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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1929-11-08 · 45 (8.11.1929) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
5 (1929)
Issue
45 (8.11.1929)
Date
1929-11-08
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSCEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer 45 abschaffen; denn unser l ehrer Mosche knüpft meist an das Gegebene an und entwickelt es ohne radikalen Umsturz in Ruhe weiter. Aber unbekannt war im Judentum wenigstens die lebenslängliche Sklaverei. Vielmehr soll im siebenten Jahre jeder Sklave seinen Herrn verlassen und zur Familie zurückkehren. Er darf auch nicht mit leereu Taschen davonziehen, denn der Herr ist verpflichtet, ihm einen Teil von allem, was er hat, mitzugeben; er erhält so die Möglichkeit, mit diesem mitgegebenen Cint von neuem ein selbständiges Dasein zu beginnen. Verzichtet er aber auf die Freiheit, so w ird er durch den symbolischen Akt des Ohrbohrens degradiert und kann mit geringerem Ansehen (weil er aus eigenem Willen die Knechtschaft will) bei seinem Herrn weiterdienen. Aber das 50. Jahr, das Jubeljahr, macht jeder Sklaverei — auch der selbstgewollten — unbedingt ein Ende. So verlangt es wenigstens das Gesetz. Der schlechte Wille stand dem Gesetz natürlich stets wie Wasser dem Feuer gegenüber, aber die Thora blieb mächtiger als das Leben, wenn sie auch zum Teil von ihm etwas zurückgedrängt wurde. Sie hat sogar den jüdischen Staat überlebt und bestellt auch heute noch, allen ihren (iegnern zum Trotz. B. Arbeitszeit: Aber die Thora hat auch die Arbeitszeit geregelt. In engster Beziehung zur persönlichen Freiheit des Menschen steht in erster Linie die Arbeitszeit. Frei ist natürlich nur. wer für sich selbst freie Zeit hat. (iehört seine Zeit restlos einem anderen, so ist er auch dann ein Knecht, wenn ihm auch die beste Behandlung zuteil wird; denn zulange Arbeitszeit lähmt im Menschen den Drang nach Befreiung und Aufstieg. Deshalb war es ein teuflisch kluges Verfahren von Pharao, auf das erste Anzeichen einer Gäfarung hin von seiteu der Juden mit verlängerter Arbeitszeit zu antworten. Die teuflische Verordnung hat auch bei den Juden gewirkt, denn die Juden hatten keine Zeit mehr, an ihre Befreiung und an ihr Menschentum zu denken, und jagten ihre gutmeinenden Führer Mosche und Aron davon. Die Antwort auf diese Gemeinheit blieb nicht aus. Line herrliche Frucht erwuchs dem Judentum in der Form des Sabbath unmittelbar nach dem Auszug aus Mizraim. Der Sabbath war aber nicht nur Ruhetag. Kr bedeutete viel mehr. Er sollte auch die kettung vor den Gefahren der Arbeit sein. I lenn Arbeit kann zw eierlei W irkung üben. Sie kann zum Segen werden und eine Quelle echter Freude sein; sie kann aher auch zum Much werden, wenn der Mensch zum Arbeitstier herabsinkt und sich von seiner Arbeit nicht mehr befreien kann, (ierade deshalb ist es ganz klar, weshalb unmittelbar nach den Worten: sechs Tage sollst Du arbeiten, geschrieben steht, aber am siebenten Tage sollst Du und alles, was Dir gehurt, ruhen. Mit anderen Worten: Sechs Tage darfst Du I »eine Seele vergessen und das Leben des Arbeitstieres leben, aber am siebenten Tag mußt Du Deine Seele und Deinen Gott wiederfinden. Aber leider ist auch der Sabbath in Israel nicht gehalten worden. Hier eine markante Illustration: Der Prophet Arnos sagt in seinem H. Kapitel raffm "13B? MTaffM imnn 13r •nii-io 'JTKD my"?i nB,K popn1? "O nnron Man sieht: die früheren Juden haben /.um Teil genau so gedacht wie die heutigen. Aber trotzdem herrscht der Sabbath auch heute noch. Es gibt jedenfalls sehr wenig Menschen, die den r\2V grundsätzlich ablehnen. Wenn sie ihn auch nicht halten, so entschuldigen sie sich doch stets vor sich und den anderen mit den Sorgen ums tägliche Brut. Im Herzen aber wünschen sie sich, ihn halten zu können. C. Eigentumsrecht Auch in dieser Hinsicht hat es im alten Judentum anders ausgesehen w ie bei den anderen Völkern. Hin Privateigentum an (irund und Boden wird in der Thora überhaupt verboten und stellt somit das Judentum höher als die anderen Völker, da bei den letzteren der Kampf um das Privateigentum noch nie aufgehört hat. Für uns Juden ist es bloß sehr interessant. daB eine Zeitlang die Erzählung von Adam Harischon hier eine große Rolle gespielt hat. Sowohl die Anhänger wie auch die Gegner des Privateigentums hatten nämlich früher versucht, die Richtigkeit ihrer Anschauung von Adam Harischon zu beweisen. Die Anhänger sagten etwa so: Gott sprach zu Adam: Seid fruchtbar und mehret Luch, füllet die Erde und machet sie Euch Untertan. Demnach war alles, was Adam sich genommen hat. sein rechtmäßiges Eigentum. Die Gegner aber erklärten Gott sprach auch zu Adam: Im Schweilte Deines Angesichts sollst Du Dein Brot essen. Demnach kann nur die Arbeit die wahre Rechtfertigung des Eigentums sein. Wer aber nicht arbeitet, sondern andere für sich arbeiten läßt, verwirkt das Recht auf Eigentum. Da die Thora aber Privateigentum ablehnt, so regelt sie die Verhältnisse im eigenen Lande auf eine interessantere Weise und steht mit dieser Regelung im Gegensatz zur ganzen Welt. Mosche erklärt den Grund und Boden als das Eigentum Gottes und beschränkt die private Verfügungsgewalt über dieses kostbare (iut der jüdischen Nation durch das JobeUahr und das Wiederkaufsrecht, das dem Verkäufer stets verbleibt, nachdem der Boden vorher zu gleichen Teilen unter die jüdischen Stämme und von diesen unter ihre Familien verteilt worden ist. War aber jemand gezwungen, aus purer Not (Ernteausfall, Tod eines Familienoberhauptes. Eeuersbrunst, Heuschreckenplage u. v. a.) einen Teil seines Bodens zu verkaufen, so blieb ihm stets das Recht, sobald er sich von seinem Schlag erholt hatte, sein verkauftes Erbe zurückzukaufen. Konnte er es aber selber nicht tun. so ging das W iederkaufsrecht auf seine Verwandten über, damit der Boden wenigstens in der Familie bleibe. Aber sogar dann, wenn weder er noch seine Angehörigen imstande sein sollten, den Boden zurückzukaufen, kam ja im 511. Jahre der grölte Ausgleich, und er erhielt alles, was er verkauft hatte, wieder. Es bleibt noch übrigens zu erwähnen, dal! dem Umstund, daß dauerndes Eigentum von Stamm und Familie geherrscht hat. die Liebe des früheren Juden zum Boden zu verdanken war. Das Judentum kennt auch einen Sozialismus in geistiger Hinsicht; als solcher ist zu betrachten: D. Die soziale B e d c u t u n g d c s T h o r a s t u d i u m s. Das Gebot des Thorastudiums und des Unterrichtes in ihr. steht in allen Religionen der Welt einzig da. Der Unterricht darf übrigens nicht einmal bezahlt werden. Jeder kennt die schönen Worte aus dem Kriath-schma .... vm •yah ormwi laa1? ovn yi» ^jk ivx rfmn onann welche aus den anderen besetzen herausgehoben und zum täglichen Gebete gemacht worden sind. Durch dieses Thorastudium ist zugleich eine Säule für den Sabbath gesetzt worden, da er ohne Thorastudium nicht den Zweck erfüllt hätte, den er zu erfüllen hatte. Denn daß ein freier Tag — im Sinne der anderen - auch zum Fluch werden kann, ist einwandfrei festzustellen. Z. B. hat ein (•efängnisarzt einmal festgestellt, daß 43 "•■ aller Straftaten am Sonntag geschehen. Dali diese Straftaten aber nie im (iefolge des Sabbath vorkommen, ist einzig und allein auf das Konto der 'Thora zu setzen, die uns in ihren Bann gezogen und uns anders geartet hat. Der Sabbath war eben (leider kann man nicht mehr sagen ist) in früheren Zeiten ein l ag des Aufstiegs, des Lernens und der Erziehung für Jung und Alt. Aber damit ist noch nicht alles gesagt. Das Thorastudium übte noch eine andere Wirkung auf das Judentum aus und prägte eine Würde höchster Potenz, die jeden Annen schmücken konnte. Im alten Judentum waren nämlich Reichtum und Armut niemals der einzige Maßstab für die Wertung des Menschen gewesen, sondern es gab noch eine andere

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