Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 46 (15.11.1929)
- Date
- 1929-11-15
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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(BemeinöcMatt DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE-ZU I JPID7|fLAMTLICHES NACHRICHTENBLATT LUITMm 1^7DER GEMEINDEVERWALTUNG! Das Gemctndeblatt rrsdirlnt Jeden Iriltan und wird den MUltllcdern der HeliKlonsKemelnde unrnt|(rlllUh durdi die Po»t zuiiestelH — Schrlftleltung: Gemelnderabb'ner Gustav Cohn, 1-elpzlK, LöhnlraSe lo NUMMER 46 / JAHRGANG $ FREITAG IS* NOVEMBER 1020 AnzHgrnvrrualtuiifi und Druck: Bu \\ Irucierel Aufrutt Pries, Leipzig, Kructerstr. 5v - IVrnruf 7(>(><><> - Pottsdieck Leipzig 53<J2<) - Nadidrudi. nur mit Quellenantiubc und mit Genehmigung des Verfassers gestattet VON WINKELN DER ZERSTREUUNG Von Rabbiner Dr. K. Carlebach, Leipiig. Neger j u den in A m cr i k a. Immer wieder wird die alte Kunde von dem Weiterbestehen der verschollenen zehn Stimme Israels lebendig, wenn sieh die Nachrichten über das Leben und die Traditionen einiger Judenschaften in Vorderasien und in Afrika mehren. In der letzten Zeit kam nun sogar die Nachricht, dall es in Amerika drei im ganzen etwa einige lausend Seelen zählende jüdische Negergemeinden gibt, die, größtenteils aus Emigranten uns verschiedenen Teilen Afrikas und Arabiens stammend, sich fü: Nachkommen der zehn Stamme Israels erklären. Eine dieser Qemeinden stellt ein Gemisch aus Judentum und Christentum dar; sie nennt ihr geistiges Oberhaupt Bischof. Line andere dieser Qemeinden besitzt in New York zwei eigene Häuser, von denen das eine als Tempel, das andere als Lehrstatte verwendet wird. Es ist interessant, daS diese (iemeinde auch viele christliche Neger, besonders die Jugend an sich zieht, die .111fangs zwecks Erlernung der jüdischen Religion kommen, um sich spiiter /um Judentum zu bekehren. Noch größer ist freilieh der Proselytenzustrom zu der halbchristlichen Negergemeinde, die sich ZU der bereits erwähnten halbchristlichen Judengemeinde, die sich „Hüter der zehn Gebote" nennt und den Sahbat sowie die Speisegesetze mit größter Strenge beobachtet. Auch das Zeichen des Kreu/es ist ihnen verpönt, ebenfalls Bilder und Skulpturen von Heiligen. Sie beten in hebräischer Sprache, auf deren Erlernung sie großes Qewichl legen. Den Unterricht besorgt der „Bischof" selbst. Die dritte, kleinere (iemeinde nennt sich „Beth Zion". Ihr „Rabbiner" kam nach Amerika aus Alexandrien, und seine Sprache ist das arabische, er spri.ht aber auch ein wenig hebräisch. Da seine (iemeinde sehr arm ist, verkauft er nebenbei auch Tcfillini Kalender u. a. Der Vorsteher dieser (iemeinde ist ein ehemaliger Matrose. Sie beten nur am Samstag, während der Sonntag dem Erlernen der hebräischen Sprache gewidmet ist. Die grollte Negergemeinde führt den Namen „Kehal bene Abessinien, Marokko, Sudan, Ägypten, Arabien". Es ist bezeichnend, daß diese Negergemeinden, ob/war sie bestrebt sind, möglichst viel Proselyten ZU machen, trotzdem bei deren Aufnahme recht vorsichtig sind, und sie erst nach gründlicher Untersuchung in ihren Kreis aufnehmen Darum bilden die Proselyten nur etwa ein Zehntel der Gesamtzahl. Die meisten schwarzen Juden sind, wie schon bemerkt, Einwanderer und bekannten sich zum Judcntuinc bereits in ihren Heimatländern. Die meisten ihrer Gebete sind englisch, und die Gesünge werden von Klavier und Jazz begleitet. Die Frauen schlagen die Trommel und tanzen während des (iebetes. Sie sind alle sehr stolz auf ihr Judentum, und während sich ein Teil für die Nachkommen der zehn Stämme erklärt, behaupten die anderen vom Stamme Juda zu sein und nach dem Tode des Königs Salomo in die afrikanischen Wähler vertrieben worden zu sein. Andere wiederum bemühen sich nachzuweisen, dall sie von den jüdischen Familien stammen die sich im Gefolge der Königin von Saba in Jerusalem befanden. Das j ü d i s e h e Sc h i I d a. Auch die Juden haben ihre Schildbürger, die „Chelmer Narren". Das polnische Städt:hen Chelm, östlich von Lublin. genießt überall, wo Juden leben, den Ruf, die größten Narren zu beherbergen. Die Chelmer sind zu jeder Narrheit fähig, und was Wieland von den Abderitcn sagt, trifft auch auf sie zu: „Gemeiniglich Schlössen sie den Käfig erst, wenn der Vogel entflogen war. Dies zog ihnen den Vorwurf der Unbesonnenheit zu, aber die Erfahrung zeigt, daß es ihnen nicht besser ging, wenn sie sich besannen. Machten sie irgendeinen dummen Streich, so kam es immer daher, weil sie e> gar /u gut inachen wollten. Ihre Einfälle und Streiche gaben den Spöttern viel Stoff zum Lachen." Der Chelmer steht sowohl dem Abderitcn als auch dem Schildbürger in nichts nach. Wenn irgendwo der Ruf laut wird: „Alle Narren müssen hinaus", dann meldet sich der Chelmer unzweifelhaft mit der Frage: „Auch, ich?-' Wenn man ihn nach seiner OeburtSStadt fragt, nimmt er die Frage gewöhnlich übel, er ijibt pikiert zur Autwort: „Meinetwegen seid Ihr der Kluge." Die Spaßvögel und Abenteurer haben bei ihnen ein leichtes Spiel, denn die Chelmer lassen sich alles einreden. Ein Wachshändler, der seine Ware los werden wollte, brachte sie nach ("heim und rief den Leuten, die ihrer täglichen Beschäftigung nachgingen, zu: „Habt ihr bereits alle Vorbereitungen zum morgigen Versöhnungsfest getroffen? * Die Chelmer gerieten auller Rand und Band und machten sich sofort daran, ihre Läden zu schließen. „Woher nehmen wir Hin W achskerzen zum hohen Fest? ' riefen sie verzweifelt aus. aber der Händler verscheuchte ihre Sorge, und sein Wachs ging reißend ab. S < feierten die Chelmer das Versöhnungsfesl au einem gewöhnlichen Wochentag . . .