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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1929-10-25 · 43 (25.10.1929) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
5 (1929)
Issue
43 (25.10.1929)
Date
1929-10-25
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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$emeinö ebtott DER ISRAELITISCH BN RELI Gl ON SGE-MEIN DB ZU I Jtl D7irL AMTLICHES NACHRICHTENBLATT LL Ii £«IV7DER GEMEINDEVERWALTUNG! Du Gemelndcblatt erscheint |eden Freitag und wird den Mitgliedern der Rellglonsgemrlnde unentgeltlich durch die Pott zugestellt - Schrlftlrltung: Gemclnderabblner Gustar Cohn, Leipzig, Löhrstraßr 10 NUMMER 41 / JAHRGANG $ FREITAG 2S»OKTOBER 1020 Anzeigenverwaltung und Druck: Buchdruckrrrl August Pries, Leipzig, BrDdentr. 59 - Fernruf 7OOO0 - Postscheck Leipzig 5.W -<> — Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit Genehmigung des Verfassers gestattet SIMCHAS THORA Von Benjamin Segel, Wien Als die Doppelfeiertage eingeführt wurden und auf den Seheniini Azeret ein n e u n t e r Feiertag des Laubhütten- >festes folgte, ordnete der Talmud (Megillah 31a) an, daß an diesem neunten Tag der letzte Abschnitt der Thora „Wesoth habberacha" (Deut. 33, 1) wahrscheinlich bis zum Schluß des Buches, vorgelesen wurde. Lange Zeit nachdem der babylonische Brauch gesiegt hatte und der einjährige anstatt des dreijährigen Zyklus eingeführt wurde, so daß man die Vorlesungen aus der Thora am Hude eines jeden Jahres abschloß und sie am nächsten Sabbath nach Sukkoth gleich wieder von vorne anfing, wurde es nach und nach üblich, daß schon an demselben, d. h. am neunten Tage, der später SI Hl eh a s T h o r a genannt wurde, die ersten fünf Verse des ersten Kapitels der Genesis, also die Geschichte des ersten Sehöpfungstages, vorgelesen wurde. Wir hören davon wohl zum ersten Male gegen Ende des elften Jahrhunderts durch J e Ii u d a benBarzillai Albargeloni (aus Barcelona), eine der ersten talmudischen Autoritäten seiner Zeit. Er berichtet, daß mau diese ersten fünf Verse auswendig mit poetischen und homiletischen Verbrämungen vorzutragen pflegte. Das führt uns auf einen Brauch zurück, der, einer allerdings nicht ganz klaren Überlieferung zufolge, in den babylonischen Hochschulen geübt wurde. Dort soll man nämlich am Versöhnungstag zu Mincha die ersten fünf Verse der Thora nebst poetischen Erläuterungen und Bearbeitungen auswendig vorgetragen haben. Dagegen überliefert Saadja Gaon, daß man dort zu Neila ein' drittes Mal aus der Thora vorlas, und zwar eben die genannten fünf Verse. Kollidierte dieser Brauch nicht mit dem vorhin erwähnten? Bestanden beide zugleich? Wann ist man von diesem Brauch, der nach Saadja nicht mehr erwähnt wird, abgekommen? Und las oder rezitierte man damals auch zugleich den Schluß der Thora am Jörn Kippur, so daß das Beschließen und Beginnen der Thora, nicht wie nachmals am Simchas Thora, sondern am Jörn Kippur stattfand? Oder war in Babylon noch ein dritter Zyklus üblich, der am Jörn Kippur anfing? Im Talmud (Berachot 8a) wird erwähnt, daß Rav Bivi, der Sohn Abbajes, alle Wochenabschnitte der Thora an Erev Jörn Kippur abzuschließen pflegte. Wurde daraufhin am Jörn Kippur zu Mincha mit den ersten fünf Versen der Genesis wieder der Anfang gemacht?... Das alles können wir heutzutage nicht mehr entscheiden. Das Zeugnis der Dokumente ist nicht mehr deutlich genug. Ebensowenig vermögen wir heute zu sagen, w a n n diese ganze Zeremonie auf den neunten Tag des Laubhüttenfestes verlegt wurde, der mit Rücksicht darauf später Simchas Thora, Freudenfest der Thora, genannt wurde, und wann die Vorlesung des ganzen ersten Kapitels der Genesis an Stelle der ersten fünf Verse trat. Soviel steht fest, daß der heute übliche Brauch im 12. Jahrhundert, und zwar zuerst bei den franko-germanischen Juden aufkam, beide Enden des Fünfbuches gleichsam ineinander zu verflechten und dadurch anzudeuten, daß Israel sich auch nicht für einen Moment von seinem heiligen Erbe trennen wolle. Es wurden also zwei gesonderte Thoravorlesungen aus zwei besonderen Rollen angeordnet. Aus der einen wurde zunächst „Wesoth habberacha" vorgelesen. Gleichsam zur Entschädigung dafür, daß dieser Abschnitt niemals an einem regelrechten Sabbath vorgelesen wird, hat seine Vorlesung jetzt etwas besonders Feierliches und Erhebendes. Das Schlußkapitel, das die unvergleichliche Schilderung der letzten Stunden Mosis enthält, hat eine Kantilene, die in ihrer ergreifenden, schwermütigen Innigkeit immer wieder den stärksten Eindruck macht. Es ist ein außerordentlich feiner psychologischer Zug, die freudige Stimmung des Tages durch diese melancholische Einlage auf eine Stunde zu unterbrechen. Bei den letzten drei Versen setzen die getragenen Töne wieder ein und zum Schluß stimmt die ganze Gemeinde in einen brausenden Jubelruf ein: „Chazak, chazak, wenitli'hazak!" Schon zu Zeiten der letzten Geoniui dürfte der Brauch eingeführt worden sein — der Stil der begleitenden Gesänge und Liturgien deutet wenigstens auf diese Zeit hin —. die beiden an diesem Tage stattfindenden Vorlesungen aus dem Schluß und dem Anfang der Thora als symbolische Vermählungen darzustellen. Die beiden zur Thora Aufgerufenen werden als „Chassan Thora" und ..( hassan liereschith" (Bräutigam des Thora-Schlusses, resp. Thora-Anfanges) bezeichnet; über dem Altar wird während der Vorlesung der Baldachin (Ghuppa) gehalten, wie bei einer Trauung. Auch das erste Kapitel der Genesis wird jetzt mit einem festtäglichen ..Trop" vorgetragen, der sechsmal wiederkehrende Vers: „Und Gott sah, daß Sein Werk gut war", wird Hesingen. Den Aufrufungen, die als besondere Auszeichnungen gelten, gehen längere Einlagen voran. Die ganze Zeremonie in ihrer schlichten, volkstümlichen, prächtigen Poesie hinterläßt immer von neuem einen starken Eindruck. Schon am Simchas Thora-Vorabend ist es üblich, sieben Prozessionen mit den Thora rollen um den Altar herum (Haka-

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