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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1929-12-13 · 50 (13.12.1929) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
5 (1929)
Issue
50 (13.12.1929)
Date
1929-12-13
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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® emetaö eblatt DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE-ZU I Cl D7irL AMTLICHES NACHRICHTENBLATT ULi Ii LilV7DER GEMEINDEVERWALTUNG! Du* (M'im-Imlcbliiit awkciM li'dt'n l i.n.it: und wird den Mlinliiil.rn der ltfllKli>iisK<*mfliiile unrntgi-llliuS durdi dir l'nsl nweaUM - S i h r I f t I r I I u n « : Crim'lndrrnhblm-r (Mw Colin, l.<l|«lii, LohnitraBr IO NUMMER SO / JAHRGANG 5 FREITAG II»DEZEMBER 1920 Anzrlgctivt-r-waUunp und Druck: IluciHlruckt-rel AufiuM Pries, Leipzig BrOderslr. 90 - Fernruf 7OOO0 - Postscheck Leipzig 53024) - Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit (>cne hm Illing des Verfassers erstattet HOCHSCHULANTISEMITISMUS Die Entlarvung einer Phrase Nach dem berüchtigten Vorbild ausländischer Hochschulen ist nunmehr auch in Deutschland eine angestrebte Einschränkung der Lern- und Lehrtätigkeit für Juden zur Diskussion gestellt. Die völkische Organisation „Deutsche Studentenschaft" erscheint dabei deutlich in zwei Lager gespalten. Die einen streben friedliche Bereinigung der Frage an, und haben ihren Führer seinerzeit zu der internationalen Studentenkonferenz in Bierville entsandt, die anderen sind für brutale Qewalt und haben sich jüngst nicht gescheut, auf der Berliner Universität die „Waffenhilfe" nichtakademischer Rowdys gegen die jüdischen Kommilitonen in Anspruch zu nehmen. Am bedauerlichsten ist es, daO auch die katholische Studentenschaft, wie sich hei einer Abstimmung in Würzburg zeigte, für den numerus clausus gegen Juden zu haben ist. Welche Verwirrung in den jugendlichen Köpfen: Der Antisemitismus gipfelt bekanntlich in der Anklage gegen die Juden, daß sie ein Parasitenleben auf Kosten ihrer Wirtsvölker führen, deren Lebenssäfte sie wucherisch ausbeuten. Eine so begründete Politik hätte, um ihre Berechtigung darzulegen, den Nachweis von der Unfähigkeit der Juden zu erbringen gehabt, sich über die Wucherexistenz hinaus ZU entwickeln. Statt dessen hören wir den hochschulantisemithunus Lärm schlagen, weil die Juden ihrer „Hinaufpflanzung" im Sinne Nietzsches nicht nur keinen Widerstand entgegensetzen, sondern sie sich im Qegenteil höchst angelegen sein lassen und ZU ihrer Erreichung weder materielle noch moralische Opfer scheuen. Solch beispielloser Feuereifer nach Bildung und Wissen straft /war das antisemitische Qeschrei von Materialismus der Juden gründlich Lügen, liefert aber den Unentwegten vom Hakenkreuz nur ein neues Schlagwort: das von der jüdischen „Herrschsucht". Und doch haben gerade antisemitische Statistiker in ihrem Übereifer, die Verjudung gewisser Berufe zu brandmarken, bewiesen, dall die akademisch graduierten Juden weniger der staatsbeherrschenden Bürokratie „lustreben", als vielmehr den „freien" Berufen der Advokaten, Arzte usw. Wenn in diesen Berufen die jüdische Prozentnonn „'erschreckend" hoch ist, so hat das seinen (Irund in der Scheu der arischen Akademiker vor dem freien Wettbewerb der Kräfte. Sie betrachten ihr Iii chschuldiplom als ein Versorgungsdekret an der Staatskrippe. Der Jude hingegen wurde schon im Qhetto ZU der Auffassung erzogen, das Studium als Selbst/weck ZU schätzen. Der Ostjude, der den Talmud „lernt", findet es auch heute noch ganz natürlich, sich sein Brot auf eine mit seinem Studium in keiner Weise zusammenhängende, oft harte und demütigende Art ZU verdienen, so wie dereinst der Westjude Spinoza das ihm angebotene Lehramt an der Heidelberger Universität abgelehnt und lieber durch Brillenschleifen den Unterhalt für sein der Philosophie geweihtes Leben gesucht hat. Deshalb ist es von grotesker Komik, wenn heute vorzugsweise die Kostgänger des Staates, das heißt der Allgemeinheit, die Beamten, die Offiziere USW. durch das Hochschulstudium der Juden deren „parasitäre" Neigungen bestätigt finden wollen. Die größte Heuchelei ist es aber, wenn auch Universitatsprofessoren sich zu solcher Ansicht bekennen. Denn bei diesen handelt es sich nur darum, einen Keil zwischen die jüdischen und arischen Privatdozenten zu treiben. Diese werden zwar ebensowenig wie jene ins Kollegium zugelassen, wo die Lebensfragen ihres Standes, Habilitierungen und Neubesetzungen zur Entscheidung gelangen, aber sie dürfen sich wenigstens „VÖlkisph" mit den < iralshüteru der akademischen Würden eins fühlen. Leider scheinen die arischen Studienbeflissenen diese Ehre nicht ganz nach Gebühr einzuschätzen, sonst wäre ihr Andrang zur Dozentur so grob", daß die Angst vor der „Verjudung" des Standes auch den größten Schwarzsehern im völkischen Lager absurd erscheinen müßte. Wäre es den Machthaber!)- an Deutschlands hohen Schulen ernst mit dieser Angst, dann müßten sie eine Verbesserung der sozialen Lage der Privatdozenten herbeiführen, statt sich einer solchen zu widersetzen. Denn die heutigen Verhältnisse in diesem Stande locken nur Idealisten, die im Dienste der Wissenschaft auch vor Hunger und Elend nicht zurückschrecken. Wenn nun die Tatsachen lehren, dalt dieser Umstand die „Verjudung" der Hochschulen fördert, dann beweist dies eben aufs neue, auf welcher Seite die wahren Idealisten zu suchen sind. Zum physischen Hunger, der jetzt noch durch die Entwertung der Vorkriegsstipendien verschärft ist, treten für den jüdischen Akademiker auch seelische Demütigungen als Nagelprobe seines Idealisums. Dieser hat aber alle Heimsuchungen ungebrochen bestanden, und ein Mittel, die Wege zu Bildung und Wissen dem, der ehrlich und opfermutig danach strebt, zu verrammeln, gibt es nicht. Man kann ihm im schlechtesten Lalle die offizielle Bescheinigung über seine Kenntnisse vor-

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