Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 49 (6.12.1929)
- Date
- 1929-12-06
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 (il:Mt:INDI-m.ATT DER ISRAELITISCHEN RELIQIONSQEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer 40 unverschämteste Macht des Besitzes". Ihm ist es völlig entgangen, daß mehr als einmal die Juden In Ihrer langen Geschichte inmitten der Völker sich gerade als Mittelschicht wertvoll gezeigt haben; daß wirklich großer Besitz doch höchstens nur ganz «renigen beschieden war, daß die große Menge der luden doch fast immer nur ein bescheidenes Dasein tristen konnte, und nur eine verhältnismäßig nicht /ahlreiche Schicht es ZU bescheidenem Wohlstände brachte. Auch sonst sind diese Bilder, die er von den Juden zeichnet, durchaus nicht auf liebevolles Wohlwollen gestimmt. Aber auf Gerechtigkeit. „Anstatt die Juden wegen ihrer nützlichen oder schädlichen Eigenschaften, die ihnen die Beherrschung der gegenwärtigen Gesellschaft ermöglichten" man beachte diese aus dem antisemitischen Schlagwortverzeichnis entnommene Auffassung , „zu verdammen, anstatt feige herumzuschreien, daß wir ihrer Vernichtung bedürfen, um Platz für unser Leben ZU gewinnen, sollten wir eher, was doch einfacher und richtiger wäre, versuchen, gerechtere und uneigennützigere Gesetze zu schaffen, welche dazu führen, daß die Macht selbstsüchtigen (ob jüdischen, ob christlichen) Gütererwerbs an Wirksamkeit einbüßt und nicht mehr mit zermalmender Wucht auf der Masse des Volkes lastet." Würde der Gerechtigkeit freie Bahn gegeben, würde man danach trachten, „die ("bristen, die ja noch Herren der Welt sind, besser zu machen, dann würde es nicht notwendig sein, die Juden auszurotten ..." Aus diesem gleichen Mühen um Gerechtigkeit entsprang auch ClemenceaU8 Eintreten für die Sache Drevfus'. Denn — und das ist das andere bemerkenswerte Moment die eigenen Glaubensgenossen des unschuldig Deportierten, deren mancher wohl hätte Einfluß geltend machen können, zeigten eine mehr als sonderbare Haltung. In einem seiner sehr scharfen Artikel beklagt sich Clemenceau unter der Oberschrift „Und die Juden?" über die Erfahrungen, die er als Verteidiger der französischen Juden gemacht hat. „Die großen Juden finden, daß alles wohlbestellt ist, da sie auf der Seite der Stärkeren sind. Ihre einzige Angst wäre, sieh in einer Angelegenheit bloßzustellen, in der sie ihrer Schätzung nach zu viel aufs Spiel setzen würden. Andere, Viele nehmen an dem Kampf für Recht und Gerechtigkeit aus Achtung vor ihrer eigenen Weltanschauung teil, genau so wie Christen oder Ungläubige. Aber die Masse, mehr vielleicht als jeder andere Pöbelhaufe, wartet, bis die Schlacht gewonnen ist, um dann dem Siege zu Hilfe zu kommen. Die meisten halten den Mund oder schreiben anonyme Aufmunterungsbriefe." Das Urteil scheint äußerst hart. Aber es entsprach den Tatsachen. Eine für die Juden noch peinlichere Feststellung machte in einem, in einer weit verbreiteten Petersburger Zeitung erschienenen, Aufsatz, der Präsident des Kassationshofes in Petersburg, Ignatz Sakrewski: „die reichen Juden verhalten sich zur Affäre Drevfus entweder feindlich oder neutral, da sie sich mehr um den Stand ihrer Kapitalien und der bestehenden Ordnung kümmern. Die mittleren und kleinen Juden sind selbstverständlich für Drevfus." Ein höherer jüdischer Offizier mußte sich Ende 1397, als schon sehr lebhaft um das Wiederaufnahmeverfahren gestritten wurde, von einem französischen Arzte schreiben lassen: „Was Ihre Glaubensgenossen betrifft, so sind sie ebenso feige, wenn nicht feiger gewesen als der ganze Rest der Nation." In der Tat traten unter den Juden nur ganz wenige hervor, vor allem Bernard Lazare und Josef Rein ach, die unermüdlich Tatsachen zusammentrugen, um die (irundlagen des Schuldurteils gegen Drevfus zu erschüttern. Die große Zahl anderer, die sich mit dem Falle aus jüdischein Gemeinschaftsgefühl hätten befassen müssen, versagte. Denn es gab darüber keinen Zweifel, daß Drevfus nicht etwa Opfer eines Fehlurteils geworden war, wie das ja oft genug geschieht und rein menschlich begreiflich ist, sondern daß Drevfus aus keinem anderen Grunde als eben, weil er Jude war, dieses Opfer wurde. Dieses Versagen der Juden wurde als etwas ungewöhnlich Schmachvolles empfunden. In der französischen Kammer saßen zu jener Zeit drei Juden. Die Kämpfe um Dreyfus haben bekanntlich 1SQS zu ausgesprochenen Judenpogromen in Algier geführt. Diese drei Deputierten schwiegen, als die algerischen Antisemiten in der Kammer heftigste Schimpfreden gegen die Juden führten. Sie überließen es einem nichtjüdischen Deputierten, den Antisemiten eine vernichtende Abfertigung angedeihen zu lassen. Besonders aber wurde verzeichnet, daß bei einer Stelle dieser Rede das ganze Haus auf den einen dieser jüdischen Deputierten, den demokratischen L. L. Klotz, hinblickte; und, so sagt der Berichterstatter, „dieser konnte wohl erkennen, daß es nicht gerade der Ausdruck der Hochachtung für sein Verhalten war, die ihm diese Aufmerksamkeit zuzog". Auch mit diesem Deputierten Klotz rechnete Clemenceau sehr deutlich ab. Er konnte darauf hinweisen, daß Klotz seine Wahl mit der Verpflichtung erkauft hatte, sich unter allen Umständen der Wiederaufnahme zu widersetzen, gleichgültig, ob die ans Licht gezogenen Tatsachen für die Unschuld Drevfus' sprechen werden oder nicht. „Er weiß sehr gut," sagt Clemenceau, „daß man das Heer nicht angreift, wenn man sagt, daß militärische Richter fehlbar sind wie bürgerliche Richter. Aber da er ein Jude ist, glaubt er sich verpflichtet, vaterländischer zu sein als andere, und sein Judenpatriotismus äußert sich in dem Versprechen, sich einer Wiederaufnahme des Verfahrens in der Drevfussache zu widersetzen, selbst wenn Unschuldsbeweise zum Vorschein kommen sollten ... Das heiße ich Wahlstiiniuen vornehm verlangen und empfangen! Aber der Tag wird kommen, da Wähler und Qewählte zu ihrem Schaden erfahren werden, daß man für schmachvolle Erbärmlichkeiten dieser Art zu büßen hat." Auch eine Reihe jüdischer Schriftsteller jener Tage standen in ihrer Publizistik auf Seiten der Revisionsgegner, darunter Elissen, der Administrator des „Petit Journal", Polionais, der Redakteur des „Soir". Besonders unangenehm wirkte auch die heftige Gegnerschaft eines getauften Juden Meyer im „Gaulois", um so widerwärtiger, als man seine Entwicklung Mfc niederen Anfängen heraus kannte. Auch ihm hält Clemenceau den Spiegel vor und zeigt ihm, welche Niedrigkeit der Gesinnung daraus spricht, daß er es wage, seine früheren Glaubensgenossen mit einem allgemeinen Gemetzel zu bedrohen. Solch mutiges Auftreten Clemenceaus und seiner Freunde in einer Sache, die so ungeheuer die gesamte Öffentlichkeit ergriffen hatte, in einer Zeit, in der die Antisemiten in Frankreich, lebhaft von den Klerikalen unterstützt, starken Einfluß gewonnen hatten, kann als ein unvergleichliches Zeugnis für die Macht der Idee der Gerechtigkeit nicht hoch genug veranschlagt werden. Wie die meisten seiner Mitkämpfer mußte auch er erfahren, daß die Menge nur schwer Verständnis für diesen uneigennützigen Kampf aufbringt. Clemenceau, Jaures und Reinach wurden bei der nächsten Wahl nicht mehr als Deputierte gewählt. Aber gesiegt hat im Falle Dreyfus die Gerechtigkeit. Gerade weil Clemenceau nicht als Philosemit sich für die Sache der Juden einsetzte, bewies er, daß es ihm ernst war um seine Forderung der Gerechtigkeit. Die Zeiten sind andere geworden insofern, als wir Juden heute, man darf wohl sagen, in allen Ländern für unser Recht und unsere Rechte selber kämpfen. Und dennoch: Hätten wir überall nichtjüdische Mitkämpfer, die wie Clemenceau aus keinem anderen Gedanken heraus als dem der Gerechtigkeit, sich für unser Recht einsetzten, wir würden schnell zur Erfüllung dessen gelangen, was wir fordern, zu unserem Rechte. Mag man uns lieben oder nicht, uns achten oder nicht gibt man uns unser Recht, dann wird man erkennen, daß es unter uns wohl auch Schlechte gibt, daß aber unsere Gesamtheit nicht schlecht ist. Und dann wird man aufhören, uns zu verachten. (i. C.