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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1929-12-13 · 50 (13.12.1929) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
5 (1929)
Issue
50 (13.12.1929)
Date
1929-12-13
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT OER ISRAELITISCHEN RELIGIONSOEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer 50 enthalten, doch niemals die Kenntnisse selbst. Die wahre .Wacht lieg! alier im Wissen und nicht in den Diplomen. Schon im tiefsten Mittelalter haben sich die Juden wissenschaftlich durchzusetzen verstanden; es ist durchaus irrig, wenn man den Einfluß, den sie damals zeitweilig allen sozialen Hemmungen zum Trotz erlangt haben, ausschließlich auf ihre materielle Macht zurückführt. Der große Hohenstaufenkaiser Friedrich II. (1107 1250) hätte für die Mentalität der modernen numerus clausus-Vorkämpfer kein Verständnis gehabt. Er hat jüdische Gelehrte gern zu wissenschaftlichen Arbeiten herangezogen, und sie haben ihm mit der Entdeckung des Aristoteles, den sie aus dem Arabischen übersetzt, für die christliche Welt gedankt. Die orientalischen Märchenschätze wurden durch jüdische Obersetzer der europäischen Kultur einverleibt, an den kühnen Entdeckungsreisen, die die neue Ära der Weltgeschichte einleiten, haben Juden teilgenommen, und es ist eine gerade in unseren Tagen oft diskutierte Frage, ob nicht auch Kolumbus, wenigstens der Abstammung nach, zu Ihnen zu zählen ist. Es ist daher auch kein Zufall, daß gerade in den Blüte- Perioden der deutschen Qeisteskultur um 1200 und um 1800 Toleranz den Juden gegenüber von höchster literarischer Warte von Walter v. d. Vogelweide, dessen 700. Todestag, und von Lessing, dessen 200. Geburtstag Deutschland jüngst feierte verkündet wurde. Der große Literaturhistoriker Wilhelm Schcrcr wertet es als ein Zeichen des Verfalls, im Mittelalter wie in der neuesten Zeit, wenn die Fanatiker auftreten, die den Antisemitismus auf ihr Banner geschrieben haben. Es kann auch leider nicht bestritten werden, daß Deutschland seit dein Weltkrieg eine Periode kulturellen Niedergangs durchmacht. Wenn ihm wieder ein Aufblühen beschieden sein wird, dann wird es auch die Kulturarbeit der Juden wieder besser zu schätzen wissen. Dr. Hugo SpiegI er. DEUTSCHTUM UND JUDENTUM Von R. N. Coudenhove-Kalcrgi.*) Vor dem Kriege war Rußland das Weltzentrum des Antisemitismus. Heule ist es Deutschland. Außerhalb Deutschlands ist der Antisemitismus in Europa nur noch lediglich in einigen Mittel- und Kleinstaaten Osteuropas lebendig. Diese Tatsache sollte den deutschen Antisemiten zu denken geben. Denn die drei anderen fühlenden Nationen Europas lehnen den Antisemitismus ab. England hat seit Disraeli unter seinen politischen Führern zahlreiche Juden und kennt weder einen politischen, noch einen gesellschaftlichen, noch einen wirtschaftlichen Antisemitismus. Frankreich hat seine antisemitische Phase in der Drevfus- Krise überwunden. Diese Oberwindung des Antisemitismus fällt zusammen mit der nationalen Regeneration und Gesundung Frankreichs, die ihm die Kraft gaben, den Weltkrieg durchzuhalten. Auch das extrem nationalistische Italien lehnt den Antisemitismus ab, der in den Augen Mussolinis ein barbarisches Vorurteil ist. Italien hat bewiesen, da« sich der Kommunismus auch ohne antisemitische Schlagworte überwinden läßt und daß der stärkste Nationalismus auch ohne antisemitischen Einschlag lebensfähig ist. Indessen hält Deutschland an der antisemitischen Einstellung fest und baut eine Theorie nach der anderen um dieses Vorurteil. Es behauptet nach wie vor, daß das Judentum nur Talente hervorbringt, aber keine Genies obgleich das anerkannteste unter den lebenden Genies heute ein deutscher Jude ist: Albert Einstein, und der berühmteste lebende Österreicher ein zweiter Jude: Siegmund Freud. Andere Theoretiker gehen von der These des jüdischen Materialismus und Mammonismus aus und übersehen, daß kein Volk so stark und so lange für seinen Glauben und seine Ideale gelitten hat wie das jüdische; daß die jüdischen Gemeinden nicht ihre reichsten Mitglieder am höchsten schätzen, sondern ihre weisesten, ihre Gelehrten; daß im Judentum trotz seines Realismus ein ungeheurer Idealismus lebt, ein Idealisinus, SO -tark, daß er der Welt das Christentum und den Sozialismus geschenkt hat. Ein Argument des Antisemitismus sollte aber kein Deutscher mehr verwenden: das Argument, daß die ganze Welt sich einig sei im Haß gegen die Juden. Denn erstens ist dies *) Aus der in VorbcreitMg befindlichen Schrift: ..Antisemitismus nach dem Kriege". Krscheint dieser Tage in der Neuausgabe von „Wesen des Antisemitismus" von Heinrich Graf Coudenhove-Kalergie. unrichtig. Der Antisemitismus ist kein Weltphänomen mehr, sondern beschränkt sich auf bestimmte Gebiete. Und zweitens hat das deutsche Volk im Weltkrieg an sich selbst erfahren, wie ungerecht der Haß auch einer ganzen Welt ein Volk treffen kann. Der Haß gegen das Judentum und gegen das Deutschtum sind verwandt. Heide Volker wurden gehaßt, verfolgt und verleumdet, weniger um ihrer Fehler willen, als um ihrer Vorzüge. Der Weltostrazismus hat zwei Exempel statuiert. Der Deutsche wurde hauptsächlich darum als Feind der Menschheit empfunden, weil er tüchtiger, fleißiger, sachlicher war als die meisten anderen Völker und ihnen so den Konkurrenzkampf erschwerte. Das gleiche gilt von den Chinesen in Südostasien, den Japanern in Kalifornien. Das gleiche gilt von den Juden. » Denn die Juden sind durch ein zvveitausendjähriges Martyrium zu ihrer heutigen Große emporgestiegen. Von den meisten Berufen ausgeschlossen, unter vielfach erschwerten Lebensbedingungen, mußten sie ihren Geist zehnfach schärfen, um ihre nackte Existenz durch das Mittelalter hindurch zu retten. Wer faul oder unbegabt war, konnte diesem verschärften Existenzkampf nicht standhalten und ging zugrunde. Nur die Tüchtigsten konnten sich erhalten und fortpflanzen. Wer willensschwach und feige war, ließ sich angesichts der Scheiterhaufen und Folterwerkzeuge taufen und schied aus der jüdischen Gemeinschaft aus: nur die Tapfersten und Willensstärksten hielten das Wunder dieses zweitausendjährigen Kampfes durch. So fließen in jedem modernen Juden Ströme von Märtyrerblut von Ahnen, die sich lieber verbrennen ließen, als von ihrem Gott, Ihrem Glauben, ihrem Ideal abzufallen. Wer an Vererbung glaubt, muß darum in den Juden einen besonders wertvollen Zweig der Menschheit sehen. Einen Zweig der Menschheit, gestählt vom Leiden und Denken. Denn während die meisten Europäer erst vor wenigen Generationen aus dem Analphabetentum hervorgegangen sind, haben die Vorfahren der Juden seit Jahrtausenden gelesen, geschrieben und sich mit geistigen Problemen auseinandergesetzt. Wer statt auf Schlagworte zu hören, diese Tatsachen bedenkt, gewinnt ein anderes Bild vom Judentum als das Zerr bild, das der Antisemitismus schafft. Wenn die Größe eines Volkes sich messen läßt an der relativen Zahl seiner hervorragenden und bedeutenden Kinder, steht des Judentum heute zweifellos an erster Stelle. So betrachtet, erscheint das Judentum nicht als minderwertige, sondern als hochwertige Menschengruppe und der Antisemitismus als ebenso schweres

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