla vor Augen halten: lech knoss et kol hajhudim, geh sammle alle Juden, sammle alle KfTifte, über die das jüdische Volk verfügt, dann wird, wie in jener Zeit, auch uns Hilfe erstehen! Erziehung und religiöses Leben in Palästina. Ein ungemein fesselndes Bild von den Formen der Erziehung und dereligiösen Lebens im neuen Paliistina entwarf in seinen im Rahmen eines Gemeindeabends gehaltenen Lehr haus vortrage Herr Gemeinderabbiner Dr. Ochs. Man merkte es seinen Ausführungen an. dali sie Ausdruck eines ganz tiefen Erlebens waren, daß die Eindrücke lies Aufenthaltes in Erez Israel noch unendlich viel stärker wann, als selbst die hochgespannten Erwartungen ahnen ließen, die an die Reise geknüpft werden konnten. Erklarimgsgriuid für die Gewalt dieser Eindrucke ist vor allem anderen das erleben der als Wirklichkeit sich zeigenden jüdischen Gemeinschaft mit ihrer eigenen jüdischen Sprache. Im Zeichen des Werdens und Wachsens dieser v( irklichkeit steht die Erziehung, die keinesw egs nur Kinder und Jugendliche, sondern nicht minder auch die Erwachsenen angeht: alle in gleicher Weise stellen sich auf eine neue Lebensform um, bei der die Kenntnis des Iwrith maßgebende Bedeutung hat. Bei der Jugenderziehung ist vorerst die Sondererscheinung festzustellen, daß der Einfluß des Elternhauses infolge der wirtschaftlichen Daseinslage durch Kindergarten und Schule, wenigstens vorerst noch, stark zurückgedrängt ist. Was das Schulsystem Volksschule, Höhere Schule und Fachschule — vor den Schulen der Golah auszeichnet, ist der große Gewimi, der durch das Iwrith als Unterrichtssprache erzielt wird: dadurch wird jeder Unterricht, in welchem Fache auch immer, zu einer Förderung des jüdischen Bewußtseins; alles rankt sich um das Tenach; selbst die Naturkunde erhält von der Bibel aas ihre Belebung. Hinzuweisen ist darauf, daß nur die religiöse Jugendalijah eine Gewähr für religiöse Erziehung bietet: Das religiöse E ehe n zeigt eine kaum vorstellbare Vielfältigkeit; alle religiösen Abstufungen sind vertreten: sephardischer Ritus und aschkenasisclier; dieser mit ostjüdischer und mit deutscher Besonderheit; dann wiederum beide untereinander gemischt; Jemeniten und andere Stämme haben ihre Synagogen. Alle Synagogen verdanken privater Initiative ihre Errichtung und Erhaltung. Im Vordergrunde aller religiösen Probleme steht die Gestaltung des Schabbath. Sie ist keine durchaus einheitliche: so viel aber kann der Vortragende an zahlreichen Momenten dartun, daß nirgendwo in der Welt der gesetzestren lebende Jude so ungehindert den Schabbath in den überlieferte» Eoiinen bewahren kann wie in Erez Israel; in weitem Ausmaße wird ihm auch offiziell Rechnung getragen. Gestalter des religiösen Lebens sind fast ausschließlich die Rabbiner; seine Träger die Familien. Den Gemeinden kommt bisher nur eine wenig ausschlag-

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