Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 50 (13.12.1929)
- Date
- 1929-12-13
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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|3. Dezember 1029 ULMLINDLBLATT I»LR ISRAELITISCHEN RELlüK INSUEMEINDE ZU LEIPZIG Seite 3 Unrecht gegen die Juden, wie der Deutschenhaß gegen die Deutschen. Meute ist die Mißachtung der Deutschen in der Welt mindestens so verbreitet wie die Mißachtung der Juden. Die Kriegsschuldlflge, die Märchen von den Kindermorden in Belgien bis zur Verleumdung der Menschenfresserei, die Klassifizierung der Deutschen als Menschen /weiten Ranges, als Materialisten und Rationalisten, als Mensehen ohne Genie und ohne Originalität, als Plagiatoren der Welt, als Menschen ohne Qröße, ohne Formen, ohne Takt, ohne Grazie all diese Verleumdungen, die den Thesen der Antisemiten so ähnlich sind, haben die Weltmeinun^ tfcfjcn Deutschland vergiftet Nur langsam setzt sich die Wahrheit über Deutschland in der Welt durch. Qerade die große deutsche Nation, die dies schwere, im verdiente Schicksal erfahren hat, sollte in der Beurteilung anderer vorsichtiger und kritischer sein. Gerade Deutschland sollte den kleinen antisemitischen Nationen vorangehen in der Kritik und Revision der Judenfrage. Qerade das deutsche Volk, das mit Recht so stolz auf seine Sachlichkeit ist, sollte nicht widerstandslos einem Vorurteil folgen, das sich auf Neid, religiösen Fanatismus und Halbbildung stützt. Die Revision der Judenfrage ist darum nicht Sache der Juden, sondern der besten Deutschen. Wenn Deutschland den Antisemitismus ebenso überwindet, wie dies Frankreich vor einem Menschenalter in der Drevfus-Krise tat, ist der Anti lemitismui in der Welt erledigt: denn sowohl die Vereinigten Staaten als auch die Osteuropäer werden sich hier der deutschen Autorität beugen. Diese Revision ist eine Gewissenspflicht Deutschlands, die Befreiung aus einer schweren Schuld und einem schweren Irrtum. Wer darum den Antisemitismus bekämpft, hilft nicht nur dem Judentum, sondern auch dem Deutschtum. Die ungeheure Mehrzahl der deutschen Antisemiten ist guten Glaubens und überzeugt von der Wahrheit der antisemitischen Thesen, die sie gelesen oder gehört hat. Die ungeheure Mehrzahl der Antisemiten kennt die Juden nur sehr oberflächlich und malt sich ein Bild von ihnen, das mit der Wirklichkeit ebensowenig übereinstimmt wie das Bild, das sich die Deutschenhasser von den Deutschen malen. Wer Gerechtigkeit fordert, sollte damit beginnen, sie zu üben. Deutschland fordert von der Welt Gerechtigkeit und moralische Gleichberechtigung: es sollte damit beginnen, sie den Juden gegenüber zu üben und der Welt zu zeigen, wie ein großes Volk die Kraft findet, falsche Vorurteile zu überwinden und von sich zu weifen. Von jüdischen Forschern Professor YahudasThese vom Einflußdes Aegyptischen auf Sprache und Stil des Pentateuch Auf Einladung der Vorderasiatisch-Ägyptischen Gesellschaft sprach der hervorragende indische Qelehrte Professor A. S. Y a h u d a (London) in der Berliner Universität Ober den Einfluß des Ägyptischen aul Sprache und Stil des Pentateuch. Prof. Hr. Yuhuda. der seine Studienjahre zum Teil in Deutschland (Meideiber«: und StraBburg) zubrachte, war früher Dozent an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums In Berlin und später Ordinarius für semitische Sprachen an der Universität in Madrid. Sein zu BeKinn dieses Jahres erschienenes Werk „Die Sprache des Pentateuch in ihren Beziehungen zum Ägyptischen" hat wegen seiner kühnen, aber scharf durchdachten Thesen viel Aufsehen erregt und Anlaß zu tiefgreifenden Diskussionen in Orientallstenkreisen gegeben. An dieses Werk knüpfte auch sein Vortrag an. Professor Yahudas vertritt die These. daB sich die hebräische Sprache als Literatursprache unter dem EinflttB des Ägyptischen in der Zeit der Knechtschaft unter den Pharaonen aus einem primitiven kanaanüischen Dialekt entwickelt hat. Schon die frühesten Produkte der israelitischen Literatur, so argumentiert der Qelehrte, zeigen einen sehr hohen Stand in Ausdruck und Stil: sie sind in einer Schriftsprache verfaßt, die well über die Stufe der primitiven Mundart eines in rohen Anfängen steckenden Volkes hinaus ist. Sie setzen daher eine lane.e beschichte sprachlicher Bildung und Verfeinerung voraus. Die Kanaanäer Palästinas, die es niemals zu einer eigenen Schriftsprache und Literatur gebracht hatten, können nicht Anreger und Lehrmeister der eingewanderten Israeliten auf diesem Kulturgebiel gewesen sein. Die Anfänge der hebräischen Literatur müssen demnach in die Zeit vor der Einwanderungder Israeliten In PaIäs11na zu datieren sein, als sie noch unter dem EinfluB der hohen und alten Kultur des Pharaonenreiches gestanden haben. Das Schrifttum des Pentateuch ist in seinem Wortbestande wie In seiner religiösen und kulturellen Vorstellungswdt von zahlreichen ägyptischen Dementen durchsetzt. Ägypten hat den tiefsten und nachhaltigsten Einfluß aul das KeistiKC Leben des alten Israel gehabt Israel hat das Land der Pharaonen bereits als ein hochwertiges Kulturvolk verlassen, nicht w ie die alttestamentlichc Wissenschaft bis jetzt annahm als primitive Beduinen. In Kanaan erlebten die eingewanderten Israeliten Infolge der Anglelcbung au die minderwertige kanaanälsche Umgebung zunächst eine Epoche des Niederganges und erst viel später den Aufstieg zur Höhe des Prophetismus. Yahuda versuchte au Beispielen die ägyptische Qrundlagc für zahlreiche kultische Riten und Vorschriften ii• den gesetzlichen Büchern des Pentateuch nachzuweisen. Dem Vortrag folgte eine lebhafte Aussprache. In der die Berliner Professoren Sellin und Bert holet trotz. Anerkennung der von Yahudas Forschungen ausgehenden Anregungen dennoch gegen Yahudas These gewichtige Einwendungen machten. In der Tatsache des ägyptischen Einflusses auf das jüdische Schrifttum erblicken sie durchaus keinen Beweis dafür, dall dieser EinfluB In der Hauptsache in den ersten Anfängen Israels während seines Aufenthaltes in Ägypten erfolgt, und daB der Pentateuch vor der Einwanderung In Palästina v erfallt worden sei. Rahel Wischnitzer über „hellenistische Synagogenbauten" Die Architektin Rahel W'isehnitzer-Dcrnstein sprach am 2S. November In der Akiba-Eger-Loge in Berlin über das Thema „Hellenistische Synagogenbauten". Frau Wischnitzer illustrierte an Hand eines reichen Lichthildermaterials die Typen der synagogalen Architektur von der vorgeschichtlichen Synagoge In Delos bis zur neu ausgegrabenen Synagoge In Belli Alpha in Palästina aus dem 6. Jahrhundert. Sie schilderte die formen des antiken synagogalen Qerätes und entwickelte Interessante Theorien über die Entstehung des siebenarmigen Leuchters sowie der Chauukahlampe. deren Vorbild In der Antike zu finden ist. An die Ausführungen über das noch wenig erforschte Gebiet der synagogalen Kunst in hellenistischer Zeit SChloB sich eine angeregte Diskussion. Die Referentin beantwortete in eingehender Weise Prägen, die aus der Zuhörerschaft au sie gerichtet wurden. Am 19. Dez. ist Chanukka-Feier im Isr. Kindergarten! Viel fehlt noch zur Einkleidung und Beschenkung der 45 Kleinen. Spenden dringend und schnellstens erbeten auf Postscheckkonto 66993 oder an die Kassenführerin Frau Liebergall, Montbfestr. 12 oder Katharinenstr. 17.