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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1929-11-15 · 46 (15.11.1929) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
5 (1929)
Issue
46 (15.11.1929)
Date
1929-11-15
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT Dl-R ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMBINDE ZU LEIPZIG Nummer 4t> Eines Tages konnte man in Chelm kein Streichholz auftreiben. Ein Bote wurde nach Lublin zur Besorgung von Zündhölzchen ausgesandt. Li wanderte die ganze Nacht und erreichte lublin bei aufgehender Sonne. Sofort machte er kehrt, ohne seine Bestellung auszuführen. Als er aber in Chelm eintraf, war dort finstere Nacht. Alle wollten Streichhölzer haben, aber der Hute meinte: „Wozu in Lublin ist heller Tag" ■ . Ein anderer Chelraer wanderte bei glühender Sonne nach Lobaczow. Bald Ubermannte ihn die Müdigkeit. Er streckte sich mit den Beinen nach seinem Reiseziel aus und verfiel in Schlaf. Ein Spaßvogel, der des Weges kam, drehte ihn nach der entgegengesetzten Seite. Als der Schläfer erwachte, set/te er seine Wanderung fort. Bald erreichte er seine Heimatsstadt. Erstaunt hielt er am Marktplatz au und rief aus: „Qottes Wunder, Lobaczow sieht ganz wie Chelm aus!" Der Qemeindeälteste von Chelm kaufte eines Tages einen lebenden Fisch, der sich aber sehr wild gebürdete. Schließlich versetzte er dem Vorsteher mit seinem Schwan/ einen Hieb ins Qesicht und sprang zu Boden. Eine wilde Jagd, an der sich die halbe Stadt beteiligte, set/te ein. Als der Fisch endlich eingefangen war, verlangten die Ratsmitglieder, daß er wegen seiner Freveltal zur Verantwortung gezogen werde. Die Altesten konnten aber über die Strafe, die dem Fisch zudiktiert werden sollte, nicht einig weiden. Da meinte ein Spaßvogel, der bei der Sitzung zugegen war: „Der Fisch verdient wegen der Beleidigung, die er dem Vorsteher angetan hat, im Wasser ersäuft zu weiden." Dieser Vorschlag wurde mit Beifall aufgenommen, und so wurde der Fisch im Beisein aller Ratsmitglieder in den Fluß geworfen. — Ein (-helmer wurde von den (iemeiudeältesten mit einer Strafe belegt. Er beschloß, sich zu rächen, und legte sich voi das Stadttor hin, um die Zufuhr von Lebensmitteln nach Chelm abzuschneiden. Einst wurde Chelm von vielen Mäusen heimgesucht. Zum Qlück tauchte im Städtchen eine Katze auf, die einen groben Teil der Mäuse vertilgte. An einem Sabbat wurde aber die Katze dabei erwischt, wie sie die Mehlspeise des Rabbi aufnaschte. Die Altesten beschlossen, daß die K itze wegen dieser Freveltal gesteinigt werden sollte. Alles bewaffnete sich mit Steinen, und als man die Katze in einem Hofe erblickte, wurde das Bombardement gegen sie eröffnet. Die Katze aber flüchtete aufs Dach, wo sie kein Stein erreichen konnte. Man überlegte lange, wie man der Katze den Qaraus machen könnte, bis endlich einer ausrief: „Zünden wir das Haus an, dann wird die Katze verbrennen". Ohne Zögern wurde dieser Vorschlag zur Ausführung gebracht. Das Haus brannte nieder, aber die Katze rettete sich auf ein Nachbardach. Flugs wurde auch dieses Haus augezündet, aber die Katze entkam. Dafür gingen aber einige Hauser in Rauch und Flammen auf. Martin Buber über Menschenliebe Der Jüdische Frauenbund in Leipzig hatte Martin Bnber für den 5. November zur Leitung einer Arbeitsgemeinschaft iiuierbalb seines Kreises gewonnen, In fünfstündigem Gespräch, unter konzentriertem Mitdenken der Teilnehmerinnen, hat Buber das Thema: „Was Ist Menschenliebe und wie betätigt man sle?M behandelt. liuher über Menschenliebe sprechen zu hören, bedeutet beides: ilim als Denker aul die Wege seines umfassenden Geistes m folgen; ihm als dem dichterischen Neukünder chassidischer Liebeslehre auf den Pfaden seines all-liebenden Herzens nachzugehen, Ausgangspunkt waren die beiden Prägen: Kann man alle Menschen liehen? Sind alle Menschen liebenswert? Ethische Menschlichkeit wird diese Prägen a priori beiahen, doch wird in diesem Ja zunächst nur die Äußerung des menschlichen W illens zur Liehe liegen, dem vielleicht das Qeffihl nicht ohne weiteres 211 gehorchen vermag. Ist aber Liebe ein (ietuhl? liuher befreit sie aus den mehr anfälligen Aulwallungen des Herzens und zeigt sie in ihrer ganzen Erhabenheit ,n die Emanation Qottes. Hie Liehe ist, wie Qott ist: der Mensch '.ritt in sie ein als in ein Bestehendes, Wirkliches: sie tönt ihm an der Stelle, wo er sie vernimmt. Die Liehe ist Ober das Qcfühl hinaus gleichsam eine Entdeckung des (iöttlicheu an diesem Ort und zu dieser Stunde Das W esen der Liehe ichließt in sich, daß sie nicht nach Quantität meßbar, und daß Liebe zu einem und Liebe zu vielen keine Alternative ist. Sind alle Menschen liebenswert? Auch der Peind? Auch der Böse? Es w ird dem Judentum nachgesagt, dali es im Qegensatz zur christlichen Religion keine besondere gesetzliche liindung für die Peindesliebe habe. Die Bibel betont sie nicht, denn sie ist einbezogen in den Satz: "183 "|jn^ ranKl Liebe deinen Qenussen als einen, der ist wie du. deinen (ienossen also schlechthin, jeden Mitmenschen, der irgendwie in den Bereich deines Lebens gehört Ausdrücklich ober hat die Bibel, die knapp ist und sich uns Praktische hält, die Forderung der Feindeshi11e, als der hierbei konkret in Erscheinung tretenden Form der Menschenliebe. Tiefer noch eindringend in die beiden >.st/e der heiligen Schrilt: yn» iytf> ranKi (Du wirst lieben deinen [zu deinem| Genossen, dir gleich) und yn1?« vi rix nanto (l tu wirst lieben den Ewigen, deinen Qott), bewies liubcr die indische Auffassung der Nächsten- und Oottesliebe, indem er durch Interpretation der grammatikalischen Oestalt eine Slnnerfußung des Inhaltes gab. In der Dativtonn des ersten Satzes (Liebe erweisen dem Mitmenschen) im wesentlichen Unterschied zu der Akkusativform des zweiten Satzes offenbart sich ein MinimalmalJ der Menschenliebe, das sieh etwa kundtut, wenn ein gemeines Almosen in dei aufgeschlossen«II Seele des Gebers eine leise Herzensregung für den Empfangenden erweckt, und die ausgedeutet ist in dem Wort: Erweise ihm Liebe, damit du ihn liebst. Aus dieser Minimalforinel entwickelt der Chassldismus seine unendliche Liebesbereitschaft und Liebesfähigkeit. Menschenliebe ist ihm Mittelpunkt und ein notwendiges Mittel, die Gottesliebe zu verdeutlichen. Die Nachahmung Qottes ist eine große Konzeption des Judentums anders zu verstehen als die imitatio Christi. Qott nachzuahmen ist letztes Ziel alles Menschseins, ist Erfüllung des ungeheuersten und erhabensten Satzes: ,,Werdet heilig, denn heilig bin ich." Chessed („lloldheit") zu erlangen, heißt, die oipn rtnD Ligcnschaften Qottes nachahmen: auf (iott zu heilig werden. Irgendwie und wieviel ieder vermag; das Mali gibt jede Stunde. Darum ist Frömmigkeit, Erfüllung der religiösen Pflichten und Menschenliebe der chassidischen Lehre eins. Ls gibt in ihr keine gattungsmäßige Scheidung zwischen Religion und Ethik; so wird die Liebe selbst zu einer religiösen Kategorie. Und damit ist das Verhältnis zwischen Menschenliebe und Religiosität dargetan, liubcr. der im (iottesglaiihen reit gewordene, der Führer einer ganzen Meusebengeneration zu Qott hin, sagt und es ist nicht „Toleranz", sondern Wissen um menschliche Gefährdung und menschliches Ringen : Her Glaube an (iott ist nicht entscheidend, wenn auch nicht gleichgültig. Name ist nicht Schall und Rauch dem, der Qott anruft, aber entscheidend allein ist, ob einer im Namen (iottes lebt. So wenig der Mensch einen Mittler zu Qott braucht, so wenig gibt es etwas, das nicht zu Qott Bezug hätte. I»as Judentum kennt auf dein Qrunde seiner Gläubigkeit keinen Dualismus des Diesseits und Jenseits. Die Einheit der gegenwärtigen Well mit dem Aulom haboh (dem kommenden Weltzeitalter) dokumentiert ohne Gläubigkeit, die jeder behelfsmäßigen Phantasie entraten kann. Ebenso lost sich den Chassidiin der Dualismus von gut und böse. Die in Qott ruhende Seele fühlt sich eins mit jeder Menschenseele, die gleich ihr ein Funke der Urseelc ist Diese Erkenntnis macht das „Möse" unmöglich und lälit auch im Feinde die gleiche, in Qott ruhende, aus Qott fließende Seele wahrnehmen. Immer wieder: Liebe ist die höchste chassidische Forderung. Gerechtigkeit allein genügt nicht. Das Böse bedarf der Liebe als Gegenmacht, um erlöst zu werden. Auch Mitleiden genügt nicht: Liebe ist Mitleben. Mitleben aber bedeutet die Oberwindung jeglichen Egoismus, Die chassidische Liebe ist keine ich-bezngene Liebe: sie hat, unabhängig von Dank oder Undank, vielleicht auch von (ilück, sich immer neu und rückhaltslos zu verströmen und zu verschenken. ( her alle diese Gedanken wob Buber die Schleier seiner ehassidischeu Geschichten, von dem volkstümlichen Levi .tizehak von lierditschew. vom RiZiner. vom Mesritscher. vom Sassower, von

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