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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1929-12-20 · 51 (20.12.1929) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
5 (1929)
Issue
51 (20.12.1929)
Date
1929-12-20
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 QEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSUEMEINOE ZU LEIPZIG Nummer 51 So hat Rosenzweig mannigfachen Grund gelegt für Werke, an denen weitergewirkt weiden wird, auch jetzt, nachdem er selber nicht mehr ist. Fast größer aber noch als dieses sein Werk ist der Mann selbst, der es errichtet hat. '*t Rosenzweig; denn der heroische Geist, als der er gelebt hat, ist unvergänglich. Wenige Wochen sind es her, als Martin Buber, sein Freund, uns erzählte, daß dieser (ieist in einem fast abgestorbenen Körper immer konzentrierter, geläuterter, genialer zur Entfaltung kam. Jahrelang waren die (ilieder gelähmt, der Korper keiner Bewegung fähig, der Mund fast nur noch zu unartikulierten Lauten zu gebrauchen. Intuitive Kraft der Gattin nahm das Leuchten dieses nach innen gewandten Denkens wahr, um festzuhalten, wofür er Ausdrucksformen gefunden hatte. Und dieser Mann überwand den Korper, wurde ganz Geist; wurde so sehr ücist, daß er nie den Humor einbüßte: keine Äußerung ging an den zu gemeinsamem Werke mit ihm verbundenen Freund, in dem nicht eine muntere, aufmunternde Bemerkung stand. In Franz Rosenzweig ist soviel wunderwirkender Menschengeist, soviel seelische Meuschenmacht, soviel Beweis für die Gewalt des Menschenwillens gewesen, daß wir heute nur eines sagen können: Heil dem Geschlecht, das einen solchen Menschen den Seinen nennen darf. Darf; denn er lebt weiter! JUDEN IN DER DEUTSCHEN POLITIK Von Rudolf Schay Aus dem soeben Im Welt-Verlage erschienenen Werke ...luden in der deutschen Politik" mit freundlicher Genehmigung des Verlages, Line ausführliche Würdigung des Werkes erfolgt demnächst, Seit Jahrtausenden ist die gesellschaftliche Stellung der Juden im wesentlichen die gleiche geblieben. Das Wandervolk in der Wüste trug die Erinnerung an die frühere Pariastellung mit sich und sehnte sich nach einer Zeit, da es keine Unterdrücker und keine Unterdrückten mehr gebe. Das seßhafte jüdische Volk in Kanaan war abwechselnd unterjocht von benachbarten Großmächten und richtete seinen Blick auf die Zukunftsverheißung, da „die Völker nach Zion strömen... denn von Zion wird die Lehre ausgehen und das Woit Gottes von Jerusalem. Und sie schmieden ihre Schwerter um zu Pflugscharen und ihre Lanzen zu Rebmessern. Nicht mehr wird ein Volk gegen das andere das Schwert erheben und man wird den Krieg nicht mehr erlernen." Nicht in einem besseren Jenseits nach dem Tode sollte dem Einzelnen die Erlösung winken, das ganze Volk, die ganze Menschheit soll hier, auf der Erde erlöst werden. Das „Heil" wird zur geschichtlichen Idee. Gottes Wille zeigt sich in der Geschichte. Und.die Propheten versuchen den geschichtlichen Willen des Volkes zu beeinflussen, den visionär erschauten und erhörten Willen Gottes der geschichtlichen Entscheidung aufzuprägen: sie sind politische Führer. In Zeiten der Not und Bedrängnis verheißen sie eine bessere Zukunft und zeigen den Weg zu ihrer Verwirklichung, in Zeiten des Wohlergehens mahnen und beschwören sie das Volk und die Machthaber, das letzte Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Dieses letzte Ziel aber, das es zu verwirklichen gilt, ist vorgezeichnet durch die Ideale der Gemeinschaftsethik, die sich in der Zeit tiefster Bedrängnis als leuchtende Zukunftshoffnung im Volksbevvußtsein gebildet haben: die Ideale der absoluten Gerechtigkeit und des Friedens. Hoffnung und Wille,;:uf dieses Ziel gerichtet, blieben lebendig durch die Jahrhunderte hindurch. Solche Hoffnungen lassen sich nur erhalten und weiterpflanzen, wenn das Ziel in absoluter, in unbedingter Erhabenheit vor Augen steht. Jedes innerliche Zugeständnis an die naturhafte und deshalb ewige Mangelhaftigkeit der Realität führt zum Zweifel, führt in letzter Konsequenz zum Bruch des Willens. Der revolutionäre und auch der reformistische Politiker muß an den besseren Zustand glauben, er muß das Bild einer besseien Gesellschaftsordnung vor Augen haben und muß die große, aber auch gefahrliche (iahe besitzen, die Widerstände, die sich vor allem in Kleinmut der Geführten gegen ihn und sein Tun auflehnen, einfach zu übersehen. Er schaut das Ziel, er sieht den Weg die kleinen Unebenheiten vor seinen Füßen bleiben seinem in die Weite gerichteten Blick verborgen. So schreitet er beherzt voran und zieht die (iefolgschaft hinter sich her, die vor jedem Straßenhöcker entsetzt stehenbleibt: „Halt, ein Berg! Können wir ihn übersteigen ...?•' Und manchmal wird der Abstand gar zu groß. Der Führer blickt zurück und verzagt. Die Geführten aber sehen ihn nur noch als Punkt am Horizont und vergraben sich dann wieder in den Anblick der Straßenunebenheiten ... Zwischen der Geistigkeit jüdischer Führer großen Formats und der Wirklichkeit klafft ein tiefer Spalt. Es ist der Spalt, der die ethische Welt von der realen trennt. Die Ethik reicht nicht an die Tatsachen heran, die die Geschichte in ihrem Ablauf bestimmen. Selbst da, wo sie sich ihrer Ideologie entkleidet und in der Sprache des Alltags spricht, als „ökonomische Wissenschaft" auftritt, bleibt sie von der Wirklichkeit entfernt. Und gerade hier wird der Zwiespalt besonders deutlich: denn wenn sie, wie bei Marx, entschieden alle Maßstäbe ablehnt, die aus der Rüstkammer des Ethos und der Gesinnung stammen, wird die Unanvvendbarkeit des Maßstabs der Realität und der wirtschaftlichen Wirklichkeit auf die hohe Zielsetzung besonders sinnfällig. Die Unbedingtheit ist eine ethische Kategorie. Das Leben, die Wirtschaft, die Geschichte, kurz: die ganze Wirklichkeit aber steht in der Sphäre des Bedingten. Daß der Marxismus Marx geopfert hat, um mit der Realität in intime Beziehung zu treten, daß die Nationalliberalen Eduard Laaker fallen ließen, um mit der herrschenden Macht paktieren zu können, daß Haase, Bernstein, Eisner, Rosa Luxemburg zum Austritt aus der Partei gezwungen wurden, weil die Partei sich nicht aus dem Takt der Kricgsnuisik bringen lassen wollte, daß ein Theodor Wulff die von ihm mitgegründete Partei verlassen mußte, weil sie sich dem Geist des Kompromisses verschrieben hatte, daß Preuß' grandioser Verfassungsentwurf scheiterte, daß Rathenau völlig allein stand, ja daß auch Stahl in der Unbedingtheit seines Wollens und vor allem in seiner scharfen, kompromißfeindlichen Geistigkeit schließlich isoliert war das alles zeugt für die tiefe Kluft zwischen jüdischer Geistigkeit und Realität. Die Welt lauscht gern der Zukunftsmusik, berauscht sich gern an dem Bild der Vollkummenhcit alles Daseins aber sie klammert sich bei der Entscheidung zur Tat an die kleinen Alltagstatsachen, an den kleinen Vorteil der Stunde. Und schließlich wird ihr vor dein letzten und größten Entschluß bange. Dann entsteht mit einem Schlage eine verhängnisvolle Spannung zwischen dem „Propheten" und dem „Volk". Dann entsteht das Grauen vor der Erkenntnis. Die wenigen, die was davon erkannt, die töricht genug ihr volles Herz, nicht wahrten .. hat man von je gekreuzigt und verbrannt. Und wenn auch nicht mehr die Scheiterhaufen lodern, so blitzt doch der Dolch, so kracht doch der Schuß. Die Gefängnisse stehen bereit. Haßgesänge werden gesungen, Haßreden von Kanzel und Katheder, in der Volksversammlung und am Stammtisch gehalten. Einen Rathenau hat man erschossen, einen Landauer schrecklich gemordet Edelmenschen, die der plumpe Sinn des Landsknechts nicht begriff. Die TotenlUtc ist lang. Und

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