Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 43 (25.10.1929)
- Date
- 1929-10-25
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/4876568-5968790-5969120--2757-4880324- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2 GüMFlNDLBLAi T DER ISRAELITISCHEN RKLIG10NSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer I phot) abzuhalten. I >io Prozessionen, deren Anfänge bis auf die Zeit der letzten Geonim zurückgeführt werden dürfen, werden am Morgen des folgenden Tages wiederholt. In manchen Synagogen der Sephardlm, die unter kabbalistischem Einfluß standen, und in unseren Zeiten bei den Chassidlm war es üblich, auch an dem Abend, der den Simchas Thora einleitete, aus der Thora vorzulesen, und zwar das Kapitel 33 von „YYesoth habberacha" bis linde. Ks machte einen eigenartigen Eindruck, in den Abendstunden die Thora ausgehoben zu sehen. Das Besondere dabei war, daü der zur „Haghaha" Aufgerufene die Arme übereinander kreuzte und die Thorarolle vom Altar so aufhob. dalJ die Schrift dem Publikum zugewendet war. Am Simchas Thora-Yorabend und am Simchas-Thora morgens w ird die Aushebung der Thora durch einen, gewöhnlich von einem Laien im YYeeliselgesang mit der Gemeinde vor geöffneter Lade vorgetragenen Hymnus eröffnet, der aus ausgewählten Bibelversen bestellt und mit „Atto hor'ello" (Ex. 4. 35) beginnt Hann werden am Abend wie am Morsen sämtliche Thorarollen — die großen Synagogen besaßen deren bis 50 und darüber — in ihren gestickten Mäntelchen und Kronen ausgehoben. In die Heilige Lade wird, damit sie nicht leer bleibe, ein brennendes Licht gestellt, dann kommen die Prozessionen unter Gesang und bisweilen sogar auch Tanz (den die Chassidim lieben), worauf erst die oben beschriebenen Thoravorlesungen erfolgen. An diesem Tage werden alle männlichen Getneindemitglieder. sogar die kleinen Knaben, zur Thora aufgerufen, wobei oft mehrere kleine Knaben die Köpfe in einen Tallith stecken. In den großen, festungsartig gebauten Synagogen Polens gruppiert sich um den Hauptraum herum eine Anzahl kleiner Kapellen, die den verschiedenen Vereinen gehören. An diesem Tage wird in allen diesen Räumen gleichzeitig eine Thora-Yorlesung abgehalten. Ks war natürlich, daß dieser ganz um den Beginn und Aus gang der Thora und um die Freude über sie kreisende Taj die besondere Bezeichnung „Simchas Thora" erhielt. Docl finden wir diese Bezeichnung erst in den Schriften de ben Jehuda ihn (iiat (oder Gajjat), der. ein trefflicher liturgischer Dichter und ausgezeichneter Halachist, 1089 hoch betagt als Rabbiner der angesehenen Gemeinde Lucena (Spanien) und Vorgänger des Alfasi verstarb. Aber noch im 1_\ Jahrhundert finden wir dafür die Bezeichnung „YVesot! habberacha". Dali der Sohar schon die Bezeichnung Simchas Thora kennt, diente den späteren Kritikern als Beweis, dal! er nicht von Rabbi Simon ben Jochai verfallt worden sein konnte. Ks war seit altersher üblich, dalJ die beiden „Bräutigame" anläßlich ihrer „Vermählung" mit der Thora der Gemeinde ein Pestmahl gaben. Daraus entwickelte sich mit der Zeit der Brauch, an diesem Tage gesellige Schmausereien und Festgelage abzuhalten. Schon am Vorabend nehmen die Kinder an den Umzügen teil, mit Fähnchen aus geschnitztem bunten Papier, an deren Stangen ein roter Apfel befestigt ist, in dem ein brennendes Kerzchen steckt. Die Volksfestlichkeiten am Simchas Thora halten sich in einem viel bescheidenerem Rahmen als z. B. am Purini, obwohl in manchen Gegenden an diesen Tagen aus Pistolen Freudenschüsse abgefeuert zu werden pflegten. (Da es ein zweiter Feiertag war, nahm man es nicht so genau.) Die (' h e b r a K a d d i s c h a hatte ihr traditionelles Festmahl an diesem 'Tage. Die Festlichkeiten zogen sich gewöhnlich noch ein oder zwei Tage hin. Wenn Simchas Thora auf einen Freitag fiel, wurden sie durch den Eintritt des Sabbath unterbrochen, an dessen Ausgang wieder aufgenommen. Viel urwüchsiges, ungezwungenes Volksleben entfaltete sich in diesen Tagen. Jüdisches Lexikon (Zum Erscheinen des dritten Bandes) Die Herausgabe dieses enzyklopädischen Werkes über das gesamte jüdische W issen hüben wir in diesen Blättern unter dem Gesichtspunkte gewürdigt, daß es einer Generation, der das Wissen vom Judentum iremd geworden oder geblieben war, und die das brennende Verlangen danach hat, sich mit seinen Ideen und Schicksalen vertraut zu machen, solche Kenntnisse zu vermitteln und zur Vertiefung einer ersten Orientierung anzuregen angetan ist. Seine Bestimmung wird es Daturgemifi ganz erst erfüllen können, wenn es abgeschlossen vorliegen wird, weil dann erst möglich sein wird, zu den neu schon vorhandenen Stiehworten auch jene heranzuziehen, die iiir das Verständnis der Gegenstände Wichtig sind, und aui die vorerst mir verwiesen werden kann. Rüstig schreitet die Arbeit vorwärmste ist das Erscheinen des dritten Bandes (lb—Ma) /u begrüßen, durch den die Benutzung der beiden früheren wiederum erheblich gefördert wird. Wie Iberzeugung von dem ungewöhnlichen Werte des Werkes auch iiir den Gelehrten, wird auch mit diesem Bande in jeder Richtung bestätigt Allein durch die stattliche Reihe von grundlegenden (.beruhten, die. nicht selten zum ersten Male, den in den faehwissenschaitliehen Werken und Zeitschriften verstreuten Stoff in geschlossenem Bilde darbieten, wird das Lexikon eine nicht hoch genug zu veranschlagende Bereicherung unseres jüdischen Bücherschatzes. Es ist unmöglich, kann auch nicht Aufgabe dieses Hinweises sein, einen erschöpfenden Einblick in den Reichtum des Bandes zu geben: aber einige Beispiele seien zur Kennzeichnung herausgegriffen. Kine mustergültige Einführung gibt in gedrängter Kurze der Artikel: Literatur der Juden, in dem in etwa 20 Spalten der hervorragende Kenner des jüdischen Schrifttums Ismar Klbogcn Begriff und Entstehung, Epochen und Gebiete der jüdischen Literatur darstellt und zu den einzelnen Abteilungen die bedeutendsten Werke. Schulen und Autoren anführt. In einem besonderen Artikel: Hebräische LI ter n t ii r. gibt Samuel Meiseis einen Lherblick über die neuhebräische Literatur der Aufklärungsperiode (Measscphim, Ilaskala, Philologie, Grammatik, Lexikographie, Geschichte, Dichtungen aller Art) und der nationalen Periode von Smolenski bis zu den Neuesten. Line nicht minder bedeutungsvolle Übersicht gibt Salomo Birnbaum (Hamburg) über die Jiddische Literatur, sowohl die der Tradition, die bis ins 12. Jahrhundert zurückgeht (die älteste jiddische Handschrift ist allerdings „ein Linzelbl.itt volksmediziuischeii Inhalts" aus dem Jahre l.W(>) und unter anderen Bibelübersetzungen und -Paraphrasen, Purimsplele, Maasse- und Mussarbücher umfallt, als auch die moderne jiddische Literatur der ilaskala und die neueste, als deren bedeutendste Vertreter, neben einer uuUcrordcntlichcn Zahl anderer. Mendclc Moicher Sfurim, Leih l'erez und Schülern Ale.ichem bekannt sind. Ein ungemein interessantes Bild zeigt der Artikel „J ü d Isc Ii e Journalisten", in dem wohl zum ersten Male ein umfassender Lherblick über die Betätigung von Juden in der l'rcsse gegeben wird. L)er Verfasser (Siegmund Katznelson) schickt der Darstellung den Hinweis voraus, dalJ trotz der reichen Fülle von Namen die antisemitische Behauptung von der Verjudung des Journalismus sich als haltlos erweist. „Ks ist eine wiederholt nachgewiesene Tatsache, daU in fast allen Ländern, in denen Juden zahlreich im Stande der Journalisten vertreten sind, sie sich immer nur an einzelnen wenigen Blättern, zumeist der Hauptstädte, betätigen, während /.. B. die Provinzpresse, vor allem aber die Zeitungen des flachen Landes so gut wie ganz Judenrein' sind." Auch die Jüdische Jugendbewegung erfährt Iiier durch Georg Lubinskl zum ersten Male eine zusammenfassende Darstellung nach Ländern und politischen und religiösen Gruppierungen. Line umfassende Weltorganisation, in der alle Gruppen der jüdischen Jugendbewegung organisiert sind, bestellt zur Zeit noch nicht. Im „Brith Haimar" ist die zionistisch-sozialistische Jugend, im ,.Hcchalus" die Jugend, die sich für Palästina vorbereitet, in der „Union universelle de la jeunesse juive". die im wesentlichen aus Bünden Frank-