Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 47 (22.11.1929)
- Date
- 1929-11-22
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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22. November 1029 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Seite 3 heftigen Streitschriftenkampf, da reaktionäre Kreise es für unerträglich hielten, daß ein Jude durch den Doktortitel geehrt wurde. Rubo, der die Zumutung der Taufe standhaft zurückwies, versuchte vergeblich, sieh in Hamburg, in Holstein und schließlich in Braunschweig eine juristische Praxis zu begründen. Endlich siedelte er nach Halle über, lim sieh hier als Privatdozent zu habilitieren. Die Kabinettsortire von 1S22 vernichtete auch diesen Plan. Rubo winde 1824 Syndikus der Berliner Oemeinde, eine Stelle, die er 25 Jahre bekleidete. Der Ausschluß der Juden vom akademischen Lehramt galt aber nicht nur für Preußen. Er war bald für alle deutschen Landesteile zum ungeschriebenen (leset/ geworden. Als sieh Oabriel Rießer an der Heidelberger Universität als Privatdozent niederlassen wollte, verweigerte ihm die badisehe Regierung die Zulassung zur akademischen Tätigkeit ganz ebenso, wie ihm seine Vaterstadt Hamburg die Niederlassung als Anwalt für Handelssachen versagte. Die Folge dieser Ausschließung der deutschen Juden vom Lehramt war deren Abwanderung an die Hochschulen des Auslandes. Die im Jahre 1S25 neuerstehende Londoner Universität nahm sofort in ihren Lehrkörper jüdische Professoren Hurwitz und den Mathematiker Sylvester auf. Vor allein aber waren die französischen und die schweizer Hochschulen gern bereit, deutschen Juden die Zulassung zur akademischen Laufbahn zu erschließen. Der Physiologe Oabriel Qustav Valentin (1810 1883) ging 1830 nach Bern, wo er bis zu seinem Tode verblieb; der Biologe Moritz Schiff (1823 180b) versuchte seine Habilitation in Göttingen erfolglos und wanderte nach der Schweiz aus; der Mediziner Lciibuschcr verließ 185() Deutschland, um im Auslände zu wirken. Er teilte das Schicksal des Mediziners Samuel Siegmund Rosenstein, des Historikers Martin Philippson, der Orientalisten Henri Weil, Theodor Ooldstücker, Qustav und Julius Oppert, Salomon Münk und vieler anderer, die so den deutscheu Hochschulen verlustig gingen. Die erste Durchbrechung der reaktionären Einstellung gegen die jüdischen Wissenschaftler erfolgte auffallenderweise durch die Berliner Akademie der Wissenschaften, die im April IS 12 den Physiker Dr. Rieb zu ihrem Mitglied ernannte und gegen den Widerspruch des Kultusministers Eichhorn beim Könige seine Bestätigung unter dem Hinweis durchsetzte, daß die Wissenschaft keine Konfessionen kenne und Friedrich Wilhelm IV. dachte diesmal freier als sein Vorfahre Friedrich IL, der bekanntlich Mendelssohns Wahl in die Akademie nicht bestätigt hatte. Noch im Mai 1842 war den preußischen Juden zugesagt worden, daß ihnen die akademische Laufbahn erschlossen werden sollte. Das neue Judengesetz, dessen Entwurf den im April IS 17 einberufenen Vertretern der Provinziallaiidtagcvorgelegt wurde, schloß aber die Juden von allen Lehrämtern mit Ausnahme der Privatdozentur und der außerordentlichen Professur der Mathematik, Physik und Medizin aus. Das Judengesetz vom 23. Juli IS 17 brachte insofern eine Besserung, als es den Juden wenigstens die Anstellung als ordentliche l Iniversitätsprofessoren der Naturwissenschaften zugestand. Sogar die bisher streng konservative philosophische Fakultät der Universität Breslau sprach sich mit großer Mehrheit für die Zulassung von Juden in ihren Lehrkörper aus. Der erst« jüdische Privatdozent in Preußen war der Mediziner Dr. Robert Remak, der im Oktober die venia legendi an der Berliner medizinischen Fakultät erhielt, aber erst IS")') eine außerordentliche Professur erlaugte. Im folgenden Jahre wurde der Orientalist Dr. Saalschutz als Dozent au der Königsberger Universität zugelassen, die bisher ihren streng lutherischen Charakter eifersüchtig gewahrt hatte. Der erste juristische Dozent jüdischen Glaubens au der Berliner Universität, Dr. Jacob Friedrieb Behrend, durfte sich aber erst 1864 habilitieren. Von den ersten jüdischen Professoren an deutschen Universitäten seien genannt: die Mathematiker Moriz Abraham Stern (1807 1804; 1820 Privatdozent in Göttingen), Oeorg Rosenhain (181b 1887; 1814 Privatdozent in Breslau) und Moritz Cantor (1830 1020; 1853 Privatdozent in Heidelberg); der Philosoph Heymann Steinthal (1823 1899; 1850 Privatdozent in Berlin); die Philologen Julius Fürst (1805 bis 1873; 1830 Privatdozent in Leipzig), (iustav Weil (181)8 bis 1890; 1837 Privatdozent in Heidelberg), Jakob Bernays (1824 1SS1; 1840 Privatdozent in Bonn) und Theodor Aufrecht (1822 1007, 1S50 Privatdozent in Heidelberg); die Mediziner Jacob Herz (I8lb 1871; 1S(>2 Privatdozent in Erlangen), Ludwig Traube (ISIS lS7b; 1S4S Privatdozent in Berlin) und Bernhard Cohn (IS27 I864; IS5() Privatdozent in Breslau); die Botaniker Nathaniel Pringsheim (1823 bis 1894; 1851 Privatdozent in Berlin) und Ferdinand Julius Cohn (1828 1S0S; 1850 Privatdozenl in Breslau). Sie sind ausnahmslos hervorragende Vertreter ihrer Wissenschaft gewesen und zugleich Kämpfer für die (ileichbcrechtigung der Juden. Die Mehrzahl von ihnen hat quälende Zurücksetzungen um ihres Glaubens willen erfahren. Sie haben aber die Zumutung, ihre bürgerliche Stellung durch die Preisgabe des Väterglaubens zu erkaufen, im ( leiste der wundervollen Worte Mendelssohns zurückgewiesen: „Wenn die bürgerliche Vereinigung unter keiner anderen Bedingung ru erhalten ist, als wenn wir von dem Gesetze abweichen, das wir für uns verbindlich halten, so tut es uns herzlich leid, was wir zu erklären für nötig ei achten: so müssen wir lieber auf bürgerliche Vereinigung Verzicht tun. Von dem Gesetze können wir mit gutem Gewissen nicht weichen, und was nützen mich Mitbürger ohne Gewissen?" Sie haben die Mendelssohnsehe Forderung getreulich erfüllt: „Schickt euch in du Sitten und in die Verfassung des Landes, in welches ihr versetzt seid aber haltet euch standhaft bei der Religion eurer Vätei (Jerusalem II)!" Rabbiner Dr. Kicker. Stuttgart. Gemeindesitzung vom 13. November 1929 Nach der amtliche Niederschrift Her Vorsitzende eröffne) die Silz.iing mit einer Begrüßung des neu einberufenen Verordneten Max Schloß. Es ist ein anonymes Schreiben eingegangen, demzufolge bei der vorigen Wahl verschiedene Wähler mehrfach Ihre Stimme inner falscher Namensangabe abgegeben haben. Der Vorstand schlag! mr Verhütung derartiger Vorkommnisse eine Ergänzung der Wahlordnung vor. I>ie Zusatzbestimmung wird einstimmig angenommen, sie lautet: Auf Iii fordern hat sieh der Wahlberechtigte dem Wahlvorstand über seine Person auszuweisen. In Zweiielsfillen Kann der betreffende Wühler zurückgewiesen werden. Die Präge der Rechtsberatung der Qemeindc wird bis nach der Wahl vertagt. Wegen des harten Bodens auf dem neuen Friedhof wird die Anschaffung eines l'iellhiilbohrcrs empiohleii. Iis wird hierzu einstimmig ein Berechnungsgeld von m. 2900 bewilligt Für die Verbesserung der Akustik in der Halle des neuen Friedhofs liegt ein Vorschlag vor. Die Kosten werden auf etwa M. 2900 geschätzt. Der Vorstand wird die Sache näher prüfen und der nächsten Qemeindesitzung darüber berichten. her Vorsitzende gibt noch Kenntnis von einem bei dein Landtag eingegangenen Antrag in bezog auf das Schlachten, durch dessen Annahme das Schächten unmöglich gemacht würde. Fs folgt eine nichtöffentliche Sitzung.