Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 47 (22.11.1929)
- Date
- 1929-11-22
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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Seit« 4 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer 47 75 jähriges Jubiläum des jüdisch-theologischen Seminars in Breslau Am 2. und 3. November fanden die Feierlichkeiten anläßlich des 75jährigen Bestehens des Jüdisch-Theologischen Seminars statt. Zahlreiche lüdlsche Gemeinden des In- und Auslandes, Organisationen und wissenschaftliche Institute waren vertreten. Auch eine sehr große Zahl der früheren Hörer des Seminars, die heute in Gemeinden des In- und Auslandes Rabbiner-, Prediger-, Lehrer- und Dozentenstellen bekleiden, waren erschienen. Die Feierlichkeiten nahmen ihren Anfang am Sonnabend mit einem Pestgottesdiensl in der Seminarsynagoge, bei dem Seminarrabbiner Professor Dr. M. U u 11 m a n n eine feinsinnige Festpredigl hielt, die, den Segen tiir das Seminar erflehend, darani hinwies, lleser Pesttag nicht einen Abschluß, sondern den Anfang einer eicheren Entwicklung bedeuten solle. Hieran schloß sieh unter sachter Führung des Dozenten l. Rabin, eine Besichtigung der S e h ätze der S e m inarblbliothek (Handschriften, Wiegendrucke) und des lüdischen Museums, das wertvolles Material zur Geschichte der .luden Schlesiens birgt, an. her Abend vereinigte die Pestgesellschaft in einem Empfang, bei i n Mr. Posner im Namen des Vereins der Seminarfreunde und Herr Ludwig Laqueur im Namen des Kuratoriums der Pränckelschen Stiftungen, von denen das Seminar rcssortiert, die Gäste begrüßte. Ansprachen hielten unter anderem Dozent Dr. Rabin. Rabbiner (iriiuwald (Wien). Rabbiner Ellguther (Neiße) u. a. Die gegenwartige Hörerschaft des Seminars bot in Form einer Revue ein humoristisches lüld des heutigen Lebens und Treibens im Seminar. Km Sonntagvormittag fand in feierlicher Weise ein akadescher Festakt im „Kapitol" statt, der von musikalischen Darbietungen umrahm: war. Oberkantor Borin san« in bekannter Meisterschaft das Arioso von Händel. Namens des Kuratoriums begrüßte R. A. Kobcr die Pestversammlung und machte Mitteilung über die Stiftung eines Alexander Kohut-Preises dir wissenschaftliche Arbeiten durch den Sohn Alexander Kohuts in New York. Den Pest Vortrag hielt, tiefschürfend und nach Inhalt unu Form gleich vollendet, Dozent Dr. l. Heinemann, der die historisch-positive Richtung des Breslauer Seminars: Erhaltung von Tradition und Erhaltung lüdischer Ligenart in Verbindung mit moderner Wissenschaft, entwickelt!., wie sie seit den Anfängen des Seminars bis heute in klarer Linie festgehalten sei. Nur Erhaltung der Art gibt Einfluß und Wirkung. Der schöpferische Jude ist aber mir denkbar, geschult an den Kulturen aller V ölker. Ken Reinen der Begrüßungen eröffnete im Auftrage des Ministers für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung und des OberprasjJv.nten der Provinz Schlesien. Herr Reglerungspräsid e n t Dr. I a e nicke, der den Leitungen des Seminars die höchste Anerkennung der Staatsregierung aussprach. Er feierte den weitblickenden Stüter des Seminars, Kommerzienrat Jonas Fraenckel, mit einem Hinweis aul die wertvolle Biographie dieses vornehmen Kaufmanns, die i.nr/licli aus der Feder des Seminar-Dozenten Dr. Rabin erschienen sei. Namens der Universität, für die neben den Professoren der e\ angelisch-theologischen und katholisch-theologischen Fakultäten inter Führung ihrer Dekane fast sämtliche Professoren der philosophischen Fakultät mit den Professoren der geisteswissenschaftlichen Abteilung der Jeschiwah-Hochsclmle erschienen waren, sprach der Rektor maguificus. Für die früheren Hörer begrüßte Professor Dr. Winter (Dresden), für die Stadt Breslau Stadtschulrat Lauterbach. Den Ansprachen Dr. Vogelsteins für die Breslauer Rabbiner, les Qemeindevorsitzenden für die Jüdische Gemeinde und des Spredes tatkräftigen Vereins der Seminarfreunde, Herrn Hugo Lesse r, der mit besonderem Dank auf die dem Seminar in den Kriseniahren aus Amerika zuteil gewordene Hilfe hinwies, folgte eine formschöne Rede des Vertreters der jüdischen Landesverbände Deutschlands. Kammergcrichtsrai Wottf, die die Bedeutung des Seminars inr das deutsche ludentum umriß. POf den Vorstand der Berliner Jüdischen Gemeinde sprach Dr. Freund, der. selbst ein Absolvent des Seminars, auf die verdienstvolle W irkung des Seminars für Friede und Einheil im deutschen Judentum hinwies. Die Berliner Repräsentantenversammlung und die Jewish Colonlsation Association vertrat Rechtsanwalt Dr. Klee. Den ökumenischen Charakter des Seminars, das ostlüdische und westjüdische Dozenten, sephardische und aschkenaslsche Schüler habe, betonend, w ies er auf die weit Uber Deutschlands Grenzen hinausgehende Wirkung des Seminars hin und sprach von dem engen Zusammenhange des Seminars mit der neu entstehenden Hebräischen Universität in Jerusalem. Das Seminar sei weilen Kreisen des jüdischen Volkes in allen Ländern Träger kultureller Befruchtung geworden und müsse es in der Zukunft immer mehr werden. Rabbiner Dr. Baeck (Berlin), der die Rabbinerverbände Deutschlands und die Groß-Loge des Unabhängigen Ordens Bnel Brlth repräsentierte, äußerte sich in geistvoller Weise über das Charakteristische der „Breslauer Theologie" und ihre Bedeutung, Prof. Dr. Blau (Budu pest) sprach namens der ausländischen Hochschulen, er überbrachte die Grüße der Hebräischen Universität in Jerusalem und der Hochschulen in Wien, London, Budapest. Warschau und Cincinnati, Prof. Dr. Elbogen feierte die Jubilarin im Auftrage der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin, die sich, wenn auch einst in einem gewissen Gegensatz zu Breslau begründet, mit ihr eng verbunden fühlt: seien doch vier von den Lehrern der Berliner Hochschule Schüler der Breslauer alma mater, Prof. Quttmann (Berlin) gratulierte für die Akademie für die Wissenschaft des Judentums und die Gesellschaft zur Förderung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums. Das Organ der Gesellschaft, die „Monatsschrift für die Geschichte und Wissenschaft des Judentums", sei von Breslau ausgegangen und in allen Zeilen von einem Breslauer Dozenten redigiert worden. Die Wissenschaft des Judentums in Deutschland sei undenkbar ohne den Strom von Anregung und Arbeit, der von Breslau ausgegangen sei. Für die heutige Hörerschaft des Seminars sprach Dr. Lauphelmer den Dank der studierenden Generation von heute an Dozenten und Kuratoren aus. Damit schloß die außerordentlich stimmungsvoll verlaufene Feier. Den Abschluß fanden die Feierlichkeiten mit einem großartigen Bankett, bei dem die Kuratoren Laqueur und Peiser die Festgäste bewillkommneten. Den Reigen der Reden eröffnete Dozent Dr. LewkowitZ, der den Senior der Wissenschaft des Judentums, Rektor Schwarz (Wien) feierte und der Genugtuung darüber Ausdruck gab. daß der greise Rabbiner Joseph Cohn (Hamburg) unter der Festgesellschaft weilte. Es folgten sodann die Reden der Vertreter der ausländischen Institute. Frau Prof. Margulies (Florenz.) brachte die Grüße des Collegio Rabhinico Italiano, dem die Lebensarbeit ihres Mannes gegolten habe, und an dem Männer wie Prof. Chajes und in jflngeren Jahren Prof. Elbogen gewirkt haben. Nach einer Rede von Mr. Joseph (London) namens des Jews College sprach Oberrabbiner Prof. Schorr (Warschau), der gemeinsam mit Prof. Balaban und Rabbiner Brande (Lodz.) das Warschauer Institut für jüdische Wissenschaft vertrat. Unter lebhaftem Betfall wies er auf die große Bewegung für das gesprochene hebräische Wort hin. In teils launigen, teils ernsten Worten sprachen die alten Hörer des Seminars, Rabbiner Dr. Kobcr (Köln), Landrabbiner Freund (Hannover), Landesrabbiner Silberstein (Rostock) und Rabbiner Littmann (Zürich). In ihren Worten kam die tiefe Verehrung für die verstorbenen Lehrer zum Ausdruck: Männer wie Zacharias, Frankel, (iraetz, Dernays. Rosin, Israel l.ewv, Braun und Horowitz. wurden als die Bildner der heute amtierenden älteren Rabbinergeneration gefeiert. Für die letzigen Hörer sprach Neuburger (Danzig), der der Verbundenheil der lungen Generation mit der jüdischen Reuaissauce und dem Palästinawerk Ausdruck gab. Frau Dr. Rabin-Heß umriß die Stellung der jüdischen Frau zum Rabbiner und seinem Wirken. Die Feierlichkeiten machten auf alle Teilnehmer, unter denen sich eine geistige Dlte des In- und Auslandes befand, stärksten Eindruck: ein jeder empfand die Bedeutung des Seminars als einer Kraftquelle lüdischen Lebens und Wissens. Ktoilwerq^ Kakao Schokolade i Pralinen,