Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 42 (18.10.1929)
- Date
- 1929-10-18
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 GEMEINDEBLATl DER ISRAELITISCHEN KI-LIG10NSGEMEINDI: ZU LEIPZIG alle Menschen und alle \ ölker in Bruderliebe miteinander vereint sind, daß der allgemeine Weltfriede herrscht. Die alten Tahnudw eisen, die getreu dem (leiste des Judentums die Menschheil sittlich für entwicklungsfähig halten und nimmer in dem Vertrauen gewankt haben, daß das Gute über das Böse dereinst siegen werde, haben daher die Sukkali als das Sinnbild des Weltfriedens dem Llwjathan als dem Sinnbilde der bösen Gewalttätigkeit entgegengestellt Diese Gegengenüberstellung haben sie. wie das in jenen alten Zeiten allgemein üblich war. in /war derbe, aber um so anschaulichere Formen gekleidet, indem sie sagen: „In zukünftiger Zeit wird Gott den Liwjathan töten und aus seiner Haut den Gerechten eine Hütte des Friedens errichten." Neben dieser Form Kellen noch andere von gleichem eschatologischen Charakter einher, unter andern auch die, welche immer den meisten „Spall" hervorrufen, nach welcher der Liwjathan als ein ungeheurer Fisch, der der Schrecken der Erde Ist, von Gott getötet und für die Gerechten als Freudenmahl Im zukünftigen Leben aufbewahrt werden wird: und nicht bloß für die Gerechten Israels, sondern, wie im Jerusalemischen Talmud aus einem Gespräch /wischen dem Fürsten Rabbi Juda und dem Kaiser Antonius Pius hervorgeht, auch die Gerechtet! aller Völker werden teil haben an dem Liwjathan in der zukünftigen Welt. — In allei diesen poetischen Aussprüchen ist der (iedanke mit plastische: Anschaulichkeit dargestellt, daß die böse Gewalt, der Schick ken, die Bosheit, dereinst überwunden, von der Erde ver schwinden und der tiefste Weltfriede unter den Menschei festgegründet sein wird. Dr. L. P. DIE JÜDISCHE JUGEND FÜR DEN FRIEDEN Von Siegfried Bacharach, Hannover Wir lesen von Friedens- und Abrüstungskonferenzen, aber wir merken nicht, daß es friedlicher oder daß abgerüstet w ird. Wir setzen auch keine Hoffnungen auf die Amateurpazifisten. Wozu auch? Erst in den letzten Wochen haben wieder zwei Völker mobilgemacht Scheint nicht die stanze Bewegung im Qerede stecken bleiben /.u wi llen? Ist es ihnen überhaupt ernst mit der Weltfriedensbewegung? Kann man diesen Ernst je von einem Geschlecht verlangen, das wohl nie verlernen w ird, zum „Helden" wie zu einem Halbgott aufzu schauen? Dessen Geschichtsbücher erfüllt waren von Kriegen und Siegen? Dessen Handeln diktiert ist von der Sorge für das I leute? Auch der deutsche Jude der älteren Generation ist «roß geworden in einer Zeit, deren Ideal der Reserveoffizier war. Er wird sich nur schwer umstellen können. Auch wenn er möchte. Zu tief wurzelt's in ihm. Daß daraus eine Lntseheidungslosigkeit resultiert, ist verständlich. Anders die Jugend! Sie hat nur die Schattenseiten des Militarismus kennen gelernt Sie hat eine andre geschichtliche Erziehung gehabt. Sie hat Geschichte am eignen Leib gespürt Verhungert, verkümmert und leider oft verwaist ist sie aufgc v achsen. Lud w enn selbst ihr Körper die Schäden zum großen Teil überw unden hat. in ihrem Innern wird das Erlittene noch lange fortleben. Aber w ie lange? Und wie w ird sie das Denken an Vergangenes einreihen in ihr 'I nn? Wächst wirklich ein ..neues Geschlecht" heran, das diesen Namen verdient? Nun wohl, so muß es den Mut zur Entscheidung haben. Muß sich vor allem nicht von seinem Schicksal zerschlagen lassen, sondern sich an ihm aufrichten, muß sein Teil dazu beitragen, daß den Späteren erspart bleibt, was es gelitten hat. In diesen Wochen nimmt vielerorts die im Verbände der jüdischen Jugendvereine I Deutschlands zusammengeschlossene lugend Stellung zur Frage ihrer Mitarbeit am Weltfriedens werk. Die jungen Menschen sollen in den Problemkreis eilige i.ilirt weiden. Ls sollen Auseinandersetzungen angebahnt werden, die zu Konsequenzen zwingen. Das sieht beinahe so aus. als wolle man der jüdischen .lugend eine ihr völlig neue Idee aufzwingen. Aber nein! Erinnern wir uns! Beginnen wir beim Alltäglichen! ..Scholaum" heißt der Gruß des .luden seit .lahr lausenden. Nicht einen Tag hat es ihn verlassen, in seine heiße sten Gebete hat er's eingeschlossen, das ..Scholaum". Ob auch seine Geschichte durch den Strom von Mint und Tränen fließt, ob auch seine Almen und Künftigen auf die knisternden Scheiter häufen stiegen, ob auch die Blüte seiner lugend in Kriegen und Progromen verstümmelt, zusaininengehaueit und geschändet ward, er hat's nicht verlernt: ..Scholaum". Fr pochte mit jedem Herzschlag, er hauchte mit jedem Atemzug, mit jedem Gedanken sinnt er's. Fs ist die Hülle, mit der er seine Blöße deckt am Abend, der Schlußstein seines Tischdankes, sein Neuniondgruß. Der junge jüdiche Mensch handelt also ganz im Sinne seiner Religion, wenn er sich für den Frieden einsetzt. Fr soll und wird es tun, selbst auf die Gefahr hin, daß man ihm und der jüdischen Gemeinschaft „Internationalismus" vorwirft. Denn er ist der Ansicht, daß. wer heute Patriotismus zum Vorwandc nimmt gegen internationale Verständigung zu wüten, sich gegen den Geist der Vaterlandsliebe versündigt. Und gegen den Geist der I lumanität Es liegt im Wesen der Jugend, daß sie den Mut zur Entscheidung hat. daß sie mit ehrlicher Abscheu Dinge verneint, die museumsreif geworden sind, daß sie mit ganzem Herzen ,.Ja" sagt zu neuein Werden. Nun. hier will Grobes werden! Wer möchte da nicht mittun? Lud wenn wir im vergangenen Jldir der jüdischen .lugend in Deutschland zugerufen haben: ...lugend in der Gemeinde", so rufen wir dieses Jahr noch eine größere Forderung: ...lugend für die Gemeinde"! Dringt die jüdische Gemeinschaft in dieser Frage nicht den Mut zur Entscheidung auf, so muß es die Jugend für sie tun! Dies erwäge sie: Unfrieden bringt immer Umwälzungen. Krieg. Umwertungen. Noch imitier war der Jude es. der unter die Walze kam und gedrückt wurde. Niemals ist er dem Schick sal entgangen, als Letzter gewertet zu werden. Auf allen Altären aller Vaterländer hat er geopfert, Gut und Mint. Verdiente An erkennung hat er nicht geerntet, in der ruhigen, unblutigen Eni Wicklung ist seine Zukunft eingeschlossen. Seine und die der Menschheit. Darum lerne der junge jüdische Mensch erkennen: Geht es um die Verwirklichung des ewigen Friedens, dann ist es deine Sache, die hier getan w ird. Drum laß diesen Gedanken in deinem Sein und I nn Wurzel fassen, und wenn er ein Teil deines Ichs geworden ist, dann sollst du ein Gelübde ablegen! Und diesem Gelöbnis die Treue halten! Bedingungslos! Und es deine Kinder lehren! Und die Entscheidungslosen stützen, die zagend den gleichen Weg beschreiten! Und niemals deine Hand dazu hergeben, daß Menschenblut vergossen werde! Im Untergangsgejammer des Abendlandes sollst du das Herz, erheben in Vertrauen auf Gott, der nicht das Eisen wachsen ließ, aber die Palme, das grünende Schwert des l'riedenseugels.