Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 49 (6.12.1929)
- Date
- 1929-12-06
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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® emeiui) cblatt DER ISRAELITISCHEN R&LIGIONSGE-MErlNDE-ZU I CA w7\flm AMTLICHES NACHRICHTENBLÄIT LLI m Mm l\7 DER GEMEINDEVERWALTUNG* Dai Gcmclndeblatt erscheint |eden Freitag und wird den Mitgliedern der Rellginnsgcmrlnde unentgeltlich durch die Post lugeatellt - Schrlftleltungt Gemeinderabbiner Guttar Cohn, Leipzig, Lohrstraße 10 NUMMER 49 / JAHR6AN« S FREITAG 6» DEZEMBER 1020 Anzeigenvrrnaltung und Druck: BudidrucLerel August Prle».Leipzig, Brüdcrstr. SQ - Fernruf 70O0Ö - Ptwtscherk Leipzig 530 20 — Nach druck nur mit Quellenangabe und mit Genehmigung des Verlassen gestattet Wahlergebnis In der am f. Dezember d. J. vorgenommenen Wahl sind an Stelle der Ende dieses Jahres ausscheidenden Mitglieder der Gemeindevertretung gewählt worden: Die Herren Paul Gelberg, Kirn., Carl Goldschmidt, Kfm., Dr. Conrad Goldschmidt, Rechtsanwalt, Hugo Grosz, Direktor, Hugo Kaufmann, Kfm., Elias Kestenbaum, Kfm., Hermann Pelz, Kfm., Moritz Pfefferblüth, Kfm., Benno Stern, Kfm., Moritz Ury, Kfm., Dr. Paul Zander, Rechtsanwalt. Leipzig, den 2. Dezember 1929 Der Wahlausschuß CLEMENCEAU UND DIE JUDEN Mit Georges Clemenceau ist am 24, November ein Mann dahingegangen, wie die Juden in der Welt zahlreiche zu allen Zeiten nötig hätten, damit die wesentlichste jüdische Forderung ihre Verwirklichung fände: gerechte Beurteilung. Es ging die Legende um, Clemenceau sei, einem letzten Willen entsprechend, aufrecht zur ewigen Ruhe gebracht worden: als an einen aufrechten Mann, wie er im Leben gewirkt hat, stille die Erinnerung an ihn lebendig bleiben, an diesem Bilde stille auch der Tod nichts zu Indern vermögen. Die Legende hätte der Wahrheit entsprechen können. Als ein Anwalt der Gerechtigkeit und unentwegten QeradlinigkeM hat Clemenceau wie selten einer sein erkanntes Ziel verfolgt. Hat es mit jener Unerbittlichkeit getan, mit der allein gegen die Korruption in jeglicher Gestalt angekämpft werden kann. Seine scharfen Angriffe waren vielleicht an sich gar nicht so verletzend, wie sie empfunden wurden, weil sie fast regelmäßig verwundbare Stellen trafen; man braucht rücksichtsloseste Feinde nicht zu fürchten, wenn man sich ihnen überlegen weilJ. Clemenceau nannte man den Tiger, weil man gegen sein Zupacken in den öffentlichen Fragen nicht hinreichend mit innerer Sicherheit gewappnet war: man mußte gewärtig sein, dal! er wisse, was man lieber ins Dunkel der Vergessenheit gebannt gesehen hätte. Oegner brauch* man weniger zu scheuen, wenn man weiß, daß auch sie verwundbar sind, und daß deshalb das Ungestüm ihres Kampfes nicht ganz echt ist. Clemenceau aber war aus ursprunglicher Aufrichtigkeit aufrecht, darin lag der ürund für die starke Wirkung seines Anstürmens. Und das war es auch, was ihn auch für die Juden kämpfen ließ. ClemenceaUS Name wird unvergeßlich verknüpft bleiben mit der Geschichte der Drcvfus-Affärc. Es ist nicht zum wenigsten sein Verdienst, wenn der unschuldig verurteilte Hauptmann Alfred Drevfus der, nebenbei bemerkt, kürzlich seinen siebzigsten Geburtstag beging nach mehr als vierjährigem Verbannungsaufenthalt auf der todbringenden Teufelsinsel wieder rehabilitiert wurde. Denn Clemenceau gehörte zu den energischsten Rufern nach der Wiedcraufrollung jener schmachvollen Kriegsgerichtskomödie, die ein Opfer zur Strecke bringen mußte, damit nicht der ganze Schlamm niedriger Fälschungen sichtbar würde. Das große Wort der Anklage, mit der Emile Zola den bis dahin so wenig erfolgreichen Bemühungen mit einem Schlage ein Echo in der gesamten Welt schuf, das „j'aecuse" ging letztens auf Clemenceau zurück, von dem dieses wirkungsvolle Stichwort für Zolas Anklageschrift stammte. Die Rolle, die der „Fechter" in der DrcyfUS-Angelegenheit spielte, ist aus mehr als einem Grund bedeutsam. Clemenceau hat diesen Kampf keineswegs aus Liebe zu dem unschuldigen Drevfus oder zu den Juden in ihrer Gesamtheit aufgenommen. Es liegen eine Reihe von Zeugnissen dafür vor, daß manche der christlichen Männer, die sich mit ihrer ganzen Person für Drevfus einsetzten, geradezu Antipathien gegen diesen Mann persönlich hegten. Beispielsweise der Senator Scheurer-Kcstner, der dein Präsidenten Faure die entlastenden Schriftstücke vorlegte und die Behandlung der ganzen Angelegenheit im Senate betrieb, machte gar kein Mehl daraus, daß es ihm nicht um die Person Drevfus' ging, die ihm unsympathisch war war er ja überhaupt antisemitisch eingestellt. Auch Clemenceau hatte durchaus keine besondere HocIvsc hätzung für die Juden. Noch kurz vor dem letzten Kriege veröffentlichte er eine kleine Sammlung von Geschichten und Reiseberichten unter dein Titel „An Pietl du Sinai" (1924 auch in deutscher Obersetzung U. d. T. „Jüdische Gestalten" erschienen), worin er von Juden, besonders des Ostens, sprich! und durchaus erkennen läßt, daß sie ihm doch fremd geblieben sind. Er weiß von ihnen nur, „daß diese energische Rasse, auf der ganzen Welt zerstreut, deswegen aber doch immer noch lebensfähig, inmitten der christlichen Welt die zwei äußersten Qegenpole vertritt: Das größte Elend und die